Entwicklungshilfe „for free“ unter Freunden?

Mittwoch, 16. August 2017

There was a lot for free in Germany… Gastkommentar

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In Amerika gibt es einen Spruch, den jeder kennt: „There’s nothing for free“. Er leitet sich aus der Tatsache her, dass in einem durch und durch privatkommerzialisierten Land jedes Produkt und jede Dienstleistung nur gegen Geld erbracht werden kann. Am Ende des Zweiten Weltkrieges machten die Amerikaner aber eine Ausnahme davon, wie wir im Folgenden erfahren. There was a lot for free in Germany…

Von Ulrich F. Gerhard

Die offensichtliche Missgunst bestimmter Kreise US-Amerikas Deutschland gegenüber, was unsere Wirtschaftskraft betrifft – jetzt wieder spürbar in den sinnlosen und vor allem selbstgerechten Streitigkeiten um sogenannte Dieselabgaswerte – ist nicht neu und zeigt einmal mehr, dass die militärisch-technologische Stärke und die Propaganda für einen angeblich freien Welthandel nichts über die Fähigkeiten eines Landes aussagt, importierte Produkte mit eigenen zu vergleichen und dann auch gerecht zu behandeln. Angesichts der gigantischen Energieverschwendung in den USA und angesichts der umweltzerstörenden Gewinnung von Öl durch Fracking erscheint es aberwitzig, wenn dieses Land mit dem ausgestreckten Finger auf Dieselmotor-getriebene deutsche Importautos zeigt – elektronische Manipulation hin oder her. Sie sind Spitzenprodukte und bleiben es und sie sparen Millionen Tonnen von Treibstoff, wenn man sie einmal mit den großvolumigen benzingetriebenen LKW und PKW aus den USA vergleicht. Und vor allem ist diese Politik der Eifersüchteleien kleinkariert, sie kann kein Ersatz sein für wirtschaftliche Kooperation, die eine sinnvolle Ergänzung der vielbeschworenen atlantischen Freundschaft sein sollte. Konkurrenz ist gut, Wirtschaftskriege aber, die Großunternehmen wie VW in die Existenzkrise treiben, haben weder etwas mit Marktwirtschaft noch mit Staatenfreundschaft im „westlichen Wertesystem“ zu tun. Freundschaft kann es nur unter Gleichberechtigten geben. Es hat den Anschein, wir Deutschen sind auch heute noch meilenweit von einer Gleichberechtigung entfernt. Eher sind wir immer noch das alte Beuteland. Gehen wir mal einen Schritt zurück in der Zeit. Sind Gründe für ein solches Verhalten etwa darin zu suchen, dass schon 1945, nach der Zerschlagung des Hitlerreiches, fruchtbare Zusammenarbeit mit freundschaftlich verbundenen Staaten (bei uns leben immer noch ca. 70.000 amerikanische Soldaten) keine Maxime der amerikanischen Besatzungsmacht war? Ging es schon damals eigentlich nur um Eroberung, um Nutzbarmachung und entschädigungslose Ausnutzung des (feindlichen!) deutschen wissenschaftlichen Potentials und des kriegsbedingt enormen technologischen Vorsprungs des Dritten Reiches? 

Hätten die Amerikaner dafür keine Gegenleistung erbringen können?

Oder wie erklären wir uns, dass sich die USA mit non-chalance über den Artikel 56 der Haager Landkriegsordnung hinwegsetzten, welcher besagt:

„Das Eigentum der Gemeinden und der dem Gottesdienste, der Wohltätigkeit, dem Unterrichte, der Kunst und der Wissenschaft gewidmeten Anstalten, auch wenn diese dem Staate gehören, ist als Privateigentum zu behandeln.

Jede Beschlagnahme, jede absichtliche Zerstörung oder Beschädigung von derartigen Anlagen, von geschichtlichen Denkmälern oder von Werken der Kunst und Wissenschaft ist untersagt und soll geahndet werden.“ 

(Hervorhebungen durch den Autor)

Gleich tonnen- und güterwagenweise wurden 1945 Patentdokumente beschlagnahmt und wissenschaftliche Unterlagen aus Deutschland in die USA verbracht. Dazu oft auch gleich die neu entwickelten Geräte und Maschinen als Vorlage für den Nachbau. So wurden beispielsweise mehrere Dutzend komplette und noch mehr halbfertige Raketen aus den unterirdischen Stollen in Dora Mittelbau und anderswo herausgeholt und zum Abtransport aufgeladen. Die dazugehörigen Wissenschaftler kamen gleich hinterher. Einige Hundert an der Zahl, sorgfältig ausgesucht nach Eignung und Qualifikation. Und was war mit den bekannten politischen Vorbehalten, mit Parteimitgliedschaft in der NSDAP? So etwas interessierte die Amis anscheinend in diesem Falle nicht. Es ging schließlich darum, den deutschen Vorsprung für sich zu nutzen, denn der von den Engländern einst erfundene Abqualifizierungsslogan „Made in Germany“ war längst zum Symbol einer Qualitätsproduktion geworden.

