Albert Einstein. Pazifist & Nobelpreisträger im Kreuzfeuer diffamierender Propaganda

Dienstag, 9. Juli 2019

„Der Horizont vieler Menschen ist wie ein Kreis mit Radius Null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt.“

Albert Einstein. Pazifist & Nobelpreisträger im Kreuzfeuer diffamierender Propaganda

Albert Einstein. Pazifist & Nobelpreisträger im Kreuzfeuer diffamierender Propaganda

Von Roland R. Ropers

„Die Massen sind niemals kriegslüstern, solange sie nicht durch Propaganda vergiftet werden. Wir müssen sie gegen Propaganda immunisieren.“

Albert Einstein wurde am 14. März 1879 in Ulm geboren. Sein Vater hatte eine elektrotechnische Eisenwarenhandlung - später in München in unmittelbarer Nähe der Theresienwiese. Von 1885 – 1894 lebte Albert Einstein in München-Isarvorstadt. Fast vier Jahre lang habe ich nur 150m von dem Einstein-Haus entfernt gewohnt. Mit meinem Freund Hans-Peter Dürr, Quantenphysiker und Friedensnobelpreisträger, habe ich viele Gespräche über Albert Einstein, den er noch persönlich erlebt hatte, geführt.

„Sieht die Welt nicht, dass Adolf Hitler den Krieg zum Ziel hat?“,  mahnte Albert Einstein bereits im Oktober 1933. Seine Glaubensbrüder rief der jüdische Gelehrte zur Flucht auf: Ein Verbleiben der Juden in Deutschland, warnte er, „leistet der Vernichtung Vorschub“. Die meisten wollten davon nichts wissen. 

Der Physiker und Nobelpreisträger war gerade auf einer Vortragsreise in den USA, als er von der Machtergreifung des Diktators erfuhr. Öffentlich verkündete der berühmte Professor, er „wage es nicht mehr, deutschen Boden zu betreten“. Die Nazis waren außer sich vor Wut. Sie verbrannten Einsteins Schriften, durchwühlten seine Wohnung und leerten seine Bankschließfächer. Der Exilant nahm es gelassen: „Die Deutschen mögen mein bisschen Geld fressen.“ 

Eine pazifistische Gesinnung hatte Albert Einstein schon als Schüler. Er besuchte in München zunächst die Volksschule und später das Luitpold-Gymnasium, das seit dem Jahr 1965 Albert-Einstein-Gymnasium heißt. In dieser Zeit zeigte der Junge zwar gute Leistungen in den naturwissenschaftlichen Fächern, Anzeichen für eine außergewöhnliche Begabung waren jedoch keine zu merken. Die Eltern zogen mit der jüngeren Schwester im Jahr 1894 nach Mailand. Albert Einstein blieb zunächst in München, um seine Schulausbildung zu beenden. Da er jedoch mit den Lehrern und dem strikten Erziehungssystem in Konflikt geriet, beschloss er im Alter von sechzehn Jahren, seine Schulausbildung vorzeitig abzubrechen und ebenfalls nach Italien zu übersiedeln, um dem Militärdienst in Deutschland zu entgehen. In den nächsten Monaten hielt er sich in der Lombardei auf und arbeitete im Unternehmen seines Vaters. Dieser hegte den Wunsch, dass Albert Einstein das Studium der Elektrotechnik aufnehmen würde, um eines Tages den Familienbetrieb übernehmen zu können. Albert Einstein bewarb sich gegen den Willen des Vaters an der ETH Zürich mit dem Plan, dort Physik zu studieren, wurde aber abgelehnt, da ihm der Schulabschluss fehlte. Im Zuge seiner Studienberechtigungsprüfung zeigte er exzellente Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern, bestand jedoch aufgrund seiner schlechten Französischkenntnisse nicht. Daraufhin holte er in Aarau an der Kantonsschule die schweizerische Matura nach, die er im Oktober 1896 mit Auszeichnung bestand. Noch im selben Semester nahm er an der ETH Zürich das Studium auf, das er vier Jahre später als diplomierter Lehrer in den Fächern Mathematik und Physik abschloss.

