USA „Nuclear Posture Review“

Freitag, 2. März 2018

Prof. Dr. Götz Neuneck: ''..ein neues Element der Rolle von Nuklearwaffen in Richtung Kriegsführungsfähigkeit, das sehr gefährlich ist''

Professor Götz Neuneck, Stellvertretender wiss. Direktor und Leiter der IFAR im Gespräch mit World Economy über die neue amerikanische Atomdoktrin

WE: Wie schätzen Sie die neue amerikanische Atomdoktrin, die taktische Nuklearwaffen und auch die Möglichkeit eines Präventivschlags einschließt, ein? 

Götz Neuneck:

Das ist nicht leicht zu beantworten. Die nunmehr vierte „Nuclear Posture Review“ soll unter der neuen Präsidentschaft von Trump eine Bestandsaufnahme der amerikanischen Nuklearpolitik sein und sie baut auf dem „Nuclear Posture Review“ Obamas von 2010 auf. Es gibt einige neue, beunruhigende Elemente. Die Obama-Politik des Vorschlags der Reduktion von Nuklearwaffen wurde deutlich zurück-, ja umgedreht. Man möchte vor allem als Reaktion auf Russland und China einige neue Sprengköpfe und neue regionale Einsatzoptionen einführen. Es gibt einen konfrontativen, wenn auch vagen Ton bezüglich des Zwecks der künftigen Rolle von Nuklearwaffen. Es gibt zwei Systeme, die als neu dargestellt werden: Zum einen ein Sea-Launched Cruise Missile (SLCM), d.h. ein seegestützter Marschflugkörper, der von einem U-Boot aus abgeschossen werden kann. Und dann spricht man auch von sogenannten „Low Yield Nuclear Weapons“, die quasi den russischen Nuklearwaffen „mit kleinerer Nuklearladung“ Paroli bieten sollen. Man muss dazu aber wissen, dass die angeblich geringere Sprengkraft immer noch die Ladungsstärke einer Hiroshima/Nagasaki-Bombe besitzt. Und es bleibt unklar, was daran eigentlich neu ist. Man möchte offensichtlich den Eindruck erwecken, dass man nicht nur eine generelle Abschreckungsfähigkeit besitzt. Also um zu verhindern, dass irgendjemand anderes - genannt werden Russland und China, aber auch der Iran und natürlich Nordkorea - die USA mit Nuklearwaffen angreifen, weil der Gegner ja weiß, dass dann die USA ihre Nuklearwaffen einsetzen werden. Das ist, was man strategische Abschreckung nennt. Man stärkt hier aber darüber hinaus auch eine Art „zugeschnittene Abschreckung“ sowie Optionen für den Einsatz in regionalen Szenarien. Das ist natürlich ein neues Element der Rolle von Nuklearwaffen in Richtung Kriegsführungsfähigkeit, das sehr gefährlich ist. Legitimiert wird dies aber immer wieder mit anderen Staaten, die ihrerseits angeblich auch solche Optionen haben. Man verweist hier z.B. auf die „Escalate-to-Deescalate“- Doktrin Russlands. Was möchte man aber dadurch erreichen? Einerseits soll Russland der eigene Atomwaffeneinsatz in einem Regionalszenario verweigert werden. Die Frage bleibt wie Russland darauf reagieren könnte? Üblicherweise meist mit eigenen neuen Nuklearsystemen und anderen Optionen. Andererseits möchte man, dass Russland den INF-Vertrag einhält. Es gibt Beschuldigungen, dass Russland einen neuen nicht INF-konformen, bodengestützten Marschflugkörper stationiert hat. Anstatt zu klären, ob dies zutrifft, will man jetzt einen eigenen seegestützten Marschflugkörper oder auch ein bodengestütztes System entwickeln in der Hoffnung, dass Russland einlenkt und zurück zur Vertragseinhaltung des INF-Vertrages zurückkehrt. Man geht da aber natürlich ein großes Risiko ein, denn wenn auch das russische Militär weitere Systeme entwickeln möchte, könnte der INF-Vertrag endgültig beendet werden und daraus ein neues Wettrüsten entstehen. Das ist eine Hochrisiko-Politik, in die man geht, weil man befürchten muss, dass auch andere Staaten - China und Russland - sagen, na gut, wir müssen darauf reagieren und dann sitzen wir wieder mitten in einem atomaren Wettlauf. Das ist die große Sorge. Und zum anderen birgt der Versuch, Waffen mit niedriger Sprengkraft zu propagieren immer die Gefahr, dass man nicht nur in Richtung Abschreckung geht, sondern auch in Richtung Kriegsführung. Es geht bei solcher Rhetorik darum, dass man vermeintlich kleinere Nuklearwaffen einsetzen kann und das kann man eigentlich nur für Kriegszwecke in einem militärischen Konflikt tun. Auch besteht die Gefahr, dass solche Atomwaffen eher eingesetzt werden können. Warum sollten Staaten sonst Atomwaffen mit angeblich kleinerer Sprengkraft entwickeln? Zivilbevölkerung wird in dichtbesiedelten Gebieten in jedem Falle Opfer eines solchen Einsatzes. Die Einsatzkriterien - alle sehr vage. Und es gibt eigentlich auch schon genug Atomwaffen, die dieses Spektrum abdecken. Die Amerikaner haben bereits beschlossen einen luftgestützten Marschflugkörper zu entwickeln. Das so genannte Long Range Standoff (LRSO) Cruise Missile, zum Beispiel. Und man hat auch im Rahmen der beanstandeten INF-Vertragsverletzungen Russlands - ihnen wird ja vorgeworfen einen eigenen Marschflugkörper zu entwickeln oder auch bereits stationiert zu haben - im US-Kongress beschlossen, dass man eine neue landgestützte Rakete, also einen eigenen Marschflugkörper entwickelt. Das alles führt am Ende zu einem Wettrüsten. Und ein Wettrüsten ist teuer, gefährlich und verschiebt die Diskussion weg von der alleinigen Abschreckung hin zu regionalen konkreten Einsatzszenarien. Das beunruhigt natürlich viele Staaten, allen voran die Europäer, den sie sind das Stationierungs- und Zielgebiet. 