Made in Germany

Schon im Frühjahr 1945, vor Ende des Krieges, war die Patent- und Personalklau-Aktion von Tausenden nach Deutschland eingeschleusten Spezialisten – heute würde man sie Headhunter oder Techno-scouts nennen – vorbereitet worden. Sie durchkämmten die in Frage kommenden deutschen Betriebe und Institutionen nach der Crème de la Crème der Ingenieure, um mit ihnen da drüben in den USA den technischen Stoff zu fabrizieren, aus dem die Träume sind. Wernher von Braun mit der unter seiner, Walter Dornbergers und Hans Kammlers Ägide in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde gebauten  A4-Rakete (unter dem Namen V2 bekanntgeworden) ist die bekannteste dieser Persönlichkeiten, aber auch Leute wie der Flugzeugkonstrukteur Alexander von Lippisch, der mit seinen Konstruktionsplänen für das erste Deltaflugzeug (sogenannter Nurflügler) und den ersten Überschalljäger auffiel. Wie jüngste Nachforschungen des österreichischen Dokumentarfilmers Thomas Sulzer ergaben, war der oberste Technologiechef Hans Kammler eben nicht „spurlos verschwunden“, sondern im Zuge der „Operation Overcast“, später umbenannt in „Operation bzw. Project Paperclip“, in die US verbracht worden, ganz freiwillig-unfreiwillig versteht sich, Familiennachzug inbegriffen. 

Huntsville /Alabama war ihr Ziel und das Versuchsgelände der National Laboratories in White Sands in New Mexico, wo wenig später die erste amerikanische Atombombe in Los Alamos / Alamogordo gezündet wurde. Nach jüngsten Erkenntnissen kann davon ausgegangen werden, dass man die deutschen Blaupausen und wahrscheinlich auch die nach USA überführte Versuchshardware in der Hand hatte und es sich – wie auch bei den Raketen – um die Weiterentwicklung reichsdeutscher Technologie handelte. In Thüringen waren nach neuesten einschlägigen Erkenntnissen im Frühjahr 1945 bereits mehrere deutsche Mini-A-Bomben gezündet worden. Soweit ein Blick in die aus Deutschland importierte Luftfahrt- und Militärtechnik. Zum Thema Patentdiebstahl erschien bereits 2008 das akribisch recherchierte Buch von Friedrich Georg „Unternehmen Patentraub“ in Tübingen. Im Vorspann dazu wird berichtet, dass das amerikanische Magazin LIFE nichts Schlimmes dabei fand, als es am 9.Dezember 1946 mit der Überschrift „Nazigehirne helfen den USA“ (Orig. Nazi Brains Help U.S.) groß herauskam. In dem Artikel wurde der amerikanischen Öffentlichkeit unverhohlen klargemacht, dass deutsche Wissenschaftler zwischenzeitlich für die US-Armee tätig geworden waren. „Die deutschen Wissenschaftler seien froh gewesen, in die USA mitgenommen worden zu sein und hätten nichts von ihrem Wissen zurückgehalten.“ (Zitat nach Georg, Untern. Patentraub, S. 13)

Konnte man denn so mir nichts, dir nichts, auf das geistige Eigentum eines anderen Landes zugreifen? Natürlich nicht. 

Die Haager Landkriegsordnung spricht dieses Verbot ja aus. Um sich aber den Anschein von Legalität zu geben, musste eine Direktive des Präsidenten her, die Harry Truman am 25. August 1945 sogar rückwirkend erließ. Und im Juli 1950 bestätigte William G. Downey, Chef der Abteilung für internationales Recht bei der US-Armee, dass feindliches Privateigentum nicht beschlagnahmt werden dürfe, es sei denn, es habe einen unmittelbaren militärischen Nutzen. Damit wird klar, dass sich die Amis einen beträchtlichen Teil der außer Landes gebrachten deutschen Patente widerrechtlich zu eigen gemacht hatten. Was die genannten Ausnahmen im Militärbereich betrifft, soll hier rechtlich nicht bewertet werden. Einige wenige Beispiele für Erfindungen im zivilen Sektor seien aber hier stellvertretend für die vielen Tausend genannt (entnommen aus dem genannten Buch):

Kohleverflüssigung und synthetisches Benzin, synthetische Öle und Superschmiermittel, Antibabypille, Transport-Container, Aluminium-Recycling, Photophon, Agfa-Farbfilm, Magnetbandtechnologie, Farbfernsehen, Infrarottechnologie, Quarzuhren, Halbleitertechnik, Elektronenrechner, Gasturbinenantrieb für Schiffe, Tragflügelboot, Kosmetikprodukte. 

Es steht völlig außer Zweifel, dass die US-amerikanische Wirtschaft durch die selbstherrlich übernommenen deutschen Patente und Herstellungsverfahren einen enormen Sprung machte und das Land heute nicht das wäre, was es ist. Damit war auch der in den 1930er Jahren fehlgegangene „New Deal“ gerettet, der Amerikas Wirtschaft wieder nach vorn bringen sollte, es aber nicht tat. Bedenkt man, dass schon ein einziges Patent heute einen Milliardenwert darstellt, so lässt sich unschwer vorstellen, welche gigantische Entwendung deutschen Eigentums hier ablief. War das zu rechtfertigen?

Im Pariser Abkommen von 1955 verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland unter Konrad Adenauer, keinerlei Ansprüche gegen die vom Patentraub betroffenen Länder und die bis heute patentnutzenden Firmen zu erheben und unterwarf sich damit den Vorgaben und Forderungen der Alliierten. Zig Milliarden an Reparationszahlungen waren selbstverständlich extra zu zahlen, bis in die 1980er Jahre hinein. Wie haben wir das eigentlich alles geschafft, ohne wirtschaftlich auszubluten?

Bilder: @depositphotos 

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