Wir decken auf: Geheimnisse der ukrainischen Nationalisten OUN-UPA

Montag, 19. September 2016

Lew Zelinger:''Die Wahrheit über die Vergangenheit kann nicht dosiert verabreicht werden''

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Die CIA-Dokumente über die ukrainische nationalistische Bewegung bzw. Armee, die s.g. OUN-UPA, aus der Zeiten des zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges eröffnen immer mehr Fakten über geheime Operationen, über die Arbeit der Anführer der Bewegung für die US-Geheimdienste, über die gegenseitigen Denunziationen. Die CIA gewähre der Öffentlichkeit durch die Freigabe dieser Dokumente einen Einblick in die Finanzierungsmechanismen der OUN-UPA - unsere Redaktion hatte bereits darüber berichtet. 

Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Chefredakteur

Gerade als wir einen weiteren Artikel zu dem Thema vorbereiteten, stießen wir auf einen interessanten Post des bekannten Journalisten Lew Zelinger, der über viele Jahre in der ukrainischen Redaktion von „Radio Swoboda“ gearbeitet hat und zurecht zu einem der größten Experten auf dem Gebiet der Tätigkeiten von OUN-UPA gezählt wird. 

Er schreibt:

„Im Mai 2009, erzählte mir der ehemalige Chef der ukrainischen Redaktion von „Radio Swoboda“ Roman Kupchinski, unter dessen Leitung ich seinerzeit gearbeitet habe und mit dem mich eine gewisse Freundschaft verband, eine Geschichte darüber, wie der CIA Kontakte zu der Obersten Ukrainischen Befreiungs-Rada (Ukrainian Supreme Liberation Council) in Rom knüpfte und warum ausgerechnet sie als Hauptpartner im Kampf gegen die UDSSR auserkoren wurde. Die OUBR wurde 1944 von den ukrainischen Nationalisten gegründet, als politische und militärische Führung für die UPA. Der erste Mitbegründer der UPA - Bulba-Borowez - sah die Prinzipien, nach denen die OUBR entstand, recht kritisch. In seinem Buch „Armee ohne Staat“ schreibt Borowez: „OUBR ist im Grunde die selbe OUN von Lebed-Bandera.“ Anfang der 2000der Jahre entschloss sich die CIA ihre Archive aus der Zeit des Kalten Krieges zu öffnen. So wurden auch die Dokumente bezüglich der „Operation Belladonna“ für die Öffentlichkeit zugänglich.“ 

Wir wandten uns an Lew Zelinger, der in den USA lebt und stellten ihm eine Reihe von Fragen, die alle konkret und erschöpfend beantwortet wurden.

WE: Wann begann nach ihrem Kenntnisstand die Zusammenarbeit zwischen den ukrainischen Nationalisten und den amerikanischen Geheimdiensten?

Lew Zelinger:

Laut den Dokumenten, stellte ein nicht namentlich genannter amerikanischer Undecoveragent - mit Hilfe der Griechisch-Katholischen-Kirche aus dem Vatikan - im April 1946 in Rom Kontakt mit Vertretern der OUBR her. Im selben Jahr erstellte die CIA einen Analysebericht über verschiedene ukrainische Organisationen und ihre Anführer, die nach dem Krieg nach Europa gelangen konnten. Die Rede war von der Unterstützung der ukrainischen Befreiungsbewegung in der UDSSR und auch darüber, wie effektiv diese Organisationen bei der Beschaffung von geheimdienstrelevanten Informationen für die USA sein könnten. Laut der CIA gehörten zu den effektivsten OUBR, UPA, OUN, die einen Gewissen Einfluß unter den Ukrainern genossen und die gute Kontakte in die Ukraine hatten. Als unschlagbarer Favorit galt die OUBR und ihre Anführer: Grinjoch und Lebed.

WE: Warum ausgerechnet die OUBR?

Lew Zelinger:

Andere Gruppen beneideten die OUBR, da die Organisation als unabhängig galt und sich einer Zusammenarbeit mit den Deutschen verweigerte, auch mit den Polen oder Russen. Im CIA-Bericht steht, dass die Ukrainer ganz klar zu verstehen gaben, dass sie sich nicht als Agenten, sondern als Partner der Amerikaner sehen und, dass rangniedrige OUBR-Agenten nichts von der Zusammenarbeiten mit den amerikanischen Geheimdiensten erfahren sollen. Die Amerikaner hatten daher nur mit Ranghohen Vertretern zu tun - Grinjoch, Lopatinski und Lebed. 