WE: Es stand kürzlich in einem BBC-Artikel und auch in einem, der im russischen Internetsegment zu finden ist, ein Atomkrieg sei so schrecklich nicht. Es sieht aus, als würde man versuchen diese Schmerzgrenze abzusenken und die Leser davon zu überzeugen, dass ein Atomkrieg mitnichten die Zerstörung der ganzen Welt nach sich ziehen würde. Bereiten Ihnen solche Tendenzen Sorge? Oder haben die Autoren gar recht?

Götz Neuneck:

Die Hiroshima-Bombe hatte „nur“ eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen also 15.000 Tonnen TNT-Äquivalenten und es sind innerhalb von einem Tag durch eine einzige Bombe ca. 40.000 Menschen ums Leben gekommen. Durch verschiedene Wirkungen. Durch Hitze, weil Hiroshima eine Stadt aus Holz war und auch drei Tage gebrannt hat. Und aufgrund der Druckwelle. Und aufgrund des radioaktiven Fallouts, das über lange Zeit wirkt. Und in den folgenden Jahren hat sich die Todesquote aufgrund dieser kleinen Bombe auf ca. 140.000 erhöht. Da kann man jetzt natürlich darüber streiten, ob es nun so schlimm ist. Es ist aber nur eine einzige Bombe gewesen und wir haben heute weltweit ungefähr 15.000 davon, meist mit weitaus höherer Sprengkraft, also im Megatonnen-Bereich, tausendmal so stark. Und die Gefahr ist groß, dass wenn in einem Land eine Atombombe eingesetzt wird, der Angegriffene aus Vergeltung auch sein Arsenal einsetzen wird. Das kann sehr dann schnell eskalieren, d.h. es kommt zum Atomkrieg, in dem sehr viele Bomben eingesetzt werden. Auch hat sich die Sprengkraft von strategischen Nuklearwaffen enorm erhöht. Die normale Sprengkraft sind eben nicht mehr die 15 Kilotonnen der Hiroshima-Bombe, sondern eine Megatonne. Mit einer Megatonnen-Bombe zerstören sie eine Großstadt wie Berlin oder Hamburg, oder Warschau. Die Todesquoten wären riesig, denn die Nachwirkungen sind ebenfalls katastrophal. Es gibt keine Gesundheitsversorgung mehr - Krankenhäuser sind zerstört. Es wird keine Polizei mehr geben, es wird keine Verwaltung geben. Die Stadt ist einfach tot. Und das mit einer einzigen Megatonnen-Bombe. Zehn davon genügen, um zehn große Städte zu zerstören. Angesichts der Verletzbarkeit moderner Infrastrukturen wird es auch langanhaltende Nachwirkungen auf die gesamte Region haben. Ein Atomwaffeneinsatz und die damit verbundenen Nachwirkungen hängen natürlich immer von der Art der Bombe, der Einsatzhöhe, dem Ziel etc. ab. So gesehen, sind das immer Rechenspiele, aber ernsthaft damit zu argumentieren, dass das gar nicht so schlimm sei, verkennt die dreifache bis vierfache Schadenswirkung von Atombomben, die Frage an welcher Stelle sie eingesetzt werden und wie ein Gegner darauf reagieren wird, sowie die schwer zu bewertenden gesellschaftlichen und ökonomischen Nachwirkungen. Kann man sich vorstellen, dass wenn Nordkorea von einer Bombe getroffen wird, dass sie dann ihre Atomraketen im Silo behalten? Da ist daher immer die Gefahr einer Eskalation, die zum Atomkrieg führen kann. Und die nächste Frage ist, wenn schon die kleineren Atombomben so gefährlich sind, warum haben die USA und Russland denn noch so viele? Sie sind ja dazu da, um eingesetzt zu werden. Offensichtlich gibt es auch immer noch Pläne, die beinhalten, dass sie massiv eingesetzt werden können und dann werden Millionen von Menschen sterben. Man kann natürlich so zynisch sein und sagen, dass ein paar Millionen ja nicht so schlimm seien, aber ich weiß einfach nicht, warum man so gerne mit den Opferzahlen konkurrieren möchte, die man im Zweiten Weltkrieg hatte. Sie wären im Falle einen Atomkrieges jedenfalls deutlich höher, ganz abgesehen von dem Zusammenbruch eines Landes, dem Produktionsausfall und den traumatischen Nachwirkungen. 

WE: Herr Neuneck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Bilder: @depositphotos 

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