Wie es zum Ersten Weltkrieg kam…

Samstag, 20. Januar 2018

Willy Wimmer: „Wir würden uns mit dieser Frage vermutlich gar nicht beschäftigen, wenn es nicht den NATO-Aufmarsch gegen die Russische Föderation geben würde“

BBC, der Modellsender für westlichen Staatsfunk, posaunte am Freitag, den 19. Januar 2018, das in die Welt hinaus, was der amerikanische Verteidigungsminister, General a.D. John Matthis als neue amerikanische Globalstrategie vor einem Auditorium der John Hopkins Universität formulierte. Klare Botschaft an die Welt: es hat sich seit 1914 und der damaligen Politik gegen das kaiserliche Deutschland und die Habsburger Monarchie nichts geändert.  Amerika braucht Feinde, diesmal sind es China und Russland und jeder, der nicht so denkt, wie die Vereinigten Staaten das vorschreiben. Die EU kommt noch nicht vor, weil sie gefügig genug ist.

Willy Wimmer, Staatssekretär a.D., am Telefon im Gespräch mit Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Chefredakteur World Economy

WE: Wer hat sich eigentlich den Ersten Weltkrieg ausgedacht? Dieser Krieg begann doch recht plötzlich und seine Nachwirkungen sind bis in die heutige Zeit zu spüren. 

WIlly Wimmer:

Wir würden uns mit dieser Frage vermutlich gar nicht beschäftigen, wenn es nicht den NATO-Aufmarsch gegen die Russische Föderation geben würde. Das hat in Deutschland, vielleicht auch in anderen Ländern, eine interessante Konsequenz. Die Leute beschäftigen sich mit ähnlichen oder identischen Phänomenen. Dann ist es natürlich unausweichlich, dass man sich auch mit der Frage beschäftigt, wie es zum Ersten Weltkrieg kam. Es gibt unglaublich viele Parallelen zu der heutigen Entwicklung. Wobei ich sagen muss, dass ein aktueller Zwischenschritt in dieser Fragestellung natürlich der völkerrechtswidrige Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Irak war. Das hat deutlich gemacht, nach welchem Muster die Vereinigten Staaten - und das kann man ganz generell sagen: die angelsächsischen Mächte unter Einschluss von Frankreich - welchen Weg gegangen sind. Wie selbstverständlich Kriegsplanungen gewesen sind, kann man an den amerikanischen Planungen eines Krieges gegen Großbritannien in den dreißiger Jahren unter „Plan red“ sehen. Wer über die Flure des Pentagon ging, sah an allen Wänden, wie die Wehrmacht siegte. (https://m.youtube.com/watch?v=kS2AlIJ621c

Was den Ersten Weltkrieg anbetrifft, muss man, wie heute auch, zwei, drei Dinge auseinander halten. Das Erste ist, die Russische Föderation - und das ist eine große Ähnlichkeit zum damaligen Kaiserlichen Deutschland - verfügt über ein großes wirtschaftliches Potential. Und dieses Potential sollte unter amerikanischer Kontrolle stehen, so jedenfalls ist die amerikanische Sicht. Es gab neulich auf ARTE einen Themenabend zu Russland und den USA, wo das wieder in aller Deutlichkeit angesprochen wurde. Das Zweite, man muss sich den unmittelbaren Anlass für einen Krieg ansehen und die Mechanismen unter denen er startet. Wir haben in der Zeit des Kalten Krieges etwas gesehen, das heute wieder aufgenommen worden ist: die jeweils andere Seite soll solange provoziert werden, bis sie zu einer Fehlentscheidung fähig ist. Und das Dritte ist: die Angelsachsen sind Meister darin Koalitionsstrukturen für einen Krieg zu schaffen. Das haben wir im Vorfeld des Ersten Weltkriegs bei den Britten und Franzosen gesehen, wo schon weit vor 1914 interessierte Kreise Strukturen geschaffen haben, um mit dem Kaiserlichen Deutschland und dem Königreich Österreich-Ungarn fertig zu werden und ihnen einen KO-Schlag zu versetzen. Heute ist dieser KO-Schlag offensichtlich der Russischen Föderation zugedacht. Deswegen ist es aus meiner Sicht - auf dem Territorium des künftigen Schlachtfeldes Europa - zwangsläufig, dass man sich mit diesen historischen Fragen auseinandersetzt.

WE: Vorsichtig ausgedrückt: es begann vor etwa 100 Jahren in Serbien und vor einigen Jahren gab es den Krieg im damaligen Jugoslawien. Kann man auch das als Parallele übernehmen oder gibt es doch einen Unterschied?

