Lego, ergo sum – Ich lese, also bin ich?

Freitag, 4. August 2017

Roland R. Ropers: ''Kulturloser Lesekonsum wird zur Trash-Falle''

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Früher war das Lesen den Gebildeten vorbehalten. In den Klöstern wurden Texte per Hand abgeschrieben und für eine Elite zur Verfügung gestellt. Nur ein kleiner Teil dessen, was sich Menschen erzählten, galt als erhaltenswert, Boulevardgerüchte und „Infosmog“ gab es zumindest nicht in Schriftform. Die Menschen lebten von den Erzählungen anderer – vom „Hörensagen“. Das Zuhören war enorm wichtig – heute lebt die Masse vom Zusehen. Der Voyeurismus ist gefährlich. Die Wahrscheinlichkeit des sich Versehens, des sich Täuschens, ist wesentlich größer als die des sich Verhörens. Das Auge führt in die Außenwelt, das Ohr nach innen.

Roland R. Ropers , Sprach- & Kulturphilosoph

Gerade im Fall der Bibel war es vielen Wahrheitsbesitzern wohl ganz recht, dass sie nicht vollständig, sondern sorgfältig vorselektiert unters Volk kam. Mitte des 15. Jahrhunderts revolutionierte Johannes Gutenberg dann mit seiner Erfindung, dem Buchdruck, das Lesen. Das Buch als Massenmedium wurde möglich. Heute lesen wir nicht nur in Büchern und Zeitschriften, sondern überall: im Internet, auf dem Display unseres Smartphones, und – ungefragt  – auch auf Werbetafeln.

Das berühmte Monatsmagazin „READER’S DIGEST“ (wörtlich: „des Lesers Verdauung) überfordert in seinen Beiträgen den Leser nicht – eine sprichwörtlich leicht verdauliche Lektüre.

Lesen stirbt nicht aus, aber es verändert sich radikal und nicht immer zu seinem Vorteil. 

Speed-Reading, Online-Nachrichten im Dauermodus, E-Book und Content-Fast-Food sind für Lesefähigkeiten wie Konzentration und Vertiefung Gift. Vor allem schwindet die Fähigkeit, Erlesenes mitschöpferisch vor dem inneren Auge entstehen zu lassen – somit ein wichtiger Teil unseres seelischen Reichtums. Wer nur ständig Beipackzettel von Medikamenten liest, muss sich nicht wundern, wenn er selbst irgendwann krank wird. Das Gleiche gilt für den Konsum von Negativ-Nachrichten über zu befürchtende Katastrophen. Der Spruch „Lesen bildet“ ist mehr als ein Klischee. In einer Untersuchung an der amerikanischen Yale Universität wurden Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wurde, sowie solche, die vor allem fernsahen, beim Spielen beobachtet. „Kinder, die viel lasen, gingen mit ihren Spielsachen kreativer um und entwickelten etwa eigene Baumuster, während die anderen hierbei eher schematisch vorgingen“, berichtet der Leseforscher Bodo Franzmann. Er bestätigt, dass eigene Lektüre für die Entwicklung der Fantasie viel wichtiger ist, als Filme anzuschauen. „In Filmen sind die Charaktere fertig entwickelt. Das macht es dem Zuschauer schwerer, in sie hinein zu schlüpfen.“ In Büchern dagegen entstünden die Figuren zu einem großen Teil im Kopf des Lesenden.Wichtig ist aber nicht nur, wie viel gelesen wird, sondern auch, was wir lesen und wie. Quantität ist nicht gleich Qualität. Unser Wortschatz und unsere Lesekompetenz markieren die Grenzen des für uns Denk- und Vorstellbaren. Was wir lesen, formt was wir sind. 

Schlagwort-Journalismus boomt. 

Sachverhalte werden in kleine und kleinste Einheiten zerlegt. Der Trend geht dahin, immer weniger über immer mehr zu schreiben. Art und Umfang eines Textes werden weitgehend einem dominanten Layout angepasst. Texte illustrieren oft Bilder statt umgekehrt – eine Form der Nivellierung der Leselandschaft. Der Trend zum Visuellen kommt den Bedürfnissen eines zunehmend überlasteten, überforderten Publikums entgegen. Man muss sich keine Blume mehr vorstellen, weil diese ja grossformatig abgebildet ist. Alle Erfolgstitel der letzten Zeit wie „HAPPINEZ“ oder „LANDLUST “ sind bildstark.

