„Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Teil I

Donnerstag, 27. April 2017

Der globale Dschihad endet nicht mit dem Tod eines Kämpfers oder mit dem Ende des Islamischen Staates

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Wir zucken längst nicht mehr zusammen, wenn wir von einem weiteren Terroranschlag hören. Nizza, Paris, Brüssel, Berlin, Sankt Petersburg, Stockholm - Wer ist der Nächste oder eher: Wo und wie wird der nächste Anschlag statt finden? Zunächst müssen drei zentrale Fragen geklärt werden:

Was ist Terrorismus, welche Ziele verfolgt er und wie hängt das mit „dem Islam“ zusammen.

Dr. Gabriel Burho, Politologe, Autor bei World Economy

Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Journalist

Wie der australische Premierminister Tony Abbot nach der ersten Attacke im September 2014 richtig feststellte, ist Terrorismus im Zeitalter der Globalisierung und Instant Messaging ungleich einfacher geworden als jemals zuvor. Auch wenn sich Mittel und Methoden ändern, bleiben die Ziele dieselben. 

"Alles, was man für einen Terroranschlag braucht, ist ein Messer, ein iPhone und ein Opfer"

Terrorismus ist eine Form der Kommunikation. Der Terrorist bzw. die Gruppe verfolgt mit jedem terroristischen Akt zwei Ziele. Erstens soll auf ihr Anliegen aufmerksam gemacht werden und zweitens sollen Unterstützer für die eigne Sache gewonnen werden. So banal das klingt, hier liegt bereits eines der großen Missverständnisse bei einem Großteil der Kommentare vieler „Terrorismus-Experten“. Wir, die Opfer, sind nicht das primäre Ziel dieser Kommunikation. Terroristen töten keine Amerikaner oder Europäer, weil sie unseren Lebensstil oder unsere Freiheit hassen oder uns gar um diese beneiden. Die Opfer des Terrorismus bzw. die Gesellschaften zu denen diese gehören, sind das Mittel der Kommunikation. 

Ein Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt, eine Amokfahrt mit einem Lastwagen oder die bestialische Hinrichtung einer Geisel sorgen für ein riesiges Medienecho. Terroristen wollen eine große Bühne und keinen großen Friedhof – leider versprechen mehr Opfer auch eine größere Bühne. Das Ziel der Kommunikation sind indes diejenigen Menschen, die die Terroristen für ihre Sache gewinnen wollen.Diesen wollen sie zeigen: Wir haben die Macht. Ihr könntet ebenfalls so mächtig sein, auch wenn ihr euch jetzt unterdrückt und schwach fühlt. Der Gegner ist besiegbar, egal wie stark er auch erscheinen mag! So schreibt beispielsweise der Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker in seinem letzten Buch „Theologie der Gewalt“: „Für den IS ist die Produktion einer großen Anzahl visueller Materialien kennzeichnend, mit denen eine affektive Beziehung zum Zielpublikum hergestellt und von diesem zurück gespiegelt wird.“

Die Opfer sind sekundäre Adressaten, spätestens seit Osama bin Laden im Kontext des fluchtartigen Abzugs der Amerikaner aus Somalia (1993) erkannte, dass sein Feind an der Heimatfront schwach ist. Das Zitat in der Überschrift stammt aus einer Erklärung, die er im Nachgang dieser Ereignisse an die USA richtete. Wir, die Opfer, sollen Angst haben. Und vor allem sollen wir überreagieren. Terrorismus erschafft Angst und Angst zieht Gruppengrenzen. Dadurch wächst wiederum das Lager derjenigen, die mögliche Adressaten der Primärkommunikation sein könnten. 

Das Fatale daran ist, dass es sich um einen nahezu unabwendbaren Teufelskreis handelt, der mit unseren tiefsten Instinkten spielt. Wenn wir angegriffen werden, ziehen wir uns in gefühlte Sicherheiten zurück. Ein Staat muss alles unternehmen oder zumindest so tun als würde er alles unternehmen, um seine Bürger zu schützen; sonst verlöre er seine Existenzberechtigung. Die Medien können bzw. werden nicht aufhören über Anschläge zu berichten und damit der Kommunikationsstrategie der Terroristen weiter dienlich sein.

