Manneken Pis gegen das Mädchen mit dem Ruder

Dienstag, 28. März 2017

Betrachtet man die deutsche Presselandschaft, dann versetzt das neue politische Spielzeug - ein echter Kanzlerkandidat von den Sozialdemokraten - Martin Schulz, die einheimischen Experten in helle Aufregung

@depositphotos

Ja, er schafft Anlässe für Prognosen und Futter für Analysen. Das, ebenso wie das ungewöhnliche innerparteiliche Voting von 100 Prozent, und auch das persönliche Stimmbarometer - immerhin überholt er Frau Merkel nun schon fast um ein Prozent, dazu der kometenhafte Aufstieg der Sozialdemokraten auf den ersten Platz mit einer Führung von etwa zehn Prozent… 

Prof. Dr. Dmitry Vydrin, Politologe, Philosoph

Da gibt es eine ganze Menge worüber man diskutieren, sprechen, nachdenken und schreiben kann. Für den außenstehenden Beobachter präsentiert sich die Intrige Merkel-Schulz jedoch recht flach, routiniert, ohne Funke. Unwillkürlich kommt einem der Ausspruch Churchills in den Sinn, die Demokratie sei nur ein Instrument zur Lösung kleiner Probleme. Es hat nämlich den Anschein, als hätten die echten Demokraten, zu denen sich die oben genannten Personen ohne jeden Zweifel zählen, nur geringfügige, selbst von innen kaum wahrnehmbare Unterschiede. Vielleicht kommt deshalb der ihnen gewidmeten Analytik jeder Drive abhanden. Das Interesse ist wohl da, aber kein Drive. 

…ein Fisch kann nichts über das Wasser sagen

Ich versuche mal diese Lücke aufzufüllen. Natürlich bin ich nicht schlauer als die deutschen Analytiker. Aber an dieser Stelle wäre der Ausspruch eines anderen britischen Klassikers angebracht. Dieser meinte, ein Fisch kann nichts über das Wasser sagen, weil er außer dem Wasser nichts anderes kennt. Deswegen können demokratische Experten nichts über demokratische Wahlen und demokratische Kandidaten erzählen. Ich wiederum - kann das. Fangen wir zunächst damit an, dass, wenn man die äußeren Parameter des deutschen Politsystems verlässt, die Unterschiede zwischen den Kandidaten der Sozial- und Christdemokraten gar nicht so gering ausfallen. Sie sind riesig! Das ist vor allen Dingen der Unterschied zwischen einem Bürokraten und einem Funktionär. Martin Schulz ist ein elitärer, klassischer, europäischer Bürokrat. Angela Merkel - eine elitäre europäische Funktionärin. Das sind zwei unterschiedliche politische Archetypen, Herangehensweisen an Probleme, Erfolge und Zielsetzungen. Bezeichnend ist schon allein die Tatsache, dass der Bürokrat für die Ordnung steht und der Funktionär für die Macht, Beeinflussung.

Das beste Symbol für Schulz ist „Manneken Pis“

Ich erkläre das gern an ein paar Beispielen. Das beste Symbol für Schulz, noch vor kurzem das Paradebeispiel der Brüsseler Bürokratie, ist „Manneken Pis“, der übrigens auch aus Brüssel kommt. Er ist das perfekte Symbol für diese bestimmte Kaste von Menschen, die für die Erhaltung einer Illusion von Law and Order allen auf den Kopf … würden. Zu Schulz’ Verdiensten kann zweifellos gezählt werden, dass, bevor er das höchste europäische Amt antrat, der Brüsseler Manneken Pis von der Größe her genau seinem Springbrunnen-Pendant entsprach. Seine kleinen Spritzer riefen höchstens Ironie und Rührung hervor. Aber als er das Amt verließ, war der Manneken auf die Größe der Freiheitsstatue angewachsen. Er brauchte nicht mehr zu spritzen, er konnte jede Initiale förmlich fluten, sogar die Freiheitsfackel war er in der Lage zu löschen, wenn sie denn die Ordnung zu stören drohte. 

Als adäquates Symbol für Frau Merkel kann durchaus das Idol der FDJ dienen - das durchtrainierte Mädchen mit dem Ruder. 

Sie hat stets die wichtigste Aufgabe der Parteifunktionäre verkörpert: das Ruder übernehmen und alles für sich vereinnahmen: Macht, Ressourcen, Popularität, Sympathien, Menschen (und wenn es Flüchtlinge sind).

Im Prinzip, sind Merkels Deutschland und Schulz’ Deutschland zwar das gleiche Land, aber mit großen Unterschieden. Im dem einen Fall ist die Dominante die Machterweiterung (in jedem Sinne); im zweiten Fall - Sicherung der Ordnung (um jeden Preis). Merken sie den Unterschied? Überträgt man das auf die Geopolitik, dann kann man sagen, dass Merkel auch weiterhin für die Interessen der USA streiten wird, weil sie davon ausgeht, dass es im Interesse Deutschlands ist. Schulz wiederum wird sich für die Interessen Deutschlands einsetzen, weil er meint, dass das die Voraussetzung für die Erhaltung der Ordnung in Europa ist. So oder so, die Unterschiede zwischen den Kandidaten sind existenziell und die Wahl dürfte nicht besonders schwer fallen. (Ich persönlich, habe das Gefühl, dass die Deutschen sich im Moment eher nach Ordnung sehnen als nach Macht). Allerdings fällt die Wahl nur dann leicht, wenn sie in der realen Welt statt findet und nicht in der virtuellen.

Beiden Helden sind Opfer

Leider, sind unsere beiden Helden Opfer ihrer Netzaffinität geworden. Sie sind verrückt nach Likes, Posts usw.. Es sieht schon fast lächerlich aus, wie eine erwachsene Frau und ein durchaus in die Jahre gekommener Herr um eine größere Freundeszahl bei Facebook kämpfen und dabei die bittere Realität und ernsthafte Herausforderungen der Gegenwart vergessen. Wobei, das wird schon vorbei gehen. Der Trend der Sozialen Netzwerke neigt sich bereits seinem Ende zu. Sollen sie sich doch noch kurz austoben. Vor allem, da es durchaus kundige Ratgeber gibt. Ich hatte mal das Glück den ehemaligen Bundeskanzler Schröder danach zu fragen, worauf er am meisten Stolz ist. Er meinte lakonisch: darauf, dass trotz aller Bestrebungen der „Grünen“ die Schornsteine in Deutschland wieder qualmen. Und, als Schulz neulich meinte, Schröder sei sein Idol, sein Vorbild, hatte ich kurzzeitig die Hoffnung, er würde am Ende auch auf rauchende Schornsteine in seinem Land stolz sein wollen und nicht auf die vielen Likes auf seiner Facebookseite. Warten wir es ab. Aber eins kann ich schon sagen, auf Deutschland kommt eine aufregendere Wahl zu als auf Göthes Faust!

Bilder: @depositphotos 

Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. 

Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3
(1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“