Wir haben gerade ein politisches Erdbeben erlebt. Werden wir in einem völlig anderen Europa aufwachen?

Sonntag, 26. Mai 2019

Prof. Alexander Sosnowski im Gespräch mit Willy Wimmer, Staatssekretär a.D

Die Wahlen zum Europäischen Parlament fanden zu einem Zeitpunkt statt, der denkwürdiger nicht sein kann.

Und immer wieder Versailles

Die Wahlen zum Europäischen Parlament fanden zu einem Zeitpunkt statt, der denkwürdiger nicht sein kann. Das zeigt zunächst eine aktuelle Betrachtung, aber auch ein Blick in die Geschichte der letzten einhundert Jahre, denn in wenigen Wochen begehen wir den Jahrestag der Konferenz von Versailles. Gründe genug für Sie, lieber Herr Professor Sosnowski und mich, mit dem Gesprächsband: „Und immer wieder Versailles - ein Jahrhundert im Brennglas“, erschienen im Zeitgeist-Verlag, Höhr-Grenzhausen, am 28. Mai 2019 an die Öffentlichkeit zu gehen. 

Die historische Betrachtung dieser Tage nimmt uns den Atem. Die amerikanische Rand-Corporation hat in diesen Tagen einen Leitfaden zur Vernichtung Russlands veröffentlicht. So ging es Österreich-Ungarn und Deutschland mit dem aufgezwungenen Ersten Weltkrieg und vor allem Versailles 1919. Deutschland, ein moderner und in jeder Hinsicht leistungsfähiger Staat, sollte „aus der Bahn geworfen werden“. Die Rand-Corporation verkündet das für Russland in ihrer Studie heute. Dabei ist es eine bereits über Versailles aufgelegte angelsächsisch-französische Planung: Deutschland wird destabilisiert und steht unter alliIertem Kuratel, gleichzeitig werden die Kräfte finanziert, die der Kulturnation Deutschland den Garaus bereiten und es moralisch ins Abseits stellen. Deutschland soll seine Aufgabe darin finden, Russland zu vernichten und darüber selbst vernichtet zu werden. Das neue strategische Konzept der NATO ist das Vehikel dazu. Deshalb lautet der Titel unseres Buches: „Und immer wieder Versailles“. Versailles harrt der endgültigen Umsetzung: Russland muss das Schicksal Deutschlands finden, wie es über die Konferenz von Versailles umgesetzt werden sollte. Was „Versailles“ für Deutschland war, sollte sich für Russland über die „Charta von Paris“ aus dem November 1990 ergeben: nicht dazu zu gehören und ausgelöscht zu werden.

Mit der Konferenz von Versailles vor einhundert Jahren zum Ende des Ersten Weltkrieges wurde das „Tor zur Hölle“ durch die damaligen Siegermächte aufgestoßen. Über den Ausbruch dieses Krieges und Versailles wurde die Vernichtung Deutschlands und von Österreich-Ungarn angestrebt. Heute wie damals läßt sich sagen: ohne Versailles kein Adolf Hitler und ohne Adolf Hitler kein Zweiter Weltkrieg. Das, was in Versailles „auf Kiel“ gelegt worden ist, harrt geradezu der Vollendung: Russland. Dient Deutschland weiter als Rammbock gegen Russland oder lernen wir aus der Geschichte?

A.S.: Wir haben gerade ein politisches Erdbeben erlebt. Werden wir morgen in einem völlig anderen Europa aufwachen?

Willy Wimmer: 

Wir haben in der Tat ein Erdbeben erlebt. Das wird in Deutschland daran deutlich, dass die CDU zum ersten mal in ihrer Parteiengeschichte fast schwächer ist, als die Partei „Die Grünen“. Das macht die Dimension des Erdbebens klar. Die Sozialdemokraten sind sowas von entzaubert, dass bei ihnen eine Personaldiskussion über die Zukunft von Frau Nahles genau so unausweichlich ist, wie in der CDU eine Entscheidung sich von den Damen Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer zu trennen. Das macht die Dimension des Erdbebens in Deutschland aus. 

