Kultur und Kulturelle Kompetenz

Dienstag, 6. März 2018

Welche Rolle spielt der Begriff „Kultur“?

Das Wort „Kultur“ transportiert im öffentlichen Gebrauch etwas über den profanen Alltag Hinausgehobenes, zuweilen Erhabenes, besonders wenn es um Kunst geht. Kultur trägt – im Unterschied zu Zivilisation – den besonderen Aspekt von Veredelung menschlicher Haltungen in sich, die sich aus den schöpferischen Potentialen des Menschen entfalten und sowohl sein individuelles Leben als auch seine Einbindung in die örtliche, regionale oder nationale, schließlich übernationale menschliche Gesellschaft prägen.

Von Bernd Weikl

Die Kultivierung eines Menschen und damit seine Befähigung, ein geistig vorantreibendes Element der gesellschaftlichen Entwicklung zu werden, ist kein Vorrang irgendeiner Elite, sondern der Kern jedes Menschen, ob Politiker, Bauer, Handwerker, Kaufmann, Opernsänger oder Wissenschaftler. Nicht die große edle Tat macht den Menschen zu einem Kulturwesen, sondern die Bildung seiner Denkfähigkeiten und schöpferischen Potentiale und die Einbringung dieser geistigen Ressourcen in die menschlichen Lebensbedingungen. Kultur ist die angeborene Natur des Menschen. Die Kulturfähigkeit des Menschen ist aus der natürlichen Evolution hervorgewachsen. Deshalb kann Kultur kein Gegensatz zur Natur sein sondern bleibt ein, vielleicht besonders raffiniertes, biologisches Arrangement zur Ausnutzung der Möglichkeiten, die unsere Natur bietet. Die Natur hat den Menschen mit einem ungewöhnlich leistungsfähigen Gehirn ausgestattet, einer biologischen Ressource, die uns Menschen seit tausenden von Jahren auf den Weg in immer komplexere, feinsinnigere (aber zuweilen auch grobschlächtige) Lebensformen bis in unsere Gegenwart gebracht hat.

Spiegelneuronen 

Als Bühnenkünstler kann man über die Resonanz aus dem Publikum immer wieder feststellen, ob die künstlerische Botschaft bei ihm angekommen ist. Es musste also eine sensuelle Übertragung stattgefunden haben. Wir können bei entsprechender Durchstrukturierung unserer Emotionen mitempfinden, was andere empfinden, ganz gleich ob es sich um Mitleid, Trauer oder Freude handelt. Was uns durch diese Übertragung zu sozialen, mitfühlenden Menschen macht, dafür sind auch die sogenannten Spiegelneuronen zuständig. „Es sind bestimmte Nerven in unserem Hirn, ein Resonanzsystem, das Gefühle und Stimmungen anderer beim Empfänger aufnimmt und sozusagen spiegelt. Das Einmalige an den Nervenzellen ist, dass sie bereits Signale aussenden, wenn jemand eine Handlung nur beobachtet. Sie reagieren dann genau so, als ob man das Gesehene selbst ausgeführt hätte.“ 

