ParsToday. Interview mit Willy Wimmer

Montag, 29. Juli 2019

„Und jetzt muss man den Eindruck haben , dass Großbritannien bei schwindelnder amerikanischer globaler Macht versucht, in seine alte Weltmachtrolle zu kommen“

Interview mit Willy Wimmer

ParsToday: Herr Wimmer, seit Mittwoch haben die Briten einen neuen Premierminister. Der heißt Boris Johnson. Johnson war am Mittwoch zum Nachfolger von Regierungschefin Theresa May ernannt worden. Wo ist der neue Premierminister politisch einzuordnen.

Wimmer: Da muss man  - glaube ich - fair sein und man kann dann sagen, dass Boris Johnson bei Boris Johnson festgemacht hat und dass das im Mittelpunkt seiner Interessen steht. Er hat jedenfalls in den zurückliegenden Jahren - um nicht zu sagen Jahrzehnten - keinen anderen Eindruck hinterlassen. Er sieht sich im Mittelpunkt des Universums und wird von daher auch seine Politik so gestalten. Er hat ja schon bei der Bestellung seines Kabinetts deutlich gemacht, dass es ihm nicht an der vielleicht noch gegebenen vielfältigen Situation der konservativen Partei in Großbritannien und ihrer Repräsentanten gelegen ist, sondern er hat sein Kabinett auf Stromlinie Boris Johnson gebracht. Und jetzt muss man sehen, wie das in Großbritannien so weitergeht. Und man muss sich natürlich fragen, ob Herr Johnson das möglicherweise als britisches Modell für ganz Europa sieht. Da habe ich meine Zweifel, dass die anderen Europäer so ehrlich sein, wie das für Herr Johnson der Fall ist.

ParsToday: Was meinen Sie Herr Wimmer mit dem britischen Modell oder Boris Johnsons Modell?

Wimmer: Ja, wir sehen ja, dass ihn die Wirklichkeit nicht interessiert. Ich sage es mal im Zusammenhang mit der wichtigen Frage, der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland. Boris Johnson - ich sage es mal unverblümt - ist ein Vertreter des britischen Imperialismus. Die Briten haben diesen Teil Irlands den Iren geraubt. Das zwar schon längere Zeit her, aber sie versuchen,  diesen Raub zu rechtfertigen und in Rechtsnormen zu kleiden, die ihre Interpretation der Dinge als ausschließlich und seligmachende anerkennen will. Und vor diesem Hintergrund ist das etwas, was wir auch im Zusammenhang mit der Interessenlage von Wales und von Schottland sehen. Hier geht man nicht den Weg, in Anbetracht aller Probleme einen Kompromiss zu suchen, sondern man will die Früchte des britischen Imperialismus in die neue Zeit rüber retten und man will sie unverändert genießen. Das ist eine Art und Weise, wie wir sie sehr unverhohlen in den letzten Monaten in Großbritannien sehen konnten und ich zähle bestimmt zu denen, die bedauern, dass man die vernunftbetonte Politik von Frau May nicht akzeptiert hat. Und es gibt in Großbritannien offensichtlich einen harten Kern von britischen Imperialisten. Denen ist das Schicksal von Großbritannien sogar egal, wenn ihre gesellschaftspolitischen Vorstellungen obsiegen können. Dafür wollen sie jetzt Europa in die Verantwortung nehmen. Und ich kann nur hoffen, dass Europa das nicht tut.

ParsToday: Manche sehen mit Boris Johnson die Macht in Narrenhände übergehen. Sie sagen, Boris Johnson ist dafür ein noch besseres Beispiel, als Trump. Was meinen Sie dazu?

Wimmer: Ja, die Dinge sind möglicherweise in Europa noch gar nicht andiskutiert, warum es überhaupt zu dieser Entwicklung gekommen ist. Wir haben uns ja, Herr Shahrokny, in den zurückliegenden Jahren oft genug darüber unterhalten, wie man den amerikanischen Präsidenten Trump vor dem  Hintergrund der innen- und außenpolitischen Entwicklung der Vereinigten Staaten bewerten soll. Trump ist sehr realistisch, ist daran interessiert, den Vereinigten Staaten, die sich für ihre globalen Abenteuer verausgabt hatten, eine gewisse Stabilität zurückzugeben, und will die Vereinigten Staaten - das hat er ja heute noch einmal deutlich gemacht - in eine Situation bringen, mit anderen Staaten vernünftig die Beziehungen klären zu können. Das, was wir in Großbritannien seit geraumer Zeit sehen, ist was ganz Anderes. Aus meiner Sicht haben die Briten alles getan, um die Möglichkeiten des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu beschneiden. Die ganzen Anwürfe gegen Trump stammen ursprünglich im Zusammenhang mit angeblichen Verwicklungen mit Russland, sie stammen alle aus einer britischen Gerüchteküche. Und man muss fast die Vermutung haben, dass aus London heraus alles unternommen worden ist, diese neue amerikanische Politik nicht stattfinden zu lassen, wie sie unter Trump eingeleitet worden ist, sondern die alte kriegsbetonte Politik der Vereinigten Staaten fortsetzen zu können. Das hat man in Washington anders gesehen, jedenfalls durch den amerikanischen Präsidenten. Und jetzt muss man den Eindruck haben und - da spricht Johnson eher für, als Theresa May -, dass Großbritannien bei schwindelnder amerikanischer globaler Macht versucht, in seine alte Weltmachtrolle zu kommen. Da gibt es ja auch Zitate genug, vom britischen Generalstabschef, vom Außenminister und von wem auch immer. Die kalkulieren die amerikanische Zurückhaltung - um nicht zu sagen amerikanische Schwächung - so ein, dass Großbritannien jetzt wieder östlich von Suez in seine alte Rolle kommen will, die es aufgegeben hatte und aufgeben musste, weil die Amerikaner niemanden neben sich geduldet haben. Also vor diesem Hintergrund, kann ich nur sagen, wird die britische Position in Europa und in der Welt eine dramatische werden. Und die große Frage ist die ... nach dem wir jetzt 20 Jahre lang seit Jugoslawien darauf verwendet haben,  für die Amerikaner Krieg zu führen, ist die große Frage die: geht es jetzt wieder mit den Briten los?

