Deutschland vor der Bewährung

Donnerstag, 8. November 2018

Erneuter „Rammbock“ gegen Russland oder Lernen aus der Geschichte?

Von Willy Wimmer, Staatssekretär des Bundesministers der Verteidigung a. D.

In Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs wird Bundeskanzlerin Merkel dieser Tage an einer französischen Militärzeremonie in Paris teilnehmen. Dabei wird sie, gemeinsam mit Frankreichs Präsident Macron, den unseligen Platz in der Lichtung des Waldes von Compiègne aufsuchen, wo jenes Abkommen geschlossen wurde, das in der Folge so viel weiteres Unheil heraufbeschwor. Im Gegensatz zu Staats- und Regierungschefs anderer am Ersten Weltkrieg beteiligter Staaten wird die deutsche Kanzlerin keinen Soldatenfriedhof aufsuchen, den deutschen Gefallenen diese Ehre verweigern. Fast scheint es so, dass 100 Jahre nach der Jahrhundertkatastrophe zwar Platz für die Erinnerung ist, doch ein Schleier die schicksalhaften Ereignisse noch immer kaschieren soll. Angeblich rutschten die europäischen Staaten ja schlafwandlerisch in den Ersten Weltkrieg, doch neuere Forschungen und freigegebenes Archivmaterial belegen, dass sie von bestimmten Kräften geradezu hineinorchestriert wurden. Ziel war die Ausschaltung Deutschlands und Österreich-Ungarns; es galt, zwei in jeder Hinsicht prosperierende Staaten möglichst von der Landkarte zu tilgen. Über die Waffenruhe am 8. November 1918, den Waffenstillstand am 11. November 1918, Versailles und später Hitler sollte weitaus mehr gelingen. Einen Weltkrieg weiter, der zur bedingungslosen deutschen Kapitulation und der fast vollständigen Vernichtung der Substanz der Sowjetunion geführt hatte, steht die Koalition der Kriegswilligen erneut an den Grenzen Russlands – Deutschland als Spielball mittendrin.

Vor wenigen Wochen ließ sich die amerikanische NATO-Botschafterin öffentlich so vernehmen: Deutschland sei gleichsam die Rolle zugefallen, die westliche Front gegen Russland anzuführen. Dabei wäre es nicht von Bedeutung, was im letzten Jahrhundert so alles geschehen sei. Deutschland sei heute in der Lage, mit dieser Aufgabe fertig zu werden. Bei der Herbsttagung der Generalversammlung der Vereinten Nationen waren vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump andere Töne zu hören. Zwar hatte die kombinierte britisch-amerikanische Medienfront, bestehend aus BBC und CNN dafür gesorgt, dass sich die Welt über das Gelächter amüsierte, das während der Rede von Präsident Trump über seine grandiosen Leistungen im UN-Plenum zu hören gewesen war. Wenn man allerdings an den Text herankam, dann staunte man über eine fulminante Friedensrede, in der jedem Staat auf diesem Globus gleichsam das ewige Recht zugebilligt wurde, im preußischen Sinne „nach seiner Fasson selig werden zu können“. Da hatten die Worte der NATO-Botschafterin plötzlich keine Bedeutung mehr. Aber ist das wirklich so, dass amerikanische Aussagen auf höchster staatlicher Ebene so auseinanderfallen und dennoch glaubwürdig sein können? Mit was haben wir es überhaupt zu tun, wenn wir Stimmen aus Washington vernehmen, die an uns in den anderen Teilen der Welt gerichtet sind? War das, was Präsident Trump in New York verkündete, eine Fata Morgana, eine Verheißung für die kommende Welt? War diese Rede die Abkehr von einer amerikanischen Politik, wie sie mit den Vierzehn Punkten des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson im Herbst 1918 verkündet worden war und im Sommer 1919 mit dem Diktat von Versailles ihre Vollendung fand, um mittels einer Kriegslist das kaiserliche Deutschland zu veranlassen, die Waffen zu strecken, ohne besiegt worden zu sein? Wie ist es von Präsident Trump gemeint, wenn er sich für sein eigenes Land jenen Respekt erhofft, den er selbst in New York anderen Staaten gegenüber zu erbringen zugesagt hatte? 