In seinem Interview sagte der oben erwähnte Roman Kupchinski, dass die OUBR, die die politische Leitung der UPA übernahm, ein ganzes Netz von Partisanengruppen in der Ukraine und in Polen unterhielt. Das ermöglichte zeitnahe und genaue Informationen und Vorwarnungen, sollte die Rote Armee in Richtung Westen aufmarschieren. Diese Informationen waren für den amerikanischen Geheimdienst - der Hauptspionage-Gruppe, die später durch die CIA ersetzt wurde - Goldwert.

WE: Wofür war die OUBR zuständig - Militäroperationen, Spionage oder etwas ganz anderes?

Lew Zelinger:

Die Hauptmission war der Kampf gegen die Sowjetmächte zum Zwecke der Etablierung eines unabhängigen ukrainischen Staates. Alles andere war zweitrangig. Deswegen war es für die OUBR so wichtig einen Verbündeten im Westen zu finden, der sich bereit erklärte diesen, wie es schien, aussichtslosen und romantischen Kampf zu finanzieren. Die Übereinkunft wurde im gegenseitigen Einvernehmen geschlossen. Der nicht namentlich genannte amerikanische Agent beschreibt die neuen Partner auf folgende Weise:

„Sie sind entschlossene und fähige Leute, aber sie leiden unter Verfolgungs- und Selbstaufopferungswahn. Sie sind bereit ihr Leben zu opfern oder Selbstmord zu begehen, wenn das nur der Sache dient. Auch zum Mord sind sie bereit, wenn es notwendig würde. Sie sind fest entschlossen - mit oder ohne uns - an ihrer Sache zu arbeiten und, wenn es nötig würde - auch gegen uns. Sie sind nicht auf der Suche nach eigenen Vorteilen oder Selbstbereicherung.“ 

Und weiter in dem Bericht:

„Unsere Quelle behauptet, dass die konspirative Mentalität und die ungewöhnliche Art allen und jedem zu mißtrauen, der keine Überprüfung durchlaufen hat, zu einem großen Hindernis bei der Zusammenarbeit mit den Ukrainern werden kann. Man muss immer daran denken, dass sie einen fast religiösen Glauben an die eigene Nation haben und allen Ausländern misstrauen, allen voran Polen, Russen und auch Deutschen. Im Ergebnis einer Langzeitbeobachtung dieser Leute, ist die Quelle sich sicher, dass, im Falle eines korrekten Auftretens ihnen gegenüber, sie zu jeder Zeit nützlich und für jedes Ziel einsetzbar sein würden.“

WE: Es ist bekannt, dass der Kampf der UPA keine gewünschten Resultate brachte und die „Operation Belladonna“ sich bis zum Jahr 1952 von selbst in Luft aufgelöst hat, die CIA unterhielt weiter Verbindungen zur OUBR. Wie stand es um die Finanzierung, zum Bespiel des bereits erwähnten Verlags „PROLOG“?

Lev Zelinger:

Die CIA finanzierte die Forschungs- und Verlagskorporation „PROLOG“. Später änderte die OUBR ihren Namen etwas ab, in AV OUBR (Ausländische Vertretung). Ich kann nur zufügen, dass trotz unseres guten, sogar freundschaftlichen Verhältnisses Roman Kupchinski nie näher auf die Tätigkeiten dieser Organisation einging, was, vermutlich, an den Verbindungen zur CIA und dem Interesse der KGB an dieser Organisation lag. Von 1978-1988 hat Roman Kupchinski den „PROLOG“-Verlag geführt. 

WE: Wie haben sie ihn kennen gelernt?

Lew Zelinger: 

1991 wurde er Direktor der ukrainischen Redaktion von „Radio Swoboda“ in München. Zum ersten mal hat ihn mir der Chef des New Yorker Büros Yuri Dulerain vorgestellt, entweder Ende 1990 oder Anfang 1991, wenn ich mich nicht irre, während meines Urlaubs in den USA. Ich arbeitete da bereits in München bei der Radiostation. Roman war Vietnamveteran, hatte Orden bekommen, aber er mochte sich nicht gern an diesen Lebensabschnitt erinnern. Im Januar 2010, verstarb er nach langer und schwerer Krankheit und wurde auf dem Arlingtoner Nationalfriedhof beigesetzt. Die Tätigkeit des „PROLOG“-Verlags wurde aber recht ausführlich in den Forschungen von Taras Kuzjo beschrieben, eines Mitarbeiters des Zentrums für Transatlantische Beziehungen der Graduate School für internationale Politik und Wirtschaftswissenschaften der Johns Hopkins University in Washington. Auch in den Erinnerungen von Anatol Kaminski, eines Leiters von „Prolog“ und ebenfalls eines ehemaligen Direktors des ukrainischen Dienstes bei „Radio Swoboda“ (1983-1989).

Fortsetzung folgt…

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