NATO – Die Gründungslüge. Gastbeitrag

Samstag, 20. April 2019

Nach dem Krieg ging von der Sowjetunion keine Gefahr aus. Doch die NATO diente als Vorwärtsposten für die internationale Expansion der USA. Der Marshall-Plan half bei der Finanzierung. Um Demokratie ging es nicht.

Nach dem Krieg ging von der Sowjetunion keine Gefahr aus. Doch die NATO diente als Vorwärtsposten für die internationale Expansion der USA. Der Marshall-Plan half bei der Finanzierung. Um Demokratie ging es nicht.

NATO – Die Gründungslüge

Von Werner Rügemer

Mit Marshall-Plan und NATO banden die USA Westeuropa an sich. Den militärisch-zivilen Doppelcharakter verkörperte George Marshall: Während des Weltkriegs koordinierte er als Chief of Staff das US-Militär. Nach dem Krieg organisierte er als Außenminister von 1947 bis 1949 den Marshall-Plan. 1950 und 1951 organisierte er als US-“Verteidigungsminister“ militärische Interventionen in Europa (Griechenland) und weltweit. Gleichzeitig wurde das seit 1789 für die militärische Expansion zuständige War Department 1947 in Defense Department umbenannt. Ab 1947 erhielten alle späteren NATO-Mitglieder Hilfen aus dem Marshall-Plan: Großbritannien, Frankreich, Portugal, Niederlande, Belgien, Luxemburg, Dänemark, Island, Italien, Norwegen. Zusätzlich beschloss der US-Kongress 1949 Hilfen für die Aufrüstung der NATO-Gründerstaaten.Die Verschwörungstheoretiker simulierten die Gefahr eines sowjetischen Überfalls auf Westeuropa. Doch die verwüstete, bevölkerungsmäßig und wirtschaftlich geschwächte Sowjetunion war zu einem Angriff nicht fähig, zu einer dauerhaften Besetzung überhaupt nicht. Das hielt der Chefplaner im State Department, George Kennan, 1948 für den internen Gebrauch der US-Regierung fest.Es ging auch nicht um Demokratie, im Gegenteil: alle NATO-Staaten – außer Luxemburg und Norwegen – waren aktive Kolonialmächte. Die meisten waren zudem Monarchien. Die USA selbst unterhielten in neokolonialer Art zahlreiche abhängige Territorien, beherrschten Staaten in Asien, Mittelamerika und in der Karibik mit Hilfe von Diktatoren eingesetzten Regierungen.  

Europäische Kolonialmächte 

So gründeten die USA am 4. April 1949 in Washington die NATO. Sie wurde als „Verteidigungsbündnis“ ausgegeben und folgte damit der US-Sprachregelung: Die Aggressoren gaben sich als Opfer aus, die sich verteidigen müssen. Alle anderen Mitglieder waren von den USA abhängig, nicht nur durch den Marshall-Plan, sondern auch durch zusätzliche Kredite, Militärhilfen und Investitionen. Großbritannien war während des Krieges von den USA durch Rüstung, Schiffe und Nahrungsmittel beliefert worden und war bei US-Konzernen und Wall Street hochverschuldet. Die USA sorgten dafür, dass der IWF 1947 den ersten großen Kredit an Großbritannien vergab: Damit wurde die Labour-Regierung versöhnt und erpresst. Schon im Krieg hatte Großbritannien den USA mehrere Militärstützpunkte im Commonwealth überlassen. Zur Zeit der NATO-Gründung bekämpfte die Labour-geführte Regierung die Befreiungsbewegung in Ghana, bezeichnete den Vorsitzenden der Convention People’s Party, Kwane Nkrumah als „little local Hitler“ und steckte ihn 1950 ins Gefängnis. Erst 1957 konnte Ghana mit Nkrumah selbständig werden. Die USA, die mit ihrem Geheimdienst OSS schon ab 1943 in Griechenland und der Türkei präsent waren, lösten 1948 dort die Briten ab.