„Rein zufällig stieß die italienische Forschergruppe um ihren Leiter Giacomo Rizzolatti 1996 auf die Spiegelzellen. An der Universität Parma erforschte das Physiologenteam an Schimpansen, wie Handlungen im Hirn geplant und umgesetzt werden. Im Versuchsaufbau ging es den Wissenschaftlern darum herauszufinden, welche Nervenzellen bei einem Schimpansen, der an ein Messgerät angeschlossen ist, aktiv werden, sobald er nach einer Nuss greift. Dabei machten die Forscher eine sensationelle Entdeckung. Denn die Nervenzellen sandten nicht nur Signale aus, wenn der Affe selbst nach einer Nuss griff, sondern auch, wenn das Tier beobachtete, wie ein Teammitarbeiter die gleiche Handlung ausführte. Indem der Affe die Bewegungen des anderen mitverfolgte, reagierten die Nervenzellen so, als ob der Schimpanse selbst nach der Nuss gegriffen hätte. Das Gesehene wurde im Gehirn des Schimpansen „gespiegelt“. Die Nervenzellen, die diese spiegelnden Signale auslösten, nannten die Forscher jetzt Spiegelneuronen. Endlich gab es eine wissenschaftliche Erklärung für Phänomene wie Intuition und Mitgefühl, die lange Zeit von Naturwissenschaftlern nur belächelt wurde. Spiegelneuronen gehören zur Grundausstattung unseres Gehirns. Von Geburt an ist der Mensch mit Spiegelneuronen ausgerüstet. Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Funktion der Spiegelneuronen spielen Vor-Erfahrungen. Wer erfahren musste, dass freundliche Menschen unerwartet unangenehme Seiten zeigen, dessen Spiegelneuronen werden in Zukunft anders auf freundliche Menschen reagieren als Personen, die keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Wird die Fähigkeit zu spiegeln unterdrückt oder nicht genutzt, geht sie verloren. "Use it or lose it" (nutze sie oder verliere sie) heißt die Devise der Forscher, die auf alle Nervenzellsysteme zutrifft, nicht nur auf die Spiegelneuronen. 

Spiegelneuronen funktionieren unbewusst, wir müssen nicht darüber nachdenken. Die Bewegungsmuster oder Körperzeichen des anderen werden von unserem Gehirn schnellstens dechiffriert. In unserem Gehirn entsteht ein Spiegelbild von dem, was wir sehen.“Beim Gehirnjogging von NeuroNation werden z. B. alte Denkmuster aufgebrochen und neue Lösungsansätze für Aufgaben angeregt. Ich nehme diese wissenschaftlichen Erkenntnisse als Basis für das, was ich unter Kultureller Kompetenz verstehe und entwerfe ein Format.  

Könnte es gelingen über eine angewandte Didaktik Zeitgenossen im Hinblick auf die kulturelle Kompetenz zu sensibilisieren?  

Die Förderung von kultureller Kompetenz ist deshalb auf dem achtsamen Umgang mit diesem biologischen Potential gegründet, welches gepflegt und geformt werden muss, um mehr als nur den gegenwärtigen kulturellen Stand weltweit erhalten zu können. Die globale Situation des Planeten Erde stellt uns vor Herausforderungen, die ohne nachdrückliche Förderung von individueller und gesellschaftlicher kultureller Kompetenz nicht angenommen und verwirklicht werden können.  Kulturelle Kompetenz wurzelt in zwei miteinander verkoppelten Gestaltkomponenten der individuellen Bildung: Wissen (als intellektuelle oder mentale Denk- und Gedächtnisleistung) und Urteilsvermögen (als ganzheitliche Bewertung von Erscheinungen aus dem Erfassen von Situationen). In meinem Studienprogramm werden Wissenskomponenten kaum eine Rolle spielen. Man muss nicht zwingend wissen, wer zu welcher Zeit dieses oder jenes Gedicht verfasst, Gemälde gemalt oder Musikstück komponiert hat. Kulturelles Wissen dieser Art entwickelt sich zwar nicht ohne pädagogischen Nachdruck und erweist sich im Leben als wichtige Stütze der Orientierung, aber es festigt sich überwiegend durch Erfahrung nahezu von selbst, wenn man am Leben vital teilnimmt.

