Der amerikanische Pate und Merkels Kohlsuppe

Montag, 7. Mai 2018

Die Briten waren schnell dabei das Treffen von Merkel und Trump ein ''Fiasko der Kanzlerin'' zu nennen. Seitdem sind schon einige Tage vergangen. Stimmt Angela Merkel dieser Einschätzung jetzt zu?

Was für Gerüchte gab es nicht vor dem Treffen zwischen der Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem US-Präsidenten Donald Trump. Pessimisten sagten einen trockenen Empfang voraus, ein kurzes Gespräch und eine Demütigung der deutschen Kanzlerin. Die Optimisten versicherten, dass Deutschland seine "Freiheit" bekommen und Trump als Zeichen der Versöhnung der Kanzlerin die Hand küssen werde.

Alexander Sosnowski, Chefredakteur von World Economy

Donald Trump, dessen „amüsanter Style“ alle denkbaren und undenkbaren Rekorde schlägt, traf Angela Merkel mit der ausdrücklichen Absicht, das "Schuppenspiel", welches er am Vorabend des Treffens mit Emmanuel Macron begonnen hatte, fortzusetzen.

Disziplin schlägt Klasse

Trump hat jedoch die alte Fußballregel außer Acht gelassen, die die Deutschen seit jeher beherrschen - die Disziplin schlägt die Klasse. Angela Merkel machte Trumps Absichten mit einem geschickten Schachzug wertlos, indem sie ihm ein ungewöhnliches Geschenk überreichte. Sie betrat den Raum, in dem der amerikanische Präsident auf sie wartete und übergab ihm ein Bild, genauer gesagt einen Kupferstich von 1705. Dieser Kupferstich zeigt eine Karte der Stadt Kallstadt, in der vor vielen Jahren die Vorfahren des rothaarigen Präsidenten lebten. Zur gleichen Zeit erinnerte Merkel den neuen Besitzer des Kupferstichs an seine uralte deutsche Herkunft. Und wie man weiß, einmal Deutscher - immer Deutscher. Es ist nicht bekannt, ob Trump sich der ehemaligen Heimat seiner Vorfahren verbunden fühlt, aber der Kupferstich verfehlte seine Wirkung nicht und die erwartete Invasion gegen Merkel im Stil „a-la-Macron“ fand nicht statt. Die Unterhaltung war langwierig und nicht gerade einfach. Trump benahm sich korrekt, die Hand der Kanzlerin küsste er zwar nicht, aber die Wangen berührten trotzdem kurz. Ein Versprechen die für Deutschland und Europa unangenehmen Einfuhrzölle auf Stahl zu streichen, hat Trump nicht gegeben. Aber er gab ziemlich klar zu verstehen, dass die „Leine" ab nun länger sein wird und die Kanzlerin auf eine gewisse Unabhängigkeit zählen kann.

Einfuhrzölle als Scheidungsgrund 

Journalisten aus dem Kanzlerpool schreiben, dass Trump das Gespräch begonnen hat und, für Amerikaner typisch, es ging dabei um Geld. Die Verschiebung der Einführung von Strafzöllen auf Stahl endete am 1. Mai. Trump machte im Gespräch mit Merkel deutlich, dass die Entscheidung im letzten Moment getroffen werden könnte und wie sie schlussendlich ausfällt, weiß auch er selbst noch nicht. Das ist jedoch nichts Neues - die meisten Entscheidungen des US-Präsidenten wirken eher spontan. 

Es gibt darin für den mathematischen Verstand von Angela Merkel keine nachvollziehbare Ordnung und Regelmäßigkeit. Trump blieb sich treu und erst am Morgen des 1. Mai wurde bekannt, dass die USA beschlossen haben, die europäischen Verbündeten nicht mit Zöllen zu bekriegen und den Strafzollerlass für einen Monat verlängert haben!

Wahrscheinlich war Trump sehr zufrieden mit sich und seiner Entscheidung - einerseits schien er Deutschland auf halbem Wege entgegen gekommen zu sein und andererseits hat er nicht wirklich was getan. In Erziehungsratgebern wird diese Praxis als "aufgeschobene Strafe" bezeichnet - wir stellen dich erstmal nicht in die ruhige Ecke, aber später wird es garantiert eine Strafe geben.

