Putin von Lissabon bis Vladivostok? Wo bleibt Berlin?

Sonntag, 10. September 2017

Der kommende 25.September - der erste Tag für den neugewählten Bundestag - wird als Schicksalstag in die deutsche Geschichte eingehen. Wir alle sind aber jetzt schon glänzend enttäuscht

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Genau 16 Jahre zuvor, am 25.1.2001 hat Wladimir Putin im deutschen Bundestag seine Rede gehalten, die von Beifall und auch Ovationen begleitet wurde. Der hoffnungsvolle Auftakt eines neuen Zeitalters schien heraufzudämmern.

Von Ulrich F. Gerhard

Ist das von der Berliner Regierung alles vergessen worden? Putin hat von einem gemeinsamen friedlichen Wirtschafts(t)raum von Lissabon bis Vladivostok (dt.: "ferner Osten") gesprochen. Was ist daraus geworden? Wir alle wurden glänzend enttäuscht. Der Kalte Krieg geht weiter, Neid und Eifersucht, westliches Hegemonial-Denken, das unhistorische Zerreissen einer jahrhundertelang russisch orientierten Ukraine. Die entgegen den Vereinbarungen erfolgte NATO-Ost-Ausdehnung um Umwidmung ihres Auftrags, sowie die Alleinherrschaftsansprüche einer selbsternannten neurömischen Weltmacht ("Pax americana" genannt) bestimmen heute die Welt. In Syrien werden gerade mit Müh und Not Sicherheit und staatliche Ordnung und Integrität wiederhergestellt und gegen eine menschenverachtende vorderasiatische Verbrecherbande durchgesetzt. Und das dank russischer Militäreinsätze, mit denen Putin dem Präsidenten Assad gezeigt hat, dass er seinen Verbündeten nicht im Stich lässt. Dennoch stehen wir mit Nordkorea am Abgrund eines dritten und finalen Weltkrieges. 

War und ist das alles nötig gewesen? 

Können Gegensätze mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel nicht viel besser überwunden werden als früher? Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Grund ist, dass Information heute missbraucht wird. Sie verkommt zur Desinformation, zum beliebig einsetzbaren Einflussmittel für oder gegen Personen und gegen ganze Regierungen. Man versteht sich nicht mehr, man redet aneinander vorbei. "Fake news" - ursprünglich ein Bestandteil psychologischer Kriegsführung, wird zur gezinkten Karte im Pokerspiel um die Macht. Der Missbrauch der Elektronik ist damit ein weiteres Beispiel menschlicher Unreife und Unwürde und auch der Beweis, dass der Gorilla in uns nicht überwunden ist, Ideologie und Weltanschauung hin oder her.  Auch Gentechnik, Retortenmensch und die Entwicklung beliebig vieler biologischer "Gender"-Geschlechter werden uns nicht aus diesem Schlamassel befreien, im Gegenteil. Der Mensch ist keineswegs sein eigener Ersatzgott, als der er sich nun dank einer überzüchteten Technologie gebärdet. Er ist weiterhin der Höhlenmensch und der steinzeitliche Nomade, trotz Raumfahrt, Smartphone und Hochgeschwindigkeitszug. 

Der Mensch bekommt seine Probleme nicht in der Griff. 

Die Anmaßung einer angeblichen Verbesserung der göttlichen Schöpfung durch egozentrische Eigenkreationen sind eben der Fluch des Bösen, des Antichristen, der sich der Erde bemächtigen will. "Und die Bibel hat doch recht", sagte einst der bekannte Autor Werner Keller. Dem Gottlosen und Gottvergessenen müssen wir Einhalt gebieten. Und es sind nicht die Präsidenten dieser Welt, die den Frieden durch eine sophistizierte Militärtechnik herbeizaubern, sondern die Menschen selbst sind es, die den Frieden und Ausgleich in sich und mit sich selbst, mit ihrem eigenen Volk, mit ihrer Heimat und mit allen anderen Völkern finden müssen. Das ist auch keine Frage von Konsum und Lebensstandard, von Lustgewinn und Spass, es ist eine Frage von materieller Bescheidenheit, Treue, Gemeinschaftsdenken, Solidarität mit seinen Landsleuten und dann schließlich ist es die Freundschaft mit allen anderen Nationen. Politisch instrumentalisierte Wanderung von Menschenmassen aus Afrika und dem Orient kann wohl kaum als Mittel zum Frieden angesehen werden. Vor allen Dingen dann nicht, wenn diese Wanderungen keine friedlichen Absichten, sondern das Überrollen durch fremde Kulturen und die Errichtung einer neuen religiösen Dominanz in Europa darstellen. Solche Eroberungen waren schon in der Vergangenheit nicht die Lösung von Kulturkonflikten und Machttrieben, sie sind es auch heute nicht. Rache für erlittenes Unrecht kann niemals durch neues Unrecht zu gegenseitigem Respekt führen. Feldzüge im Zeichen des Kreuzes waren genauso fehl am Platz wie es die neuen Feldzüge im Zeichen des türkischen Halbmondes in Europa sind. 

Verranntheiten in institutionalisierte Glaubenssysteme haben mit Glauben nicht mehr viel zu tun

Glauben bedeutet Hoffnung auf Weiterleben nach dem Tode, mehr eigentlich nicht. Damit aber werden alle irdischen Werte relativiert und Machtansprüche ad absurdum geführt. Wozu braucht es Macht? Darum auch sind die Aufrechterhaltung von Staats- und Kulturgrenzen, der Respekt vor den Nationen, vor Kultur- und Wirtschaftsräumen, vor geografischen Unterschieden, vor Sprachen und Traditionen und der gegenseitige und intelligente Austausch zum Vorteil beider Seiten notwendige Handlungsgrundlage, wenn die Welt nicht ins Chaos und selbstgemachte Zerstörung fallen soll. 

Deutschlands Werden und Wachsen inmitten Europas in seiner langen wechselvollen Geschichte kann und darf deshalb nicht den kurzfristigen und vordergründigen Interessen äußerer Mächte unterworfen werden. Es muss inmitten der anderen europäischen Kulturnationen, in der seit den Tagen der Athener und Römer versprochenen demokratischen Freiheit, in eine selbstbestimmte Zukunft führen. Es muss in eine politische Emanzipation führen, die sich aus allen Belastungen, Verstrickungen und Schuldzuweisungen einer Vergangenheit gelöst hat, in der andere unzweckmäßige und wahnwitzige politische Ziele vom Frieden wegführten. Vorher wird kein Friede im 21. Jahrhundert möglich sein. Auch die Erzeugung von neuer Schuld (Klima, Umwelt) wird zu keiner Befriedung der Völker führen, sondern nur Hass und Selbsthass zur Folge haben. Darum war die Idee des gemeinsamen Wirtschaftsraums von Lissabon bis Vladivostok eine voll und ganz die richtige. Bauen wir an einem neuen Europa, das seiner geografischen Verbundenheit mit Asien Rechnung trägt und das in der gesamten Welt keinen Konkurrenzneid um Rohstoffe und Einflusssphären mehr duldet und jegliche kriegerischen Auseinandersetzungen darum beendet hat. 

Und vielleicht findet sich hier auch die Deutschland wieder.

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