Armenien. Die unten - können nicht, die oben - wollen nicht

Sonntag, 31. Juli 2016

Offener Brief des bekannten Wissenschaftlers Martik Gasparjan, Vize-Präsident der Internationalen Akademie für die Geistige Einheit der Völker der Welt an die Regierungen anlässlich der Geschehnisse in Armenien

Armenien @WE

„Wer eine friedliche Revolution unmöglich macht, macht eine gewaltsame Revolution unvermeidbar“, sagte einmal der amerikanische Präsident John F. Kennedy. Die Erfahrungen der Weltgeschichte untermauern die Richtigkeit seiner Worte - wie jemand an die Macht kommt, bestimmt auch, wie er geht. 

Die Dritte Republik besteht trotz aller tragischer Seiten ihrer Geschichte fort. Das Volk trägt das Erbe des Genozids mit sich herum, der Annexion der Ersten Republik durch die Bolschewiken und Kemalisten, der Repressionen der 30-er Jahre, des Erdbebens von Spitak, des Krieges im Karabach, der Hinrichtung der Parlamentsmitglieder und, schlussendlich, der blutigen Machtübernahme des neuen Präsidenten durch die Ereignisse am 1. März.

 Die Inkompetenz der neuen pseudodemokratischen Regierung, das Fehlen von Fortschritten im Bereich der sozial-wirtschaftlichen und der gesellschafts-politischen Probleme, ein ernstzunehmender Anstieg dieser Probleme und die Hilflosigkeit der Regierenden angesichts der neuen Herausforderungen der modernen Welt - das alles war weitgehend bekannt. Aber richtig bewußt wurde es erst, als es Im April im Laufe der Auseinandersetzungen an der Grenze hunderte armenischer Jungs das Leben kostete. 

Heute ist die Situation eine andere. Von den früheren, heroischen Zeiten blieb nur das, was man den Armeniern niemals weg nehmen kann: die Fähigkeit und der Wille für ihr Land zu kämpfen. Ist es auch genug, um zu siegen und keine Helden auf dem Schlachtfeld zu verlieren? Eindeutig nicht! 

Man kann mit Sicherheit behaupten, dass die Information bezüglich eines 200 Mio. Dollar Kredits für die Anschaffung von Waffen falsch ist. Der Kredit wurde „heroisch“ unter den „Rudelmitgliedern“ aufgeteilt, während die Soldaten den Befehl erhielten sich weiterhin mit Spaten zu bewaffnen.

Menschen verlassen Armenien in Scharen. Seit der Machtübernahme der neuen Regierung wanderten über 1,5 Millionen Menschen aus. 

Und während das Volk flieht und niemand etwas mitbekommen haben will, teilen die „Mäuse und Affen“ alle und alles unter sich auf. So lief es auch beim Verkauf der Vorotaner Kaskade (Tatever Wasserkraftwerke). Es wurde eine Absichtserklärung zur Aufnahme eines Millionen-Kredits von einer Deutschen Bank unterschrieben und dann begann man den imitierten Kredit mit Prozenten zurück zu zahlen. Die Finanzströme füllten die Taschen von europäischen, amerikanischen und armenischen Beamten und dann wars das - die Staatskasse war leer. 

 Die Geschehnisse auf der Polizeiwache haben die komplette Ohnmacht der staatlichen Machtstrukturen offenbart. Vor und auch während der Geiselnahme waren der Geheimdienst, der nichts von den drohenden Geschehnissen gewusst hat, ebenso wie die Polizei, die es nicht für nötig hielt ihren Arbeitsmodus zu intensivieren, überhaupt nicht präsent. Können sie uns erklären, wie sie uns auf diese Weise bei einem Angriff von echten Terroristen schützen wollen?

Splitterparteien ändern ihren Namen und werden zu Regierenden, traditionelle Parteien spiegeln als Mitglieder der Sozialistischen Internationalen die Interessen der Zweiten Internationalen wieder, jedoch nicht des Volkes. Andere Parteien sind eher als NGO’s anzusehen, die vom Ausland gesponsert werden und die Interessen von Internationalen Organisationen vertreten.  

Auch der Allerheiligste ist von der Bildfläche verschwunden. Wahrscheinlich, ist er auf Katholikos des Großen Hauses von Kilikien Aram I, eingeschnappt, der immer wieder Fragen über Restitutionen und Reparationen des Kircheneigentums von Kilikien aufwirft und darüber hinaus den Allerheiligsten zusammen mit seiner freundlichen „Clique“ nicht besonders gern mag. Es ist übrigens der Papst selbst, der die geheime Taufe von türkischen, kurdischen, georgischen, amschenischen, tscherkessischen, griechischen oder anderen Kryptoarmeniern ablehnt. Die Armen kehren nach der Absage des Patriarch von Konstantinopel unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurück und pilgern dann zu heiligen Stätten, um sich selbst zu taufen. 