Eine streng nach Protokoll verfasste, sehr kurze, trockene und höfliche Pressemitteilung aus dem Kanzleramt, dass die deutsche Regierung diese Entscheidung der US-Regierung zur Kenntnis genommen hat, zeigt deutlich den Grad der Unzufriedenheit in Deutschland. Die Zölle sollen kommen, aber den Deutschen passt das nicht. Rund 35.000 Arbeitsplätze könnten dadurch bedroht sein. Also, die Zölle sind der erste Minuspunkt für Merkel. 

Die Hinweise der USA, dass die Situation geändert werden könnte, wenn die Amerikaner mehr eigene Autos nach Europa exportieren würden, blieben von Merkel unbemerkt. Die Heilige Kuh der deutschen Wirtschaft - die Automobilindustrie - wird niemand einfach so schlachten, nicht mal um den Preis der Abschaffung von Zöllen auf Stahlexporte in die Vereinigten Staaten. Der einzige Trost ist die Möglichkeit der Europäer, entsprechend mit eigenen Strafzöllen auf die amerikanischen zu reagieren. Bislang weiß allerdings niemand, welche Zölle auf amerikanische Waren als Antwort auf die Einfuhrzölle auf Stahl eingeführt werden könnten.

2% für Taschengeld

Der russische Leser assoziiert diese zwei Prozent mit einem früheren Regierungschef, der sie gerne bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ins Spiel brachte. In unserem Fall sprechen wir jedoch von zwei Prozent des Bruttonationaleinkommens, welche jedes Mitglied der NATO jährlich zum gemeinschaftlichen Verteidigungshaushalt beitragen muss. Die derzeitige Höhe der Beteiligung Deutschlands liegt im Bereich von bis zu 1,3% und ein Anstieg der Ausgaben auf 2% würde für Deutschland, vor dem Hintergrund des miserablen Zustands der Bundeswehr, ein großes finanzielles Problem darstellen. Tatsache ist, dass die Bundeswehr in den letzten fünfzehn Jahren das Dasein eines verarmten Verwandten fristete. Der materielle Teil ist veraltet, die Ausrüstung wurde nicht modernisiert. Ca. fünfzig Prozent der Panzer und der gepanzerten Fahrzeuge, erfordern eine Modernisierung. Die Kampfflugzeuge sind teilweise nicht für Nachtflüge ausgerüstet. Die eigenen Luftverteidigungssysteme wurden - in der Hoffnung auf die NATO - abgebaut. Nach den Plänen der Verteidigungsministerin von der Leyen, braucht die Bundeswehr zusätzliche Investitionen von 12 bis zu 17 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren. Und dies nur für die Modernisierung, den Kauf neuer Ausrüstung, die Wiederherstellung moderner Luftverteidigungssysteme. Die Mittel werden sofort benötigt, ansonsten läuft die ehemals schlagfertige und geschickte Bundeswehr Gefahr zu einer Truppe von Reservisten zu verkommen, die nichts zum Schießen, nichts zum Fliegen und auch sonst nichts zu tun hat. Es ist inzwischen ein Punkt erreicht, an dem Piloten der Luftwaffe dem Militärdienst den Rücken kehren und zur Zivilluftfahrt wechseln. 

Und dann verkündet Trump auch noch, dass Amerika die Last der Kosten für die NATO-Verteidigung nicht allein tragen kann und es Zeit für die Europäer wird, tiefer in ihre Geldbörsen zu greifen und 2% des eigenen BIP in den gemeinsamen Fond der NATO beizutragen.

Kennen Sie das Leibgericht der Bundeskanzlerin, das sie an Wochenenden und Feiertagen gerne für ihrem Mann kocht? Es ist eine magere Kohlsuppe mit Kartoffeln und Karotten. Glauben Sie wirklich, dass jemand an dessen Festtisch eine Kohlsuppe steht, eine teure Bouillabaisse kaufen wird? 

Richtig! Also wird Deutschland seinen Beitrag zur NATO zumindest nicht sofort erhöhen. Daher geht dieser Minuspunkt an Trump und der Gesamtpunktestand ist 1:1.

