„Ich hasse Revolutionen“

Sonntag, 2. Juli 2017

Venezuela, das wunderschöne, naive, berührende und grausame Venezuela ist wieder schwanger - es trägt gerade die nächste Revolution aus

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Ich habe ehrliches Mitleid mit dem Land. Es könnte auch sein Leben genießen, Öldollar zum Fenster raus werfen, den Weltbesten Kaffee trinken, mit den harten „höflichen Menschen“ aus Russland und amerikanischen Cowboys aus Hollywood flirten. Stattdessen, bitte schön, Molotowcocktails statt Mojitos, Blut statt Rum, Schmerzensschreie statt lustvollem Stöhnen.

Prof. Dr. Dmitry Vydrin, Politologe, Autor

Vor etwa zehn Jahren war ich dort - auf Einladung des damaligen Präsidenten Hugo Chaves - bei Channel 5 zu Besuch und gab den einheimischen Politologen eine Master Class. Ich erinnere mich, ich begann mit einem Werbeslogan, der, wenn ich mich recht entsinne, auf der Centrobank hing - „Wir werden gewinnen, selbst wenn Gott gegen uns sein sollte“. Ich sagte damals: „Ihr werdet verlieren, selbst wenn Gott auf euerer Seite stehen sollte.“ Ihr werdet verlieren, wenn ihr dieses verfluchte Erbe das auf euch lastet - die Liebe zu Revolutionen - nicht endlich im Keim erstickt. Selbst, wenn ihr gerade eure Machthaber und das Regime verteidigen wollt, kämpft nicht gegen die Opponenten, sondern mit den Revolutionären. Verbietet und benutzt auch selbst keine Pflastersteine, Molotowcocktails, Baseballschläger, Fahrradketten, brennende Reifen… Erklärt „Kinderrevolutionen“ zur verbotenen Kinderarbeit - Kinder dürfen nicht in Straßenkämpfe und diesen ganzen revolutionären Vandalismus verwickelt werden. Ich sagte damals: „Auch wenn ihr selbst durch die Revolution an die Macht gekommen seid, so müsst ihr deswegen trotzdem nicht huldigen.“ Aber nein, sie wollten ja nicht auf mich hören und jetzt steht dem Land ein Kampf zwischen den ehemaligen und den zukünftigen Revolutionären bevor. Damals habe ich in Caracas, in einem fantastischen Restaurant Namens „Tarzanland“ sitzend, meine Gedanken zu Revolutionen nieder geschrieben, die ich dem Comandante Chaves habe zukommen lassen. Diese meine Einstellung hat sich seitdem überhaupt nicht gewandelt, daher schlage ich diesen Text nun völlig unverändert dem geneigten Leser vor.

Ich hasse jegliche Arten von Revolutionen: politische, soziale, selbst industrielle (na gut, bis auf eine vielleicht). 

Mehr als Revolutionen hasse höchstens noch die Konterrevolutionen. Weil Revolutionen meistens von den Schwachen ausgehen, während die Konterrevolution für gewöhnlich die Hinterlistigen betreiben. Revolution bedeutet in den meisten Fällen Gesetzesbrüche und ohne Gesetze verwandelt sich unser Leben in eine Hölle ohne Regeln. Sie bedeutet für gewöhnlich Regelbrüche und ohne diese Regeln verwandelt sich unser geordnetes Leben in ein Chaos aus Unabwägbarkeiten. Sie bedeutet die Aufhebung von Moral, womit es sich zwar recht amüsant leben lässt, aber dafür nicht all zu lang. Ein Paar Beispiele? Wenn ihre Frau erst in den Morgenstunden total zerzaust Heim kommt (ist einem Bekannten vor kurzem passiert), nach „Fahrenheit“ riecht und sagt, im Handy war der Akku alle und danach sei sie die ganze Nacht bei der Aufnahme einer Pilotfolge von Sawik Schuster gewesen - dann ist es eine Revolution in der Familie.Wenn sie, bevor sie zu einer langen Geschäftsreise ins Ausland aufbrechen (ist mir mal passiert), noch 20% eines Betriebes halten und nach ihrer Rückkehr plötzlich fest stellen, dass sie auf Grund verschiedener Umstände nur noch 0,2% davon besitzen - dann ist es eine Revolution in ihren Geschäftsbeziehungen. Wenn das Volk abstimmt und die einen Politiker wählt, aber die Plätze und Straßen diese Wahl annullieren und and andere in die Regierungssessel setzen - dann ist es eine politische Revolution. 