Für mein Format war die zweite Gestaltkomponente die entscheidende. Unser Gehirn arbeitet nicht nur im wachen, bewussten Denken (dem Verstand), sondern erweitert sich – oft unbewusst und aus den Tiefen von im Gedächtnis gelagerten Erfahrungen angeregt – auf das Empfinden und das weitläufige Gelände von Emotionen, die das Denken in bestimmte Bahnen lenken oder aber, z. B. bei Ängsten, blockieren. Für kreative Gehirnleistungen müssen wir die üblichen Beklemmungen, die uns der Verstand als antrainiertes Kontrollorgan auferlegt, überwinden, um zu offeneren, kreativen Horizonten zu gelangen. Das zu leistende Kunststück besteht darin, dass jemand, der mit den Beinen fest auf dem Boden der Wirklichkeit steht und sich dort bewähren will, es bei Phantasiereisen nicht belassen kann, sondern seine Einsichten und Erfindungen am Ende wieder auf den prüfenden Verstand zurückführen muss. Mir geht es darum, die individuelle kulturelle Kompetenz zu steigern, sie dann, wenn es gefordert wird, aus der Enge des reinen Verstandes zu befreien, um mit der Fracht kreativer Einfälle wieder auf diesen Boden zurückzukehren. Mein Programm hat deshalb ganz deutlich einen pragmatischen Einschlag. Das Urteilsvermögen ist seinem Charakter nach eine ganzheitliche Herangehensweise, die in unzähligen Lebenslagen durch analytische Aufklärung einer Lage nicht zu bewältigen wäre. Man kann ein Gemälde oder ein Musikstück nur als Ganzheit erfassen, deuten und innerlich erleben. Da hilft es einem nicht, die Noten und Takte zu zählen oder die Pinselführung des Malers herauszufinden. Was ein Kunstwerk erzählen kann, wird sich keiner Analyse erschließen. Ganzheitliche Wahrnehmung tritt meist nicht so spektakulär hervor wie großartige Berechnungen und kühne Statistiken. Einen gelungenen Wein muss man als Ganzheit auf sich wirken lassen, und nicht viel anders, wenn auch deutlich komplizierter, muss man Marktsituationen oder politische Entwicklungen als Ganze einschätzen können, die aus spärlichen analytischen Daten (Statistiken etc.) mit viel Intuition tragfähige Schlussfolgerungen erlauben.

Intuitive Einsichten sind keine irrationalen Spielereien, sondern sind von Erfahrungen geprägt, also ganzen Serien von Erlebnissen, in denen sich bestimmte Antworten bewährt haben und zu raschem Handeln animieren (natürlich auch sie nicht ohne Risiken). Erfahrungen ihrerseits sind Lebensbewährungen, die sich in der praktischen Kommunikation bilden und festigen. Sie sind durch kein intellektuelles Studium ersetzbar. 

Die Kommunikation, also die Verständigung von Menschen untereinander, spricht zwei Seiten der individuellen Kompetenzen an, die eng miteinander zusammenhängen und die zum Kern meines Programms gehören: 1. Die sinnlichen Wahrnehmungen in der äußeren Welt und ihre gedankliche Verarbeitung, 2. Die Formung dieser Wahrnehmungen zu einer Mitteilung, die von der Außenwelt verstanden und beantwortet werden kann. Mit anderen Worten: Zu einer kompletten kommunikativen Kompetenz gehören zwingend ein trainiertes sinnliches Wahrnehmungs- oder Empfindungsvermögen und eine der Außenwelt (den Mitmenschen) angemessene Ausdrucksfähigkeit (Sprache, Gestik, Körperhaltung etc.).   

Warum Unternehmer (als Beispiel) schöpferische Menschen sein sollten

Unternehmer stehen im öffentlichen Rampenlicht und werden meist kritischer beobachtet als die meisten anderen Menschen. Der Grund ist naheliegend, denn die Wirtschaft trägt unseren Wohlstand und die Hauptverantwortung dafür liegt eben bei den Unternehmern oder allgemein: bei den Führungskräften in der Wirtschaft. Das öffentliche Ansehen vom Unternehmer ist allerdings in vieler Hinsicht oft ein Zerrbild. Kaum jemand macht sich Gedanken darüber, was die Arbeit eines Unternehmers wirklich bedeutet. Zwei solche üblichen und weit verbreiteten Verzerrungen sind in der Öffentlichkeit fast schon Allgemeingut geworden und werden kaum noch hinterfragt: Die eine ist das ideologische Klischee, das den Unternehmer kurzerhand als beutegierigen Kapitalisten kennzeichnet. Die zweite, nicht ganz so leicht zu durchschauende Verzerrung ist eine theoriebeladene, die auf dem Boden der abstrakten ökonomischen Theorie gewachsen ist. Sie kennzeichnet den Unternehmer als rationalen Homo oeconomicus, der zielstrebig nichts anderes im Sinn hat, als aus jeder Lage den höchsten Gewinn herauszuholen. Wir müssen uns von diesen beiden Zerrbildern lösen und die Wirklichkeit aufgreifen, denn die zeigt uns ein völlig anderes Bild.

