Wohin geht der Mensch?

Sonntag, 29. September 2019

Die Welt im Umbruch

Humanismus, Philosophie, Dataismus, Digitales Zeitalter, Wertewandel

Wohin geht der Mensch? Die Welt im Umbruch

„Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält?“ (Johann Wolfgang von Goethe: „Faust 1. Teil“)

Von Roland R. Ropers

In Goethes Klassiker der Weltliteratur begegnen wir dem ewig Suchenden. Dieser glaubt, alle Einsichten durch das Studium der Wissenschaften zu gewinnen und scheitert kläglich daran. Da kommt der Teufel ins Spiel und zeigt dem Gelehrten, der sich sein ganzes Leben lang darauf verlassen hat, dass alles Weltliche durch Wissen erklärbar wird, die wahre Welt, wie er sie sieht. Er zeigt ihm die Gefühle von Lust und Macht. Eine Nebenhandlung ist der künstlich geschaffene Mensch, dem es nicht gelingt, ein echter Mensch zu werden. Der Mensch, wie er sich selbst vorstellt, zu sein, nämlich vollkommen gut und frei von jeglicher Schuld, ist für Goethe kein wahrer Mensch. Vielmehr ist der Mensch schuldbelastet und lasterhaft, aber erst das macht ihn zum wahren Menschen. Wenn der Mensch sich Zeit seines Lebens bemüht, ein gutes Leben zu führen, dann war dieses Leben auch ein gutes und der Mensch darf sich frei fühlen, alles richtig gemacht zu haben. Dann der Teufel, der nach katholischem Glauben alle Attribute des Bösen erfüllt, allgegenwärtig. Seine göttlichen Eigenschaften kann der Mensch nur in sich selbst finden. Für Goethe existiert kein Gut und kein Böse getrennt voneinander. Weil die Polarität von Gut und Böse Hand in Hand geht, treffen gleich zu Anfang, im Prolog im Himmel, der Teufel und der Herr aufeinander.  „Du wirst werden wie Gott - du wirst Gut und Böse erkennen.“ schreibt Mephistopheles einem Schüler ins Stammbuch. 

Unter der glamourösen Oberfläche einer oft überdrehten und überreizten Alltagsexistenz im Bewusstseins-Gefängnis von „Konsum & Wachstum“, beginnt sich in vielen Bereichen des menschlichen Lebens eine angsterfüllte Haltung auszubreiten. 

Der „homo sapiens“, der wissende und weise Mensch steht zur Disposition und mutiert zu einem „homo demens“, anstatt die Transformation zu einem „homo oriens“ ins Auge zu fassen. 

Noch bevor es der industriellen Revolution gelang, den überlegenen praktischen Nutzen der Naturwissenschaft unter Beweis zu stellen, hatten diese kulturellen Entwicklungen auf die Vorzüge einer wissenschaftlichen Sicht der Dinge verwiesen. Die wissenschaftliche Revolution war inmitten des Chaos und der ungeheuren Zerstörungen der Religionskriege entstanden, die auf die Reformation folgten und Europa im Namen konkurrierender christlicher Absolutheitsansprüche in eine über ein Jahrhundert dauernde Krise gestürzt hatten. Solche Umstände waren dazu angetan, nicht nur die Glaubwürdigkeit des christlichen Verständnisses in Zweifel zu ziehen, sondern auch seine Fähigkeit, Sicherheit und relativen Frieden zu schaffen – von universeller Nächstenliebe ganz zu schweigen.

Das Selbstbild des modernen Menschen wurde im Verlauf des wissenschaftlichen Fortschritts nicht nur radikal in seine räumlichen und zeitlichen Schranken verwiesen, es erfuhr auch eine qualitative Entwertung seines wesentlichen Charakters. So wurde das menschliche Bewusstsein zu einem bloßen Epiphänomen der Materie, einer Sekretion des Gehirns, einer Funktion in einem biologischen Befehlen Folge leistenden elektro-chemischen Schaltsystem. 

Das kartesianische Programm der mechanistischen Analyse ging dazu über, seine ursprüngliche Unterscheidung zwischen „res cogitans“ und „res extensa“, dem denkenden Subjekt und der materiellen Welt, hinfällig werden zu lassen. 

Die Erkenntnis leitende Hypothese, dass die Komplexität der Welt und der menschlichen Erfahrung im weiteren Verlauf des Fortschritts eine abschließende Erklärung allein aufgrund naturwissenschaftlicher Prinzipien finden werde, nahm zunehmend – wenngleich oft unbewusst – den Status eines wohlbegründeten, wissenschaftlichen Prinzips an, obwohl es sich genau genommen nur um eine Hypothese handelte.

