Chinas Griff nach dem Hohen Norden

Mittwoch, 23. Mai 2018

Pekings „Polare Seidenstraße“ hat viele Abzweigungen, aber immer eine Richtung: Nach Norden.

Eine kleine Wahl könnte große Auswirkungen haben. Ende April wählten 26.000 Einwohner der zu Dänemark gehörenden Arktis-Insel Grönland ein neues Parlament und bestätigten mehrheitlich Parteien, die eine wenn auch langsame Loslösung der größtenteils mit Eis bedeckten Insel von Dänemark befürworten. Besonders in Peking dürfte das Ergebnis mit großem Interesse beobachtet worden sein. 

Von Hans-Georg Münster

Will doch der grönländische Premier Kim Kielsen chinesische Investoren ins Land holen, um über Rohstoffgewinnung und Verkehrsprojekte eine eigenständige Wirtschaft aufzubauen, damit die jährlich 500 Millionen Euro Subventionen aus Kopenhagen nicht mehr notwendig sind. Für Peking könnte die „polare Seidenstraße“ zunächst nach Grönland führen. Chinas Arktis-Strategie dürfte auf Kielsen wie eine Einladung wirken. Danach will die Volksrepublik die über 20 Millionen Quadratkilometer große Region wissenschaftlich erforschen, aber auch die biologischen und mineralischen Ressourcen nutzen. Da ohne eigenes Territorium in Arktis-Nähe spricht die Regierung in Peking von der Arktis als „Erbe der Menschheit“, deren Ressourcen global genutzt werden könnten. Im Herbst 2017 besuchte Premier Kielsen Peking und traf dort überwiegend mit Wirtschaftsvertretern zusammen. Die Eröffnung einer Repräsentanz der grönländischen Regionalregierung in Peking soll folgen. 

Bisher ist von drei relevanten Rohstoffprojekten auf Grönland die Rede, wo die Chinesen aktiv werden wollen. Es geht um die Erschließung der Isua-Eisenerzgrube. 3.000 chinesische Arbeitskräfte könnten dort tätig werden. Im sogenannten Kvanefeld-Projekt geht es um die für die Computer- und Mobilfunk-Technik wichtigen „Seltenen Erden“. Im äußersten Nordosten Grönlands ist die Gewinnung von Zink und Blei geplant. Allerdings gelten die Kosten als sehr hoch. Auch mehrere Hafen- und Flughafenprojekte wollen chinesische Investoren wie die „China Communications Construction Companyy“ (CCCC) in Gang bringen. Gegen CCCC wird aber ebenso ein dänisches Veto erwartet wie es bereits 2016 gegen einen chinesischen Investor erfolgt ist, der eine verlassene Marinebasis im Süden Grönlands übernehmen wollte. 

Auch wenn die Nutzung von Rohstoffen in die grönländische Autarkie fällt, kam es zwischen der Inselregierung und Dänemark mehrfach zu Auseinandersetzungen über chinesische Investitionen. Dänemark definierte den Rohstoffabbau plötzlich als strategisch und damit in seine verbliebenen Hoheitsrechte  fallend, und die Tätigkeit Tausender chinesischer Arbeiter wurde als Einwanderung angesehen, über die ebenfalls Dänemark das letzte Wort hat. Einwanderung ist für die wirtschaftliche Entwicklung Grönlands unabdingbar; denn unter den 56.000 Einwohnern können nur wenige zu Bergbautechnikern oder Luftfahrtexperten qualifiziert werden.  

Aber China hat in Grönland längst mehr als einen Fuß in der Tür. In der Inselhauptstadt Nuuk wird eine chinesische Satellitenstation betrieben. Eine weitere Station ist in Kiruna (Schweden) bekannt. Sie dienen dem Aufbau eines eigenen chinesischen Navigationssystems in der Arktis, das unter anderem chinesische Schiffe befähigen soll, die Nordost-Passage nördlich von Russland autark zu befahren. Wenn sich das Eis aus der Arktis tatsächlich zurückzieht, könnte die Passage für die internationale Schifffahrt sehr wichtig werden. 

Die Widerstände in Dänemark haben einen weiteren handfesten Grund: „Da Grönland unmittelbar im Vorfeld der USA liegt, kann Washington nicht zulassen, dass eine fremde Macht eine zu bedeutende personelle und institutionelle Präsenz aufbaut“, hieß es im deutschen „Marine Forum“, einer dem Verteidigungsministerium in Berlin nahestehenden Zeitschrift. In Kopenhagen werden die chinesischen Versuche schon offen thematisiert: „Lasst uns die Chinesen gleich stoppen, anstatt die Demütigung zu ertragen, wenn uns die Amerikaner dazu auffordern, sie zu verhindern“, wurde der stellvertretende Vorsitzende der Dänischen Volkspartei, Sören Espersen, von der deutschen Internet-Plattform „Telepolis“ zitiert. 

Allerdings sind chinesische Unternehmen sogar im amerikanischen Bundesstaat Alaska sehr aktiv, wo der Bau einer Gas-Pipeline vorgesehen ist. Zusätzlich soll ein LNG-Terminal für Flüssiggas (Liquefied Natural Gas) errichtet werden, über das pro Jahr Gas aus Alaska im Wert von zehn Milliarden Dollar in das energiehungrige Reich der Mitte transportiert werden soll. Auch in Russland wollen chinesische Fimen LNG-Gas gewinnen und über neue Terminals an der Nordost-Passage abtransportieren lassen. 

In anderen arktischen Regionen ist der Vormarsch der Chinesen ähnlich oder genauso stark. Mit Island gibt es seit 2013 ein Freihandelsabkommen. Chinesische Investoren haben eine Aluminium-Schmelze übernommen, es gibt Lizenzen für die Suche nach Erdöl. Die chinesische Botschaft in der isländischen Hauptstadt Reykjavik gilt als überdimensioniert – ein Beleg für das strategische Interesse Chinas an der Insel. In Kanada wollen chinesische Firmen einen großen Hafen in Churchill an der Hudson Bay bauen. Auch in Schweden war ein Hafenprojekt in Lysekil an der Westküste geplant. Es scheiterte, nachdem bekannt wurde, daß das als Investor auftretende Unternehmen mit der chinesischen Marine verbunden war. 

Pekings „Polare Seidenstraße“ hat viele Abzweigungen, aber immer eine Richtung: Nach Norden. 

Bilder: @depositphotos

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