Unternehmer (Kaufleute, Bankiers, Industrielle, Fabrikanten, Gewerbetreibende, Handwerker usw.) sind die Träger und Treiber jeder Marktwirtschaft. Deren geschichtliche Entstehung war zu keiner Zeit eine geniale Erfindung irgendeines Menschen oder eine obrigkeitliche Anweisung, sondern hat sich über Jahrhunderte aus der alltäglichen Praxis der Handeltreibenden (im frühen Mittelalter der Fernkaufleute, später der residierenden Handelshäuser und schließlich der bodenständigen Industrieunternehmen) organisch formiert. Dabei haben bestimmte Bedürfnisse der Kaufleute Grundwerte geschaffen, wie etwa sichere und faire Abwicklung von Geschäften, verlässliche Rahmenbedingungen, Schutzvorkehrungen der Kirche oder der Obrigkeiten und eine stützende Rechtsverordnung. Wir sprechen in diesem Sinne von einer Marktkultur, besser: den regional und historisch unterschiedlichen Marktkulturen. Die heutige Marktwirtschaft ist ein organisches Gewächs der Geschichte, und zwar nicht nur der engeren Wirtschaftsgeschichte, sondern ganz umfassend der politischen und der kulturellen Geschichte, die in jeder Region, zuweilen in jeder Stadt ihr eigenes Profil besaß. Erst nach einem langen Entwicklungsprozess haben sich örtliche Regeln des Marktverkehrs allmählich in überregionalen Usancen und Rechtsfiguren standardisiert und haben schließlich zu weltumfassenden Regulierungen des globalen Marktverkehrs geführt. Der Verlauf der Marktpraktiken von Unternehmern hat immer und überall äußere Spuren hinterlassen, die darauf hindeuten, dass es nie ausschließlich um Gewinnmaximierung und Vermögensanhäufung ging, sondern um einen Wirkungswechsel zwischen geschäftlichem Können und Einfügung in die äußeren politischen Rahmenbedingungen und der gesellschaftlichen Kultur. Die besten (und wohl schönsten) Spuren finden wir immer noch in den Altstadtkernen vieler erhalten gebliebenen Handelsstädten mit ihrer gerade auch als Ensembles wirkungsvollen Architektur.      

Diese sinnlich wahrnehmbaren, bis heute beeindruckenden Kulturobjekte sind ein markanter Hinweis darauf, welche gesellschaftliche Bedeutung den Unternehmern zu allen Zeiten zukam und in welchen - natürlich äußerst unterschiedlichen - Formen ein gezieltes und verantwortungsbewusstes Mitdenken und Mitgestalten am Schicksal einer Stadt, einer Region oder eines Landes das Handeln von Unternehmern begleitet hat. Es ist dieses umfassende, gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein, dessen Pflege auch heute noch und angesichts so mancher krisenhafter Entwicklung in der Gegenwart sogar noch verschärft eine zwingende Notwendigkeit ist. Die historische Ausweitung des globalen Marktverkehrs bürdet jedoch allen Beteiligten einen weiten, über die Örtlichkeit hinausreichenden Verantwortungshorizont auf, dem der enge Zusammenhang zwischen der Prosperität des eigenen Unternehmens und der Stabilität der äußeren Rahmenbedingungen nicht leicht zu durchschauen ist. Wir sind, wenn wir für die Zukunft gerüstet sein wollen, auf schöpferisch tätige Unternehmer angewiesen und können es uns weder leisten, sie in die Ecke gieriger Kapitalisten zu stellen, noch sie mit theoretischen ökonomischen Modellen und vom Schreibtisch stammenden Managementinstrumenten in die Pflicht zu nehmen. Ein Unternehmen ist keine Maschine, sondern ein lebendes Gebilde. Um dessen Funktionieren und Führung zu sichern, wird man auf theoretische Grunderkenntnisse natürlich nicht verzichten können. Aber das eigentliche Fundament unternehmerischer Arbeit ist, schöpferische Geistesarbeit, gepaart mit einem hohen Maß an Erfahrung und intuitivem Blick in die Zukunft. Das und einiges mehr fügen wir in dem Begriff „Kulturelle Kompetenz“ zusammen.

