Die Ruhe vor dem Sturm

Freitag, 30. März 2018

Nach dem militärischen Sieg über den Islamischen Staat stehen dem Irak die schwierigsten Herausforderungen erst noch bevor.

War das Terrorkalifat lange das vereinende Band zwischen Schiiten, Kurden und den Sunniten – zumindest derjenigen, die nicht unter der Herrschaft der IS-Miliz standen – ist dieses Band nun zerschnitten. Obwohl in Hawija, im Nordosten des Landes, immer noch ein Distrikt unter der Kontrolle des IS steht, erlebt das Land erste Auflösungserscheinungen. Das Referendum in der Autonomen Region Kurdistan/Nordirak, in dem sich eine überwältigende Mehrheit der Kurden für eine Unabhängigkeit von Baghdad aussprach, entwickelte sich schnell zum Boomerang. 

Von Dr. Gabriel Burho

Nach der Befreiung von Mossul wurden die kurdischen Peshmerga nicht mehr benötigt und entgegen den Hoffnungen des kurdischen Präsidenten Barzani, ließen die westlichen Verbündeten die Kurden schnell fallen um die, aus ihrer Sicht, wichtigere politische Option zu verfolgen: Die Unterstützung des irakischen Premierministers Hayder al-Abadi. Im Vorlauf der für Mai angesetzten Wahlen, ist Abadis Hauptkonkurrent sein Vorgänger Nuri al-Maliki. Letzterer gilt als Mann Teherans und war durch seine radikale Schiitisierungspolitik (die Entfernung von Angehörigen der sunnitischen Minderheit aus wichtigen politischen Posten sowie aus Militär und Polizei) einer der Faktoren für das Erstarken des Islamischen Staates im Irak. Dies kostete ihn auch 2014 sein Amt und machte ihn vom Premierminister zum Vize-Premierminister – die politischen Abstürze im Irak sind offensichtlich nicht allzu tief.

Gerade unter den Schiiten ist Maliki aber immer noch einflussreich und konnte seine Anhängerschaft in den letzten Jahren wieder ausbauen. Entsprechend hat er durchaus Chancen bei der anstehenden Wahl sein altes Amt wieder zu erringen. Dies wäre indes ein Horrorszenario für die meisten Mitglieder der Anti-IS-Koalition, da dies einem Schlag gegen die Sunniten des Landes gleichkäme und sie möglicherweise schnell einer neuen Aufstandsbewegung in die Arme treiben könnte.

Überhaupt ist das Land nach ISIS noch mehr gespalten als es zuvor schon war. 

Die Schiiten aus dem, unter der Wirtschaftskrise leidenden, Süden des Landes sind reihenweise in schiitische Milizen eingetreten. Die Sunniten des Nordirak hingegen sind zu tausenden vor ISIS geflohen bzw. haben sich mit den neuen Machthabern arrangiert. Entsprechend wirft der Süden dem Norden vor, dass es die Söhne des Südens waren, die den Irak befreit hätten, während die Söhne des Nordens entweder Kollaborateure, Terroristen oder Feiglinge seien. Die Sunniten wiederum sehen in den schiitischen Milizen nicht in erster Linie Befreier, sondern Besatzer. Die ostentative Präsentation schiitischer religiöser Symbole in der größten sunnitischen Stadt, Mossul, hilft hier auch wenig dieses Gefühl zu vermindern. Der Umstand, dass die Milizionäre jetzt auch in eine reguläre Polizei überführt werden sollen, verstärkt ebenfalls das Gefühl einer dauerhaften Besatzung.

Zurück zu den Kurden. 

Ohne internationale Unterstützung haben die Kurden des Irak innerhalb weniger Tage alle Territorien verloren, die sie im Zuge des Konfliktes mit ISIS befreien/besetzen konnten. Auch ihre weitgehende Autonomie, die de-facto bereits einer Unabhängigkeit gleichkam, wird immer weiter beschnitten. Der kurdisch-irakische Konflikt beschert zudem eine schizophrene Konfliktlage: Auf einer Seite der Front stehen kurdische Peshmerga, von der Bundeswehr ausgebildet und mit deutschen Waffen, während auf der anderen Seite Reste der irakischen Armee, von den USA ausgebildet und bewaffnet, und schiitische Milizen (häufig unter der Kontrolle des Iran) stehen und amerikanisches schweres Kriegsgerät (Panzer und Artillerie) teilweise von Kämpfern der iranischen al-Quds Brigaden bemannt wird – einer Einheit die im Zuge der iranischen Revolution gegründet wurde, um Jerusalem von den Israelis zurückzuerobern.

Im letzten Monat fand in Kuwait die Geberkonferenz statt, in der die Welt Geld für den Wiederaufbau des Irak zur Verfügung stellte. Vor dem Hintergrund der gewaltigen Zerstörungen durch die Kampfhandlungen und der anhaltenden Wirtschaftskrise durch den geringen Ölpreis, bestehen allerdings nur geringe Hoffnungen, dass die Mittel ausreichen um den Menschen des Irak das Gefühl einer Verbesserung und einer positiven Zukunftsperspektive zu geben.

Auch der andauernde kalte Krieg zwischen Saudi Arabien und Iran wird weiter andauern und an Schärfe gewinnen.

Die lokalen Bedingungen, kulturellen Gegebenheiten und historisch gewachsene Feindschaften, welche von den globalen Strategen in ihrem Fokus auf metatheoretische Erklärungen und quantifizierbare Daten ignoriert wurden, haben sich in einen Treibsand aus widersprüchlichen Interessen und geteilten Loyalitäten verwandelt, in welchem der westliche Interventionismus langsam aber sicher versank – eine Lektion, welche die Sowjetunion auch blutig in Afghanistan lernen musste.

Während die letzten Wochen und Monate, gerade in Baghdad, eine Vielzahl an Anschlägen gesehen haben, ist es seit zwei Wochen fast schon gespenstig ruhig. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Konflikte und mit der Wahl vor der Haustür scheint es unwahrscheinlich, dass der Sturm vorübergezogen ist. Der Irak befindet sich gerade im Auge des Hurrikans.

Bilder: @depositphotos

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