Jürgen Habermas wird 90

Mittwoch, 19. Juni 2019

Deutschlands bekanntester Intellektueller und Merkel-Kritiker

Von Roland R. Ropers

„Ungekränkt miteinander zu leben, ist schon viel.“ Das war einer der Sätze, der chinesische Studenten schon 2001 aufhorchen ließ, als der Sozialphilosoph Jürgen Habermas an der Peking-Universität mit ihnen in eine Diskussion eintrat. Jürgen Habermas, der weltweit bekannte Repräsentant der „Frankfurter Schule“, der ehemalige Schüler und Forschungsassistent von Theodor W. Adorno (1903 – 1969) und Max Horkheimer (1895 – 1973) wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren. Der Vater von Jürgen Habermas war Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Köln (Sitz Gummersbach), die Mutter stammte aus der Brauereifamilie Köttgen. Der seit vielen Jahren in Starnberg am Starnberger See lebende „Meisterdenker“ ist verheirateter Vater von einem Sohn und zwei Töchtern, die Universitäts-professorinnen für Psychologie und Geschichte sind.

Angriff auf Angela Merkel und die politische Elite

Im Jahr 2011 hat Jürgen Habermas in der Süddeutschen Zeitung, München, mit der Machtpolitik von der Bundeskanzlerin Angela Merkel abgerechnet. Er wirft ihr Machtstreben, Ziellosigkeit und zu große Abhängigkeit von Umfrageergebnissen vor. Seit sie im Amt sei, habe die deutsche Europapolitik keine Konturen mehr. „Man kann nicht mehr erkennen, worum es geht, ob es über-haupt noch um mehr geht als den nächsten Wahlerfolg.“ Als einen der Gründe für das nachlassende Interesse an Europa sieht Jürgen Habermas das wachsende Selbstbewusstsein des wiedervereinigten Deutschlands. Nie sei der Vorrang nationaler Interessen so blank in Erscheinung getreten wie unter Angela Merkel.

Das neue Selbstverständnis habe die bis dahin gehegte Kultur der Zurückhaltung verdrängt: „Genschers Vorstellung von der ‚europäischen Berufung' eines kooperativen Deutschlands spitzt sich immer stärker auf einen unverhohlenen Führungsanspruch eines ‚europäischen Deutschlands in einem deutsch geprägten Europa' zu. Eine demokratische Wahl ist nicht dazu da, ein naturwüchsiges Meinungsspektrum bloß abzubilden; vielmehr soll sie das Ergebnis eines öffentlichen Prozesses der Meinungsbildung wiedergeben.“ 

Für den europäischen Einigungsprozess sieht Habermas schwarz. Er stecke in einer Sackgasse und könne ohne grundsätzliche Veränderungen nicht weitergehen: nämlich die Beteiligung der Bevölkerung. „Stattdessen stecken die politischen Eliten den Kopf in den Sand. Sie setzen ungerührt ihr Eliteprojekt und die Entmündigung der europäischen Bürger fort. Die schnelle Aufeinanderfolge von Finanz-, Schulden- und Euro-Krise hat die falsche Konstruktion eines riesigen Wirtschafts- und Währungsraums, dem aber die Instrumente für eine gemeinsame Wirtschaftspolitik fehlen, sichtbar gemacht.“

Den Bauherren des Stabilitätspakts wirft er vor, erneut die Menschen außen vor gelassen zu haben – obwohl die Beschlüsse maßgeblichen Einfluss auf ihren Alltag haben: In jedem Land wird ein Maßnahmenkatalog zur Finanz-, Wirtschafts-, Sozial- und Lohnpolitik umgesetzt. Neben den Politikern stellt Habermas auch die Journalisten an den Pranger: „Die munteren Moderator(inn)en der zahlreichen Talkshows richten mit ihrem immer gleichen Personal einen Meinungsbrei an, der dem letzten Zuschauer die Hoffnung nimmt, es könne bei politischen Themen noch Gründe geben, die zählen.Habermas wirft der Branche vor, immer enger mit der politischen Klasse zusammen-zuwachsen – und darauf auch noch stolz zu sein. Auch sieht er Themen falsch gewichtet. Die Euro-Krise sei als hochspezialisiertes Wirtschaftsthema behandelt worden – ohne politischen Kontext.