Diese Fragen sind für Deutschland von allergrößter Bedeutung. Nicht nur, weil Deutschland in den zurückliegenden 100 Jahren ein besonderes Objekt der amerikanischen globalen Politik gewesen ist. Sondern auch, weil die USA über den Zweiten Weltkrieg – mit der besonderen Unterstützung Großbritanniens –, tatkräftig daran gehen konnte, das besiegte und in jeder Hinsicht am Boden liegende Deutschland nach ihren Vorstellungen politisch umbauen und für die eigenen Zwecke instrumentalisieren konnte. Die Reichweite dieser Vorgehensweise war grandios, denn sie umfasste auch jene Komponente, die bereits während des Ersten Weltkrieges eine wesentliche Grundlage für den amerikanischen Kriegseintritt 1917 gegen die Mittelmächte Österreich-Ungarn und das kaiserliche Deutschland gewesen war: Unvergessen ist, dass zu Beginn des Ersten Weltkrieges weite Teile der internationalen jüdischen Gemeinschaft aus eigenen Motivation vor allem auf der Seite des Deutschen Kaiserreiches standen, sehr zum Verdruss der damaligen Kriegsgegner Frankreich und Großbritannien. Das änderte sich erst über das berüchtigte Sykes-Picot-Abkommen des Jahres 1916 und dem Ruf nach einer jüdischen „Heimstatt Palästina“. Dieser Forderung aus dem Programm der Kriegsgegner konnte und wollte das kaiserliche Deutschland wegen seiner Bündnisverpflichtungen gegenüber dem Osmanischen Reich nicht entsprechen. Die Ergebnisse sind bekannt, darunter auch der danach möglich gewordene Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917 an der Seite der Entente gegen die sogenannten Mittelmächte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ergaben sich aus diesem gesamten Zeitabschnitt jene Einwirkungsmöglichkeiten gegenüber Deutschland, über die man sich heute im Klaren sein muss. Letztlich auch die Zahlung aller drakonisch auferlegten Kriegsschulden an die Entente-Staaten, die bis auf den letzten Heller 2012 endlich vollends abbezahlt worden waren.

Was ist unter diesen Umständen amerikanischer Einfluss auf Deutschland? Das kann theoretisch und auch wissenschaftlich erörtert werden. Ich ziehe es vor, die Dimension dieses Einflusses vor dem Hintergrund meiner persönlichen Erfahrung – in politischen Funktionen und bei staatlichen Aufgaben – zu beleuchten. In den Jahren seit 1976, die ich dem Deutschen Bundestag bis 2009 angehören konnte, kam so einiges zusammen, sowohl national als auch global. Mir war es möglich, als Bundestagsabgeordneter zwischen dem japanischen Hokkaido und dem argentinischen La-Plata-Fluss meine eigenen Schwerpunkte zu setzen und im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung als Staatssekretär im deutschen Verteidigungsministerium für die Zusammenarbeit mit der Roten Armee politisch verantwortlich zu sein. Für die letzte große NATO-Stabsrahmenübung Wintex/Cimex im Frühjahr 1989 – und damit im Kalten Krieg – war ich deutscher Verteidigungsminister (üb.), die nach Migrationsströmen quer durch Westeuropa davon ausging, konventionell wie nuklear gegen die Rote Armee ausgefochten zu werden, deren Frontbefehlshaber wenige Monate meine besten Partner und oft genug auch meine guten Freunde geworden waren. Warum war diese Übung in meinem Urteil und für mein weiteres Leben so wichtig? – Ich konnte ermessen, von welchem Wert meine Heimat und damit das deutsche Vaterland für die Militärplanung unter amerikanisch-britischer Dominanz hatte.

Geradezu auf die Spitze getrieben wurde das mit einem planerischen Nukleareinsatz gegen Potsdam und Dresden. Von mir, einem Deutschen, verlangte die NATO einen Atomwaffeneinsatz gegen Dresden, das Zauberbild einer deutschen Stadt, und dramatisches Opfer am Ende des Zweiten Weltkrieges. Ich bin zwar weit davon entfernt, als Rheinländer mehr als Respekt den Preußen und damit Potsdam zu zollen. Beides aber ging nach meiner Sicht überhaupt nicht. Auf meine Bitte hin hat der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl sofort die Übung verlassen, weil die Planung der NATO mit nationalen deutschen Interessen nicht zu vereinbaren war. Für mehrere Tage übte die NATO weiter und aus unseren „Schornsteinen kam weißer Rauch“. Dennoch war der Erkenntniswert wegen meiner Tätigkeit im Rahmen der Übung von allergrößter Bedeutung. Vor allem deshalb, weil die über Jahre entstandenen verbindlichen Dokumente der NATO jetzt mit ihren Worten und Auslegungen dem Test der Praxis unterworfen wurden. Was bedeuteten bestimmte Formulierungen bei der Festlegung nuklearer Ziele? Bis zu welchem Maße wurden deutsche Überlegungen überhaupt berücksichtigt und trafen auf das strategische amerikanische Interesse, aus einem Konflikt in Europa nicht eine unmittelbare Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion werden zu lassen? Wo schien die sowjetische Schmerzgrenze zu sein, wenn es um Nukleareinsätze oder große Bodenoperationen ging, weit entfernt von der damaligen innerdeutschen Grenze? Vor dieser Kulisse sind die Entwicklungen nach 1990 seitenverkehrt auf die Erkenntnisse aus der Blütezeit des Kalten Kriegs zu legen und erlauben eine realistische Beurteilung der heutigen Lage. Die zentrale Frage lautet also: Welchen Einfluss haben wir und inwieweit sind wir nur eine Funktion amerikanischer Interessen, auf die wir noch nicht einmal eine verbale Mitwirkung haben?

Quelle: https://zeitgeist-online.de/exklusivonline/dossiers-und-analysen/1072-deutschland-vor-der-bewaehrung-erneuter-rammbock-gegen-russland-oder-lernen-aus-der-geschichte.html

Bilder: @depositphotos 

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