Hat "der Hauptmann keine Goldreserve, sind die Gesellen unglücklich"

Wenn aber Deutschland und seine Kanzlerin von etwas genug haben, dann sind es Goldreserven. Die Frage ist nicht wie viel davon, sondern wo? Aus bestimmten historischen Gründen befand sich Deutschlands Goldreserve bis vor kurzem fast ausschließlich außerhalb des Landes. Mehr als die Hälfte der 270.315 Goldbarren befanden sich Ende 2015 in den Bankdepots in New York, London und Paris. Wir werden nicht auf die Fragen "warum, wieso und wie" eingehen, sondern geben zu beachten, dass die deutsche Regierung seit 2012 versucht hat, die Goldreserve nach Hause zurück zu holen.

Es entpuppte sich als eine schwierige Aufgabe. Wie die Zeitung "Welt" schrieb, befanden sich in den USA etwa 1236 Tonnen Gold, in London 432 Tonnen und in Paris etwa 90 Tonnen. Das sind genau 52% der gesamten Goldreserve Deutschlands. Über 300 Tonnen gelang es Deutschland, in das Frankfurter Lagerhaus zurückzuholen.

Allerdings ist nicht alles so einfach und der Besitzer der Goldbarren kann sie nicht ohne weiteres zurück holen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Laut Informationen aus Bankenkreisen, die von den Bankern nur sehr widerwillig bestätigt werden, wurde der größte Teil des deutschen Goldes in Wertpapiere "umgewandelt". Mit anderen Worten, es gibt zwar Gold, aber nicht in Form von Barren. Es braucht Zeit, um Wertpapiere wieder zu Metall zu machen. Sie müssen verkauft werden und dies kann nicht innerhalb von einem Jahr oder fünf getan werden. Bis zu zehn Jahre, heißt eine realistische Frist für diese Operation.

Der zweite Grund: jene Barren, die verfügbar sind und zurückgegeben werden könnten, werden zuerst zum Umschmelzen in die Schweiz geschickt - die Barren werden eingeschmolzen und erhalten eine moderne Markierung, die die Reinheit und den Gehalt von Gold bescheinigt. 

Im Allgemeinen ist die Situation so einfach wie ein Goldbarren - Deutschland hat Reserven, kann aber nicht zu 100% darüber verfügen.

2:1 zugunsten der Vereinigten Staaten.

Man könnte diesen Bericht über das Treffen der beiden Staatsführer beenden, aber es gibt ein paar Themen, die zwar nicht der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, jedoch trotzdem auf der Tagesordnung standen.

Als allererstes ist da die Frage der Sanktionen gegen Russland, die Situation in Syrien, der Ukraine und die NordStream-2. Soweit die dürftigen Leaks aus dem Journalistenpool der Kanzlerin zu beurteilen sind, gab es in diesen Fragen keine größeren Streitigkeiten zwischen Trump und Merkel.

Die USA bestehen auf Sanktionen und wollen die BRD unter den in Syrien kämpfenden Ländern sehen, beanspruchen für sich den Sessel des Verhandlungsführers bei dem Minsk-Format und fordern das Einfrieren des NordStream-Projekts.

Die Kanzlerin hat möglicherweise eine andere Meinung und ist, unter dem Druck der deutschen Wirtschaft, bereit über eine Lockerung der Sanktionen zu reden, ist nicht bereit in Syrien zu kämpfen, fordert die Einhaltung der Minsker Vereinbarungen und gibt grünes Licht für die Pipeline.

Also, absoluter Konsens, nur umgekehrt - alle blieben bei ihrer Meinung.

Bei einer Pressekonferenz nach dem Treffen mit Trump sagte Merkel einen Satz, der Hoffnung auf eine neue Ausrichtung der Kräfte in der Welt gibt: „Deutschland muss lernen, seine eigenen Entscheidungen zu treffen“. Man würde gerne glauben, dass Deutschland damit den harten und langen Weg zur Selbstbefreiung von den Wünschen und Anforderungen des amerikanischen Patrons beginnt.

Natürlich hätten alle gern gesehen, wie Merkel in Washington mit der Tür knallt, nach Berlin zurück fährt, die Amerikaner mit ihren Atomsprengköpfen aus Deutschland verjagt, den Dollar verlässt und Trump ins Gesicht lacht. 

Aber kommen wir wieder auf den Teppich zurück - erst Worte, dann folgen die Taten.

Und viel, viel Geduld.

Bilder: @depositphotos

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