Ausgerechnet im Jahre 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, lockte der deutsche Physiker Max Planck das junge Genie zurück. Einstein durfte aber, das war seine Bedingung, die Schweizer Staatsbürgerschaft behalten. In Berlin machte er sich als Mitglied der Akademie der Wissenschaften daran, die Rätsel des Kosmos zu lösen. 1916 veröffentlichte er seine bahnbrechende Allgemeine Relativitätstheorie - doch im Schlachten-Getümmel nahm kaum einer Notiz davon. Albert Einstein litt an der Kriegsbegeisterung und klagte, „welch trauriger Viehgattung man angehört“. Nach Kriegsende pries er öffentlich die Novemberrevolution und die Ausrufung der Weimarer Republik: „Jetzt wird mir erst recht wohl hier.“

Zur gleichen Zeit erlangte Einstein als Wissenschaftler Weltruhm. Gemäß seiner Allgemeinen Relativitätstheorie konnten Raum und Zeit nur existieren, wenn auch Materie vorhanden war; aus dem Formelwerk ergab sich zugleich, dass massereiche Körper wie Sterne und Planeten den umliegenden Weltraum verbiegen. Während einer Sonnenfinsternis im Sommer 1919 wurde diese Vorhersage glänzend bestätigt. Englische Astronomen beobachteten, dass das Licht der Sterne, wie von Einstein prophezeit, von der Sonne abgelenkt wurde. Die führenden Physiker in Deutschland und der Welt feierten Einstein als den „neuen Newton“. Nur eine kleine Gruppe völkischer Wissenschaftler machte schon früh gegen ihn und seine Ideen mobil. Allen voran bekämpfte der deutschnationale Physiker und Nobelpreisträger Philipp Lenard die Allgemeine Relativitätstheorie als „typisch jüdisches Blendwerk“. 

Die Relativitätstheorie besagt, dass die Wahrnehmung der gleichen physikalischen Prozesse relativ ist, das heißt abhängig vom jeweiligen Standpunkt unterschiedlich ausfallen kann. Damit revolutionierte Einstein die moderne Physik und das allgemein gültige Weltbild seiner Zeit. Für die Entwicklung der Relativitätstheorie war Albert Einstein schon viele Jahre lang als möglicher Nobelpreisträger im Gespräch, die Verleihung wurde jedoch von einem Mitglied des Komitees wegen Zweifeln an seiner Arbeit wiederholt verhindert. Im Jahr 1922 erhielt Albert Einstein die renommierte Auszeichnung schließlich rückwirkend für das Jahr zuvor, allerdings nicht für seine allgemeine Relativitätstheorie, sondern für seine Arbeit an lichtelektrischen Effekten durch Ablenkung im Gravitationsfeld der Sonne, die ihn im Jahr 1919 über Nacht weltberühmt gemacht hatte.

Mit seinem „großen Schwindel“ wolle er nur die „Volksseele vergiften“, geiferte auch der damals noch weithin unbekannte Adolf Hitler. Im August 1920 gründeten die Rechten die „Arbeitsgemeinschaft deutscher Naturforscher zur Erhaltung reiner Wissenschaft“; ihr Ziel: die „Judenreinheit der deutschen Wissenschaft“. Die Einstein-Gegner organisierten Vorträge zur Widerlegung der Relativitätstheorie; meist gingen sie nach hinten los - bei den Versammlungen ging es zu wie im Bierzelt, die wirrsten Köpfe meldeten sich mit eigenen Welterklärungen zu Wort. Erst die heftigen, politisch gefärbten Auseinandersetzungen um ihn und sein Weltmodell machten den Professor mit dem wilden Haaren in den 1920-er Jahren zum Superstar. Was der Gelehrte fortan auch von sich gab, die Presse verbreitete es. „Wie bei dem Mann im Märchen alles zu Gold wurde, was er berührte“, stöhnte er, „so wird bei mir alles zum Zeitungsgeschrei.“

Die deutsche Forscherelite störte sich zwar an dem Rummel um Einstein, stand aber zu ihm. Um den berühmten Wissenschaftler in Berlin zu halten, erhöhte das Kultusministerium mehrfach sein Gehalt. Allmählich begriffen auch die rechten Dunkelmänner, dass sie den genialen Physiker auf dem Gebiet der Wissenschaft nicht besiegen konnten. Also trachteten sie ihm nach dem Leben. In den Anfangsjahren der Weimarer Republik kam es regelmäßig zu Mordanschlägen auf prominente Juden und Demokraten. Im Juni 1922 erschossen rechtsradikale ehemalige Offiziere Außenminister Walther Rathenau. Kurz darauf sagte Einstein seinen Vortrag auf der Naturforscher-Versammlung ab; er sei gewarnt worden, dass die „völkische Seite“ auch gegen ihn ein Attentat plane. Um sich vor Mordanschlägen zu schützen, flüchtete Einstein ins Ausland: „Nun hilft nichts als Geduld und Verreisen.“ Er fuhr nach Japan, Spanien und Palästina, besuchte Schweden, Frankreich und die USA, Argentinien und Uruguay. 

Für die deutsche Regierung waren Einsteins Reisen äußerst nützlich. Nach dem verlorenen Krieg war Deutschlands Ansehen in der Welt auf einem Tiefpunkt. Der pazifistische Gelehrte war genau der richtige Mann, um die Fronten aufzuweichen. Lobend hoben die Diplomaten hervor, dass Einstein seine Vorträge stets auf deutsch hielt. Dabei störte es wenig, dass er wenig patriotische Gründe dafür hatte; das Genie hatte nur große Schwierigkeiten, Fremdsprachen zu erlernen. Gespenstisch verlief der Besuch im Weißen Haus: US-Präsident Warren G. Harding (1865 - 1923) sprach nur englisch, Einstein verstand kein Wort. Stumm ließen sie sich nach dem Dinner fotografieren. 