Kanada war doppelt abhängig: Formal Mitglied des Commonwealth, seit Ende des 19. Jahrhunderts real eine Wirtschaftskolonie der USA. Die kanadischen Truppen hatten unter britischem Kommando gestanden, und die britischen Truppen sowie die gesamte britische Kriegswirtschaft waren den USA unterstellt. 

Frankreich war das zweitwichtigste europäische NATO-Mitglied. Die US-Army hatte 1944 das Land, zusammen mit Briten und Kanadiern, von den Nazis und der Vichy-Kollaborationsregierung befreit. Die linke Résistance, die vom US-Geheimdienst OSS unterwandert worden war, wurde schnell ausgeschaltet. General Charles de Gaulle, der ein unabhängiges Frankreich vertrat, musste man bei der Siegesparade auf den Champs Elysées in Paris mitlaufen und dann eine provisorische Regierung bilden lassen, in der die kommunistische Partei vertreten war. Die Weltbank unter dem Wall Street-Banker John McCloy vergab – noch vor dem Marshall-Plan - einen Kredit an Frankreich, unter der Bedingung: De Gaulle und die Kommunisten rauswerfen! 

Christliche Politiker wie Robert Schuman, die vom CIA alimentiert wurden, wurden in die Regierung manövriert, die einen großen Kredit bekam. Die USA rüsteten 1948 zudem drei französische Divisionen in Westdeutschland auf, damit Frankreich als Besatzungsmacht auftreten konnte. Die Kolonie Algerien wurde NATO-Vertragsgebiet. Gleichzeitig verlangte Schuman militärische Hilfe gegen den „Kommunismus“ in der Kolonie Indochina: Die im September 1945 von der Unabhängigkeitsbewegung Vietminh unter Ho Chi Minh ausgerufene Demokratische Republik Vietnam sollte vernichtet werden. Die USA halfen mit Militärberatern, Nahrungsmitteln und Rüstungsgütern. Die Weltbank mit McCloy genehmigte im NATO-Gründungsjahr 1949 auch dafür einen Kredit. 

Die drei Benelux-Staaten, deren Banken, Konzerne und Regierungen im Krieg mit den Nazis kollaborierten, hatten keinen militärischen Beitrag gegen Hitler-Deutschland geleistet. Aber Belgien und die Niederlande durften aus US-Gnaden als Besatzungsmächte nach Westdeutschland einrücken. Auch den Niederlanden gestand McCloy im NATO-Gründungsjahr 1949 einen Kredit der Weltbank zu, damit die Unabhängigkeitsbewegung in der Kolonie Indonesien bekämpft wurde. Indonesien erhielt zusätzlich zum „Mutterland“ Hilfen aus dem Marshall-Plan. Gegen die 1945 gegründete Republik Indonesien gingen die 145.000 niederländischen Militärs mit der Bombardierung von Städten vor, töteten zehntausende Widerstandskämpfer und Zivilisten und nahmen die Regierung gefangen. 

Belgien beutete seine rohstoffreiche Kolonie Kongo auch nach 1945 mit US-Zustimmung weiter aus. Die USA hatten seit Kriegsbeginn von hier das für die Atombomben entscheidende Uran bezogen. Der Bergwerkskonzern Union Minière du Haut Katanga – die Rockefellers waren daran beteiligt - hatte schon 1939 seine Zentrale von Brüssel nach New York verlegt. Antikolonialer Widerstand im Kongo wurde jetzt nach dem Krieg bekämpft: Gewerkschaften waren verboten, Streikende wurden erschossen oder öffentlich ausgepeitscht.

Das faschistische Portugal war im Krieg neutral und deshalb wirtschaftlich für Nazi-Deutschland umso wichtiger gewesen: Als einziger Staat lieferte Portugal das kriegsentscheidende Edelmetall Wolfram für die Stahlhärtung. In Portugal wurden Raubaktien und Raubgold für die Finanzierung der deutschen Kriegsführung gewaschen. Die USA gaben nach 1945 die asiatischen Kolonien Timor und Macau, die von Japan besetzt worden waren, an Portugal zurück. In den afrikanischen Kolonien Mosambik und Angola herrschte kolonialistische Zwangs- und Plantagenwirtschaft (Kaffee, Baumwolle). Die Kommunistische Partei als wichtigste Befreiungsorganisation war verboten und wurde verfolgt. USA und NATO nutzten die portugiesischen Azoreninseln als Militärstützpunkte. 