Die Grundlagen

Starke Persönlichkeiten in allen gesellschaftlichen Bereichen lassen sich nicht von den gängigen Schlagzeilen beeindrucken, wonach uns schlimme, stürmische Zeiten bevorstehen und niemand - weder die Politiker noch die Unternehmer, die Experten oder die Philosophen - einen klaren Weg weisen können, wie wir durch die Verwerfungen in unserer Gegenwart gelangen und wohin uns die Verwirbelungen treiben werden. Starke Persönlichkeiten sind keine sturen Menschen mit festgezurrten Weltbildern, sondern besonnene, erfahrene und verantwortungsbewusste Bürger. Ihnen ist zu jeder Zeit klar vor Augen, dass niemand unfehlbar ist, dass aber die möglichen Fehlleistungen durch Persönlichkeitsformung und die Aktivierung von schöpferischen Handlungspotentialen verringert werden können. Die Grundlage schöpferischer Handlungspotentiale besteht aus zwei einander ergänzenden und deshalb unverzichtbaren Säulen: Wissen und Erfahrung auf der einen Seite und geistige Beweglichkeit gepaart mit der Fähigkeit, sich durch wirksame Kommunikation auf die Außenwelt einzulassen und in ihr oder auf sie einzuwirken, auf der anderen Seite. Unsere akademische Ausbildung hat sich über Generationen hinweg überwiegend auf die erste Säule konzentriert. Sie hat in der Tat ein beachtliches Wissenspotential geschaffen und Erfahrungen im praktischen Leben aufgebaut, ohne das die moderne Zivilisation nicht hätte entstehen können. 

Wenig Beachtung hat dagegen die zweite Säule gefunden. Man hat allzu gern davon gesprochen, dass man eben zum Unternehmer, zum Künstler oder zum Wissenschaftler geboren werde und sich auf sein Talent verlassen müsse. Der Tüchtige finde immer seinen Weg. Diese Auffassung stößt heute an Grenzen. Nicht dass es keine Talente mehr gebe, ist das Problem, sondern dass Talente, oder sagen wir lieber Qualifikationspotentiale, nicht zum Zuge kommen, weil sie in der Hektik des Alltags unerkannt bleiben oder aus Mangel an gezielter Förderung einfach entschlummern. Solche Verschwendung an schöpferischen Potentialen werden wir uns künftig nicht mehr leisten können – weder in der Wirtschaft noch in den Künsten, den Wissenschaften oder in der Politik.

Eine angewandte Didaktik

Für das Bildungszentrum Wien Hohe Warte habe ich vor über zehn Jahren ein Institut gegründet, das damals auch meinen Namen tragen sollte. Das Angebot für postgraduate Studenten war angewandte Didaktik in Form von Seminaren. Ich war davon überzeugt, dass ich nicht etwas völlig Neues in die Welt hätte setzen können. Das allzu Neue führt meist eher zu Irritationen als zu fundierten Entwicklungen. Ich glaubte vielmehr daran und es wurde mir bisher überall bestätigt, dass ich die im Menschen angelegten Schaffensmöglichkeiten herausarbeiten und festigen kann und muss. Es ging um die Entdeckung, nicht um die Erfindung von schöpferischen Potentialen.

