Iran – ein Land wird eingekreist

Mittwoch, 3. Juli 2019

Einkreisen, isolieren, destabilisieren und zerteilen: Das sind die Schritte, mit denen ein Land heutzutage ''fertiggemacht'' wird. Das Beispiel des Iran zeigt, wie so etwas gemacht wird.

Berg-Karabach, Iran, USA, Georgien, Aserbaidschan, Armenien, World Economy

Iran – ein Land wird eingekreist

Von Rudolf Guliajew

Einkreisen, isolieren, destabilisieren und zerteilen: Das sind die Schritte, mit denen ein Land heutzutage "fertiggemacht" wird. Das Beispiel des Iran zeigt, wie so etwas gemacht wird. Aber die Zeiten, in denen eine Staatengruppe einen Staat als "rogue state" brandmarken und danach "bestrafen" konnte, sind vorbei.

Die Völker der Region sollten sich hüten, sich US-amerikanischer Geopolitik auszuliefern, selbst wenn dies kurzfristige Vorteile in regionalen Konflikten hätte. Die Folgen könnten für ganze Weltregionen katastrophal sein. Die USA sind drauf und dran, eine ganze Weltregion zu destabilisieren.

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit spielten sich an der Frontlinie zwischen der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabakh und Aserbaidschan Dramen ab. Nach dem persischen Neujahrsfest Nowruz, das auch im mehrheitlich von Schiiten bewohnten Aserbaidschan begangen wird, begann Ende März dieses Jahres der Krieg der Scharfschützen. Ihm fielen auf beiden Seiten der Front mehrere Soldaten – fast alles junge Wehrpflichtige – zum Opfer. Wer ihn begonnen hat, ist unklar.

Auch im Jahr 2016 stand ein Krieg der Scharfschützen am Beginn der Eskalation, die im April 2016 in den bekannten viertägigen Krieg mündete. Als Folge dieses Krieges musste Aserbaidschan hohe Verluste unter seinen bestausgebildeten Truppen hinnehmen. Hier rächte sich der unbedarfte Einsatz militärischer Mittel langfristig. Mittlerweile dürften die Lücken in der aserbaidschanischen Armee wieder geschlossen und der Albtraum vergessen sein. Damals gingen Gerüchte umher, wonach pakistanische und afghanische Söldner die Speerspitze des Angriffs gebildet hätten, namentlich beim Angriff auf das Dorf Talish. Ein weiterer auffälliger Punkt ist, dass der Krieg unmittelbar nach einem Staatsbesuch des aserbaidschanischen Präsidenten Alijew in Washington ausbrach. Schon damals wurde spekuliert, Alijew könnte sich in Washington grünes Licht für seine Angriffsoperation geholt haben.

Seither war der Hang der Aseri zum Gegenschlag unübersehbar. Den Umsturz in Eriwan interpretierten die Aseris mehrheitlich als Schwächemoment Armeniens. Aber eine substanzielle Änderung der armenischen Politik in Bezug auf die Frage um Berg-Karabakh trat nicht ein. Der neue armenische Premier Pashinyan intensivierte wohl die diplomatischen Kontakte, trachtete aber danach, Vertreter der nicht-anerkannten Republik direkt in die Verhandlungen einzubeziehen und strebte damit de facto eine Änderung des Verhandlungsmodus an. Substanzielles bot er bislang nicht an. Die aserbaidschanische Seite interpretierte das als Spiel auf Zeit und zeigte sich dem entsprechend ungeduldig. 

In diesem Umfeld begann der Krieg der Scharfschützen. Diese sollen auf aserbaidschanischer Seite oftmals Berufssoldaten sein. Und wieder reiste auf dem Höhepunkt des Kriegs der Scharfschützen, in der Person von Außenminister Mammadjarow, ein Mitglied der aserbaidschanischen Regierung nach Washington. Das Pressestatement nach dem Treffen lässt nur einen Schluss zu: Man stellte höflich fest, dass keine Einigung zu erzielen sei. Danach blieb es überraschenderweise ruhig. Im Gegenteil: die aserbaidschanische Regierung begann in den letzten Tagen sogar, Waffenstillstands-Verletzungen herunterzuspielen. Das ist ein Novum und es stellt sich die Frage, was in Washington sonst noch besprochen wurde, was es nicht ins Pressestatement geschafft hat. Machte Washington klar, dass die Administration Trump keinen Krieg wünsche? Ist Trump auf die Bremse getreten, wie im Fall des Drohnenabschusses über dem Iran?

Trump selbst hat mehrere Male posaunt, er wolle mit dem Iran den Deal des Jahrhunderts machen. Man hat ihm im Pentagon sicher dazu geraten, sich auch eine militärische Option offen zu halten. Wie kann eine solche aussehen? Zuerst müssen sich die Amerikaner Zugang zum iranischen Territorium verschaffen. Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Für einen Angriff aus dem Osten, aus Afghanistan und Pakistan, ist die Basis eher unsicher, denn als Folge einer amerikanischen Invasion können iranische Parteigänger in Schwärmen amerikanische Truppen und Einrichtungen angreifen – mit unabsehbaren Folgen. Auch der Irak im Westen ist keine stabile Basis und die Regierung ist wenig kooperativ. 

Ein Angriff aus dem Süden, aus den Golfstaaten, bringt das in Gefahr, worum es den Amerikanern eigentlich geht, nämlich das Öl der Golfstaaten. Darüber hinaus ist die Reaktion der islamischen Welt auf eine erneute massive Präsenz westlicher Ausländer auf der Arabischen Halbinsel ein unkalkulierbares Risiko für die Amerikaner. Und die Armeen mancher Golfstaaten bestehen selbst mehrheitlich aus Söldnern, vor allem diejenigen der VAE und Katars. Ein Angriff auf den Iran müsste folglich aus dem Persischen Golf von Schiffen einer Flugzeugträger- und einer Amphibischen Kampfgruppe aus erfolgen, mit allen sich daraus ergebenden Einschränkungen.

