NATO-Manöver „Trident Juncture“. Pro und Contra

Freitag, 26. Oktober 2018

Vieles erinnert in diesen Tagen an den längst überwunden geglaubten Kalten Krieg.

Von Hans-Jürgen Münster

Die USA drohen mit der Kündigung von atomaren Abrüstungsverträgen (INF), und die NATO schifft die größten Truppenverbände seit dem Ende der Sowjetunion nach Nordeuropa ein. Auf der anderen Seite des Globus, auf einer kleinen Insel vor der Küste Alaskas, laufen außerdem Planungen für einen „ballistischen Nadelstich“ gegen Russland. Norwegen erlebt derzeit den größten Einmarsch von Truppen seit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und das größte Manöver der Nato seit 1991, als 125.000 Soldaten „Return of forces to Germany“ (Rückkehr von Streitkräften nach Deutschland) übten. „Die Vorbereitungen laufen sehr gut, wir sind auf Kurs“, erklärte US-Admiral James G. Foggo, Kommandeur des Manövers. 

50.000 Soldaten rücken jetzt vor, um vom 25. Oktober bis zum 7. November im Manöver „Trident Juncture“ („Dreizack-Verbindung) die Abwehr eines in das Land Norwegen eingefallenen imaginären Feindes zu üben. Im ersten Teil sollen „Südliche Kräfte“ (Truppen aus Deutschland, Italien und Großbritannien) üben, wie sie einen Angriff „Nördlicher Kräfte“ (dargestellt von USA, Kanada und Norwegen) abwehren. Im zweiten Teil sollen die „Südlichen Kräfte“ die „Nördlichen“ aus Norwegen zurückdrängen. Mit von der Partie sind 250 Flugzeuge, 65 Schiffe und bis zu 10.000 Fahrzeuge. Die USA entsenden sogar den Flugzeugträger „Harry S. Truman“. 

Die deutsche Bundeswehr ist überdurchschnittlich vertreten: 8.000 Soldaten mit 16 der schwersten Kampfpanzer Leopard II, 29 Schützenpanzer Marder und 150 Spezialfahrzeuge sind in Norwegen bereits angelandet worden. Der deutsche Brigadegeneral Ulrich Spannuth ist begeistert: „Die Möglichkeiten, hier in Norwegen zu üben, sind einzigartig.“ Transport und Unterkunft der deutschen Soldaten sollen allein 90 Millionen Euro kosten, war in der deutschen Presse zu lesen. Insgesamt will die Bundeswehr in diesem Jahr 300 Millionen Euro für die Teilnahme an Manövern ausgeben – wesentlich mehr als 2017 (264 Millionen Euro).

Dass die Deutschen mit einer so massiven Streitmacht dabei sind, liegt daran, dass sie ab 2019 die Führung der „Very High Readiness Joint Task Force“ (schnellen Eingreiftruppe) der NATO übernehmen werden. Die Einheit wurde nach Beginn der Krim- und Ukraine-Krise aufgestellt und sei „ein Element der Abschreckungsstrategie gegen Russland, der seit 2014 wieder starke Aufmerksamkeit gewidmet wird“, ist bei der deutschen Nachrichtenagentur dpa zu lesen.  

Dass sich die Übung gegen Russland richtet, wollen die direkt Verantwortlichen natürlich nicht sagen. „Um in einer unberechenbaren Welt Sicherheit zu garantieren, muss das Bündnis stark bleiben. Deswegen brauchen wir Training“, redet NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg um den heißen Brei herum. „Die Übung ist defensiv“, wurde Stoltenberg vom Handelsblatt zitiert. 

Offen spricht immerhin Knut Fleckenstein, der außenpolitische Sprecher der SPD im Europaparlament, aus, worum es geht: „Natürlich ist das wegen Russland.“ Und damit das für jedermann klar ist, ergänzt der SPD-Mann: „Die Soldaten üben nicht für einen Angriff aus Guatemala, sondern von jemandem, der von oben kommt – und da liegt Russland.“ Genauso hätten die Russen aber nicht bei ihrer letzten Übung an einen Gegner wie Burkina Faso gedacht. Fleckenstein spielt damit auf das russische Großmanöver „Wostok“ im September im Osten Russlands an, an dem nach einem Bericht der Tageszeitung „Die Welt“ fast 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer und Militärfahrzeuge, 1.000 Flugzeuge und 80 Schiffe teilgenommen haben sollen. Der Fraktionschef der deutschen Linken, Dietmar Bartsch, lehnt das Manöver angesichts der Kriegsgefahr ab: Im gegenwärtigen Klima das größte NATO-Manöver seit 30 Jahren in Norwegen zu starten, sei „aberwitzig, gefährlich und provokant gegenüber Russland“. 

Im Fernen Osten möchte derweil ein neuer militärischer Akteur nicht weit von der russischen Ostgrenze auftauchen: Israel. Der ständig unter Bedrohungen und Angriffen aus dem arabisch-islamischen Raum leidende Mittelmeerstaat hat eine hoch entwickelte Rüstungsindustrie. Zusammen mit dem amerikanischen Unternehmen Boeing entwickelte Israel das Raketensystem „Arrow 3“ zur Abwehr von Bedrohungen aus der Luft, wobei nach offiziellen Angaben die Abwehr iranischer Flugkörper gemeint ist. Das extrem manövrierfähige Arrow 3-System soll in der Lage sein, feindliche Langstrecken-Flugkörper (die mit Atomwaffen bestückt sein könnten) bereits im Weltraum abzufangen und zu zerstören. Die Reichweite wird in inoffiziellen Berichten mit 2.400 Kilometern angegeben.