Ich wollte keine fremdbestimmten Modelle und Techniken oder gar Ideologien einführen, sondern wollte Persönlichkeiten vor Augen haben, die ihre individuellen schöpferischen Potentiale, die Kräfte ihrer Lebensfreude und ihr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein in allen Lebenslagen ins Spiel bringen können. Alle diese Persönlichkeitsaspekte fasste ich zusammen unter dem Begriff der Kulturellen Kompetenz. Ich wollte dazu Anregungen geben und mit bewährten methodischen Ansätzen dazu beitragen, dass die Entdeckung individueller Kreativität und Schaffenslust zu einer positiven Selbsterfahrung wird. Aus guten, auch wissenschaftlich gesicherten Gründen steht die innere Weite menschlichen Denkens über den reinen Verstand hinaus im Mittelpunkt. Das reine Denken ist nicht kreativ. Wir brauchen die Energie unserer Phantasie, und die wiederum nährt sich aus hellwachen sinnlichen Wahrnehmungen und deren mentaler Verarbeitung zu tragfähigen Handlungen, seien diese künstlerischer, wissenschaftlicher, ökonomischer Art. Wir können nicht denken, ohne zu fühlen. Hier liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit: Sinnliche Wahrnehmungen und die innere Weite der Phantasie, gepaart mit Erfahrungen und im Gedächtnis verankerten Lebensmustern sind der Stoff, aus dem Kulturelle Kompetenz hervorgeht. 

Mit meinen Denkansätzen und Vorgehensweisen könnte ich nahezu jeden Lebensbereich der Gesellschaft aufgreifen. Doch Politiker bleiben überzeugt von sich, wenn sie durch ihr unreflektiertes „Wir schaffen das“ oder als Kultusminister und –ministerinnen an der weiteren Zerstörung unserer Kultur mit hohen staatlichen Subventionen beitragen. Die völlig absurde antirussische Haltung ist erschreckend! Da fehlt es nachweislich an kultureller Kompetenz. Politiker sind jedoch unerreichbar. Ich richtete mich gezielt an die Wirtschaft und die sie tragenden Führungskräfte. Deren Schaffenskraft ist eine Kernbedingung für eine stabile gesellschaftliche Zukunft. 

Das Seminarprogramm in Umrissen 

Das von mir entwickelte Seminarprogramm war so aufgebaut, dass nach einer einführenden sechstägigen Session am Tagungsort eine Serie von Fortsetzungen angeboten wird, die je nach persönlichem Bedarf spezielle Akzente setzen und in nicht allzu weitem zeitlichen Abstand festigen sollen, was in der einführenden Session erreicht wurde. Die Seminare sind auf kleine Teilnehmerzahlen – nicht mehr als zehn bis zwölf Personen – fokussiert, damit genügend Aufmerksamkeit und aktive Teilnahme für jeden Seminarteilnehmer verfügbar ist. Denkbar in Zeitnischen sind auch individuelle Trainingsphasen. Das detaillierte Seminarprogramm wird für jede Veranstaltung erst ausgearbeitet, wenn die Teilnehmer und insbesondere ihre persönlichen thematischen Bedürfnisse und Interessen bekannt sind. Seminaranmeldungen müssen deshalb einen zeitlichen Vorlauf von mindestens zwei Wochen einhalten. 