Ich habe mal versucht den Code der Revolution zu entschlüsseln. 

Also versucht zu verstehen, wer und wie zu einem großen Revolutionär aufgestiegen ist. Dafür habe ich einen ganzen Monat in dem ehemaligen Wohnhaus, in Museen und der Grabstätte des größten Revolutionärs aller Zeiten und Völker - Simon Bolivar - verbracht, in dem hübschen Piratenstädtchen Caracas. Und ich habe es begriffen. Um ein Revolutionär von Format zu werden, muss man drei mal einen Verrat begehen und zwei Verluste erleiden. Zum einen muss man die eigene soziale Schicht verraten. Man kann zum Bespiel aus den respektierten Großgrundbesitzern, eleganten Hidalgos und namhaften Adligen austreten und sich unter die krakeelende Masse der Kämpfer für Gerechtigkeit, allgemeine Gleichheit und allumfassende stolze Volksarmut mischen. Danach muss man seine Kultur verraten, die Erziehung, alle Lieblingsbücher ablegen und sich die Kulturlosigkeit auf die Fahnen schreiben. Als drittes verrät man seine Religion. Und was die Verluste angeht: zunächst muss man seine Geliebte verlieren, denn Revolutionäre dürfen keine Bindungen haben. Und dann verliert man sein Geld, denn Geld führt bekanntlich zum Sattsein und wer satt ist, der macht keine Revolution. Wer bereit ist, diesen Weg einzuschlagen, bitte sehr, herzlich willkommen in den Reihen der Revolutionäre. Ich garantiere: langweilig wird es nie - Manifeste, Fahnen, Slogans, Majdane. Das Ende wird allerdings nicht so lustig sein. Der besagte Bolivar starb ebenfalls verraten und verleumdet, denn wer verrät, wird auch verraten werden. Und er starb - natürlich - in bitterlicher Armut. Bezahlt wurde seine Bestattung von den einheimischen Oligarchen - gegen die er Zeit seines Lebens im Namen der Gerechtigkeit gekämpft hat. 

Ich habe nur einen Lieblingsrevolutionär - Comandante Che Guevara. Ich habe zu seinen Ehren sogar ein kleines Gedicht geschrieben, das später zur Hymne einer „linken“ Partei wurde: „..Ich kotiere wie wild ein vergilbtes altes Bild, wo Leute lachen und Zigarren rauchen und der Geist des Comandante als Calypso verkleidet in der Tiefe blaue Korallen sammelt…" Allerdings mag ich ihn nicht für all seine Versprechungen und Losungen, sondern für die unzähligen Frauen, die sich ihm hingaben. Ich mag ihn nicht wegen all der Länder, die er zerstört hat, sondern wegen den geschaffenen Mythen über Männerfreundschaften und die Treue der Frauen. Ich mag ihn wegen der teuren Zigarren, dem alten Rum und der Stilistik eines Kriegers. Ich glaube ja, der Comandante hat nur so getan, als sei er ein Revolutionär. Tatsächlich war er ein Evolutionär, ein Überlebenskünstler im XL-Format. Also bitte, kopiert seinen Lebensstil, versucht mit ihm bei den Getränken Schritt zu halten, bei den guten Zigarren, bei der Anzahl wunderschöner Frauen und bitte, um Himmels willen, lasst die Finger von Revolutionen! Bekämpft jede aufkeimende Revolution in eurem Haus, eurem Betrieb und eurem Land gnadenlos, diktatorisch, geht nicht zu den Revolutionen auf der Straße. Wir alle brauchen eine qualitativ hochwertige Evolution, Gesetze, die ausgeführt werden, Regeln, die von allen beachtet werden, wir brauchen treue Ehefrauen, die uns nicht verraten und zuverlässige Freunde, die auch mal schweigen, anstatt Losungen zu brüllen. 

Ich erwähnte zu Anfang, dass ich nur eine einzige Revolution anerkenne. Dabei handelt es sich selbstverständlich um die sexuelle Revolution. Allerdings ist sie nun vorbei, glücklicherweise ohne Blutvergießen. Und wir, die Evolutionäre, stehen nicht auf Blut. 

Bilder: @depositphotos 

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