"Modelle der Demokratie" an der Peking-Universität

Bereits im Alter von 25 Jahren wurde Jürgen Habermas an der Universität Bonn mit einer Arbeit über den Philosophen Friedrich Schelling promoviert. Ein Stipendium brachte ihn im Jahr 1956 an die Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in Frankfurt. Marx Horkheimer geriet mit dem Gedankengut seines Assistenten in Konflikt und lehnte dessen Habilitation bei ihm ab. 1961 gelang es Habermas, sich bei Wolfgang Abendroth mit seiner Arbeit „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ erfolgreich zu habilitieren. Nach einer Zwischenstation in Heidelberg wurde er 1964 auf Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie in Frankfurt berufen. Er wechselte 1971 nach Starnberg, wo er bis 1981 gemeinsam mit Carl-Friedrich von Weizsäcker das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete. Er kehrte auf seinen Lehrstuhl nach Frankfurt zurück und blieb dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994.

Jürgen Habermas ging stets sehr neugierig der Frage nach, ob sich eine Gesellschaftstheorie sprachtheoretisch begründen lässt. Er unterscheidet drei universale Typen von Sprechakten, die jeweils auf einem verschiedenen „Kommunikationsmodus“ beruhen und denen unterschiedliche Geltungs-ansprüche zugeordnet sind:

  • Konstativa (beschreiben, berichten, erklären, voraussagen) beziehen sich auf die kognitive Ebene. Sie dienen der Darstellung eines Sachverhaltes im Orientierungssystem der äußeren Welt. Der Maßstab ihrer Geltung ist Wahrheit.
  • Expressiva, auch Repräsentativa (wünschen, hoffen, eingestehen) beziehen sich auf Intentionen und Einstellungen. Sie sind Ausdruck eines Erlebens in einer subjektiven Welt. Der Maßstab ihrer Geltung ist Wahrhaftigkeit.
  • Regulativa (entschuldigen, befehlen, warnen, versprechen) beziehen sich auf soziale Normen und Institutionen. Sie dienen der Herstellung eines Zustandes in der gemeinsamen Lebenswelt. Der Maßstab ihrer Geltung ist die Richtigkeit.

Die Sprache des „Philosophen“ Jürgen Habermas ist ein sehr diffiziles Konstrukt seines Intellekts, man vermisst die Schwingungen der Worte, die aus dem Herzen kommen. „Philosophie“ bedeutet „Freund der Weisheit“, aber nicht Freund abstrakter, metaphysischer Denkmodelle.

Im Oktober 2001 wurde Jürgen Habermas in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Wenige Monate zuvor kam er zu Vorlesungen in die VR China. Für Professor Jin Xiping, einen der führenden Hegelianer und Heidegger-Kritiker seines Landes, war der Besuch seines deutschen Kollegen ein Stück chinesischer Philosophiegeschichte. Der Hörsaal der Peking-Universität hat 2000 Plätze, und alle waren besetzt.

Von Habermas gibt es ein Dutzend Übersetzungen seiner Bücher. Weder seine Lehrer Adorno und Horkheimer noch Heidegger und Derrida sind dem chinesischen Leser in ähnlich ausführlichen Behandlungen zugänglich. Das liegt an der herausragenden Rolle, die Habermas als radikaler Kritiker des linken Parteidogmatismus einnimmt. Die Peking-Universität ist die Geburtsstätte aller demokratischen und revolutionären Gedanken in China. Hier begann 1919 die 4. Mai-Bewegung, die in die kommunistische Revolution führte. Hier tobte die Kulturrevolution, bevor man sich vom Dogmatismus abwandte und 1989 die demokratische Studentenrevolte anzettelte. Diesen Ruf will die Universität nicht verlieren. Sie hatte Habermas eingeladen, über Modelle der Demokratie“ zu sprechen.

Zunächst dachte die Leitung der Peking-Universität an eine unspektakuläre Vorlesung in einer mittelgroßen Aula. Erst als man bemerkte, dass Habermas' Vorlesung am Vortag in der Qinghua-Universität fast zur Peinlichkeit geraten wäre, weil der Saal aus allen Nähten platzte, öffnete man das riesige Auditorium Maximum, das einen ganzen Parteitag fassen könnte. Ein Student wollte von Habermas wissen, ob der Mensch nur eine Übergangsexistenz sei, und erhielt die prompte Antwort: „Wenn die Philosophie glaubt, allgemeine Antworten zu geben, muss sie hier schweigen.“

