Von der Plutokratie zur Kleptokratie

Dienstag, 25. September 2018

Vor der „größten Wirtschaftskrise aller Zeiten“

Von Wolfgang Bittner

Der bekannte Finanz- und Wirtschaftsexperte Dirk Müller hat ein neues Buch veröffentlich: „Machtbeben“. Darin warnt er vor „der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten“. Das ist eine düstere Prognose, und so lautet auch der Titel des ersten Kapitels: „Schwere Gewitterwolken am Horizont.“ Der Autor sagt einen Jahrhundert-Crash in allernächster Zeit voraus, ähnlich dem des Jahres 1929. Er begründet das unter anderem mit der anhaltenden Niedrigzinsphase: „Die Finanzwelt hat mit der faktischen Abschaffung des Zinssatzes ihre Orientierung verloren. Eine Welt, in der die Bundesrepublik Deutschland sich für fünf Jahre Geld leihen kann und aufgrund eines negativen Zinssatzes von -0,3 Prozent am Ende weniger zurückzahlen muss, als sie aufgenommen hat, ist keine Normalität … im Gegenteil vollkommen ‚verrückt‘“.
Doch würden die Notenbanken die Zinsen erhöhen, würden sie eine Katastrophe auslösen, weil die Banken längerfristige günstige Kredite mit kurzfristigen Kreditaufnahmen finanzieren. Demnach – so Müller – sei die nächste Rezession „nicht eine Frage des ‚Ob‘, sondern des ‚Wann‘, und diese brisante Situation sei eine Folge der Weltwirtschaftskrise von 2008. Danach sei die „größte Anleiheblase in der Geschichte der Menschheit“ entstanden, die ohne eine erneute Finanzkrise nicht gelöst werden könne.

Der Finanzexperte nennt weitere internationale Gefährdungen: „Europas Banken haben zusammen nahezu 1 Billion Euro an faulen – das bedeutet: notleidenden oder ausfallgefährdeten – Krediten in den Büchern. Davon entfallen 360 Milliarden auf Italiens Banken. In Griechenland sind auch im Jahr 2018 noch immer 47 Prozent aller Kredite faul.“ Und weiter: „Ende 2009 hatte die Bundesbank eine Forderung in Höhe von knapp 200 Milliarden Euro, auf dem Höhepunkt der Eurokrise waren es 750 Milliarden … Heute stehen wir bei knapp 1 Billion Euro. Kein Zeichen für Entspannung, eher für das nächste große Beben.“ Auch hohe Problemkredite in den USA hält Müller für eine Zeitbombe: Er nennt beunruhigende Zahlen: „Die Subprime-Kredite im Jahr 2007 hatten ein Volumen von 1,3 Billionen US-Dollar. Heute sind es die Studentenkredite, die bei unglaublichen 1,4 Billionen US-Dollar liegen.“ Hinzu kommen Automobilkredite in Höhe von 1,2 Billionen sowie erneute Subprime-Immobilienkredite und Kreditkartenschulden in schwindelerregender Höhe. Trotz einer immens hohen Staatsverschuldung werden weiterhin unbekümmert Staatsanleihen ausgegeben, die aber jederzeit einzulösen sind, weil die USA nicht „pleitegehen“ können. Denn sie verschulden sich in der Weltleitwährung US-Dollar und können – wie der ehemalige Vorsitzende der Notenbank (FED), Alan Greenspan, einmal gesagt hat – bei Bedarf jede beliebige Menge Geld drucken.

Herrschaft der Plünderer und Manipulatoren

Müller sieht die Gesellschaft auf dem Weg in die „Kleptokratie“, eine Herrschaft der Plünderer, in der die Reichen „ihre Macht ausschließlich zum eigenen Vorteil nutzen, sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern und, da sie keine Gegenwehr erfahren, dies immer unverhohlener tun“. Den Präsidenten der USA, des mächtigsten und reichsten (und am höchsten verschuldeten) Staates der Welt, bezeichnet er als „Portier“ der eigentlichen Eigentümer und Manager, einer „hybriden Vereinigung von Regierungselementen und Teilen der Finanzwirtschaft und Industrie auf höchster Ebene, die effektiv in der Lage ist, die Vereinigten Staaten ohne Bezugnahme auf die Zustimmung der Regierten zu regieren“.