Vorschlag 1: Jeder Teilnehmer legt einen vorbereiteten Redetext vor, den er möglichst schon in der Vorphase des Seminars gefertigt hat. Die Texte werden in einem ersten Durchgang vorgelesen. Dabei wird die Spannung zwischen einem geschriebenen Text und einer abgelesenen Rede deutlich und gibt den Stoff für Verbesserungen und Steigerungen des Vortrags. Ein geschriebener Redetext ist immer eine starke Verdichtung dessen, was der Vortragende eigentlich im Kopf mit sich herumträgt. Die Wortsprache ist in gedruckter Form eine extreme Reduktion. Durch die stimmliche, mimische und gestische Art des Vortrags kann die Vielfalt und damit Wirkungsmächtigkeit einer Rede erheblich gesteigert werden. Im weiteren Fortschritt wird der Übergang zur freien Rede geübt. Wer dennoch seinen Text lieber abliest, statt frei zu sprechen, kann an dem geschriebenen Redetext feilen. Das könnte Teil der Übungen sein. Der sich über mehrere Tage erstreckende Hauptteil der Trainingsarbeit gilt der Stimme, der Körpersprache und dem Verfertigen von (möglichst freien) Sätzen bei der Rede. 

Vorschlag 2: In einer Verhandlungssituation stehen sich zwei kontrahierende Delegationen (von je höchstens zwei oder drei Mitgliedern) gegenüber. Dazu wird eine bestimmte – von deutlichen Kontroversen getragene – Situation vorgegeben, in der beide Delegationen ihren Vorteil suchen. Das Ziel der Verhandlungen ist offen; sie können also auch scheitern. In solchen Situationen kommt es auf Kompetenzen in Sachen Empathie (Wie denkt die Gegenseite? Wie kann man deren Interessen und Ziele einschätzen?), in Sachen Intuition (Was sagt einem die eigene innere Stimme?) und in Sachen wirkungsvoller Kommunikation an (Wie kann man die Gegenseite überzeugen oder auch über den Tisch ziehen?). Bei zehn bis zwölf Teilnehmern können zwei bis drei Gruppen mit jeweils unterschiedlich thematisierten Verhandlungssituationen gebildet werden. Ziel ist eine geschärfte Wahrnehmung der konkreten Situation, ein intuitiver Rückbezug zu den Konsequenzen möglicher Verhandlungsergebnisse auf die eigene Interessenlage und gesteigerte kulturelle Kompetenz der wirkungsvollen persönlichen Darstellung. Es soll verinnerlicht werden, dass genaues Hinhören, wenn andere reden und argumentieren, zu besseren Ergebnissen führt, als voreiliges Hineinreden. Entgegnungen in einer Debatte sind effektiver, wenn sie in passender Weise zu kleinen Auftritten werden, hinter denen man das Nachdenken spürt. „Zu was brauch’ ich denn das?“, hieß es in Wien. Ich schloss das Institut. Meine Freunde, die Grafen Bernadotte auf der Insel Mainau, zeigten allerdings großes Interesse an diesem Format. Die Hausherrin, Gräfin Sonja wollte sich bei ihren Verwandten in Schweden für solche Seminare einsetzen. Sie schrieb mir: »Lieber Herr Weikl, Gräfïn Bettina hat Ihr Exposé persönlich an Königin Silvia übergeben, nachdem ich diese telefonisch informiert hatte. Nun hoffe ich innerlich, dass die Königin sich bei Ihnen meldet und Sie so einen Schritt weiter kommen können. Für das Projekt wünsche ich Ihnen toi, toi, toi und drücke ganz fest die Daumen. Seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrer Sonja Bernadotte.« 

Aus Schweden kam keine Nachricht. Allerdings erfuhr ich später, dass es der Königin daran lag, meinen Vorschlag nicht auf der Insel Mainau, sondern in Schweden anzusiedeln. Das war – auch aus privaten Gründen – für mich nicht machbar. 

Quellen:

  • Sabine Kaufmann Stand: 07.11.2014, 12:00, Forschung - Spiegelneuronen - Forschung - Natur - Planet Wissen 
  • Peter Bendixen/Bernd Weikl (2011): Einführung in die Kultur- und Kunstökonomie. Mit einem Vorwort von Prinz und Prinzessin Georg Yourievsky, 3. Auflg. Springer Fachmedien,  Wiesbaden.

Bilder: @depositphotos @berndt weikl

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