Die Grenzen der Wissenschaft

Dienstag, 26. April 2016

Oder was über den islamischen Propheten gesagt werden darf (und muss)

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Während die Diskussion um die Frage wann Satire „Majestätsbeleidigung“ ist und ob es eines solchen Paragraphen überhaupt noch bedürfe in vollem Gange ist, ist eine ältere Diskussion (unverdienterweise) etwas in den Hintergrund geraten: Gemeint ist die Frage was Wissenschaft darf, wenn ihr Thema die religiösen Empfindungen von Millionen Menschen berührt.

Von Dr. Michael Rohschürmann, Politik- und Islamwissenschaftler 

Ein schönes Beispiel hierfür bildete unlängst die Diskussion um Hamed Abdel-Samads Mohammed-Buch, das nicht nur wegen seines Untertitels „Eine Abrechnung“, Anfang des Jahres Staub aufgewirbelt hat. Der Autor nutzt Koran und Hadithe (also die gesammelten Berichte über Taten und Aussprüche Mohammeds) für den Versuch ein Charakterbild des Propheten zu zeichnen. Dass ihm dabei mehr öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde als anderen Autoren mit demselben Tenor (hier sei auf Armin Geus „Die Krankheit des Propheten“) verwiesen, liegt zum einen ein seinem Hintergrund als Islamwissenschaftler (er selbst bezeichnet sich auch als ehemaligen Islamisten) sowie an den politischen Kontexten ISIS, PEGIDA und Flüchtlingskrise und Anschläge in Paris und Brüssel.

 Das Buch selbst beginnt mit einer historischen Einordnung, welche die Bedeutung der „Prophetenbiografie“ als Instrument der Herrschaftslegitimation in einem entstehenden islamischen Imperium herausarbeitet. Erfreulich - und für die gesellschaftliche Debatte wichtig - ist auch die Darstellung der Brückenfunktion, die diese „Prophetenbiographie“ für den Transfer politischer Ideen des 7./8. Jahrhunderts in die heutige Zeit einnimmt.

Nach dieser Einordnung widmet sich das Buch der Person Mohammed und wirft auch hier wichtige, im Kontext der islamischen Religion sensible, Fragen auf: War Mohammed ein uneheliches Kind? Gehörte er wirklich, wie es die islamische Tradition berichtet, zur mekkanischen Führungsschicht oder doch eher zu den unteren Klassen? Welchen Einfluss hatte seine Vita auf die Glaubensvorstellungen – vor allem die Hinwendung zu Ismael, (einem ebenfalls unehelichen und verstoßenen Kind)  die er entwickelte? 

Umfangreich setzt sich der Autor mit der Beziehung Mohammeds zu den Frauen in seinem Leben auseinander und verweist auch hier auf wichtige Inkonsistenzen der islamischen Mohammed-Tradition: Wie konnte seine erste Frau Khadidscha eine erfolgreiche Händlerin sein und Mohammed gegen den Wunsch ihres Vater heiraten, wenn doch erst Mohammed die Frauen aus dem Besitz ihrer Männer und Väter befreit hat? Was steckte hinter der besonderen Liebe Mohammeds zu der deutlich jüngeren Aischa, deren Berichte einen Großteil der islamischen Tradition zum Propheten darstellen und die damit einen wesentlichen Anteil an der Ausformung der islamischen Religion hatte – und das sicher auch vor dem Hintergrund der Herrschaftssicherung ihres Vater Abu Bakr, des ersten Kalifen und direkten Nachfolgers Mohammeds? Was waren die tatsächlichen Verbesserungen, die Mohammed für die Stellung der Frau eingeführt hatte?

Im letzten Teil des Buches versucht Abdel-Samad dann aus den islamischen Quellen ein Psychogramm zu entwerfen und attestiert Mohammed an Epilepsie (genauer Stirnlappenepilepsie) gelitten zu haben. Dass er dabei darauf verweist, dass bereits im 8. Jahrhundert christliche Gelehrte zu derselben Auffassung gelangt sind, bestätigt indes lediglich, dass es nicht unüblich war (und ist) religiöse und politische Gegner als geisteskrank zu diffamieren. Interessanter sind da die islamischen Berichte selbst über den Zustand Mohammeds beim Empfang göttlicher Offenbarungen. Auch die manchmal im Zusammenhang mit der Epilepsie auftretende Hypergraphie ließe sich in der Masse des Materials das Mohammed „geoffenbart“ wurde, erkennen und einzelne Berichte über seine Handlungen könnten auch einen Anfangsverdacht auf Zwangsstörungen bilden.

Nun ist dieses Buch kein rein wissenschaftliches Werk, auch wenn der Autor durchaus seine umfangreichen Kenntnisse des Gegenstandes einfließen lässt, sondern es ist ein Buch das provozieren möchte – mithin ein politisches Buch. Während man also vom Thron der Wissenschaft herab bestimmte Formulierungen als unwissenschaftlich verurteilen und einige der Thesen (eben die medizinischen) als konstruiert bewerten kann, machen die Fragen, die Abdel-Samad im Kontext mit Mohammeds Vita aufwirft das Buch lesenswert und können einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen und akademischen Diskussion leisten.

Wissenschaft sollte sich eben nicht nur im Elfenbeinturm abspielen sondern, gerade wenn ihr Gegenstand Teil einer umfangreichen gesellschaftspolitischen Debatte ist, ihre Fachkenntnis in die Diskussion einlassen. Eine säkulare Islamwissenschaft hat meines Erachtens gerade in diesen Zeiten einen überaus wichtigen Daseinszweck und zugleich eine gesellschaftliche Verantwortung, der sie gerecht werden muss, da sonst das Feld Populisten und fragwürdigen Experten überlassen wird.

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