Dazu kommen Kino und Fernsehen, die das Lesen in breiten Bevölkerungsschichten fast völlig verdrängt haben. Auch hier entfällt die Notwendigkeit, sich die durch Worte suggerierte Welt eines Buchs vor dem inneren Auge zu erschaffen. Worte haben eine magische Funktion, weil sie mit nur wenigen Symbolen Welten zu erschaffen vermögen. Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort“, dichtete Joseph von Eichendorff. Masse statt Klasse – dieser Trend verstärkte sich mit der Beschleunigung des Kommunikationsverkehrs. Wer früher einen Brief frankieren und zum Briefkasten bringen musste, überlegte sich vorher, ob dies wirklich nötig war. Das Versenden eines Liebesbriefs war eine Zitterpartie. Selbst bei günstigem Verlauf musste man bange zwei Tage bis zur Beantwortung warten. Eine E-Mail ist schneller geschrieben und kann auf Beantwortung ohne Zeitverzug rechnen. Internet und E-Mail schenkten dem Schreibenden zunächst eine Überfülle an verfügbarem Raum. Dies förderte eine Inflation der Mitteilungen und damit die Entwertung von Geschriebenem überhaupt. Die SMS, getippt im 1-Daumen-System, kehrte den Prozess scheinbar um. Auf Displays im Briefmarkenformat ist kein Platz für Romane. Sprachverstümmelnde Kürzel kamen in Mode: „HpyB‘day 2 U“ (happy birthday to you)

Dieses Schreibverhalten beeinflusst natürlich auch die Lesekultur: Wir schreiben nicht nur, wir lesen notgedrungen auch bis zur Unkenntlichkeit verknappte Nachrichten. Viele haben sich eines tiefes, komplexes Denken überhaupt abgewöhnt, ebenso wie ihnen sprachliche Schönheit fremd geworden ist, die – wie musikalische Schönheit – unsere Seele und unseren Geist nährt. Leider stehen einer Kultur des Lesens auch knallharte kommerzielle Ab-sichten im Weg. Moderner Lese-Content ist so gestrickt, dass er nicht satt macht, vielmehr den Hunger verewigt, um weitere unbefriedigende Kaufvorgänge zu erzwingen. Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli nimmt in diesem Zusammenhang vor allem die Kultur der seichten News aufs Korn: „Anders als bei Büchern und guten Magazin-Artikeln stellt sich beim Newskonsum keine Sättigung ein. Wir können unbegrenzte Mengen von Nachrichten verschlingen, sie bleiben billige Zuckerbonbons für den Geist. Die Nebenwirkungen kommen – wie beim Rauchen und Fast Food – erst später zum Vorschein. Kurzmeldungen sind wie kleine Blasen, die an der Oberfläche einer komplexen Welt zerplatzen.“ 

Da Medienmacher füttern die Konsumenten, deren Gehirne skandalöse, gewaltträchtige Informationen leichter aufnehmen;  damit werden die Seelen des Lesers ständig mit Angstschwingungen überflutet. Jene Gehirnregionen werden vernachlässigt, „die für vertiefte Lektüre und tiefgründiges Denken nötig sind.“ Wer einen Artikel schreibt, fürchtet die strengen Auslesekriterien der Redaktion und überlegt sich vorher, ob das Geschriebene wichtig und stilistisch gut genug ist. Im Blogger-Universum ist dagegen jeder sein eigener Redakteur und Verleger. Die Hemmschwelle sinkt, unausgegorenen „Trash“ zu produzieren, erst recht wenn schützende Anonymität hinzukommt. So können wir im Netz einen unfassbaren Wildwuchs an Beleidigungen, stilistischem Unvermögen und Selbstdarstellungs-Wahn beobachten. Was eigentlich ein Vorteil der Schriftform gegenüber der mündlichen Konversation war, wird so annulliert: Der Grundsatz „Erst nachdenken, dann schreiben“.

Die Welt der Fantasien ist bedroht und das „Nichts“ ist auf dem Vormarsch. Verantwortlich sind vor allem die Industrie der vorgefertigten Bilderwelten und unsere Verführbarkeit durch dieselbe. Die verlernte Lesekompetenz aber kann man sich wieder aneignen – durch Lesen. Dazu gehört auch, sich dem wohlfeilen Lese-Fast-Food konsequent zu verweigern. 

Bilder: @depositphotos 

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