Ende 1922 kam es zu einem diplomatischen Eklat. Als Einstein der Nobelpreis verliehen werden sollte, hielt er sich unerreichbar in Japan auf. Der deutsche und der Schweizer Gesandte in Stockholm stritten sich, wem die Ehre zufiel, den Preis entgegenzunehmen. Forsch behauptete der deutsche Vertreter: „Einstein ist Reichsdeutscher“. Am Tag nach der Preisverleihung erfuhr er, dass Einstein einen Schweizer Pass besaß. Zerknirscht empfahl er dem Auswärtigen Amt, über den peinlichen Vorfall nach außen „kein Wort zu verlieren“. Dass Albert Einstein vom deutschen Staat „als Renommierbonze und Lockvogel“ herumgereicht wurde, nahm er gelassen hin. Ihm war die Aussöhnung der Völker ein Herzensanliegen; vor allem aber wollte er seine Forscherkollegen aus der weltweiten Isolation herausführen. Nach dem Krieg wurden sie nicht mehr zu Kongressen eingeladen und aus Fachorganisationen rausgeworfen. Erst als Deutschland 1926 dem Völkerbund beitrat, war der Forschungsboykott beendet. Zum Staatsfeind wurde Einstein aber schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik, als er für den diplomatischen Einsatz nicht mehr gebraucht wurde. Immer häufiger landete sein Name in den Geheimakten des „Reichskommissariats für die Überwachung der Öffentlichen Ordnung“, da er sich in linken oder pazifistischen Organisationen engagierte. 

Penibel registrierten die Staatsschützer, wann und wo der Gelehrte etwa an Treffen der „Liga für Menschenrechte“ teilnahm. Aktenkundig wurde 1927 auch, dass Einstein im Präsidium der „Gesellschaft der Freunde des neuen Russlands“ saß; diese Organisation, so urteilten die Staatsschützer, verfolge den Zweck, „russische Ideen in die deutsche Gelehrtenwelt hineinzutragen". 

Für die Nazis waren die Überwachungs-Protokolle aus dem Reichskommissariat („Streng vertraulich!“) später ein gefundenes Fressen. Unter anderem mit diesen Dokumenten rechtfertigten sie die Enteignung des weltberühmten Wissenschaftlers. Bereits am 10. Mai 1933, dem Tag der Bücherverbrennung, teilte das Geheime Staatspolizeiamt den „Eheleuten Professor Albert Einstein“ schriftlich mit, „Ihre Guthaben und Depots bei der Dresdner Bank“ würden beschlagnahmt. Begründung: „Einstein betätigte sich kommunistisch.“ Die Maßnahme diene mithin der „Abwehr staatsgefährdender Umtriebe“. 

Einstein war ein wohlhabender Mann, 46.134,75 Reichsmark flossen in die Staatskasse. Und als hätte es diesen Raub nie gegeben, forderte das Finanzamt die Einsteins dann auch noch dazu auf, die „Reichsfluchtsteuer“ in Höhe von 15.675  Reichsmark zu überweisen; diese sei fällig, weil das Ehepaar unerlaubt das Deutsche Reich verlassen habe. Albert Einstein und seine Familie verließen Deutschland aufgrund der politischen Entwicklungen bereits im Jahr 1932. Der Physiker hat deutschen Boden danach nie wieder betreten. Er ließ sich in Princeton nieder, wo er am Institute für Advanced Studies weitgehend erfolglos an der Entwicklung einer Feldtheorie forschte. Aus Angst vor einer atomaren Aufrüstung des Dritten Reiches schrieb er im ersten Kriegsjahr an US-Präsident Franklin D. Roosevelt (1882 - 1945) und wies ihn auf die Möglichkeit hin, mit Nuklearenergie eine Atombombe mit großer Zerstörungskraft herstellen zu können. Im Jahr 1952, nachdem Chaim Weizmann verstorben war, wurde ihm die Präsidentschaft Israels vorgeschlagen, die Albert Einstein jedoch ablehnte. In Princeton erlag er am 18. April 1955 inneren Blutungen, die durch ein Aneurysma ausgelöst worden waren.

Leider sind seine letzten Worte nicht überliefert, weil er in den Tagen vor seinem Tod nur noch deutsch sprach und die ihn behandelnden Ärzte und Krankenschwestern ihn nicht verstehen konnten.

„Der Horizont vieler Menschen ist wie ein Kreis mit Radius Null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt.“

Bilder: @worldeconomy @depositphotos

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