Kleine Staaten und spätere Mitglieder

Island war 1940 von den USA besetzt worden, hatte sich 1944 vom Status als dänische Halbkolonie gelöst. Es bekam Marshall-Plan-Gelder, unterhielt kein eigenes Militär, diente aber als US- und NATO-Stützpunkt. 

In Dänemark wurde nach der Nazizeit eine Regierung gebildet, zu der auch die Kommunistische Partei gehörte. Auch hier wurde mit der Sozialdemokratisierung und mithilfe des Marshall-Plans die ursprünglich gewollte Blockfreiheit verhindert. 

In Norwegen wollte die sozialdemokratische Regierung nach der deutschen Besetzung blockfrei bleiben. Aber mithilfe des Marshall-Plans und Militärhilfen manövrierten die USA auch Norwegen in die NATO.

In Grönland, damals eine Kolonie Dänemarks, hatten die USA schon 1941 Militärstützpunkte errichtet. Grönland wurde wie die französische Kolonie Algerien 1951 zum NATO-Verteidigungsgebiet erklärt. 

Griechenland und Türkei: Im NATO-Gründungsjahr bombardierten US-Sturzkampfflieger die Stellungen der antifaschistischen Befreiungsbewegung in Griechenland mit Napalm und rüsteten das monarchietreue Militär aus. Es erhielt auch Marshall-Plan-Gelder. Als die USA hier wie in der benachbarten Türkei für eine US-abhängige Regierung gesorgt hatten, holten sie 1952 die beiden Staaten in die NATO.

Bundesrepublik Deutschland: In dem 1949 gegründeten Teilstaat sagte dessen Kanzler Konrad Adenauer dem jetzt als US-Hochkommissar agierenden McCloy heimlich die Wiederbewaffnung zu. Die USA förderten schon ab 1950 die Rüstungsproduktion in der BRD für den Krieg gegen die Volksbefreiungsbewegung in Korea. 1950 schloss die NATO die BRD in das NATO-Verteidigungsgebiet ein – fünf Jahre vor dem formellen NATO-Beitritt. 

Die USA dringen in die europäischen Kolonien ein

In den Kolonien der Europäer lagerten wichtige Rohstoffe. An diese wollten US-Unternehmen möglichst günstig herankommen. Die USA brauchten noch mehr Uran für Atombomben. Die Marshall-Plan-Behörde in Paris erfasste mit der Abteilung „Strategische Rohstoffe“ z.B. Uran, Kobalt und Cadmium im Kongo; Mangan und Graphit in Madagaskar; Blei, Kobalt und Mangan in Marokko;  Zinn in Kamerun; Chrom und Nickel in Neu-Kaledonien; Kautschuk in Indochina; Öl in Indonesien; daneben Industriediamanten, Asbest, Beryllium, Tantalit und Colombit. Marshall-Plan und State Department organisierten ab 1948 Rohstoff-Kaufverträge etwa für United Steel, Bethlehem Steel und Newmont Mining. US-Investmentbanken wie Morgan Stanley und Lazard Frères finanzierten die  Modernisierung von Bergwerken in den Kolonien. Alle NATO-Gründungsmitglieder – außer Island, Portugal und Italien - hatten 1945 die UNO mitbegründet. Aber die NATO war ein Bündnis, das die UNO-Charta, Artikel 1 „Selbstbestimmung der Nationen“, von Anfang an dauerhaft verletzte. NATO-Mitglieder zogen mit in die von den USA angeführten, zahlreichen heißen Kriege des zu Unrecht so genannten „Kalten Krieges“. 

Letzte Buchveröffentlichung des Autors: Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Köln 2018, 358 Seiten, 19,90 Euro.

Bilder: @worldeconomy Quelle: nachdenkseiten.de 

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