Eine Testserie nicht nur mit Abschüssen, sondern auch der Erprobung der Einsatzbereitschaft über einen längeren Zeitraum, soll ausgerechnet vor der russischen Haustür erfolgen. Im Süden des nördlichsten US-Bundesstaates Alaska befindet sich die Insel Kodiak, auf der der „Pacific Spaceport Complex“ beheimatet ist. Auf dem 15 Quadratkilometer großen Gelände befinden sich zwei Startrampen für Raketen sowie ein Kontrollzentrum mit einer leistungsfähigen Radaranlage. Dort soll Arrow 3 getestet werden, und US-Admiral James Syring, Direktor der US-Raketenabwehrbehörde, sagte nach Angaben von „Alaska Publik Media“ in einem Kongressausschuss in Washington, warum die Tests auf Kodiak gemacht werden sollen: „Innerhalb des Mittelmeeres gibt es erhebliche Reichweitenbeschränkungen. Und einer der besseren Orte zum Testen ist in Alaska.“ Insgesamt soll es um ein Auftragsvolumen für Kodiak in Höhe von 80 Millionen US-Dollar gehen.

So ganz richtig ist das nicht, was Syring im Kongress erklärte. Die israelische Armee hat bereits zwei Startversuche mit Arrow 3-Raketen von Abschussvorrichtungen in Israel durchgeführt. Beide Tests scheiterten aber an technischen Problemen. Beim dritten Mal klappte es: Am 20. Februar 2018 berichtete die Nachrichtenagentur UPI von einem erfolgreichen Test der Arrow 3. „Wenn sie ein richtiges Ziel gehabt hätte, hätte sie getroffen“, gab sich Boaz Levy, stellvertretender Chef der israelischen Aerospace Industries, überzeugt.

Die ersten beiden Raketenstarts in Alaska mussten allerdings abgebrochen werden – wegen Problemen mit der abzufangenden Zielrakete. Anfang Mai 2018 wurden die Vorbereitungen am Weltraumbahnhof Kodiak zunächst ausgesetzt, um nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums „maximale Bereitschaft für den amerikanischen Feldversuch herzustellen“, wie die Nachrichtenagentur AP berichtete. 

Arrow 3 ist für die israelische Luftverteidigung besonders wichtig. Die Rakete ist der Schlusspunkt im Luftabwehrsystem des Landes. Gegen kleine Raketen, wie sie von palästinensischen Terroristen abgefeuert werden, soll das System „Iron Dome“ schützen. Vor Raketen mittlerer Reichweite und Marschflugkörpern soll das „David‘s Sling System“ schützen, und Arrow soll Langstreckenraketen schon weit vor dem Erreichen des israelischen Luftraums ausschalten können. 

Die kleinere Arrow 2 bestand im März 2017 ihre Feuertaufe, als sie erfolgreich gegen eine von Syrien aus gestartete Rakete des sieben Tonnen schweren russischen Typs S-200 (Reichweite 130 km) eingesetzt wurde. Die Explosion sei bis Jerusalem zu hören gewesen, berichteten sogar deutsche Zeitungen wie „Süddeutsche“ und „Die Welt“. Die S-200 war offenbar gegen israelische Flugzeuge abgeschossen worden, die einen Einsatz über Syrien flogen und drohte auf israelischem Gebiet niederzugehen. Der Einsatz der israelischen Flugzeuge führte zu schweren diplomatischen Verwicklungen mit Russland. So wurde der israelische Botschafter ins russische Außenministerium in Moskau einbestellt. Gegen etwaige iranische Bedrohungen mit Langstreckenraketen aus dem Weltraum soll nur Arrow 3 ankommen. Genauso gut soll sie aber auch gegen ballistische Systeme eingesetzt werden können, die von Syrien aus gestartet werden könnten. 

Überraschen wollen Israelis und Amerikaner die Russen, bei denen der Start einer ballistischen weltraumfähigen Rakete von Alaska aus alle Alarmsysteme auslösen könnte, nicht: „Vor den Starts wird öffentlich bekannt gegeben, wann der Start stattfinden wird“, hat Syring versprochen. Dann können sich die Russen von internationalen Gewässern aus ein Bild davon machen, ob Arrow 3 auch gegen die moderneren russischen Systeme wie S-300 angekommen könnte. So ist die israelische Präsenz auf Kodiak viel mehr als nur ein militärtechnischer Vorgang.  

Quellen und Bilder: 

@NATO 732488 22 Oct 2018 12:00 Location on board HNLMS Johan De Witt Usage rights Courtesy Netherlands Ministry of Defence Media Centre. This media asset is free for editorial broadcast, print, on-line and radio use. It is restricted for use for other purposes.

@depositphotos

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Netherlands Cougar helicopter flies from amphibious ship HNLMS Johan de Witt during Trident Juncture 18