Willy Wimmer: „Bevor uns die Welt um die Ohren fliegt“

Sonntag, 13. Januar 2019

ParsToday. Interview mit Willy Wimmer

Quelle: http://parstoday.com/de/news/world-i45468-interview_mit_willy_wimmer

ParsToday: Herr Wimmer, das Jahr 2018 war ein Jahr voller Spannungen und das ist seit wenigen Tagen zu Ende gegangen. Wir befinden uns im neuen Jahr 2019, aber die Probleme,  die wir im letzten Jahr hatten, sind weiterhin bestehend. Deshalb möchte ich Sie darum bitten, uns aus Ihrer Sicht zu sagen, was die wichtigen Herausforderungen in diesem Jahr sind.

Wimmer: Das ist natürlich eine schwer zu beantwortende Frage, weil man natürlich in der Kürze der Zeit auch keine Gefahr laufen will, den ein oder anderen Konflikt zu vergessen. Aber wenn ich mir von Europa aus die Welt so ansehe, dann ist vermutlich die zentrale Frage, was passiert mit Amerika und was passiert in Amerika. Alle Dinge,  mit denen wir es zu tun haben, hängen an dieser Frage. Der Machtkampf in den Vereinigten Staaten betrifft uns alle. Und das sind zwei unterschiedliche Konzepte. Die einen, die Gegner des Präsidenten Trump, bilden die Kriegskoalition, die uns seit zwei Jahrzehnten die Welt um die Ohren haut und für einen Krieg nach dem Anderen die Verantwortung trägt. Und dann gibt es den amerikanischen Präsidenten Trump, der aus der europäischen Sicht der Dinge jedenfalls die bisherige Kriegskoalition in ihren Überlegungen nicht stützt und offensichtlich auch nicht bereit ist,  die bisherige Kriegspolitik der Vereinigten Staaten fortzusetzen, in Anbetracht der riesigen Probleme,  vor die die Vereinigten Staaten selber gestellt sind. Der Antisemitismus explodiert in Amerika. Die Infrastruktur ist weitestgehend schadhaft geworden. Die ökonomische Situation war schwer und der amerikanische Präsident Trump versucht, aus meiner Sicht,  alles zu tun, um eine neue Rolle für die Vereinigten Staaten zu finden, ohne dass die Vereinigten Staaten das Schicksal der Sowjetunion erleiden und aus bestimmten Gründen kollabieren. Das ist etwas, was uns alle trifft, weil wir alle davon abhängig sind und nicht wissen, wie die Entwicklung in den Vereinigten Staaten weitergeht. Und das wird sich vermutlich in diesem Jahr 2019 entscheiden. Die Frage nämlich, ob Trump weitere sechs Jahre im Weißen Haus der Präsident ist oder ob wir eine Situation bekommen, dass die Kriegskoalition einen unbeliebten Präsidenten aus dem Amt jagen kann. Also,  das ist die eigentliche Fragestellung, die uns das Leben schwermacht.

Parstoday: Herr Wimmer, lassen Sie mich hier nachfragen,  mit der neuen Rolle der USA. Was meinen Sie damit?

Wimmer: Also,  der amerikanische Präsident hat ja bei vielen Gelegenheiten deutlich gemacht, dass er die Kriegspolitik der Vereinigten Staaten in den letzten 20 Jahren nicht fortsetzen will. Das ist ja auch etwas, was wir in den Vereinigten Staaten oft genug übersehen, dass die Wähler, die den Präsidenten Trump gewählt haben,  überhaupt nicht damit einverstanden waren, dass junge Amerikaner, wenn sie nach Hause zurückkamen und in der Armee gedient haben, in der Regel in Särgen zurückkamen. Das hat in den amerikanischen Klein- und Mittelstädten überall in Amerika zu einer Abscheu dem Krieg gegenüber geführt. Und der amerikanische Präsident Trump hat das auch immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass er da seine Wählerbasis sieht und diese Politik seiner Vorgänger über die letzten 20 Jahre nicht fortzusetzen bereit ist. Das wird so gerne in das Bild gepackt, die Vereinigten Staaten wollen nicht mehr länger Weltpolizist sein. Ich kann nur sagen, die Welt hat die Amerikaner nicht gerufen, das haben sie selber gemacht. Aber wenn der amerikanische Präsident Trump damit verbindet - eine Vorstellung jedenfalls - von Kriegen Abstand zu nehmen, dann hat die Welt nichts dagegen.

ParsToday: Herr Wimmer, aber sein Team ist nicht gerade für eine solche friedliche Politik, wenn man sich Namen, wie John Bolton oder Mike Pompeo anhört.

