Syrisches Endspiel

Mittwoch, 24. Februar 2016

Bei ihrer hegemonialen Strategie hofft die Türkei darauf, dass sie im Fall der Fälle hinter dem NATO-Schutzschild in Deckung gehen können wird. Bis jetzt gab die Allianz Erdogan und Davutoğlu ebenso eindeutig zu verstehen, dass sie nicht vorhat sich in die militärischen Abenteuer Ankaras hineinziehen zu lassen.

Syrisches Endspiel / Fotolia

Von Alexander Sosnowski, Journalist, Schriftsteller

Der NATO-Generalsekretär meinte ganz direkt, die Türkei soll ihre militärischen Probleme selbst lösen. „Die Türkei hat eine schlagfertige Armee und Sicherheitskräfte, daher sieht die NATO keine Notwendigkeit in der militärischen Unterstützung der Türkei“ - wird er vom FOCUS zitiert.

War die Türkei bis vor kurzem noch von Freunden umringt, haben sich die diplomatischen Verhältnisse in den letzten beiden Jahren zusehends verschlechtert. Gerade zu Israel, Griechenland, Armenien, Iran und Syrien können diese als frostig angesehen werden. Das Verhältnis zum wichtigen Wirtschaftspartner Russland ist über diesen Grad bereits hinaus und kann durchaus als diplomatische Krise betrachtet werden.

Genau deshalb setzt Erdogan auf das Scheitern der Bemühungen Frankreichs, der USA und Russlands eine Einigung über die gemeinsame Strategie zur Bekämpfung des IS zu erreichen. 

Man vermutet, dass die Terroranschläge von Paris, das explodierte Passagierflugzeug über dem Sinai und das abgeschossene russische Kampfflugzeug im Zusammenhang zu den Luftangriffen stehen, die Russland und Frankreich gegen die Ölförderungsstrukturen des IS fliegen. Auf jeden Fall, gibt es wenigstens eine zeitliche Verbindung zwischen den Ereignissen. Die Terroranschläge fanden kurze Zeit nach der verstärkten Bombardierung von IS-Stützpunkten statt. Russland behauptet, dass die Ölkarawanen des IS komplett von der Türkei finanziert und unterstützt werden. Als Beweis wurden Satellitenaufnahmen angeführt, auf denen deutlich Tankwagen zu sehen sind, die sich zu Hunderten über die türkische Grenze bewegen. 

Foto: Satellitenaufnahme /15min.lt

Während dessen verkündet der türkische Präsident öffentlich seine Bereitschaft auch außerhalb des türkischen Territoriums militärisch einzugreifen. Und hat diese Ankündigung bereits in die Tat umgesetzt. Im Kampf gegen die PKK fliegen türkische Jets Luftangriffe auf PKK-Camps im Nordirak und die Türkei hat ein schweres Bataillon in die kurdische Autonomieregion verlegt. Beides ohne Zustimmung Bagdads, was ein weiteres diplomatisches Zerwürfnis mit einem Nachbarn zur Folge hatte. Recep Erdogan meinte, die Türkei hätte das Recht auch auf dem Staatsgebiet anderer Länder militärisch Krieg gegen die Terroristen zu führen. Nach den Worten des türkischen Präsidenten, wäre ein solcher Fall denkbar, wenn auf diesem Gebiet gesetzwidrige Militärformationen stationiert wären, die die Türkei bedrohen oder eine Bedrohung für die türkische Sicherheit darstellen würden. „Die Türkei hat das volle Recht antiterroristische Aktionen in Syrien durchzuführen und auch in anderen Ländern, in denen sich terroristische Gruppierungen befinden, da es zum Kampf gegen die Bedrohungen gehört, denen wir uns gegenüber sehen“ - meinte Erdogan.  

(http://izvestia.ru/news/604786#ixzz40ok45n6M)

Die türkischen Aktionen werden von Katar unterstützt, das wiederum eigene Interessen bei der Unterstützung der Gruppierung „Wilayat Sinai“ verfolgt. Die Türkei selbst soll laut der Journalisten des Guardian „luxuriöse Geschäfte“ abschließen, sie sprechen von zehn Millionen Dollar wöchentlich, die der IS durch den Ölhandel mit der Türkei einnimmt.

Natürlich gehört die „Kurdenfrage“ zu den kompliziertesten. Für die Türkei sind die Kurden und nicht der IS der Hauptgegner. Man sollte nicht vergessen, dass nach verschiedenen Quellen in diesen Regionen bis zu 34 Millionen Kurden leben sollen. 18 Millionen in der Türkei selbst, acht im Iran, sechs im Irak und etwa zwei Millionen in Syrien. Nur mal angenommen der kurdische Kampf für den eigenen Staat würde von Erfolg gekrönt, dann verlöre die Türkei ein Viertel ihrer Bevölkerung und nebenan entstünde ein Kurdenstaat mit einer Einwohnerzahl von 30-35 Millionen Menschen. Schlimmer als der Verlust der Einwohner wöge für die Türkei dabei der Verlust der türkischen Rohstofflage, die sich fast ausschließlich in der Südosttürkei, also dem kurdischen Siedlungsgebiet, befindet.

Foto:Kurdische Siedlungsgebiet /WE

Die Türkei strebt eigene Pufferzonen im syrischen Luftraum an, die die türkischen Luftangriffe auf syrische Kurden fast komplett verdecken würden. Bis dahin weigert sich die Türkei solche berüchtigten Organisationen wie „Ahrar asch-scham“ als terroristisch anzuerkennen, zählt aber zu den Terroristen die kurdische Partei der Demokratischen Union. 

Mit seinen Handlungen bringt Erdogan seine europäischen und amerikanischen Partner in größte Verlegenheit. Die US-Geheimdienste geben inzwischen sogar offen zu, dass die Türkei einer der Hauptgründe für das Scheitern der Pläne des Pentagons in Syrien sei. So meinte Michael T. Flynn, ein ehemaliger Lieutenant General der United States Army und vormaliger Direktor der Defense Intelligence Agency bei einem Gespräch mit dem britischen London Review of Books (veröffentlicht bereits im Dezember 2015), dass die Türkei das Haupthindernis auf dem Weg zum Erfolg sei. Faktisch verwandelte sich das Programm der USA zur Bewaffnung der gemäßigten Opposition in eine vollwertige kriegerische Operation zur militärischen und logistischen Unterstützung von Islamisten, den IS eingeschlossen. Laut Flynn haben die amerikanischen Geheimdienste gewichtige Beweise gegen Erdogan sammeln können, aber das Weiße Haus ließ die Informationen unbeachtet.

Michael T. Flynn, vormaliger Direktor der Defense Intelligence Agency