Damit das Fehlen aller dieser Persönlichkeiten nicht weiter auffällt, hat sich ein neuer Trend entwickelt, um das Volk zu beschäftigen: Es wird ausgiebig über die Diaspora geschimpft.

Wieso schimpft ihr über die Diaspora, haben sie etwa eine Möglichkeit sich zum armenischen Präsidenten wählen zu lassen? Gibt es vielleicht ein Unterhaus im Parlament extra für Mitglieder der Diaspora? Und wieso hört die Kritik immer auf, wenn Geld gebraucht wird? 

Auch die armenische Jugend geht verloren, sie wachsen in einem Umfeld auf, das mit der Erziehung von jungen Janitscharen zu vergleichen ist. Sie folgen den aserbaidschanischen, türkischen, westlichen, russischen, sowjetischen Schulen, die die Geschichte Armeniens falsifizieren, die mit Hilfe internationaler Geldgeber alles armenische nach und nach vernichten. Die armenische Jugend wird entsprechend der Prophezeiung von Henry Kissinger und der Theorie Zbigniew Brzezińskis zu den Prozessen der Globalisierung zum „Kanonenfutter“ gemacht. 

Wir sind sogar dabei Erewan zu verlieren, das älter ist als Rom. Eine Frage an die Stadtverwaltung: Was habt ihr in der Altstadt angerichtet, mit Objekten des Kulturerbes gemacht? Wohin ist alles verschwunden? Die Frage  ging sogar bis zum Europäischen Gerichtshof.

Geld aus der Staatskasse ist auch verschwunden, alle geleisteten Hilfen, alle Transferleistungen.

Es blieben nur Helden, die man jetzt Terroristen nennt, die erniedrigt werden, die man ohne mit der Wimper zu zucken abschießt, die man verprügelt, die von Pseudopatrioten im Internet Mörder geschimpft werden.

Oft wird daran erinnert, wie gefühllos man mit uns umgegangen ist. Als die USA ihr Mandat für Armenien nicht halten und das Volk nicht beschützen konnten. Als die Franzosen die Armenier in Kilikien verraten haben, als die Briten das umstellte Kilikien betrogen haben, nachdem sie ihre Dienste bei der Errettung von Jerusalem für Ihr Palästinamandat in Anspruch nahmen. Als Russland nach 12 Kriegen mit der Türkei trotzdem mit ihr zusammen das armenische Territorium unter sich aufgeteilt hat. Genau diese Empathielosigkeit aller großen Staaten während des Ersten Weltkriegs führte zur der Braunen Pest in Deutschland und zerstörte halb Europa (über 50% der SS-Offiziere bekamen ihre ersten Erfahrungen in den Konzentrations- und Filtrationslagern für Armenier in Mesopotamien und Armenien).

Aber wir müssen uns auch an unsere Freunde erinnern: Osip Mandelstam, der sagte „Armenien sei ein Buch, das die ersten Menschen erzogen hat…“; an Heinrich Schliemann, der meinte „Die Tragödie Europas besteht darin, dass ihre Zivilisation nicht auf der armenischen Kultur basiert“; an William Gladstone, der verkündete „Armenien zu dienen - bedeutet der Zivilisation zu dienen“.

Und wir müssen uns daran erinnern, dass unser Land in unseren Händen liegt. Die Helden sind nicht allein, wir sind mit ihnen. Für eine friedliche Lösung der Situation mit der Einnahme der Polizeiwache in Erewan, um schlimme Folgen und Blutvergießen zu verhindern, Nachahmungstaten und eine Eskalation zu verhindern, brauchen wir ganz dringend einen Regierungswechsel. Einen Wechsel des politischen Systems im Land, des Regierungssystems, des wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsmodels.

Eine endgültige Lösung der Arzach-Frage muss her.

Es muss wieder und wieder daran erinnert werden, dass nach der Deklaration des Internationalen Rechts, das Prinzip der territorialen Ganzheitlichkeit nicht auf Staaten anwendbar ist, die die Gleichstellung aller dort lebenden Völker und ihr Recht auf Selbstbestimmung nicht gewährleisten können. 

Sind es nicht gerade wir, die Armenier, die über Jahrhunderte und bis jetzt immer wieder der direkten Gefahr der Vernichtung gegenüber standen, auf dessen Territorium so viele Katastrophen und Ungerechtigkeiten verrichtet wurden, diese Frage als erste auf die Tagesordnung setzen?

Wir bitten und verlangen, nicht nur zum Wohle Armeniens, sondern auch der ganzen Welt, die Situation in Armenien zur Abstimmung vor den UNO-Sicherheitsrat zu bringen. Der in Armnein herrschende Frieden, wird einen würdigen Beitrag zur globalen Sicherheit in der Welt leisten.

Martik Gasparjan, Vize-Präsident der Internationalen Akademie für die Geistige Einheit der Völker der Welt (Academy of Spiritual Unity of Nations) 

 

Bilder: Martik Gasparyan, @depositphotos / WE

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