Großbritanniens Offside

Montag, 20. Juni 2016

Wie sich die Briten bei dem Referendum entscheiden werden, ist nicht mehr wichtig - den ersten Stein aus dem EU-Fundament haben sie bereits rausgeschlagen

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Alexander Sosnowski, Chef-Redakteur World Economy

Als David Cameron 2013 verkündete er würde ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU durchführen, meinten die Europäer noch, die sturen Briten würden sich neue Vorteile heraus handeln wollen. Aber je näher der 23. Juni rückt, desto klarer wird die ganze Tragik der Situation. Es geht nicht mal darum, dass laut den Umfragen ein Großteil der Bürger des Nebligen Albion den Austritt aus der EU will. Die britische Initiative hat praktisch den Startschuss für die Desintegration der Europäischen Union abgefeuert.

Dramatische Lage

Der Staatssekretär des Verteidigungsministeriums a.D., Willy Wimmer meint, dass wir die vorgebrachten Gründe für den Brexit sehr gut kennen würden. Er schätzt die Lage rund um das Referendum als höchst dramatisch ein, ebenso, wie seine möglichen Folgen:

„Wir achten aber nicht darauf, dass die Murdoch-Presse hinter allem steht, auch die Versuche in England das Königshaus abzuschaffen und das politische Westeuropa im US-Interesse zu beseitigen. Das Brexit-Referendum dient der Vorbereitung des nächsten Krieges in Europa und Brexit ist der zentrale Schritt auf diesem Weg. England soll in seine alte Rolle als europäischer Kriegstreiber zurück. Die Balten, Polen, die Tschechische Republik, sie werden sich von Brüssel trennen und mit den Amis gemeinsame Sache gegen die Russen und uns machen. Dabei nimmt man auch in Kauf, dass Wales, Nordirland und Schottland sich von London trennen könnten und der englische Imperialismus auf London und damit England zurückfällt.“

Ein Präzedenzfall

Es wird ein Präzedenzfall geschaffen, der allen Ländern die Tür zum Austritt öffnet, die sich bis dato verschämt zurück hielten. Das eine ist das mächtige Königreich, das sich - ohne sich vor den Folgen zu fürchten - souverän für den Austritt entscheiden kann. Ganz anders sieht es für politisch und wirtschaftlich kleinere Länder aus, die erstmal einem anderen die Vorfahrt lassen. Zu allererst geht es dabei um Länder, die Willy Wimmer in seinem Kommentar bereits erwähnt hat. 

Und seit Beginn der „Flüchtlingskrise“ kann die Liste um einige Länder erweitert werden, die auf der berüchtigten „Balkan-Route“ liegen. Man sollte nicht naiver weise denken, die Moral würde über das Bedürfnis nach Sicherheit und Wohlstand gestellt werden. 

Zwischen der Moral und dem Wohlstand steht kein Gleichheitszeichen und was von beiden die Überhand gewinnt, werden wir schon bald erfahren.

Willy Wimmer erwähnt noch einen Aspekt, der Deutschland direkt betrifft. Er meint, dass es im Falle eines Brexits keinen nachvollziehbaren Grund mehr für die Anwesenheit britischen Sicherheitspersonals in Deutschland geben würde:

„Eine derartige Entscheidung auf der Insel muss den sofortigen Abzug aller britischen militärischen oder sonstigen Sicherheitseinrichtungen vom Territorium Deutschlands zur Folge haben“ - so der Politiker.