Mir ist bewusst geworden, dass das dynamische Schöpfungsgeschehen, die „creatio continua“, ein Werden ist, welches aus dem ruhenden Urgrund, dem Sein, hervorgeht. Am Meeresgrund selbst findet man keine unruhigen Wellenbewegungen; je mehr man aus der Tiefe schöpfend (Kreation, Schöpfung kommt immer aus dem Urgrund und nicht von anderen Planeten) an die Oberfläche gerät, bekommt der Ozean, das Meer als herausragende Welle Existenz; lat.: exsistere = hervortreten. Diese Existenz ist nur eine Teilwirklichkeit des ganzen Lebens, vom dem der größere Part unsichtbar und verborgen ist. Der Baum wächst von unten nach oben und nicht in umgekehrter Richtung. Die Wurzeln unserer Existenz sind tief verankert. Daher kommen ja unsere Ausdrücke: „einer Sache auf den Grund gehen“, „das Leben ergründen“, „tiefe Gefühle haben“, „zutiefst erschüttert sein“, „Ursache“, „Grundmotiv“, „gründlich“, „aus gutem Grunde“.

Der tief verborgene und für alle Wesen gemeinsame Urgrund ist ein Beziehungsfeld, das dringend wieder kultiviert werden muss. Das Beobachten der Natur hat sich in fataler Weise zu einem Beherrschen entwickelt, womit die Trennung vom Urgrund immer größer wird. Das lat. Wort observare (beobachten), engl.: to observe bedeutet, Diener des Objektes (servus obiectus) zu sein und nicht dominus obiectus

Bildung im Sinne von Erziehung (Zerren, Ziehen, Training von lat. trahere) ist leider ein wenig brauchbarer Begriff. Das englische Wort education (lat.: educere = herausführen) sagt uns, worum es geht. Die Herausführung aus einem Dickicht an Daten und Fakten in den Urbereich des Wissens. 

Wir leben in einem Bombenhagel von täglichen Informationen – mit Wissen hat das kaum zu tun.

Je intensiver der moderne Mensch danach strebte, die Natur durch das Verstehen ihrer Prinzipien zu kontrollieren, sich von ihrer Macht zu befreien, von ihren Notwendigkeiten abzukoppeln und über sie zu erheben, desto umfassender verwies ihn seine eigene Wissenschaft wieder zurück an die Natur. Die Ironie des Fortschritts liegt darin, dass der bahnbrechende moderne Geist eine Reihe von deterministischen Prinzipien entdeckte – kartesianische, newtonsche, darwinistische, marxistische, freudsche, behaviouristische, genetische, neurophysiologische, sozialbiologische u.a. - die den Glauben an die Willens- und Geistesfreiheit des Menschen immer nachhaltiger schwächten und ihm das Gefühl raubten, mehr als nur ein peripherer und vorübergehender Zufall der materiellen Evolution zu sein.

Die Wissenschaft erlebte im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert ihr Goldenes Zeitalter: außergewöhnliche Fortschritte auf allen wichtigen Feldern; eine breite akademische wie industrielle Forschung; praktische Anwendungen, die sich auf der Grundlage von Wissenschaft und Technik schnell verbreiteten. Der Optimismus der Zeit stand im unmittelbaren Zusammenhang mit einem geradezu grenzenlosen Vertrauen in das Vermögen der Wissenschaft, den Stand des Wissens, die Gesundheit und das allgemeine Wohlergehen der Menschheit immer weiter zu verbessern.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts häuften sich die Grabgesänge auf den Niedergang und den Fall, die Dekonstruktion und den Zusammenbruch jedes einzelnen der großen intellektuellen Systeme und kulturellen Projekte des Westens. Die aufklärerisch-wissenschaftliche Seite des modernen Geistes hatte sich durch ihre eigenen intellektuellen Fortschritte unterminiert und durch ihre wissenschaftlichen, technischen und politischen Folgen radikal in Frage gestellt. 

Doch jetzt im 21. Jahrhundert sind wir auf dem Wege, die Welt in ihrem ursprünglichen Zauber wieder zu entdecken. Der Quantenphysiker und Friedensnobelpreisträger Hans-Peter Dürr (1929 - 2014) hatte bei einem unserer gemeinsamen Gesprächen eine faszinierende Aussage gemacht, die uns zum Umdenken und auf den hoffentlich richtigen Weg in die Zukunft bringen könnte:

„Es ist erstaunlich, dass die Wissenschaft auf dem falschen Wege erkennt, dass sie gar nicht auf dem richtigen Weg ist.“

Der Mensch selbst, sein wahres Wesen, sollte stets Grund und Ziel jeder Reise sein. Das Wort Reise hat etymosophisch mit engl.: to rise (sunrise = Sonnenaufgang) zu tun. Reise, Orientierung und Auferstehung sind absolut identisch (lat.: sol oriens = der Sonnenaufgang). Das lateinische Verb „oriri“ (hiervon kommt das Wort „Orientierung) bedeutet: in Bewegung setzen, sich erheben, aufsteigen, sichtbar werden, entstehen, entspringen, geboren werden. Die Lebensorientierung des Menschen sollte immer ein Emporstreben, der Weg zum Licht und nicht umgekehrt sein. Die Überwindung von Dunkelheit, Untergang und Tod  gehören zu den Übungsaufgaben aller den gemeinsamen Urgrund suchenden Menschen. 