Die angebliche Manipulation der US-Wahlen durch Russland hält Müller für einen Witz, ebenso wie die verbreitete Vorstellung, die Wahl eines amerikanischen Präsidenten sei demokratisch. Zur Käuflichkeit der US-Politik bringt er einige anschauliche Beispiele, und er weist darauf hin, dass die USA für die Einflussnahme auf andere souveräne Staaten mehr Geld ausgeben, als für den eigenen Wahlkampf, in den 2017 etwa 2,17 Milliarden Dollar geflossen seien. Insofern sei lachhaft, dass russische Internetaktivisten mit gekauften Facebook-Anzeigen im Wert von 100.000 Dollar die Präsidentenwahl beeinflusst hätten, und das im mächtigsten Land der Welt, das über die größten Geheimdienste und die größte Militärmacht verfügt, in dem wenige Personen über die komplette Medienlandschaft herrschen.

Die weltpolitische Situation

Zu den wirtschaftlichen Problemen in Europa und den USA kommen die weltweiten, zumeist von den USA durch ihre Interventionspolitik hervorgerufenen Krisen und Konflikte, die eine zusätzliche Gefährdung des internationalen Wirtschaft- und Finanzsystems darstellen. Dazu gehören die Auseinandersetzungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien sowie den USA, die Kriege in Syrien und der Ukraine, wobei die Gefahr eines dritten Weltkriegs besteht; hinzu kommen die Gefährdungslagen in Nordkorea, Myanmar und in China. Ein besonders hohes Risiko sieht Müller darin, dass in China eine gigantische Finanzblase entstanden sei. Das könne nur so lange gut gehen, wie immer neues Geld nachfließt und immer neue Investoren kommen.

Weiten Raum nehmen die Ausführungen des Autors zum Ende des Ölzeitalters und die daraus folgenden Probleme ein. Außerdem geht Müller auf die Expansion Chinas nach Westen ein, auf das sogenannte One Belt, One Road-Projekt, das auch unter der Bezeichnung „Neue Seidenstraße“ bekannt geworden ist. In dieses Vorhaben, das informierte Wirtschaftsanalysten als das größte Wachstumsprojekt in der modernen Geschichte ansehen, beabsichtigt China jährlich 150 Milliarden US-Dollar zu investieren. Es geht dabei um den Aufbau der Infrastruktur Eurasiens von Südchina und Indien über Wladiwostok und Sibirien bis Moskau und verkehrsmäßig bis nach Westeuropa. 

Hier ist Müller der Auffassung, dass diese eurasische Erschließung weitgehend an Russland vorbeigehen werde. Doch das bleibt eine Hypothese, die außer Acht lässt, dass Russland seit Beginn an dem Projekt beteiligt ist. Aufgrund der Aggressions- und Sanktionspolitik des Westens wird es immer mehr in eine Verbindung mit China gedrängt, auch wenn das den weiteren Aufstieg der zweiten Hegemonialmacht auf dem eurasischen Kontinent begünstigt. Und eine entscheidende Frage wird sein, ob die USA das One Belt, One Road-Projekt, das zu einem riesigen, von ihnen unabhängigen Binnenmarkt führen würde, gegebenenfalls mit militärischen Mitteln verhindern werden. Eine explosive Situation besteht nun schon seit Längerem durch die Konfrontation der USA mit Russland in Syrien und in der Ukraine.

Wie weiter?