Es gibt aber auch noch die Option eines Angriffs aus dem Norden. Die Amerikaner haben noch das GAAT-Szenario. Die Abkürzung steht für „Georgia, Azerbaijan, Armenia, Turkey“. Das Szenario geht von Sezessionsversuchen einer iranischen Provinz aus, die zu einem Krieg im Dreieck Türkei – Iran – Russland führen. Das Wall Street Journal sprach 2017 Klartext: Es geht um die iranischen Provinzen im Nordwesten des Landes, nämlich West-Aserbaidschan, 

Ost-Aserbaidschan und Ardabil, wo mehrheitlich ethnische Aseris leben. Dieses Szenario wird offenbar schon in Stabsübungen der US Army durchgespielt. Die US Army will nämlich keine fiktiven Territorien mehr „befreien“, sie will einen richtigen Krieg! Dafür brauchen die Amerikaner eine Aufmarschbasis: Die Türkei und Aserbaidschan kommen derzeit nicht in Frage, Armenien und Berg-Karabach schon gar nicht. Deshalb hätscheln die Amerikaner Georgien im Moment so sehr. Aber Georgien alleine reicht nicht, das ganze Schwarze Meer muss frei sein, vom Bosporus über Bulgarien, Rumänien, Moldawien, die Ukraine und besonders die Krim, sowie die russische Schwarzmeerküste bis Abchasien. Solange Russland die Osthälfte des Schwarzen Meeres dominiert, ist die Nordvariante eines Angriffs auf den Iran vom Einverständnis Russlands abhängig. Und ein solches ist mit friedlichen Mitteln nicht zu erhalten. Deshalb müssen die USA Russland schwächen, auch im Nordkaukasus.

Als in den 90er Jahren die Geopolitiker in den USA die Bäume in den Himmel wachsen sahen, entstanden Karten eines Groß-Aserbaidschan, welche die iranischen Provinzen West-Aserbaidschan, Ost-Aserbaidschan und Ardabil als Teil Aserbaidschans zeigten. Die politische Aussage dieser Karten ist klar: Wenn Aserbaidschan sich an einer US-amerikanischen Aggression gegen den Iran beteiligt, dann bekommt es die drei Provinzen im Nordwesten des Iran als Kriegsbeute. Es stellt sich die Frage, was anderen Ländern versprochen wurde: Wurde dem Irak für diesen Fall die Provinz Chuzestan ganz im Südwesten des Iran, am strategisch wichtigen Schatt al-Arab versprochen? Können Afghanistan und Pakistan auf Gebiete in Belutschistan hoffen, wenn sie sich an einer Invasion des Iran beteiligen? Ganz sicher werden die Golfstaaten profitieren, wenn ein wichtiger Konkurrent im weltweiten Öl-Handel definitiv ausgeschaltet ist.
Eine weitere Variante ist die Zerlegung des Iran in ethnisch geprägte Nationalstaaten: Perser, Belutschen, Araber, Luren und andere. Ein dadurch entstehender arabischer Kleinstaat an der Nordküste der Straße von Hormuz hätte größte Bedeutung und wäre einfach zu beeinflussen. Die vorherzusehenden territorialen Konflikte zwischen den Ethnien würden die auf dem Territorium des Iran neu entstandenen Staaten auf Dauer schwächen und den USA, sowie anderen Staaten in der Region, Möglichkeiten zur Einflussnahme eröffnen. Dass die Bevölkerung der Region den daraus entstehenden Blutzoll zu entrichten hätte, liegt auf der Hand.

Einkreisen, isolieren, destabilisieren und zerteilen: Das ist die Methode der US-Diplomatie.

Glücklicherweise sind die Erfolgsaussichten der Umsetzung des GAAT Szenarios derzeit gering. Die Administration Alijew in Aserbaidschan macht derzeit wenig Anstalten, sich als Aufmarschbasis für eine Aggression gegen den Iran zu beteiligen. In Baku ist man klug genug, die unabsehbaren Risiken solcher geopolitischer Spiele zu beurteilen. Die georgischen Eliten zeigen im Moment viel Sympathie für den Westen und möchten sich für den Verlust von Süd-Ossetien rächen. Dabei ist die Stabilität Georgiens nicht erst seit den jüngsten Demonstrationen in Frage gestellt. Georgien muss aber keine russische Invasion fürchten, sondern das Gegenteil: Ein Ausbleiben russischer Touristen würde das Einkommen des Landes schnell und nachhaltig schmälern. Die Europäische Union beansprucht derzeit die Führungsrolle bei der Entwicklung Georgiens. Bleibt zu hoffen, dass man in Brüssel klug genug ist, Tiflis von einer Teilnahme an einem großen Krieg gegen den Iran abzuhalten. Vielleicht hat man dort ja aus der Pleite des Jahres 2008 gelernt.

Die jungen Wehrpflichtigen in den Schützengräben auf beiden Seiten der Front in Berg-Karabach wissen von all dem nichts. Bleibt zu hoffen, dass ihre Regierungen klug genug sind, ihre jungen Soldaten nicht auf die Schlachtbank US-amerikanische Geopolitik zu führen.

Tags: Berg-Karabach, Iran, USA, Georgien, Aserbaidschan, Armenien, World Economy

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