Wir sehen zum ersten mal in der modernen Geschichte, dass die gemäßigten christlich-demokratischen Parteien aus Deutschland keinen Auftrieb erhalten. Das heißt, der deutsche Einfluss in Europa, der sich über die CDU/CSU und die Sozialdemokraten manifestiert hat, wird erheblich geringer sein und die Parteienfamilie der Christdemokraten bekommt aus Deutschland keine maßgebliche Unterstützung mehr. Das sind sehr harte Fakten, aber sie machen sich natürlich auch mit den Personalentscheidungen bemerkbar. Mit dem heutigen Tag kann sich Manfred Weber die Spitzenkandidatur bei den Christdemokraten für den Posten des EU-Kommissionspräsidenten, wie man so schön sagt, abschminken. Timmermans, der holländische Sozialdemokrat, steht für ein Europa, in dem andere Staaten in der europäischen Union von einer bestimmten Clique von Leuten bevormundet werden. Das heißt, wir laufen auf eine Entwicklung in Europa zu, die wir so noch nicht gehabt haben. Das geht in Richtung Spaltung.

Die Europawahlen vom 26. Mai 2019 sind Ausdruck der sich rapide verschärfenden Kluft in dem EU-Europa: die Briten verlassen das europäische Schiff, das erkennbar auf Klippen gefahren ist. In London will man wieder Herr über sein Schicksal sein und nicht Gefangener einer europäischen Oligarchie, die von nicht-legitimierten Kräften gesteuert wird. Frankreich taumelt durch das „All der Gelbwesten“ und wartet scheinbar wieder auf einen „Erlöser-General“. Deutschland hat siebzig Jahre nach der Verkündung des Grundgesetzes seine Rechtsstaats-Seele verloren.

Es führt wieder Krieg und Frau Merkel hat die Substanz des Rechtsstaates zerstört. Die osteuropäischen Staaten halten es mit „Familie, Nation und Glaube“ nicht nur mit dem Gründungscredo der Einigung Europas. Sie liegen damit auf einer Welle mit der Russischen Föderation in ihrem Staatsverständnis. Da bildet sich ein ganz anderer „Warschauer Vertrag“ heran, der nur im amerikanischen Kriegsverständnis torpediert werden kann. Im EU-Europa herrscht nicht die „Freiheit des Wortes und der Rede“, sondern eine muffige Rückkehr zu Unterdrückungsmaßnahmen à la 1938, von oben aufgezwungen.

A.S.: Wir haben gerade zusammen die letzten 100 Jahre europäischer Geschichte besprochen, analysiert, beschrieben. Und schaut man sich die momentane Situation an, dann kommt unweigerlich das Gefühl eines Déjà-vu auf, als würden wir vor einem Krieg stehen, vor einem Krieg mit noch nicht bekannten Gegnern, geschmiedet von ganz bestimmten Kräften und bei dem Deutschland ganz schlecht abschneiden wird. Wie sehen sie das?

Willy Wimmer:

Ich stimme dem völlig zu. Und das war ja auch für uns beide der Grund dieses Buch zu schreiben. Wir haben zwei Entscheidungen in den letzten vier-fünf Jahren gesehen, die in diese Richtung gehen. Auf der einen Seite die Migrationsentscheidung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2015. Durch diese Entscheidung ist das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes, das sich in Deutschland selbst in einer ehrenwerten rechtsstaatlichen Ordnung manifestiert hat, beseitigt worden. Wir sind stärker als je zuvor Spielball fremder Interessen geworden. Das gleiche haben wir mit dem heutigen Wahlergebnis gesehen. Wir sind in eine Situation gekommen, dass Europa auseinander fällt, die Sollbruchstellen sind bekannt - damit haben wir uns ja auch intensiv auseinandergesetzt und darüber geschrieben. Das macht deutlich, dass auf Deutschland so eingewirkt wird, dass es seinen ursprünglichen Anspruch - Machtfaktor in Europa und darüber hinaus zu sein - nicht mehr umsetzten kann. Wenn man selber nicht mehr Machtfaktor sein kann, spielen die anderen mit einem. Und da kann man sich jetzt Gedanken darüber machen, um wen es sich dabei handelt. Wir sehen auch in dem Wahlergebnis für die Grünen und ähnliche Kräfte, die es in Europa gibt - das ist jetzt eigentlich der ganz große Tag von dem Herrn Soros.

A.S.: Klartext. Wenn wir über die Grünen und ähnliche Kräfte sprechen, dann ist zu 100 Prozent klar, dass sie auf der „pro-atlantischen“ Seite stehen und als willige Vasallen den Angelsachsen gute Diener sein werden. Wohin dreht dann Deutschland? Existiert es dann überhaupt noch als ein selbständiger Staat?