Der größte Crash aller Zeiten wird also nach Überzeugung des Autors demnächst kommen, wobei er zugleich einschränkt, „dass niemand absolut sicher sein kann, was als nächstes geschieht, so gut er auch informiert sein mag“. Für den Fall der Fälle gibt Dirk Müller im vorletzten Abschnitt seines Buches Tipps, wie jemand, der sein Vermögen (so er denn eines hat) absichern und seinen Lebensstandard aufrechterhalten möchte, die prognostizierte Krise bewältigen kann. Er nennt es „ein Vorsorgekonzept“ und setzt auf Cash nach der Krise. Ob sich seine Tipps bewähren und inwieweit die Vorhersagen eintreffen werden, lässt sich freilich erst hinterher sagen. Unbeantwortet bleibt zudem die Frage, wie jemand bei einem Zusammenbruch des Finanzsystems und wenn die Banken geschlossen bleiben oder insolvent sind, an Cash kommen kann. Sollte er Bargeld horten? Aber was ist es nach einem Crash noch wert? Hier lässt der Autor nicht nur die Spekulanten im sauren Regen stehen.Aber es geht schließlich nicht nur ums Geld. Was kann getan werden, um dem Zerfall einer humanen Gesellschaft, wie er sich abzeichnet, entgegenzuwirken? Dirk Müller empfiehlt, sich einzumischen und den „herrschende Machteliten“ zu widerstehen – „sofern ein solcher Widerstand überhaupt noch möglich ist“. Mit dieser einschränkenden Einschätzung und dem, was er zuvor an Bedrohungsszenarien aufgezeigt hat, sind das gelinde gesagt bedrückende Aussichten. Daran ändert auch nichts sein immer wieder aufkommender Optimismus.

Zu guter Letzt lässt der Finanz- und Wirtschaftsexperte – trotz allem – eine Zukunftsvision vom Ende des Bargeldes, von selbstfahrenden Autos, Digitalisierung und Automatisierung am Horizont aufscheinen. Er wirbt dafür, Digitalisierung und Automatisierung nicht als Gefahr, sondern „als die größte Chance der jüngeren Menschheitsgeschichte“ zu sehen: „Wäre es nicht eine fantastische Vorstellung, jene, die den größten Teil ihres Lebens damit verschwenden, Arbeiten zu verrichten, die ihnen keine Freude machen und ihnen keinen Sinn stiften, vom Joch dieser Arbeit zu befreien?“ Müller bezieht sich dabei auf die Vorstellungen des griechischen Philosophen Aristoteles, der in der Tat die Lohnarbeit, die den Menschen von einem „tugendhaften, glücklichen Leben“ abhält, problematisiert hat (zugleich aber die Sklaverei als unentbehrlich für das damalige Wirtschaftsleben und Frauen als mindere Geschöpfe ansah).Nun lehrt die bisherige Erfahrung, dass die neueren technologischen Errungenschaften sich zwar durchaus positiv auswirken, aber eben nicht nur Segen bringen, sondern die Menschheit mehr und mehr in die Orwellsche Richtung eines totalitären Staatswesens führen. Dementsprechend kommt Müller auch nicht umhin, auf bedenkliche Entwicklungen in China einzugehen, die es allerdings ähnlich schon des Längeren auch in den USA und zunehmend in Europa gibt. Insofern hält sich die Begeisterung für die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung bei vielen, denen vordringlich an einer friedlichen, humanen Welt liegt, in Grenzen.

Alles in allem ist dem Autor jedoch ein spannender Einblick in die gegenwärtige finanz- und wirtschaftspolitische Realität gelungen. Darüber hinaus geht er auf die zu erwartenden, für ihn vorhersehbaren Gefährdungen ein und setzt sich auf vielfältige Weise mit den neuesten gesellschaftlichen Strömungen auseinander, nicht zuletzt mit einer für einen Börsianer erstaunlich systemkritischen Haltung. Das macht sein mit zahlreichen Zitaten und Exkursen angereichertes Buch zu einer außergewöhnlichen Informationsquelle.

Dirk Müller, Machtbeben. Die Welt vor der größten Wirtschaftskrise aller Zeiten – Hintergründe, Risiken, Chancen, Wilhelm Heyne Verlag, München 2018, gebunden, 352 Seiten, 22,-- Euro.

Der Schriftsteller und Publizist Dr. jur. Wolfgang Bittner lebt in Göttingen. 2017 erschien von ihm im Westend Verlag in Frankfurt am Main das Buch „Die Eroberung Europas durch die USA – eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung“.

Erstveröffentlichung bei KenFM: https://kenfm.de/von-der-plutokratie-zur-kleptokratie/

Bilder: @depositphotos

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