Willy Wimmer:

Man tut sich immer schwer dabei historische Ereignisse, die ja auch unterschiedliche Gründe haben können, so miteinander zu vergleichen, dass man sagt, es sei ein identisches Muster. Da kommt es auf die Feinbeobachtung an. Man kann heute im Zusammenhang mit der Aggression gegen Belgrad durch die NATO sagen, dass es etwas gibt, das im hohen Maße für uns wichtig ist. Wir haben die Charta von Paris aus dem November 1990 erlebt, mit der klaren Aussage „Nie wieder Krieg in Europa“. Das war logisch, es war eine Konsequenz aus dem Ende des Kalten Krieges und der Kalte Krieg wäre ohne das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht denkbar gewesen. Man hat damals die Charta der Vereinten Nationen mit dem Gewaltmonopol der Vereinten Nationen geschaffen, um so schreckliche Konsequenzen, wie wir sie seit den Kriegen Napoleons in Europa erlebt haben, für die Zukunft auszuschließen. Was Clinton und Albright in Europa gemacht haben, war den Krieg nach Europa zurück zu bringen und sie haben damit nahtlos an das angeschlossen, was bis 1945 offensichtlich die internationale Vorgehensweise im Zusammenhang mit Kriegen gewesen ist. Dazu gehört auch der Krieg, der von Adolf Hitler mit dem Angriff auf Polen begonnen worden ist. Vor diesem Hintergrund haben die Vereinigten Staaten und auch das Vereinigte Königreich aus meiner Sicht alles unternommen, um Europa wieder kriegsfähig zu machen und darunter ächzen und leiden wir heute. 

WE: Wo Sie gerade auf Polen zu sprechen kamen. Wir war die Rolle Polens in Europa? Während der beiden Weltkriege und auch danach? Immerhin gibt es wieder einen Grund über Polen zu sprechen: angefangen mit dem Ideologen Zbigniew Brzeziński, der immer die polnische Idee vertreten hat und jetzt heisst es, Polen würde einen Affront gegen die EU im Sinn haben, vor allen Dingen gegenüber Deutschland. 

Willy Wimmer:

Das ist eine wunde Stelle, die es offensichtlich in den Beziehungen mit Polen zwischen der Europäischen Union und Deutschland, und übrigens auch der Russischen Föderation, gibt. Was mit dem Namen Polen zu tun hat, hat ja auch mit den aberwitzigen Reparationsüberlegungen zu tun, die in letzter Zeit angestellt werden. Dazu hat die polnische Katholische Kirche die richtigen Worte gefunden, aber man kennt die polnische Führungselite, die lassen sich in dieser Frage offensichtlich auch vom polnischen Klerus nichts sagen. Was die Situation mit Polen anbetrifft, muss ich aber fairerweise sagen, dass es mehrere Überlegungen gibt, die man dazu anstellen muss. Das eine ist die Betrachtung der eigenen, der deutschen Politik. Wir müssen fest stellen, dass sowohl der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck als auch die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel, die geschäftsführende Bundeskanzlerin, die Grundlagen der deutschen Nachbarschaftspolitik, die seit 1949 zum friedlichen Ausgleich mit unseren Nachbarn geführt hat, völlig zerstört haben. Wir haben als Strukturprinzip der Bonner Politik immer wieder gesagt, dass wir auf gleicher Augenhöhe auf unsere kleineren Nachbarn umgehen müssen. Und wir haben in der einsamen Migrationsentscheidung der Bundeskanzlerin gesehen, dass sie ganz Europa vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Ein solches Verhalten wird weder in Deutschland noch bei unseren Nachbarn geschätzt. Das ist der zweite Punkt. Der dritte Punkt ist, dass wenn wir die Vergangenheit wieder dominieren lassen - und da muss sich jeder fragen inwieweit er dazu beiträgt - dann beschäftigen wir uns natürlich auch mit der Rolle des einen oder anderen Staates in der so genannten Zwischenkriegszeit. Das wird man in Deutschland alleine schon im Zusammenhang mit den Jahreszahlen tun müssen, mit denen wir es in diesem und im nächsten Jahr zu tun haben. Mit den 14 Punkten Wilsons, mit dem Waffenstillstand vom November 1918 und vor allen Dingen mit den Konsequenzen des Vertrags von Versailles. Da muss man sich immer an die eigene Nase fassen. Dazu kommt, dass man sich natürlich auch mit Polen beschäftigen müssen wird, welches in der Zwischenkriegszeit von angelsächsischen Stimmen - um im heutigen Sprachgebrauch zu bleiben - als „Schurkenstaat“ bezeichnet worden ist, weil es, sofort nachdem es wieder in die historische Existenz kam, mit allen Nachbarn wieder Krieg geführt hat. Das war die größte kriegsführende Macht, die wir in Europa gesehen haben. Und aus den Kriegsstudien des polnischen Generalstabes wissen wir ja auch, dass in den 20er Jahren Köln am Rhein als polnisches Kriegsziel ausgegeben worden ist. Wenn man diese Dinge in Zukunft unser Zusammenleben bestimmen lassen will, stehen uns schwere Zeiten bevor. 

WE: Herr Wimmer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Bilder: @depositphotos

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„Plan red“

Willy Wimmer am Telefon