Der berühmte „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler) beschreibt die Vision einer möglichen „Okzidentierung.“

Das bedeutendste Symbol für unseren Lebensweg ist der Kreis, der gleichzeitig die innere und äußere Welt darstellt, weder Anfang noch Ende kennt und für Vollendung steht. Viele gehen einen langen, dem Umfang eines Kreises folgenden Weg, um am Ende wieder bei sich selbst – doch durch die Reise verändert – anzukommen. 

Als junger Mensch verlässt man das gewohnte Zuhause mit den vertrauten Denkweisen und begibt sich in die Fremde, auf zunächst unsicheres Terrain. Die neuen Eindrücke sind gewaltig und verwirrend – es gibt so viele Wege, Ideen, Lehren und Meinungen. Vielem wird man anfänglich blind glauben und vertrauen, weil der innere Grund für Sicherheit und Wissen noch nicht tief genug aufgespürt wird. Zu viel noch spielen oberflächliche Sensationen eine Rolle – der Hunger nach Tiefgründigkeit ist aber immer latent vorhanden.

"Im 21. Jahrhundert werden wir wirkmächtigere Fiktionen und totalitärere Religionen als jemals zuvor schaffen. Mit Hilfe von Biotechnologie und Computeralgorithmen werden diese Religionen nicht nur jede Minute unseres Daseins kontrollieren, sondern auch in der Lage sein, unseren Körper, unser Gehirn und unseren Geist zu verändern und durch virtuelle Welten zu erschaffen.“

Die Zukunft ist so offen und gestaltbar wie nie. In einem Parforceritt  durch die Menschheitsgeschichte beschreibt Yuval Noah Harari in seinem Weltbestseller „HOMO DEUS“, wie der Mensch in einem Akt wachsender Selbstermächtigung zu „Gott“ avanciert und das neue Glaubenssystem des Dataismus die humanistischen Größen Individualismus, Seele, freier Wille ablöst. 

Der israelische Historiker befürchtet, dass der Mensch durch die rasante Entwicklung der Technik obsolet zu werden droht. Für ihn ist die Technik aber nicht der Ausweg, sondern die Ursache dafür, dass der Mensch zur Disposition steht. Er erzählt die Geschichte der Menschheit als eine Geschichte des zunehmenden Kontrollgewinns. Hunger, Dürren, Naturkatastrophen – globale Risiken seien heute beherrschbar geworden. Die Moderne sei wie eine "extrem komplizierte Übereinkunft", bei der kaum jemand versteht, was er eigentlich unterschrieben habe. 

Über Jahrmillionen bildeten die Gefühle, das Denken, Urteilen, Entscheiden eines Menschen eine wesentliche Lebensgrundlage.

"Im 21. Jahrhundert jedoch sind Gefühle nicht mehr die besten Algorithmen auf der Welt. Wir entwickeln gerade überlegene Algorithmen, die sich auf beispiellose Rechenleistung und riesige Datenmengen stützen können. Die Algorithmen von GOOGLE und FACEBOOK wissen nicht nur genau, wie Sie sich fühlen, sondern wissen unzählige weitere Dinge über Sie, die Sie kaum für möglich halten. Folglich sollten Sie nicht mehr auf Ihre Gefühle hören, sondern auf diese externen Algorithmen..."

Im Zeitalter der Automatisierung verliert der Mensch zunehmend die Kontrolle. Wir delegieren Entscheidungen an Algorithmen, ob bei der Navigation, auf den Terminbörsen oder beim Drohnenkrieg. Das Individuum werde zu einem Chip in einem Computernetz, Intelligenz löse sich vom Bewusstsein, die Umgebungsintelligenz ist voller Maschinen, die zwar supersmart sind, aber dafür kein Bewusstsein haben – seelenlose Automaten ohne Gewissen. Freie Märkte und Wahlen gründen auf der Annahme, dass der Mensch ein autonomes Wesen ist. Er kann selbst entscheiden, welches Produkt oder welche Partei er wählen möchte. Doch durch die Biowissenschaft werden diese Prämissen in Frage gestellt. 

Der Dataismus, die Daten-Gläubigkeit, ist ebenso fatal wie der Glaube an Statistiken, die oftmals auf einer sehr zweifelhaften Grundlage zur Allgemeingültigkeit erklärt werden. Der Mensch wird zum "Daten-Zombie", er wird im Internet und auf seinem Smartphone permanent mit Text- und Bildsequenzen in Höchstgeschwindigkeit befeuert. Eine Horrorvorstellung, wenn uns hochintelligente Prozesse durch den Alltag steuern und unser zukünftiges Leben weitestgehend bestimmen.

Ersetzt der Dataismus den Humanismus, die Technofaktur die Manufaktur? Die heutigen Götter heißen GOOGLE, FACEBOOK, AMAZON, TWITTER, INSTAGRAM, WHATSAPP. Sie sollen die Gefühle des Menschen ersetzten.

Die Welt im Umbruch, vielleicht auch im Zusammenbruch auf dem Wege zur Neuwerdung.

Tags: Humanismus, Philosophie, Dataismus, Digitales Zeitalter, Wertewandel, World Economy

Bilder: @depositphotos 

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