CIA-Operation „Aerodynamic“, Agenten „Seriy“, „Ceppelin“, „Redwood“ und andere

Sonntag, 14. August 2016

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Das Projekt sollte die finanzielle Unterstützung von rechtsradikalen und nationalistischen ukrainischen Organisationen UPA, OUN für kalte und heiße Kriegszwecke gewährleisten.

Alexander Sosnowski, Journalist, Chefredakteur World Economy

Das geht aus Dokumenten hervor, die - versehen mit dem „Geheim“-Stempel - in der Archiven der CIA aufbewahrt werden. Zu Beginn des Jahres 2016 gab die Central Intelligence Agency (CIA) in Übereinstimmung mit dem Freedom of Information Act (FOIA) 3.800 Dokumente frei, die die Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes in der Sowjetunion während des Kalten Krieges beleuchteten.

World Economy ist im Besitz von einigen Kopien dieser Dokumente. Das dabei zu Tage gekommene „Project Aerodynamic“, das in den frühen 50-er Jahren begonnen worden war, war zunächst auf einen Bürgerkrieg in der Ukraine ausgerichtet, der durch die finanzielle Unterstützung von Rechtsradikalen und Nationalisten entfacht werden sollte.

Der Umfang und auch die Inhalte unserer Recherchen sind nicht im Rahmen eines einzelnen Artikels zu behandeln und die Redaktion bemüht sich um eine umfangreiche und zielgerichtete Untersuchung.

Die Serie startet mit der „Operation Aerodynamic“ und der näheren Vorstellung von einigen Personen, die in dieser wahren Agentengeschichte eine wichtige Rolle gespielt haben. 

 

Aerodynamic

„Das Projekt Aerodynamic soll die Nutzung und Erweiterung des anti-sowjetischen ukrainischen Widerstandes für kalte und heiße Kriegszwecke fördern“, so wird der Zweck der paramilitärischen Operation lakonisch in einem CIA-Dokument vom 13. Juli 1953 zusammengefasst. Die Destabilisierung des Landes, das seit Jahrhunderten zwischen Ost und West zerrissen gewesen ist, sollte dabei durch die Finanzierung und Aufrüstung ukrainischer Widerstandsgruppen, wie dem Ukrainischen Obersten Befreiungsrat (UHVR), der Ukrainischen Aufständischen Armee (OUN) und anderer Organisationen, wie der OUN/B, erfolgen. 

 

Seit dem Kriegsende wurden Agenten des Office of Strategic Services, später CIA, in der westlichsten sowjetischen Teilrepublik eingesetzt, die Kontakt zu Rechtsradikalen und Nationalisten der Widerstandsbewegungen aufnahmen. Bei den Agenten handelte es sich zumeist um in Deutschland von dem Militärgeheimdienst US Army´s Foreign Intelligence Political and Psychological (FI-PP) ausgebildete Exil-Ukrainer, die nach dem Krieg in die historische Heimat zurückkehrten. Unterstützt und gefördert wurden sie dabei von der ausländischen Vertretung des ukrainischen Obersten Rates der Befreiung (ZPUHVR), die vom Exil in Westeuropa aus agierte. Die Geheimdienste der USA bewerkstelligten die notwendige Kommunikationsausrüstung, Waffen und Munition, die eine Destabilisierung der sowjetischen Teilrepublik notwendig waren. 

1967 wurde das Projekt, welches jährlich mit mehreren Millionen Dollar gefördert wurde, in Langley analysiert. Die CIA-Analytiker bereiteten für die Regierung einen Bericht vor. Schon im ersten Absatz werden besondere Erfolge der OUN-UPA in den Informations- und Diversionstätigkeiten hervorgehoben. Im Einzelnen wird über die Arbeit des „Prolog Inc. Verlags“ in der 875 West End Avenue, New York, beschrieben, der von der CIA zum Zwecke der Durchführung von Ideologischen Diversionen ins Leben gerufen wurde. Das auf Ukrainisch veröffentlichte Prolog-Magazin wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Münchner Büro herausgegeben. Das in der Zeppelinstraße gelegene Gebäude beherbergte neben dem Verlagshaus auch das OUN-Organisationszentrum, in dem Stepan Bandera bis zu seinem Tod arbeitete und zahlreiche Rechtsradikale und Nationalisten um sich versammelte. Die Verbreitung der Magazine erfolgte über Kontaktpersonen, deren Anzahl durch die neuen Möglichkeiten des internationalen Flugverkehrs stark gestiegen war.

Die Kopie des Berichts (Leider lässt die Qualität aller Dokumente viel zu wünschen übrig) berichtet anteillos, dass „…der Verlag antisowjetische Literatur druckt und verbreitet, während Mitarbeiter der Firma an Kontaktoperationen gegen Sowjetische Bürger teil nehmen, die in den Westen reisen“. Was genau unter „Kontaktoperation“ zu verstehen ist, bleibt unklar. wie, leider, auch viele andere Bezeichnungen, die die CIA in ihren Geheimberichten verwendet hat. Einige Abkürzungen konnten jedoch von der Redaktion entschlüsselt werden.

So gibt es, zum Beispiel, in vielen Dokumenten Verweise, die mit den Buchstaben „AE“ beginnen - AECEPELLIN, AEREDWOOD usw. Wir kamen zu den Schluss, dass die CIA auf diese Weise die Namen ihrer Agenten verschlüsselte. Die ersten beiden Buchstaben wiesen die Zugehörigkeit zum Projekt Aerodynamic aus, plus der Name des Agenten. 