Wimmer: Ja,  das macht die Zersplitterung des amerikanischen Regierungssystems im Augenblick deutlich. Man muss sich ja fragen, bis wohin reicht die Macht des amerikanischen Präsidenten. Bis zum Zaun des Gartens des Weißen Hauses, oder darüber hinaus. Und man muss ja auch den Eindruck haben, dass weite Teile des amerikanischen Regierungsapparates eine Politik betreiben, völlig losgelöst von dem Willen des Weißen Hauses, weil da das Weiße Haus keinen Willen artikuliert. Also die Vereinigten Staaten sind in so schlimmen Turbulenzen, was ihren eigenen Staat und Regierungsapparat anbetrifft, dass man eigentlich noch staunen muss, dass es die Vereinigten Staaten so noch gibt. Das ist das eine. Das zweite ist, der amerikanische Präsident Trump, erweckt jedenfalls den Eindruck, dass ihm das alles egal ist und dass er das jedenfalls auch überleben will und dass es darauf ankommt, wie er versucht,  die Politik zu machen. Und dann spielen die Boltons und die Pompeos und die Mattis und die Kelleys, die spielen dann keine Rolle. Der amerikanische Präsident scheint ein Amtsverständnis zu haben, wie es in seiner berühmten Fernsehserie vor vielen Jahren der Fall gewesen ist. Er ist der Boss. Er verhält sich wie ein Großunternehmer, der sein Unternehmen daraufhin abklopft, wo gibt es lukrative Geschäftsteile und wo sind sie nicht so lukrativ. Und diejenigen, die nicht so lukrativ sind, die werden abgestoßen und dazu zählen die amerikanischen Kriege. Das Establishment oder die Kriegskoalition in Washington, die aus Republikanern und Demokraten in gleicher Weise besteht,  ist natürlich mit diesem Weg nicht einverstanden und das sehen wir natürlich auch in den Aussagen des amerikanischen Präsidenten Trump und dann des  Senators  Graham  in Zusammenhang mit einem schnellen oder nicht so schnellen Abzug aus Syrien. Die Vereinigten Staaten scheinen zu versuchen,  eine neue Rolle in der Welt zu finden. Und wenn man die Reden des amerikanischen Präsidenten Trump abklopft und daraufhin untersucht, was könnte die Perspektive sein, dann will er stärker als alle seinen  Vorgänger einen kooperativen Ansatz. Und bevor die Welt untergeht,  glaube ich, ist man damit zufrieden, dass es diesen amerikanischen Präsidenten gibt, wenn er bei seinen Überlegungen bleiben darf.

ParsToday: Herr Wimmer, gegenüber dem Iran  ist das aber alles andere als eine friedfertige Politik. Dieser harte Gang des US-Präsidenten gegenüber  Iran ist sogar unter den bisherigen US-Präsidenten einmalig.

Wimmer: Ja,  das will ich auch überhaupt nicht in Abrede stellen. Ich will es nun wirklich nicht bestreiten. Das ist ja auch der allgemeine Eindruck. Ich will aber auch  keinen Hehl daraus machen, welche Sicht der Dinge hier besteht. Diese Sicht der Dinge ist vielleicht ganz interessant. Hier ist der Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran in der Öffentlichkeit nicht mehr festzustellen. Es herrscht eine unheimliche Ruhe, was diese komplizierten Beziehungen anbetrifft. Und das ist im hiesigen Empfinden auch nicht die Ruhe vor dem Sturm, die etwas Schwierigeres ankündigen würde, sondern hier gibt es eine weitverbreitete Vermutung, dass diese Ruhe benutzt wird,  von denen,  die dazu in der Lage sind, die Dinge in Ordnung zu bringen und für eine größere und friedlichere Perspektive zu sorgen. Das ist jetzt kein gesichertes Wissen, dass man weiß, dass so etwas ist. Aber die Umstände, dass der Konflikt mit dem Iran aus der Öffentlichkeit fast verbannt worden ist, lässt die Vermutung zu, dass es eben auch die andere Möglichkeit gegeben sein kann, es zu einer weitergehenden und tragfähigen Verständigung kommen zu lassen. Das ist ja im Übrigen auch der Versuch der Vereinigten Staaten in dem Konflikt mit China. Ich will da keine Position jetzt beziehen, wem ich da mehr zuneige. Aber der amerikanische Präsident scheint eine Linie zu verfolgen, zuerst wirklich die Trommel zu schlagen, um auf der anderen Seite zu übertönen, dass er sich mit der anderen Seite verständigen will, natürlich unter seinen Kriterien, aber auch unter den Gesichtspunkten,  mit denen der andere vielleicht leben kann. Das wäre eine neue Form von Politik und ich sage ausdrücklich, da ist meine Hoffnung größer als mein Wissen. Aber in jedem  Fall fällt es hier auf und die Leute reden drüber.

ParsToday: Herr Wimmer, wenn wir feststellen, dass gerade dieser US-Präsident auf Leute, wie den  saudischen Kronprinz, zugeht,  der sehr brutal ist und  nur noch Krieg will.  Also,  die Leute, die sich der US-Präsident aussucht,  sind auch alles andere als friedfertig.

