Amerikas Mausefalle. Konsequenzen der neuen US-Nuklearstrategie

Montag, 19. Februar 2018

Ob den Verantwortlichen indes klar ist, dass es hier um ein Durchbrechen des Vertrauens in die Rationalität des Akteurs USA geht ist nicht klar.

Albert Einstein, der Vater der modernen Physik war ein bekannter Gegner nuklearer Waffen, auch deshalb weil er ein profunder Skeptiker hinsichtlich der geistigen Reife der Menschen war. Von ihm stammt der berühmte Satz „Der Mensch erfand die Atombombe, doch keine Maus der Welt würde eine Mausefalle konstruieren.“

Von Dr. Gabriel Burho

Der kürzlich vorgestellte Plan der USA auf neue, kleinere Atomwaffen zu setzen fügt dem Arsenal dieser Mausefallen eine weitere Kategorie hinzu. Die so genannten „taktischen Atomwaffen“ oder „Mini Nukes“ zeichnen sich vor allem durch eine geringere Sprengkraft aus strategische Nuklearwaffen aus und erweitern damit das atomare Potential auf die taktische Ebene der Kriegsführung. So weit, so technokratisch gesprochen. Das was heißt das in der Realität?

„Die Welt existiert nur noch wegen der Atombombe – aus Angst vor ihr.“ Dieses Zitat aus Dürrenmatts „Die Physiker“ beschreibt vielleicht am besten die Realität des bipolaren Zeitalters. Zwei Supermächte die sich feindlich gegenüberstehen und deren Potential einen gegenseitig zugesicherten Vernichtung die Welt in der fragilen Stabilität des „Kalten Krieges“ gefangen hält, der aus Angst vor der völligen Vernichtung, dem Zuschnappen der Mausefalle, niemals „heiß“ wurde. Das ist es was „strategisch“ meint. Die atomaren Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen und genug Zerstörungskraft um ganze Großstädte in gläserne Krater zu verwandeln, waren niemals dafür gebaut worden um tatsächlich eingesetzt zu werden. Sie waren reine Abschreckungswaffen, die einer politischen Strategie dienten.

Ganz anders taktische Waffen. Hierbei handelt es sich um Waffen die tatsächlich in einem Gefecht zum Einsatz kommen sollen, deren Verwendung nicht politischen Strategen sondern den Kommandeuren vor Ort vorbehalten ist und die dazu dienen taktische, will sagen begrenzte, Herausforderungen in einer Schlacht zu bewältigen. Das die Idee, dem Arsenal taktischer Waffen auch eine atomare Komponente hinzuzufügen nicht neu ist, zeigt eine Presseerklärung des Realpolitikers und Bundeskanzlers Konrad Adenauer von 1957 „Die taktischen Atomwaffen sind im Grunde nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie, und es ist ganz selbstverständlich, dass wir nicht darauf verzichten können.“

Gleichzeitig muss aber an dieser Stelle die tatsächliche Sprengkraft dieser taktischen Nuklearwaffen dargestellt werden. Diese reicht von atomarer Artillerie die „lediglich“ die Sprengkraft großer konventioneller Bomben in einer Artilleriegranate bündeln bis hin zu Waffen mit der Sprengkraft der Hiroshima und Nagasaki Bomben (15-20 Kilotonnen Sprengkraft), die ebenfalls noch unter die „Mini Nukes“ gefasst werden.

In der Bekanntgabe der neuen Nukearstrategie wurde explizit darauf verwiesen das diese Waffenkategorie in erster Linie der „Abschreckung Russlands“ dienen sollten. 

Das Pentagon spricht hier von einer „angemessenen Antwort auf die Ausweitung der russischen Nuklearwaffenkapazitäten“. Russland und andere, nicht näher bezeichnete Staaten, besäßen aktuell ein „irregeleitetes Vertrauen“ darin, das die USA keine Atomwaffen einsetzen würden, da die alte Doktrin der gegenseitig zugesicherten Vernichtung noch in Kraft sei. Diese Sicherheit gälte es zu durchbrechen um so wieder eine glaubhafte Drohkulisse aufbauen zu können. Nicht zu unrecht fühlen sich indes auch China und der Iran direkt bedroht. Gleichzeitig wendet sich die Trump Administration damit in einem weiteren Punkt von den Vorgaben der Obama Administration ab, dessen Außenpolitik auf einer Verminderung des atomaren Waffenpotentials lag.

Ob den Verantwortlichen indes klar ist, dass es hier um ein Durchbrechen des Vertrauens in die Rationalität des Akteurs USA geht ist nicht klar. Der Kalte Krieg war deswegen stabil, weil beide Seiten rationale Akteure waren, die nicht den Selbstmord wählten. 

Nun Stellen wir uns kurz vor, dass sowohl die UDSSR als auch die USA während der Kubakrise bereits über solche Waffen verfügt hätten? 

Vor allem die direkt (oder indirekt) angesprochenen Staaten, Russland, China und Iran haben inzwischen mit einer deutlichen Kritik reagiert und den USA vorgeworfen die Schwelle für einen Atomkrieg zu senken.

Taktische Nuklearwaffen setzen darauf, dass der Einsatz solcher Waffen regional begrenzt bleiben kann und daher wahrscheinlicher ist. Inwiefern aber davon ausgegangen werden kann, dass ein Land, in dessen Grenzen die USA (begrenzt) taktische Atomwaffen zum Einsatz bringen und das in der Folge auch die längerfristigen Schäden atomaren Fallouts zu tragen hätte, nicht zu dem Schluss käme mit Langstreckenwaffen zu antworten um die USA ebenfalls atomar zu treffen, bleibt fraglich. Insofern könnte der Versuch ein glaubhafte Abschreckungswaffe zu entwickelt auch schnell zu deren Einsatz führen. Hier sei an das Zitat von Harry Truman erinnert: „Da wir die Atombombe erfunden haben, haben wir sie benutzt.“ Dabei spricht indes nichts dafür, dass es nach einem Überschreiten der nuklearen roten Linie auch bei einem rein regionalen Einsatz bleiben würde. Obwohl sowohl Russland als auch China in den letzten Jahren ihr atomares Arsenal erneuert haben bleiben sie bei der Art der Waffen jedoch auf der strategischen, abschreckenden Ebene.

Die NATO bleibt in der Frage der Atomwaffen gespalten. 

Während vor allem Polen und die baltischen Staaten aus Angst vor Russland seit Jahren darauf drängen das nukleare Abschreckungspotential des Bündnisses zu stärken wächst in Deutschland, wo nach dem Willen der US Strategen auch in Zukunft Nuklearwaffen stationiert bleiben sollen, die politische Kritik. So erklärte Noch-Außenminister Gabriel: „Die Entscheidung der US-Regierung für neue taktische Atomwaffen zeigt, dass die Spirale eines neuen atomaren Wettrüstens bereits in Gang gesetzt ist.“ Bereits 2010 hatte der Bundestag über alle Parteigrenzen hinweg für einen gänzlichen Abzug der US-Atomwaffen votiert, die Bundesregierung hat aber indes immer wieder darauf verwiesen, dass ein solchen Alleingang ohne Abstimmung mit der NATO nicht in Frage käme.

So bleibt zu hoffen das die moralische Hemmschwelle vor der Nutzung atomarer Waffen inzwischen so stark ist, dass aus der Gefahr einer globalen Apokalypse keine begrenzten regionalen Apokalypsen werden. In letzterem Szenario wären es vor allem die Länder des Nahen Ostens und Europa die betroffen wären. Die Mausefalle könnte also vor unserer eigenen Haustür zuschnappen.

Bilder: @depositphotos

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