Wahlen in Deutschland oder der Aufstand der Türkischen Kater

Mittwoch, 26. April 2017

Bleibe ich in einem Land für längere Zeit, versuche ich immer ein Symbol zu finden, welches dieses Land am besten charakterisiert, seine Stimmung und seine Archetypen wiedergibt

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Ich habe zwei türkische Freunde - Asin und Osman. Sie sind Cousins, etwa gleich alt, beide relativ erfolgreiche Geschäftsmänner. Nur spricht einer neben Türkisch auch Deutsch, weil er seit zehn Jahren in Deutschland lebt. Und der andere - Russisch, weil er etwa genauso lange Geschäfte in Russland betreibt. Sie fahren beide einen weissen Mercedes (das beherrschen der russischen Sprache mindert mitnichten den Wunsch ein deutsches Auto zu fahren, eher umgekehrt). Mit beiden war ich zu verschiedenen Zeiten auf antalyanischen Straßen unterwegs. 

Prof. Dr. Dmitry Vydrin, Experte, Politologe, Autor

Wie das manchmal so ist, wurde ich mit beiden von der Polizei angehalten, wegen unbedeutender Geschwindigkeitsübertretung - die Straßen und die Autos waren einfach zu gut. Dafür fielen die Reaktionen des „deutschen“ und des „russischen“ Türken diametral verschieden aus. Asin wurde blass, reichte dem Polizisten mit zitternder Hand seine Papiere und sagte mit deutschem Akzent: „Das tut mir sehr leid, ich war mit meinem ausländischen Freund zu sehr ins Gespräch vertieft. Er ist Tourist. Wir bitten um Entschuldigung, das wird sich nicht wiederholen.“ Osman wurde in der gleichen Situation rot und meinte mit russischer Nonchalance: „Alter, siehst du nicht, mit wem ich hier unterwegs bin? Das ist ein wichtiger Investor, er ist auf dem Weg zum Meer. Wir sind auch so schon spät dran und jetzt kommst du noch…“

Wieso erzähle ich Ihnen das? Um sie daran zu erinnern, dass die Zweitsprache (zusammen mit den Erfahrungen, die man macht, während man sie lernt), den Charakter eines Menschen verändert, seine Verhaltensstereotypen, seine Reaktion auf alltägliche Situationen, seine Denkweise. Das ist offensichtlich und wurde schon vom großen Heidegger nachgewiesen. Allerdings, wenn sich Asin und Osman bei ihrem Sommerurlaub in Antalya treffen, sind sie einander nach einer Woche wieder zum Verwechseln ähnlich - trotz ihrer gewohnten und scheinbar fundamentalen Unterschiede. Osman wird deutscher: korrekter, höflicher, erinnert sich plötzlich wieder an das Wort „Entschuldigung“. Während Asin etwas russischer, frecher, kopfloser wird, auch vergisst er aus heiterem Himmel, wie das Wort „Bitte“ benutzt wird. 

Bleibe ich in einem Land für längere Zeit, versuche ich immer ein Symbol zu finden, welches dieses Land am besten charakterisiert, seine Stimmung und seine Archetypen wiedergibt. Das türkische Symbol kann, nach meiner tiefsten Überzeugung, nur der Türkische Kater sein. Am mystischen Vansee lebt eine seltene Katzenart, die sich auf dem Land und im Wasser gleich gut zurecht findet. Sie fangen keine Mäuse, dafür stürzen sie sich schwalbenartig von den Felsen, um nach zarter Forelle zu tauchen. Sie haben sogar verschiedenfarbige Augen - eines, um besser unter Wasser zu sehen, das andere - auf dem Land. 

Ist Ihnen übrigens aufgefallen, dass Präsident Erdogan verschiedenfarbige Augen hat? 

Wie der Türkische Kater ist er von Natur aus zum Jagen in zwei verschiedenen Lebensräumen prädestiniert - dem europäischen und dem orientalischen. (Manchmal verwechselt er sie auch und muss sich dann hinterher lange entschuldigen). Und das ist das Wesen der meisten Türken - von General bis zum einfachen Geschäftsmann. Die Russen haben diese türkische Eigenheit schon fast verstanden und legen den Köder immer von der Seite des passenden Auges aus. Während die Deutschen es bis jetzt vorziehen die Augen vor dieser türkischen Eigenart zu verschließen und „ihre“ Türken für normale Bürger und Wähler zu halten. Solange es nicht so viele Bürger türkischer Herkunft gab und die Probleme der Welt nicht allzu riesig erschienen, war das die Rettung. Die Rettung vor Unruhen, zusätzlichen Problemen, Ängsten. Aber alles änderte das türkische Referendum um eine riesige Erweiterung der Macht des türkischen Präsidenten, bei dem die meisten deutschen Türken mit „Ja“ gestimmt haben. Ihr orientalisches Auge öffnete sich. Aus langweiligen, braven Hauskatzen wurden in Handumdrehen freche Türkische Kater. Ihr Wesen, von Erdogan geschickt aus dem Schlaf erweckt, gewann die Oberhand. Seine grölenden Worte bedeuten ihnen jetzt mehr, als das musikalische Schnurren der einheimischen Politiker, sind sogar wichtiger als ein belehrendes „miau-miau“ von einem Polizisten. Erdogan hat mit seinem Referendum nicht nur seine Macht im eigenen Land vervielfacht, er konnte auch den Einfluß auf die meisten Türken wieder gewinnen, die inzwischen von anderen „Besitzern domestiziert“ wurden. Nur die normalen Katzen gewöhnen sich einfach an das Haus, in dem sie leben. 

Der Türkische Kater vergisst weder wo er herkommt noch seine frühere Lebensart. Faktisch, hat der Aufstand der Türkischen Kater in Europa bereits statt gefunden. So werden auch viele Wahlen nicht von den jeweiligen Parteien und ihren Spitzenkandidaten abhängen, sondern von dem wohlwollenden Zwinkern des türkischen Führers. Das wird vor allen Dingen Deutschland zu spüren bekommen. Wenn Sie also wissen wollen, wer im Herbst bei der Bundestagswahl gewinnen wird, dann fragen sie keine Politologen oder Soziologen, sondern den „Anführer der Türkischen Kater“. Er weiß es bereits. Und, wenn er es Ihnen nicht verraten will, dann achten Sie auf seine Augen. Die Münder der Politiker können lügen, auch die Hände, die Augen - niemals.

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