ParsToday: Der US-Präsident Donald Trump gehörte zu den ersten Gratulanten. Er hat bereits auch ein Telefongespräch mit Johnson geführt. Hat das für Sie etwas zu bedeuten?

Wimmer: Wir haben ja eine Entwicklung in den letzten Jahren gesehen, - und so kann man ja auch nur den Brexit erklären, den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union - dass aus Washington heraus eine Menge unternommen worden ist, einen weiteren Machtzuwachs der Europäischen Union im Sinne einer engen und guten Zusammenarbeit der europäischen Staaten zu hintertreiben, und amerikanische Interessen nicht nur gegen den Euro als Währung und gegen eine europäischen Verteidigung im Sinne von defensivem Verhalten zu praktizieren, sondern Großbritannien aus dieser europäischen Entwicklung so auszubrechen, dass Großbritannien ein amerikanischer Vorposten an der Westküste Europas sein soll. Das ist ja eine Politik, die wir auch mit dem Namen Nigel Farage verbinden müssen, der ja zusammen mit Boris Johnson den Brexit und die Bewegung dazu in der britischen Bevölkerung angeführt hat. Es ist ein Ringen um viele Positionen, die wir aus der Vergangenheit kennen, an die wir uns auch schmerzlich gewöhnt haben, aber die jetzt aus Interessen in London, aus Interessen in Washington in Frage gestellt werden. Und die große Überlegung ist die, was hat die Welt davon?

ParsToday: Herr Wimmer, dem neuen Premierminister stehen große Herausforderungen bevor. Er will sein Land aus der EU führen, ob mit oder ohne Ankommen. Eine zweite Herausforderung ist in Bezug auf die Spannungen zwischen  Iran und Großbritannien wegen der Beschlagnahme eines britischen Öltankers in der Straße von Hormus. Wie denken Sie, wie  wird er an die Sache herangehen?

Wimmer: Ja, wir müssen das, wie eine Schichttorte gut auseinanderhalten, mit was wir es zu tun haben. In Anbetracht der britischen Einstellung, was die Europäische Union und die Mitgliedschaft Großbritanniens in derselben anbetrifft,  muss man aus meiner Sicht zunächst einmal darauf hinweisen, dass es jetzt praktisch und rechtlich und politisch-rechtlich keinen Grund mehr gibt,  auch kleine britische Truppenkontingente in Deutschland präsent zu halten. Eigentlich müssten in diesem Jahr die verbleibenden mehreren Hundert britischen Soldaten aus Deutschland abzogen werden. Das war jedenfalls eine Vereinbarung zwischen der britischen und der deutschen Regierung. Die bleiben aus unerfindlichen Gründen hier. Und bei diesem europaunfreundlichen Verhalten der britischen Regierung kann ich nur sagen, da sollen die ihre Soldaten abziehen, wie sie es auch vertraglich zugesichert hatten. Diese Form von britischem verhalten kann man aus meiner Sicht überhaupt nicht tolerieren. Auch nicht vor dem Hintergrund der britischen Bemühungen unsere Beziehungen zur Russischen Föderation so vergiftet wie möglich zu gestalten. Das muss man ja alles in diesem Zusammenhang sehen. Und was hat die Briten getrieben, den iranischen Tanker in der Straße von Gibraltar festzusetzen. Die hätten ihre Finger davon lassen sollen. Dafür gab es keinen Grund. Und dafür gab es auch keinen rechtlichen und politischen Anlass. Und deswegen ist es besser, dass alle beteiligten in Anbetracht der derzeit extrem komplizierten Situation die Finger von Abenteuern lassen. Das gilt auch für London.

ParsToday: Wie sehen Sie England mit Boris Johnson an der Spitze für die nächste Zeit?

Wimmer: Tja, das ist wie mit einem Karussell, das man auf einem Jahrmarkt findet. Man kann sich nur festhalten, weil man überraschende Wendungen und überraschende Entwicklungen im Zusammenhang mit einem ja nun durchaus zu jeder Form von Kooperation bereitwilligen Nachbarland nicht ausschließen kann. Wir haben ja in den zurückliegenden Jahrzehnten gesehen, dass Großbritannien zwar immer versucht hat, aus welchen Gründen auch immer,  eine Sonderrolle in der Europäischen Union zu spielen. Aber schiedlich-friedlich ist man ja doch mit England ausgekommen. Und die Erwartung, die wir in Zusammenhang mit Boris Johnson leider haben müssen, ist, dass das ein Irrlicht ist, ein politisches Irrlicht, wie es schlimmer nicht sein kann. Es spricht ja selber dafür. Und wenn die Briten sich so einen Premierminister in einer elitären Gruppe der Konservativen Partei wählen, dann sind sie in erster Linie selber dafür verantwortlich. Und wir müssen uns festhalten.

ParsToday: Vielen Dank, Herr Wimmer, für dieses Gespräch!

Wimmer: Alles Gute, Herr Shahrokny, nach Teheran!

Quelle: http://parstoday.com/de/news/iran-i48273-interview_mit_willy_wimmer

Bilder: @worldeconomy @depositphotos 

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