Krise um Katar

Montag, 26. Juni 2017

Wolfgang John: Warum boykottiert Saudi-Arabien gemeinsam mit anderen arabischen Ländern Katar als einen wichtigen Bündnispartner der USA, obwohl es selbst mit Washington aufs engste zusammenarbeitet?

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Im Gespräch mit World Economy kommentiert die aktuelle Situation um Katar  der Osteuropa-Experte Dr. Wolfgang John.

WE: Wie schätzen Sie die Hintergründe dieses plötzlich aufgetreten Konflikts ein?

Wolfgang John: Katar ist bereits seit vielen Jahren ein Bündnispartner der Vereinigten Staaten. Auf der Luftwaffenbasis Al-Udeid sind mehr als 10.000 US-Soldaten stationiert. Da stellt sich natürlich die Frage, warum boykottiert Saudi-Arabien gemeinsam mit anderen arabischen Ländern Katar als einen wichtigen Bündnispartner der USA, obwohl es selbst mit Washington aufs engste zusammenarbeitet? Offensichtlich ist die auf den Transferleistungen der Öl-Staaten der arabischen Halbinsel basierende fragile Stabilität der Region durch die sich verändernden Rahmenbedingungen aus dem Gleichgewicht geraten:

1. Mit Blick auf die katastrophalen Folgen des sog. Arabischen Frühlings haben sich nach dem Amtsantritt von Präsident Trump die Prioritäten der USA für die Region verändert. Die Bewegungen, die sich während des revolutionären Umbruchs in der arabischen Welt engagiert haben, werden nicht mehr unterstützt. Das gilt insbesondere für die in Ägypten und mehreren arabischen Ländern inzwischen verbotene Muslimbruderschaft, die von Katar im Gegensatz dazu stets massiv gefördert worden ist.

2. Nachdem die Republikaner in den USA zunächst eine Blockade des aus ihrer Sicht fragwürdigen Atomdeals mit Iran gegen die Obama-Administration nicht durchsetzen konnten, haben sie dann nach dem Machtwechsel im Weißen Haus den Ton gegenüber dem Iran wieder verschärft, ohne jedoch das Abkommen selbst zu annullieren. Dadurch wird die bisher mehr oder weniger in der Region akzeptierte Rolle Katars als Vermittler zwischen dem Iran und Saudi-Arabien in Frage gestellt.

3. Die Ankündigung Katars, in Abstimmung mit dem Iran seine Flüssiggasproduktion bis 2020 deutlich auszuweiten, hat ebenfalls die Lage weiter zugespitzt. Das betrifft vor allem das South-Pars / North Dome - Gasfeld im Persischen Golf an der Grenze zum Iran, das über mehr gewinnbare Reserven als alle anderen Felder weltweit zusammen verfügt.

4. Mit Blick auf das Engagement Russlands in Syrien haben sich alle Seiten damit abgefunden, dass eine militärische Lösung des Konflikts zwischen Präsident Assad und der islamistisch geprägten Opposition in Syrien nicht mehr möglich ist und ein Kompromiss gefunden werden muss. 

Vor dem Hintergrund dieser Veränderungen hat Präsident Trump bei seinem jüngsten Besuch in Saudi-Arabien seinen Gastgebern grünes Licht für ein härteres Vorgehen gegen das iranfreundliche Katar gegeben und damit eine gefährliche Sphäre der Konfrontation geschaffen, die erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Region haben wird.

WE: Kann die Krise um Katar auch Aserbaidschan in Mitleidenschaft ziehen, das ja eine direkte Grenze mit Russland hat?

Wolfgang John:

Aserbaidschan, das wegen seiner erheblichen Öl- und Gasresourcen ebenfalls im Kreuzfeuer der weltweiten geopolitischen Auseinandersetzungen steht, versucht stets, durch eine ausbalancierte Außenpolitik seine Sicherheit und Unabhängigkeit zu verteidigen. Durch die Konfrontation zwischen Saudi-Arabien und dem Iran könnte das Land jedoch zwischen die Frontlinien geraten. Saudi-Arabien hat bereits erkennen lassen, dass eine neutrale Haltung gegenüber dem Iran bei Partnern nicht akzeptiert wird. Gleichzeitig wäre Aserbaidschan für Saudi-Arabien von großer Bedeutung in der Auseinandersetzung mit dem Iran. Aserbaidschan ist nämlich mehrheitlich ein shiitisches Land. Durch ein enges Bündnis mit Aserbaidschan könnte Saudi-Arabien dem Vorwurf entgegentreten, dass es einseitig die Sunniten in ihrer Auseinandersetzung mit den Shiiten unterstützt.Darüber hinaus stellen Aserbaidschaner ein Viertel der Bevölkerung Irans. Zwei Drittel der Aserbaidschaner weltweit leben im Iran und nur ein Drittel in Aserbaidschan. Durch die ethnische und geografische Nähe verfügt Aserbaidschan also über große Einflussmöglichkeiten im Iran. Die größten Gefahren für den Bestand des islamistischen Regimes in Teheran sind in den vergangenen Jahrzehnten immer von der aserbaidschanischen Minderheit ausgegangen, obwohl zahlreiche Vertreter der Elite des Landes selbst Aserbaidschaner sind. Und nicht zuletzt, betrachtet Saudi-Arabien Aserbaidschan wegen des ideologischen Vakuums nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Misserfolg des pan-türkischen Nationalismus in der ersten Hälfte der 90er Jahre als besonders geeignet für die Ausbreitung des Wahabismus und Salafismus. Inzwischen gibt es bereits im Norden Aserbaidschans und in Baku starke salafistische Gruppierungen.

WE: Es muss also eine zunehmende Radikalisierung in Aserbaidschan befürchtet werden, wenn der Konflikt sich weiter zuspitzt?

Wolfgang John:

Die aserbaidschanische Regierung muss sich schon seit Mitte der 90er Jahre mit radikalen Shiiten auseinandersetzen, die aus Teheran unterstützt werden und sollte deshalb an der Schwächung der radikal religiösen Kräfte in Teheran interessiert sein. Trotz schwerwiegender Gründe für einen anti-iranischen Kurs Aserbaidschans wird sich das Land jedoch letztlich nicht dafür entscheiden, Saudi-Arabien in seinem Konflikt mit dem Iran zu unterstützen. Zu groß sind in Baku die Bedenken, dass das Land in einen kriegerischen Konflikt mit dem Iran hineingezogen wird und dann Millionen Südaserbaidschaner nach Aserbaidschan flüchten und dort zu einer Gefahr für die aktuellen Machtverhältnisse werden. Ebenfalls gibt es in Sicherheitskreisen im Lande große Bedenken, dass der sich schnell ausbreitende, von Saudi-Arabien geförderte Salafismus die Stabilität des aserbaidschanischen Staates gefährdet. Darüber hinaus könnte die Unterstützung der Saudis durch Aserbaidschan mit Blick auf die Lage in Syrien auch zu einer Verschlechterung des Verhältnisses mit Russland führen, was seinerseits dann ggf. Folgen für den Konflikt mit Armenien um Bergkarabach hätte.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Ereignisse um Katar nicht zu einer weiteren Verschlechterung der Sicherheitslage im südlichen Kaukasus führen und letztlich die aktuellen Konflikte friedlich gelöst werden können.

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