Das Gewehr an der Wand

Montag, 11. April 2016

Es gibt keine allgemein gültige Definition des Begriffs „Taktische Atomwaffen“. Sie sind darauf ausgelegt unmittelbar während eines Gefechtes angewendet zu werden, mit dem Ziel dessen Verlauf direkt zu beeinflussen

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Alexander Ermakow, unabhängiger Experte, RIAC

(Der Artikel wurde veröffentlicht am 22.03.2016 bei RIAC http://russiancouncil.ru/inner/?id_4=7437#top-content)

Im Gegensatz zu den strategischen Waffen sind sie nicht dafür bestimmt - und oftmals auch nicht entsprechend konzipiert - Objekte tief im Feindesgebiet anzugreifen - Industriekomplexe, Verkehrsknoten, Städte und Kommandozentralen der hohen politisch-militärischen Ebene. Typische TAW-Ziele sind frontnahe Flughäfen, große Militäransammlungen, Gebiete mit Verteidigungsbefestigungen. 

Zum ersten mal mit dem Ziel ummittelbar Einfluß auf einen Gefechtsverlauf zu nehmen, hätten Atomwaffen im Laufe der Operation „Downfall“ - dem Einfall auf die Japanischen Hauptinseln - verwendet werden können. Für den Angriff auf die Gebiete mit Befestigungsanlagen und größere Ansammlungen von Militärs hätten 7 bis 15 Bomben zum Einsatz kommen können.

Zu unser aller Glück erklärte Japan vorher die Kapitulation. 

                                                              Es ist kaum verwunderlich, dass TAW direkt nach ihrer Entwicklung zu den amerikanischen Stützpunkten in Europa geschickt wurden, in das hypothetische Haupteinsatzgebiet eines Dritten Weltkriegs. Im Sommer 1952 wurde in Großbritannien das 20-e Jagd-Bomber Geschwader der US-AirForce stationiert. 

Interessanter Weise war es anfänglich geplant TAW gemeinsam mit den anderen NATO-Mitgliedern einzusetzen. Im Falle eines Kriegsbeginns sollten drei Divisionen der M65-er Haubitzen an die Allianz-Partner übergeben werden: zwei an die von den Briten geführte Nordgruppe der NATO und eine an die französische Armee.

In allen ähnlichen Fällen übernahmen die Amerikaner das Anlernen der Allianz-Kräfte, haben gemeinsame Pläne für mögliche Einsätze mit Atomwaffen ausgearbeitet, behielten jedoch die formelle Kontrolle über das Kriegsgerät. Am interessantesten von solchen Vereinbarungen erscheint das „Project E“, als eine Art Vorgänger der heutigen „Gemeinsamen NATO-Nuklearwaffen“

Die größte Anzahl von TAWs in Europa wurde zum Anfang der 70-er Jahre erreicht. 1971 betrug die Zahl der auf dem Kontinent stationierten Sprengköpfe etwa 7.300 Stück.

Bis heute ist das Arsenal um das zehnfache geschrumpft. Man geht davon aus, dass die USA (im Vergleich zu 1991) 90 % ihres Arsenals aufgelöst haben, Russland - 75 %.

Etwa um 1994 geriet der Abrüstungsprozess jedoch ins Stocken und das Problem der B61-Bomben und ihrer gemeinsamen Nutzung durch die Länder der Allianz geriet ins Blickfeld. Die B61 - Bomben sind die einzigen taktischen Atomwaffen, die den USA geblieben sind. Auf den Militärbasen in Belgien, Deutschland, Italien und den Niederlanden wird die Taktik aus der Zeit des Kalten Krieges weiter geführt - offiziell stehen die Bomben unter dem Kommando der Unterstützenden Staffel (Munitions Support Squadron) der US-Streitkräfte, die aus ca. 125-150 vom Boden aus operierenden Spezialisten besteht

 

In der Diskussion über die Amerikanischen TAWs in Europa wird überwiegend nicht über die Trägerraketen gestritten, sondern über die modernisierten B61-12 Bomben. Die Erhöhung der Zielgenauigkeit erlaubt, den Gefechtskopf der B61-4 mit der geringsten Leistung zu verwenden - bis zu 50 Kilotonnen, dabei würden für die meisten, selbst befestigten, Objekte 10 Kilotonnen ausreichen. Die steigende Präzision zusammen mit der sinkenden Schlagkraft verringern den Kollateralschaden und das bedeutet - es besteht die Gefahr, dass die Hemmschwelle TAWs auch wirklich einzusetzen sinken könnte.

 Wegen der in den letzten Jahren statt gefundenen Verschärfung der internationalen Situation, ist wohl keine weitere nukleare Abrüstung von den USA zu erwarten. Mehr noch, es gibt eine gefährliche Tendenz der sinkenden Hemmschwelle für den Einsatz von Nuklearwaffen bei lokalen Konflikten.

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Die „Gemeinsamen NATO-Nuklearwaffen“ werden auch weiterhin zuallererst als politisches Instrument dienen, eine Art Materialisierung des amerikanischen Nuklearschirms.

Selbst nach der Modernisierung dieser Waffen steigt die unmittelbare Bedrohung für Russland nur unwesentlich - das Russische Nuklearpotenzial sollte ein zuverlässiges Mittel der Abschreckung sein. Gefährlich ist die indirekte Bedrohung, die von diesen Bomben ausgeht. Sie befinden sich in einer Art Grauzone des  Atomwaffensperrprogramms und provozieren ein Atomares Wettrüsten in Europa.