Willy Wimmer:

Es gibt keine deutsche Partei, die von der ersten Sekunde ihrer Existenz an, so auf Amerika ausgerichtet gewesen ist, wie die Grünen. Und man kann, gerade vor dem Hintergrund der grünen Rolle bei dem Jugoslawienkrieg, sagen: Die Grünen sind die geborene deutsche Kriegspartei. Das verheißt für Deutschland nichts Gutes. Und wenn ich sage „die geborene deutsche Kriegspartei“, dann richtet es sich unter den gegenwärtigen Umständen in erster Linie gegen unseren großen Nachbarn und das ist die Russische Föderation. Wir haben es durchgehend bei allen grünen Amtsträgern in der Bundesregierung gesehen, dass hier fast bedingungslos dem gefolgt wird, was in Washington als „westliche Politik“ gegenüber Russland ausgedacht wird. Das führt uns so ins Elend, wie es uns 1914 und 1919 auch aufgezwungen worden ist.

A.S.: Heißt das, wir erleben hier wirklich wieder ein Versailles-Déjà-vu mit dem Ziel Russland? Was kann man unternehmen, um dieses „Versailles-Syndrom“ zu überwinden, sind wir dazu in der Lage?

Willy Wimmer: 

Wir sind mit dem heutigen Wahlergebnis überhaupt nicht mehr in der Lage das zu überwinden. Die Rolle Deutschlands in Europa ist dafür beispielhaft zu nennen und zwar in der Person der Friedenspolitik, insbesondere des Bundeskanzlers Helmut Kohl, das sage ich mit allem Nachdruck. Mit Helmut Kohl hätte es den Jugoslawienkrieg nicht gegeben und wir würden heute auch gegenüber der Russischen Föderation eine ganz andere Politik umgesetzt sehen, als es derzeit der Fall istDie Möglichkeit für EU-Europa sich zu artikulieren, werden bei diesem europäischen Wahlergebnis absolut gemindert. Es ist ein Wahlergebnis, das sich gegen unsere eigene Existenz und den Frieden in Europa richtet. Insofern ist es, um ihre Worte zu gebrauchen, ein Déjà-vu-Erlebnis in Zusammenhang mit 1914 und vor allen Dingen mit 1919. 

Eines ist gewiß: das war eine Riesenohrfeige für das Trio infernale, das aus Frau Dr. Merkel, Frau Nahles und Frau Kramp-Karrenbauer besteht. Frau Dr. Merkel schrottet Deutschland und eine ehemals stolze Partei, die für Deutschland Großes geleistet hatte. Diese Zeiten sind durch Frau Dr. Merkel beendet worden. Sie sollte dem ehrenwerten Beispiel der britischen Premierministerin Theresa May folgen, sofort zurücktreten und in Anbetracht des desaströsen Wahlergebnisses baldige Neuwahlen ausschreiben. Die Grünen als die „deutsche Kriegspartei“ dürfen genau so wenig wie abgewirtschaftete Großkoalitionäre Deutschlands Weg in die Zukunft bestimmen.

A.S: Dieses Erdbeben folgte auf das Erdbeben in Österreich. Und jetzt kommen diese Wahlergebnisse. Beginnt jetzt eine Flächendeckende Hexenjagd, zum Beispiel auf die AfD in Deutschland, Orban in Ungarn und Salvini in Italien? 

Willy Wimmer:

Wir sind, was dieses Wahlergebnis anbetrifft, wohl alle in Europa Opfer der größten Wahlmanipulation in der modernen europäischen Geschichte geworden. Wir sind als Wähler mit einem Apparat von Mainstream-Propaganda konfrontiert worden, wie es ihn schlimmer kaum gegeben hat. Die Ereignisse in Österreich, die mit der Zerstörung der FPÖ/ÖVP-Regierung endeten, haben deutlich gemacht, dass mit schwerstem Geschütz auf die Meinungsbildung der europäischen Wähler gezielt worden ist. Es war mit Sicherheit nicht Russland, das dahinter steckte, sondern es waren Kräfte, die aus dem eigenen Lager kommen. Wer es nun genau war, kann man nur vermuten. Vor diesem Hintergrund werden wir in eine neue Situation in unserer Geschichte eintreten und es wird keine stabile Situation sein. Wir werden Auseinandersetzungen in Europa bekommen, von denen wir glaubten, dass sie der Vergangenheit angehören würden. Ich verweise in diesem Zusammenhang, vor allen Dingen, auf die große soziale Instabilität in Frankreich. Alles, was man in diesem Zusammenhang aus Frankreich hört, geht in Richtung vor-revolutionäre Verhältnisse. Das macht deutlich, dass wir in Europa den Gürtel wirklich enger werden ziehen müssen. 

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