Ukraine. Eine Muppet-Show

Samstag, 24. März 2018

''Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, — aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.'' (Friedrich Wilhelm Nietzsche)

Liest man die Nachrichten aus der Ukraine, weiß man nicht, ob man zuerst lachen oder weinen soll. Eine Sensation jagt die nächste. Auch die letzte Woche war da keine Ausnahme. 

Jan Tscherny, Osteuropa-Experte, Autor.

Die schärfste Nachricht war nach Meinung vieler, die Verwandlung der Nationalheldin der Ukraine und Mitglieds des Parlaments Nadezhda Savchenko in eine Verschwörerin, Terroristin und Kriminelle.

Nadezhda Savchenko nahm als Richtschützin zusammen mit der rechtsextremen Freiwilligen-Bataillon „Aidar“ an Kampfhandlungen im Donbass teil. 

Mitte Juni 2014 wurde nach ihren Angaben ein Artilleriebeschuss begonnen, bei dem russische Journalisten getötet wurden. Später wurde Savchenko von den Militärs der Republiken DNR / LNR festgenommen, auf Anfrage des Gerichts der Russischen Föderation übergeben und für den Mord bzw. Teilname am Mord mehrerer Zivilisten zu 22 Jahren Haft verurteilt. In der Ukraine wurde sie aber als Märtyrerin gefeiert, die sich für die Freiheit und Unabhängigkeit des Landes opferte. Die Tatsache, dass sie direkt an der Ermordung von Journalisten aus Russland direkt beteiligt war, ließ man völlig außer Acht. Im Mai 2016 begnadigte der russische Präsident Savchenko und gab ihr die Möglichkeit in die Ukraine zurückzukehren, wo sie als Heldin gefeiert wurde. Nach kurzer Zeit wurde sie zur Abgeordneten der Werchownaja Rada gewählt. 

Allerdings fand die Liebe zu der Heldin der Ukraine ein schnelles Ende. Zuerst verblüffte sie ihre Landsleute, indem sie barfuss ins Parlament kam. Dann begann sie die Machthaber zu kritisieren und ihnen Korruption und Verrat an den Interessen des Majdan vorzuwerfen. Man munkelte, sie würde auf den Präsidentensessel schielen. Und hier ist nun der Höhepunkt. Savchenko sagte, sie hätte Beweise dafür, auf welche Weise die derzeitigen Politiker an dem illegalen Umsturz in der Ukraine im Jahr 2014 auf dem Majdan beteiligt waren. Als Antwort darauf erklärte der Generalstaatsanwaltschaft, sie würde einen Staatsstreich vorbereiten. Und dann passiert das völlig Unfassbare: angeblich, hätte Savchenko geplant Granatwerfer und Maschinenstolen ins Parlamentsgebäude zu schmuggeln, um ein Massaker im Parlament zu veranstalten. 

Während der Vorbereitung dieses Artikels wurde bekannt, dass das Parlament ihr den Titel des Volkshelden und die Abgeordnetenimmunität aberkannte und sie wurde verhaftet, wieder frei gelassen und nochmal verhaftet. Das ist nicht einmal lustig. Der Staatsanwalt, der Minister für innere Angelegenheiten, die Heldin der Ukraine und all die anderen, die im Jahr 2014 an dem blutigen Umsturz teilgenommen haben, beschuldigen sich gegenseitig um die Wette des Verrats. In diesem schwarzen Sumpf hört man auf die ukrainischen Realitäten zu verstehen. Es scheint, als würde nur die Zivilbevölkerung darunter leiden, während die Machthaber weiterhin um Stühle, Geld und Macht ringen.

Der Pilot hat sich erschossen

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde sehr viel über die Katastrophe der malaysischen Boeing über der Ukraine gesprochen und geschrieben. Die Medien schrieben von einer "russischen Spur", von russischen Soldaten, die das Flugzeug mit einem Buk-System abgeschossen haben sollen. Versionen, die von Moskau angeboten wurden, wurden sofort abgeschmettert. Besonders eine Version aus Russland wurde in Europa und der Ukraine empört abgelehnt. Diese Version war auf Zeugenaussagen aufgebaut, dass das Flugzeug nicht von einem Raketensystemen vom Boden aus abgeschossen wurde, sondern von einer Rakete aus einem Kampfjet der ukrainischen Luftwaffe. Der Name des Piloten, der das Flugzeug flog, die Flugzeugnummer wurden genannt, die Namen der Zeugen, die diese Version bestätigten, wurden angegeben. 