Kein Pardon für Maoismus

Zunächst wollten die Studenten wissen, ob Habermas' Diskurstheorie auch über Kulturgrenzen hinweg Gültigkeit besitzt. Und: Gibt es in der Demokratie Platz für kollektive Lebensformen? Nun war der Weg zum Dialog frei, Habermas befindet sich ganz in seinem Element. „Die Idee des Sozialismus wollte die soziale Verwurzelung von Solidarität, die in der bürgerlichen Demokratie gefehlt hat“ das ist aber auch alles, was er den wenigen im Saal zugestand, die an der Idee des Sozialismus festhalten wollten. Schon im nächsten Satz distanzierte sich der "linke Sozialdemokrat", als der er sich bezeichnet, von jenen einfachen Formen der Kollektivität, von jener „kämpferischen Solidarität“, wie sie den Maoismus prägten.

Habermas geht es um die Institutionalisierung von Solidarität. „Ungekränkt miteinander zu leben ist schon viel.“ Für chinesische Ohren klingt auch das wie eine Stimme aus dem Paradies: Ohne Kränkungen leben in einem Land, dessen Reformen die meisten Familien zerbrechen, die den einen arbeitslos und die anderen zu Wanderarbeitern machen, ist unvorstellbar – das wissen sogar Elite-studenten.

Dann antwortete Habermas auf Fragen nach den Maßstäben für Demokratie. Er sprach von einer politischen Kultur, „die uns daran gewöhnt, auch diejenigen anzunehmen, die uns zunächst fremd erscheinen“. Habermas sprach  als Bürger einer Weltgesellschaft, wie er sie versteht: „Kulturelle Differenzen sind etwas Schmerzhaftes, aber auch etwas Schönes. Doch die Differenzen sind nicht so tief, als dass man sagen müsste, die Vernunft mache an der Grenze einer Kultur Halt. Gerade mit der chinesischen Tradition ist eine vernünftige Verständigung über sprachliche und kultu-relle Grenzen hinweg möglich. Wir erleben das in der Fortsetzung des Diskurses über Menschenrechte. Zunächst bestehen Differenzen. Doch wir reden weiter in der Erwartung, dass wir am Ende zu einer gemeinsamen Interpretation der Menschen-rechte gelangen können.“

Menschenrechte und chinesische Tradition

Großer Applaus. Menschenrechte und chinesische Tradition: Beides stillt den Durst nach Moral in Zeiten eines wildwüchsigen Kapitalismus. Einmal fehle in China traditionell das Bewusstsein für eine Form gesellschaftlicher Vernunft. Zum anderen sei es das Tempo der Globalisierung: Alles gehe zu schnell. Die Gesellschaft löse sich auf, ohne eine neue Ordnung zu finden. Korruption und Eigennutz regierten das Land.

Philosophische Fragen nach dem guten Leben „sind für uns interessanter als politische, meinte Dai Yan, die Englischdozentin, in dem Dialog mit Jürgen Habermas. Sie studierte, arbeitete dann vier Jahre in einer Schuhfabrik und kam wieder zurück an ihre alte Universität. „Was soll ich tun? Diese Frage stellt sich mir jeden Tag. In der Fabrik habe ich darauf keine Antwort gefunden. Dort dreht sich alles ums Geld. Für ehrliche Menschen ist dieses Leben unerträglich und für mich ein Grund, keine Kinder zu bekommen. Denn Kindern muss man sagen, wie die Welt wirklich ist. Das tut auch Habermas nicht. Er ist ja Optimist.“ 

Dai Yan hörte zu, als Habermas einen Abend im kleinen Kreis mit chinesischen Künstlern und Intellektuellen verbrachte. Sie lauschte dem Gespräch zwischen dem Philosophen und ihrem großen Idol, dem Rockpoeten Cui Jian, der einst die Hymnen der Studentenbewegung dichtete. Beide sind Optimisten, beide glauben an den Fortschritt durch die Verwirklichung der Menschenrechte. Habermas weiß: China durchlebt gefährliche Zeiten. Kants ewiger Friede ist weit und doch – aus seiner Sicht – vielleicht näher denn je. Tatsächlich hat er Neuland betreten und war unversehens in die Rolle eines demokratischen Kolumbus geschlüpft.

Jürgen Habermas ist zweifellos ein sprachgewaltiger Denker, der ein gesegnetes Alter von 90 Jahren erreicht hat. Die Zukunft wird in einer dringend notwendigen Hochzeit von Intuition & Intellekt liegen, wo dem fühlenden Herzen ein größerer Platz zugeordnet wird als den kaum noch nachvollziehbaren Gedankenkonstruktionen. 

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