Wimmer: Ja,  wir haben es ja mit einer Welt zu tun, die so aussieht, wie sie ist. Und da muss man natürlich auch den einen oder anderen einbeziehen, wenn er in Zusammenhang mit nun wirklich schlimmen Dingen öffentlich bekannt geworden ist, wobei das ja immer noch nicht der Beweis dafür ist, dass da eine persönliche Verantwortung gegeben war. Man muss vielleicht im Zusammenhang mit diesen schrecklichen Vorfällen, diesem grauenhaften Mord in Istanbul auch daran denken, dass strategisch der Partner Saudi-Arabiens für die Vereinigten Staaten von anderen interessierten Kräften zerstört werden sollte, um eine mögliche Friedensregelung im Nahen und Mittleren Osten möglich zu machen. Ich gehe davon aus, dass die Dimension einer solchen friedlichen Regelung so gewaltig ist, dass die Kräfte, die das nicht wollen, natürlich auch in der Lage sind,  einen notwendigen Partner und das wäre Saudi-Arabien, wie andere Staaten in dieser Region auch, aus dem Weg zu schießen. Und dazu hat sich natürlich der Vorfall in Istanbul wirklich angeboten, dass er ja einer atmosphärischen Atombombe gleichkam und der saudische Kronprinz davon betroffen war. Also, ich würde in diesem Zusammenhang sehr breit denken wollen, um auch eine Antwort auf Ihre Frage zu finden.

ParsToday: Herr Wimmer, aber wenn wir in dieser Frage noch weitergehen. Wir beobachten, dass auch ein starker Druck auf bestimmte arabische Länder durch die USA ausgeübt wird, um eine sogenannte arabische NATO aufzustellen und das gegen den Iran. Das ist nichts anderes als eine Kriegstreiberei.

Wimmer: Ja sicher! Das ist in der Tat so. Die Vereinigten Staaten wollen bei schwindender Macht - denn das ist es ja - trotzdem ihre Einflussmöglichkeiten wahren. Und das muss man nüchtern sehen und da soll man sich auch nichts vormachen. Und es ist die große Frage, wie man in dieser Situation versucht,  seine eigenen  Interessen zu wahren. Aber das heißt ja nicht, dass die Vereinigten Staaten, weil der amerikanische Präsident eine bestimmte Vorstellung von seiner Politik hat, jetzt bereit sind, die Truppen aus anderen Teilen der Welt zurückzuholen. Man muss ja im Zusammenhang mit der Entscheidung,  die Truppen aus Syrien abzuziehen, sich ja fragen, wann zieht er die amerikanischen Truppen aus Europa und damit aus Deutschland ab. Das ist ja eine Fragestellung, die an dem Tag aktuell wurde, als er die Entscheidung über die amerikanischen Truppen in Syrien verkündet hat. Jede europäische Regierung  muss ja davon ausgehen, dass nach der eigenen Einschätzung des amerikanischen Präsidenten - und die Einschätzung ist losgelöst von dem Dialog mit noch verbündeten Staaten - dass eines Nachts ein Anruf kommt und dass es dann sagt, dass die Amerikaner weg sind. Das macht deutlich, wie prekär und wie kompliziert die Situation auf der Seite der Vereinigten Staaten ist. Und da spielt natürlich das eine Rolle, was Sie angesprochen haben. Die wollen natürlich nicht aus dem Rest der Welt entfernt werden und sich auf ihrer Insel wiederfinden. Denn das ist ja die Dimension, die mit dem verhängnisvollen Scheitern der amerikanischen Politik seit 20 Jahren verbunden ist. Das ist eine so komplizierte Situation, wie die Welt sie jedenfalls über hunderte von Jahren nicht mehr erlebt hat.

ParsToday: Herr Wimmer, damit wir zum Schluss kommen, möchte ich eine letzte Frage an Sie stellen, was gerade diese Nahost-Politik des amerikanischen Präsidenten betrifft. Ist das, was Herr Trump bislang in dieser Region unternommen hat - jetzt abgesehen von dem sogenannten Jahrhundert-Deal - eine Politik, die auf Frieden hinausläuft oder wird das Gegenteil der Fall sein in diesem Jahr?

Wimmer: Die Frage würde ich aus meiner Sicht eindeutig beantworten in Zusammenhang mit Frieden. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass er im Amt bleibt und dass er in die Lage versetzt wird, auf der Schiene Trump, Putin, Netanjahu die Dinge zu betreiben gegen die Linie Clinton, Soros und Merkel auf der anderen Seite. Das hängt alles miteinander zusammen und ist daran geknüpft, dass Trump im Amt bleibt. Wenn Trump aus dem Amt entfernt werden sollte, brauchen wir uns keine Gedanken mehr über die Frage Krieg oder Frieden zu machen, weil dann der Zeiger in Richtung Krieg gehen wird.

Mit dem CDU-Politiker und Buch-Autor sprach Seyed-Hedayatollah Shahrokny

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