AE+REDWOOD = AEREDWOOD.

Das zu wissen und zu verstehen, erwies sich als wichtig, denn aus den geöffneten Dokumenten geht hervor, dass es mehrere solcher Agenten gab. Die Themen ihrer Berichte nach Langley sind unterschiedlich - von der Denunziation der eigenen Vorgesetzten, bis hin zu Informationen über konkrete Operationen. Darunter findet sich auch eine Information darüber, dass Stefan Bandera - der Anführer der ukrainischen Nationalisten, unter einem Falschnamen ein Visum für die USA zu beantragen versuchte. Darüber berichten wir in einem der nächsten Artikel der Serie.

 

 

Schlüsselfiguren der Agentenspiele

Nun breitete sich das anti-kommunistische Propaganda-Programm in Windeseile rund um den Erdball aus: Tokio, London, Paris – überall konnte man mit etwas Geschick an die immer noch verbotenen Broschüren, Kassetten, T-Shirts und Aufkleber gelangen. Namhafte europäische Journalisten wurden engagiert, um dem Programm mehr Seriosität und Glaubwürdigkeit zu verleihen. 

Es ist daher überhaupt nicht verwunderlich, dass die UDSSR und die sowjetischen Geheimdienste die Aktivitäten der ukrainischen Nationalisten und ihr Agentennetz mit großer Aufmerksamkeit verfolgt haben. PROLOG und seine Mitarbeiter wurden in der sowjetischen Presse aktiv verurteilt. In einer Sowjetzeitung nennt man den Verlag „einen Schlüssel der amerikanischen Regierung“. In einem der Berichte an die CIA-Führung wird ein gewisser Lew Dobrjanski erwähnt - ein  Ökonomieprofessor, der der US-Regierung einen umfassenden Bericht über den Prolog-Verlag und seine Aktivitäten zusammen gestellt hat. Das ist eine dermaßen interessante Figur in dem Agentenspiel, dass es sich lohnt sie sich noch mal genau anzuschauen. Versteht man die Rolle, die Dobrjanski bei der Operation Aerodynamic gespielt hat, dann wird klar, dass die Finanzierung des Projekts nach dem Zerfall der Sowjetunion durchaus nicht gestoppt wurde, sondern mit aller Wahrscheinlichkeit auch bis heute andauert. 

 

Lew Dobrjanski - Nationalist, Wissenschaftler, vermutlich auch Geheimagent. Der Professor war in den USA eine recht bekannte Persönlichkeit, vor allem im Bezug auf das Verhältnis zur Ukraine und der ukrainischen Selbstidentifikation. In seinen Vorlesungen lehrte er Ökonomie in Washington. Sprach er von der Ukraine, ging es ihm vor allem um die Einzigartigkeit, die urtümliche ukrainische Identität als Nation. Er versuchte stets die Amerikaner von der Nützlichkeit der ukrainischen nationalistischen Bewegungen zu überzeugen. Im Laufe von vielen Jahren hatte er den Vorsitz des Ukrainischen Komitees beim US-Kongress inne und lobbierte aktiv die Frage des ukrainischen Austritts aus der UDSSR. In den CIA-Berichten taucht er mehrmals als Ukraine-Experte auf. In einem der Dokumente wird seine Meinung zu den internen Streitereien bei der OUN-UPA zitiert und auch seine Meinung darüber, dass das Project Aerodynamic fortgeführt werden sollte. Der Professor war über viele Jahre sehr aktiv, bis hin zu seinem Tod im Jahr 2008. Es gibt Gründe zu der Annahme, dass er einer der Ideologen und Lobbyisten der Operation Aerodynamic war, beginnend von den 50er Jahren und bis heute. 

Ein interessantes Detail am Rande: eine seiner Studentinnen war eine gewisse Catherine Katrin Chumachenko, der Öffentlichkeit besser bekannt als Kateryna Juschtschenko - die Ehefrau des Ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko aus den Zeiten der Orangenen Revolution. Nach einigen Quellen, war sie die Hauptideologin ihres Ehemanns, wenn es um Fragen des ukrainischen Nationalismus in der US-Amerikanischen Interpretation ging. 

Und noch etwas pikantes, diesmal zur Tochter des Professors - Paula Dobrjanski. In den Jahren 2001 bis 2009 war sie die stellvertretende Staatssekretärin in der Administration von George Bush Jr.  Erinnern wir uns daran, dass dieses Amt zu der Zeit von Madeleine Albright und Condoleezza Rice bekleidet wurde, dann fällt uns auch ein, dass gerade durch ihre aktive Beteiligung der Prozess des verstärkten Drängens der Ukraine in Richtung Westen begann. Ein Prozess, der in den USA und Europa gerne als „Demokratisierung und Europäisierung der Ukraine“ bezeichnet wird und der für den Moment in einem Bürgerkrieg mündete.

Nun, es war die besagte Paula, die in der Administration des Weißen Hauses für die Fragen bezüglich der Demokratie, Menschenrechte, Problemen von Migranten und Humanitäre Hilfe verantwortlich war. Es ist wahrscheinlich, dass es Lew und Paula Dobrjanski zu verdanken ist, dass die amerikanische Politik in den 2000er Jahren ein so bis an die Schmerzgrenzen brennendes Interesse für die Ukraine entwickelt hat.

Fortsetzung folgt…

Bilder: @depositphotos / WE

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