Nein - sagten alle drumherum. Wenn die Niederlande ihre Untersuchung beenden, dann werden die Schuldigen benannt.

Doch im Laufe der Zeit haben die Niederlande zwar einige Informationen verlautbart, aber der Lärm um die Geschichte war plötzlich verstummt. Es wurde nicht mehr über einen Prozess in Den Haag gesprochen, nicht mehr über die Schuld der Russen. Und plötzlich diese Nachricht:

„Fast vier Jahre nach dem Abschuss einer malaysischen Passagiermaschine des Typs Boeing 777 in der Ostukraine ist der Ex-Kampfpilot Wladislaw Woloschin gestorben. Am Sonntag soll er in seiner Wohnung im südukrainischen Nikolajew Selbstmord begangen haben.“ - schreibt „Der Spiegel“. 

Die Information ist sehr interessant aufgebaut und es ist wichtig zwischen den Zeilen zu lesen. In einem Satz schreibt der Spiegel über die abgestürzte Boeing und den Militärpiloten Vladislav Woloschin, bringt die beiden Tatsachen in einen Zusammenhang und spielt damit direkt auf eine Verbindung an, und zwar zwischen dem Abschuss der Maschine und dem Piloten, der sich nun selbst erschossen hat. Man kann also annehmen, dass selbst so rigorose Moskaukritiker, wie die Spiegel-Autoren, nicht länger kategorisch ausschließen, dass die Rakete möglicherweise von Woloschin abgefeuert wurde. Und dann - „Ein internationales Ermittlerteam stellte nach monatelangen Untersuchungen fest, MH17 sei mit einer Boden-Luft-Rakete vom Typ Buk M1 abgeschossen worden. Das Raketensystem sei aus Russland in die Ukraine geholt und nach dem Abschuss zurück nach Russland gebracht worden. Wer genau geschossen hat, ist weiter unklar.“

Das Wichtigste in dieser Aussage sind nicht die Tricks der Autoren, sondern der letzte Satz: "Wer genau geschossen hat, ist weiter unklar". An dieser Stelle kann man getrost einen Punkt setzen. Wie es scheint, wird die Version über die Schuld der Ukraine an der Tragödie nun zur Hauptversion.

http://www.spiegel.de/panorama/mh-17-abschuss-kampfpilot-begeht-selbstmord-in-ukraine-a-1199212.html 

Der arme Schröder

Beendet wurde die Woche von dem extraordinären Interview, das der ukrainische Außenminister Klimkin der BILD-Zeitung gegeben hat. Darin forderte er, ohne groß zu überlegen, Sanktionen gegen Gerhard Schröder einzuführen:

„Es ist wichtig, dass es Sanktionen nicht nur gegen russische Regierungsmitglieder und russische Staatsunternehmen gibt, sondern auch gegen diejenigen, die im Ausland Putins Projekte vorantreiben“, sagte er im Gespräch mit der BILD.

Es schien, als wäre die ganze politische Elite erschaudert - solch eine dumme, ungebildete und unverschämte Rhetorik vom Minister eines Landes, welches unbedingt in die EU drängt, hat man nicht erwartet. Zugunsten der deutschen Regierung muss man anmerken, dass die Reaktion blitzschnell erfolgte und der Regierungssprecher Steffen Seibert den aufgeplusterten Minister zurecht wies: «Die Bundesregierung, auch die Bundeskanzlerin sieht keine Veranlassung, Überlegungen dieser Art anzustellen».

https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/afxline/topthemen/article174688827/Ukraine-bringt-Sanktionen-gegen-Gerhard-Schroeder-ins-Spiel.html

Bilder: @depositphotos @bundesregierung

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