Vom Nutzen des Kriegs gegen den Terror

Wenn Terror also in erster Linie eine Strategie der Kommunikation ist, dann ist ein Krieg gegen Terrorismus geradezu widersinnig. Eine sinnlose Diskussion mit einem Fanatiker gewinnt man nicht dadurch, dass man sich seine Argumente zu eigen macht; so wird man nur selbst zum Fanatiker. Die Ironie der Spiegelbildlichkeit des islamistischen „Gegen die Verwestlichung des Morgenlandes“ zum „Gegen die Islamisierung des Abendlandes“ wird leider zu selten betont.

Kommunikation kann man allerdings verweigern. Terroristische Akte sind Verbrechen und, soweit möglich, muss der Staat seine Bürger vor Verbrechern schützen. Dies kann auch den Einsatz von Militär beinhalten und natürlich muss der Islamische Staat militärisch besiegt werden. Allerdings sollte man sich nicht der Hoffnung hingeben, dass damit das Problem des Terrorismus aus der Welt geschaffen wäre. Nicht Militärs, sondern Kommunikationsexperten sollten sich mit dem Terrorismus befassen. Wie Philipp-Joseph Salazar in seinem jüngsten Buch „Die Sprache des Terrors“ zurecht betonte, fehlt es an Strategien der Gegenkommunikation. Nach Jahrzehnten des Studiums und des Aufenthaltes in islamischen Ländern stellte einer der  Autoren des Artikels fest, dass es genau vier Gruppen von Menschen gibt, die wissen was der „wahre“ Islam ist: Salafisten, Islamkritiker, Vertreter islamischer Interessenverbände und einige deutsche Politiker. Zu behaupten, es gäbe einen einzigen „wahren“ Glauben ist per se schon eine fundamentalistische Ansicht. 

Das ist nicht der wahre Islam“

So wenig wie es notwendig ist, dass sich jeder einzelne Muslim vom IS distanziert, so wenig genügt die bloße Deklaration „das habe alles nichts mit dem Islam zu tun“ zur Bekämpfung dieser Organisation. Auch auf islamischer Seite fehlt die oben angemahnte Gegenkommunikation. An dieser Stelle sei wieder auf Rüdiger Lohlker verwiesen, der den Islam als Keim versteht, an dem sich die IS Ideologie kristallisieren kann: „Der IS, dass IS-Kalifat und die von diesem propagierten Ideen sind spezifisch moderne Konstruktion des Islams. D.h. nicht, dass sie Ausdruck des Islam sind." 

Diese Feststellung ist von äußerster Wichtigkeit: Natürlich haben IS, al-Qaida und Islam miteinander zu tun, ebenso wie Kreuzzüge, Katholische Kirche und Christentum zusammenhängen, aber sie sind nicht die zwingende Folge aus dem vielfältigen Ideenangebot der jeweiligen Religionen sondern stellen eine mögliche Auslegung dar. Diesen Zusammenhang allerdings aufgrund einer unantastbaren „Political Correctness“ zu ignorieren, heißt eine effektive Bekämpfung dieser Phänomene – mittel einer Gegenkommunikation – unmöglich zu machen. 

So wenig wie es notwendig ist, dass sich jeder einzelne Muslim vom IS distanziert, so wenig genügt die bloße Deklaration „das habe alles nichts mit dem Islam zu tun“ zur Bekämpfung dieser Organisation.

Wie das Monster aus der griechischen Sagenwelt, dem zwei Köpfe nachwachsen sobald einer abgetrennt wird, endet der Dschihad nicht mit dem Tod eines Kämpfers oder dem Ende einer Organisation. Fast alle in letzter Zeit ausgeführte Terroranschläge wurden von Vertretern des salafistisch-dschihadistischen Islams geplant und ausgeführt. 

Der IS, al-Qaida und ähnlich fanatische islamistische Gruppierungen bereiten die Terroristen praktisch und ideologisch auf ihre Tat vor und stellen die notwendigen Mittel zur Verfügung. Allerdings haben sich der Fokus und die Methode geändert.

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