„Es wäre interessant, sich den Mitschnitt des Telefongesprächs zwischen Trump und Erdogan anzuhören“

Freitag, 8. November 2019

Die Redaktion von World Economy führte ein exklusives Interview mit Sherkoh Abbas, dem Präsidenten der Kurdistan National Assembly of Syria.

„Es wäre interessant, sich den Mitschnitt des Telefongesprächs zwischen Trump und Erdogan anzuhören“

„Es wäre interessant, sich den Mitschnitt des Telefongesprächs zwischen Trump und Erdogan anzuhören“

WE: Sehr geehrter Herr Präsident, lassen Sie uns über die so genannte „Kurdische Frage“ sprechen. Wie schätzen Sie die Position der Vereinigten Staaten in Bezug auf die türkischen Aktionen in Syrien ein?

Sherkoh Abbas:

Der US-Präsident fällte seine Entscheidung in einem Vakuum, ohne Rücksprache mit seinem Sicherheitsstab oder dem Pentagon. Ich kann nur sagen, dass alle - vom Pentagon bis zum Kongress, von der amerikanischen Öffentlichkeit ganz zu schweigen - nicht mit der Entscheidung von Präsident Trump einverstanden sind. Es wäre interessant, sich den Mitschnitt des Telefongesprächs zwischen Trump und Erdogan anzuhören, um zu verstehen, warum er die einzige Koalition, die den USA und der Weltgemeinschaft in dieser Region im Kampf gegen den IS beigestanden hat, verraten hat. Die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei sind bestenfalls wackelig. Beide Kongresshäuser haben überwiegend dafür gestimmt den Völkermord der Türkei an den Armeniern anzuerkennen und den türkischen Angriff auf kurdische Verbündete verurteilt.

WE: Wer unterstützt die Kurden in ihrem jetzigen Bestreben einen Kurdischen Staat zu errichten?

Sherkoh Abbas:

Die Weltöffentlichkeit, Israel und hinter den Kulissen auch einige arabische und europäische Staaten. Die beiden Häuser des US-Kongresses und die Meinung der Weltöffentlichkeit sind auf der Seite der Kurden. Die sind der Meinung, dass Irak und Syrien zu den „Failed States“ gehören und den Kurden die Möglichkeit gegeben werden sollte unabhängig zu sein. 

WE: Werden die Kurden den Kampf gegen den IS fortsetzen?

Sherkoh Abbas:

Ja. Sie machen das, weil der Islamische Staat gegen unsere Werte und Normen verstößt. Außerdem haben wir lange vor den USA mit dem Kampf gegen den IS begonnen. Die Koalition gegen den IS unterstützte uns dabei. Der Islamische Staat will alle „Kaffar“, die „Ungläubigen“ töten, Kurden, Jesiden, Christen, Juden und Atheisten. Wir müssen also um unsere Existenz kämpfen. Wir haben im Namen der Menschheit gekämpft, aber die Weltgemeinschaft und die UNO haben uns im Stich gelassen und den IS-Unterstützern, der Türkei, den Vorzug gegeben.

WE: Gibt es eine Chance, dass die Kurden aus Syrien, dem Iran, Irak und der Türkei mit einer gemeinsamen Position auftreten können?

Sherkoh Abbas:

Es gibt mehr als 40 Millionen Kurden, die aus dem Iran, Irak, Syrien und der Türkei stammen. Bei der Erlangung des Rechts der Kurden auf Selbstverwaltung und Unabhängigkeit würde es einen substanziellen Unterschied ausmachen, wenn sie sich einigen und vereinen könnten. Sie wurden jedoch aufgrund ihrer Unterschiede und der Hebelwirkung durch die regionalen Mächte an den Rand gedrängt. Es ist Zeit für die Kurden, sich zu vereinen und für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Sie müssen von den Zionisten lernen und ihr Modell übernehmen. Auch müssen sie sich auf grundlegende Ziele festlegen. Außerdem müssen sie mit den Großmächten zusammenarbeiten, um ihnen zu zeigen, wie sie die Kontrolle des Nahen Ostens durch den schiitisch-islamischen Halbmond und den neo-osmanischen islamischen Sunniten verhindern können. Beides sind radikale Islamisten und repräsentieren zwei verschiedene Gesichter derselben Medaille. Sie werden sich später auch gegen Russland, die EU und die USA wenden. Es ist besser, mit den Kurden zusammen zu arbeiten, weil sie den gleichen Werten anhängen wie die Weltgemeinschaft. Die Türkei und die Osmanen haben Völkermorde an Kurden und Armeniern begangen. Es dauerte mehr als ein Jahrhundert, um allein den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen. Sie haben jedoch noch nicht anerkannt, was die Türken den Kurden an Völkermorden angetan haben, die Zerstörung von mehr als 4500 Dörfern und, dass sie damit immer noch weiter machen. Der Gewinner schreibt die Geschichte immer nach seiner Vorstellung und seinen Interessen. Die Kurden beendeten das IS-Kalifat, erhielten dafür jedoch nur wenig Anerkennung, während die USA, die Türkei und andere die Lorbeeren einheimsten. Das erklärt auch, wie die Türken schon in der Vergangenheit Völkermorde verursacht und die Kurden dafür verantwortlich gemacht haben.

WE: Kann man die Situation in den von Kurden bewohnten Gebieten Syriens als eine humanitäre Katastrophe betrachten?

Sherkoh Abbas:

Ja, mehr als 400.000 Menschen wurden erst kürzlich und mehr als 240.000 im Jahr 2017 aus Afrin vertrieben. All diese Gebiete verwandeln sich in islamistische Häfen, die schlimmer sind als die Taliban. Sie unterziehen das Gebiet ethnischen Säuberungen - Türken und ihre islamistischen Verbündeten, hauptsächlich ehemalige IS-Mitglieder. Bereits mehr als 1 Million Kurden wurde seit 2003 und seit 2011 vertrieben.

WE: Was sind Ihre Pläne, wie sich die Situation in dieser Region normalisieren könnte?

Sherkoh Abbas:

Die Einheit der Kurden und die Zusammenarbeit mit den Weltmächten müssen wieder hergestellt werden, damit sie verstehen, dass das der einzige Weg ist, um den IS zu besiegen, Auch die neue Version des IS 2.0, die von der Türkei erstellt wurde, muss beseitigt werden, da sie eine Bedrohung für alle darstellt.

Ich fordere die USA, Russland und die EU auf, die Kurden zu unterstützen und den Iran und die Türkei daran zu hindern, die Kontrolle über den Nahen Osten zu übernehmen, sonst werden sie sie immer mit neuen Flüchtlingswellen oder dem Stop von Öllieferungen erpressen können.

WE: Vielen Dank!

Bilder: @depositphotos Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“Am 25. Mai 2018 tritt die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft. World Economy S.L. aktualisiert in diesem Zuge seine Datenschutzbestimmungen. Gerne möchten wir Sie weiterhin mit unserem Newsletter an Ihre E-Mail-Adresse informieren. Sie haben jederzeit das Recht, der weiteren Nutzung Ihrer personenbezogenen Daten für die Zukunft zu widersprechen