Die deutsch-russischen Kultur - und Wirtschaftsbeziehungen leiden heute unter dem Verlust des gegenseitigen Vertrauens

Montag, 24. Juli 2017

Im Gespräch mit „World Economy“ - Olga Martens, Stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur in Russland, Herausgeberin der Moskauer Deutschen Zeitung.

Olga Martens

World Economy: Worin liegt die Anziehungskraft zwischen Russen und Deutschen?

Olga Martens: In der gemeinsamen Geschichte Russlands und Deutschlands: in den dynastischen Beziehungen einerseits und in der Anzahl der Deutschen, die dank diesen Verbindungen zu der Zarenfamilie nach Russland kamen und eine sehr aktive Rolle im gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben spielten, andererseits. Dank der Einladungsmanifeste von Katharina der Großen bekam das russische Reich einen Teil der europäischen Kultur. Dieser Teil der deutschen Kultur und die Leute sind zu einem Teil Russlands geworden. Das gehört auch zu der Anziehungskraft. Heute ist es so, dass trotz all den Auseinandersetzungen, die es in unserer Geschichte gab, es doch eine starke Verbindung zwischen Deutschland und Russland gibt. Das nahe liegende sind dabei familiäre Bindungen, weil tausende Deutsche in Russland leben und Millionen Russlanddeutsche in Deutschland. Diese Verwandtschaftsbeziehungen sind sehr stark. Das kann man weder verheimlichen noch vermeiden. Jede private familiäre Beziehung hat auf die deutsch-russischen Beziehungen eine sehr starke Auswirkung. 

World Economy: Sie sind ein Kind aus zwei verschiedenen Kulturen – der deutschen und der russischen. Was ist für Sie jeweils das Wertvollste in jeder von ihnen? 

Olga Martens: Ich mag die authentische russische Kultur und die authentische deutsche Kultur. Für mich beispielsweise, ist die musikalische Kultur ein wahrer Schatz und eine Möglichkeit die Kultur beider Völker sehr aufrichtig, sehr authentisch zu betrachten und dadurch auch die Träger dieser Kulturen besser zu verstehen. Ich rede dabei nicht von den weltbekannten Namen. Für mich ist es wichtig, die folkloristischen und authentischen Sachen zu bewahren, zu pflegen. 

World Economy: Wer sind die Russlanddeutschen heute?


Olga Martens: Ja, bis in die 1980er gab es noch über zwei Millionen Russlanddeutsche in der Sowjetunion, es gab mehrere Siedlungen, die authentisch waren, wirklich deutsch, wo man die verschiedenen uralten Dialekte bewahrt hat, wo man auch Deutsch in den Familien und auf den  Straßen gesprochen hat. Alles änderte sich in den 1990er Jahren, weil die Ausreisewelle zu hoch war und zu einer bestimmten Zeit sehr viele ausgereist sind. Heute ist die kritische Masse beim Bewahren der kulturellen und sprachlichen Werte noch da. Aber trotzdem ist es schwer in so einem großen Land, wo man sehr zerstreut angesiedelt ist, die Identität zu bewahren: Es ist eine Sache, die sehr stark vom Zusammenleben in der Gemeinde geprägt wird. Wenn du allein in einer Stadt als Deutsche lebst, ist es schwieriger sich als Deutsche zu fühlen. 

World Economy: Die Anzahl der vom Ihrem Verband realisierten Projekte geht auf Hunderte zu.

Olga Martens: Der Verband gibt Zeitungen und Zeitschriften auf Deutsch heraus. Wir haben eine historische Zeitung – die Moskauer Deutsche Zeitung – wiederbelebt, die es seit 1870 und bis zum Ersten Weltkrieg in Moskau gab. Sie beliefert nicht nur Russlanddeutsche mit Informationen, sondern ist eine deutsch-russische Informationsquelle für alle Russen und Deutsche, die sich für deutsch-russische Beziehungen interessieren. Der IVDK gibt verschiedene Bücher heraus, für Russlanddeutsche und für alle, die ein Interesse an der deutschen Sprache haben. Es gibt Kinderzeitschriften auf Deutsch, Magazine auf Deutsch, es gibt ein Wirtschaftsjournal auf Deutsch, es gibt ein Journal „Wissenschaft und Bildung“. Dadurch zeigen wir, dass wir, Deutsche in Russland, wirklich eine Brücke in den deutsch-russischen Beziehungen sind. Aus meiner Sicht ist das ein wichtiges Merkmal. Es gibt Projekte im kulturellen und auch im interkulturellen Bereich, wo wir als Deutsche in Kooperation mit anderen Völkern Russlands arbeiten. Unter den letzten Projekten, die in unserem Verband entstanden sind, waren der Gesamtrussische Wettbewerb «Freunde der deutschen Sprache» und die allrussische Aktion „Totales Diktat“. Mit Hilfe von solchen Projekten versuchen wir als Deutsche das Interesse für die deutsche Sprache in Russland zu erwecken. Wir haben tausende Teilnehmer bei jedem Wettbewerb und exzellente Sprachkenner. Zu den wichtigen Veranstaltungen des IVDK gehört seit vier Jahren auch der große Katharinenball. 

World Economy: Wie sehen Sie die deutsch-russischen Beziehungen in der Zukunft?

Olga Martens: Ich baue auf die Vernunft der Menschen, die Politik vernünftig zu machen. Wir haben so viel aus der Geschichte gelernt und etwas anderes dürfen wir nicht zulassen.

Frau Martens, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Von Femida Selimova

Info:

Der IVDK vereinigt etwa 500 Begegnungszentren (BZ) aus vielen Regionen Russlands. Das sind Zentren der deutschen Kultur, national-kulturelle Autonomien, Gesellschaften „Wiedergeburt“ und Deutsch-Russische Häuser. Der IVDK vertritt die Interessen der Begegnungszentren auf dem föderalen Niveau. Für die Koordinierung ihrer Tätigkeit auf dem regionalen Niveau wurden in den Föderalkreisen Russlands zwischenregionale Räte der Begegnungszentren gegründet, die zur Stärkung des Selbstorganisierungssystems der Russlanddeutschen beitragen. Mehr zu IVDK auf www.rusdeutsch.ru

Bilder: @depositphotos 

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