Ob wir von einem „Türkxit“ überrascht werden?

Freitag, 12. Mai 2017

Wenn der eigenwillige türkische Präsident Erdogan den russischen Präsidenten „Wladimir“ nennt, sollten wir uns die Beziehungen „Türkei-Russland“ ganz genau anschauen. Zwei unserer Experten haben das für uns gemacht

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Kurz vor dem inzwischen berühmten Besuch des türkischen Präsidenten in Sotschi am 3. Mai, erregte eine Nachrichtenmeldung die Gemüter der Welt: „Türkei plant Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S-400“. Was war das, von Journalisten fabrizierte Fake News oder doch die Wahrheit? 

Im zweiten Fall muss man schon darüber nachdenken, was es eigentlich bedeutet, wenn ein NATO-Mitglied möglicherweise plant Russland seine neueste Militärtechnik abzukaufen, meint Niklas Kharidis, Politikwissenschaftler aus Athen: „Erdogan ist sich absolut darüber im Klaren, dass ein misslungener Versuch der EU beizutreten die Türkei unweigerlich noch weiter von Europa entfernen wird. Mehr noch, die Tatsache, dass einige europäische Länder die Teilnahme türkischer Politiker bei Veranstaltungen bezüglich des damals anstehenden Referendums verhinderten, wird in Ankara als direkter Affront gewertet.“

„Heute ist Europa in den Augen von Milliarden Menschen nicht das Zentrum von Demokratie, Menschenrechten und Freiheiten, sondern das der Repression, Gewalt und des Nationalsozialismus“, zitiert „Die Welt“ Erdorgans Worte. Es ist daher nicht wirklich verwunderlich, dass Erdogan sich einen neuen „Schutzpatron“ in Vladimir Putin sucht. 

„Schlussendlich, könnten sich die russisch-türkischen Beziehungen in zwei Fällen sehr negativ auswirken und zwar nicht nur auf Armenien selbst sondern auch auf die gesamte südkaukasische Region. Zum einen, wenn diese Beziehungen konfrontativ oder offen feindselig sind oder zum anderen, wenn sie zu eng sind. Beide Varianten bergen eine Gefahr für Armenien und den Süd-Kaukasus“,- erklärte im Gespräch mit World Economy der ehemalige Chef des Nationalen Sicherheitsdienstes und führender Analytiker des Zentrums für Regionale Studien David Schachnazaryan.

Tatsächlich gibt es da jedoch eine ganze Menge Fragen und dabei handelt es sich nicht nur um die diametral unterschiedlichen Positionen beider Länder zu Lösungsansätzen in Syrien. Darin sind sich beide Experten einig. Schachnazaryan meint allerdings, das man nicht mit einem Austritt der Türkei aus der NATO rechnen sollte, Ankara würde einen solchen Schritt nie gehen. 

„Im Prinzip macht eben diese Unvorhersehbarkeit der Türkei der EU wohl die meisten Kopfschmerzen, ebenso wie den USA. Die Türkei ist immer noch ein NATO-Mitglied und auch wenn einige Analytiker schreiben, dass die Türkei das Bündnis verlassen könnte, ich persönlich schließe das aus. Wir beobachten die Situation jedenfalls sehr genau, sie entwickelt sich bestimmt auch weiterhin sehr dynamisch, auch wenn es nicht mehr die Türkei des Atatürk ist. Davon ist praktisch nichts mehr übrig geblieben und zwar weder innen- noch außenpolitisch“, meint der Experte. 

„Das Wichtigste ist nicht die Frage, ob Russland seine Waffen an die Türkei verkaufen wird oder nicht“, sagt Niklas Kharidis zum Abschluss des Gesprächs, „die Hauptsache ist der Kampf gegen den IS und daran beteiligen sich beide Länder.“ 

Redakteur: I.Tkachenko

Bilder: @depositphotos 

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