Der Tanz der Inana und kein Ende in Sicht

Sonntag, 21. Januar 2018

Nun stehen sich kurdische Peshmerga – von Deutschland ausgebildet und bewaffnet - und schiitische Milizen - von den USA bewaffnet, vom Iran ausgebildet und teilweise geführt - im Kampf gegenüber.

Unter den Gottheiten des mesopotamischen Pantheons stellt die Himmelskönigen Inana (auch als Ishtar bekannt) eine Besonderheit dar. Sie ist nicht nur die Göttin der Fruchtbarkeit und Sexualität und Herrin über den Himmel, sondern auch die Göttin des Krieges. Letzter wurde in Babylon entsprechend auch als „Tanz der Inana“ bezeichnet.

Von Dr. Gabriel Burho

5000 Jahre später wird ihr Tanz im Zweistromland immer noch getanzt – wenn auch um die Frage der richtigen Verehrung eines anderen Gottes. Dabei ließen die letzten Nachrichten aus dem Irak Raum für verhaltenen Optimismus: Der Islamische Staat ist geschlagen und aus allen großen Städten des Landes vertrieben worden. Auch im Nachbarland Syrien befinden sich seine Kämpfer auf dem Rückzug. Das Kalifat hat sogar seine Hauptstadt, Raqqa, verloren. Zeit sich die Frage zu stellen wie es in der Region nach dem IS weitergehen wird und welche Auswirkungen die militärische Zerschlagung des IS-Kalifates auf die Sicherheitslage in Deutschland und Europa haben wird.

Betrachten wir zunächst die Region.

Auch wenn in den Kämpfen viele der IS-Kämpfer gefallen sind, muss davon ausgegangen werden, dass ein substantieller Anteil der IS Anhänger nach der militärischen Niederlage in den Untergrund gegangen oder in die jeweiligen Heimatländer zurückgekehrt ist. Zur letzten Gruppe später noch mehr. Zu den eigentlichen IS Kämpfern im Untergrund kommt noch eine unbekannte Zahl an Sympathisanten sowie Kindern und jungen Erwachsenen dazu, die drei Jahre lang in IS Kindergärten, Schulen und Universitäten sowie Koranschulen indoktriniert wurden. Bis heute setzen der Irak und Syrien auf eine rein militärische Lösung und auch die internationale Gemeinschaft hat keine Antwort auf die Frage nach De-Radikalisierungsmaßnahmen für hunderttausende traumatisierte Menschen. Dabei stehen die nächsten Probleme, die zu einem erneuten Erstarken der IS-Ideologie führen könnten, schon vor der Tür. Quasi direkt nach der Befreiung Mossuls hat die kurdische Autonomieverwaltung einen lange ersehnten Schritt Richtung Unabhängigkeit vom ungeliebten Baghdad gewagt – und sich hinsichtlich der Reaktionen der Zentralregierung, aber auch hinsichtlich des erhofften Rückhalts seitens der internationalen Verbündeten gnadenlos verschätzt. Denn mit dem militärischen Ende des IS wird die Kampfkraft der Peshmerga nicht mehr benötigt. Wenn aber eine Stabilisierung des Irak gelingen soll, muss der internationalen Gemeinschaft daran gelegen sein Ministerpräsident Abadi zu stärken und zu verhindern, dass sein Vorgänger, Vize und Konkurrent Nuri al-Maliki bei den diesjährigen Wahlen wieder das Amt erringt, von dem er 2014 wegen Unfähigkeit abgesetzt wurde. So war es in erster Linie Malikis radikaler Schiitisierungspolitik zu verdanken, dass der IS sich in den sunnitischen Gebieten des Landes so schnell ausbreiten konnte. Dem Ziel, Abadi als den starken Mann zu präsentieren, wurden die Interessen der Kurden - die nun als Verbündete nicht mehr so wichtig waren - schnell geopfert. Innerhalb kurzer Zeit haben die Kurden dann auch die Kontrolle über alle Gebiete verloren, die sie im Zuge des Kampfes gegen den IS erobern konnten und die als „umstritten“ zwischen der kurdischen Region und Baghdad gelten. Dass dabei ein großer Teil der militärischen Macht Baghdads auf den Schultern der schiitischen Milizen ruht und diese wiederum mit Masse eher Teheran als Baghdad loyal verbunden sind, verkompliziert die Lage vor Ort weiter. Im Ergebnis stehen sich nun kurdische Peshmerga – von Deutschland ausgebildet und bewaffnet - und schiitische Milizen - vom Iran ausgebildet und teilweise geführt und von den USA bewaffnet - im Kampf gegenüber. Bereits im Oktober 2016 wurde militärisches Großgerät, dass der irakischen Armee von den USA zur Verfügung gestellt worden war, Opfer deutscher Milan Raketen. 

Abseits dieses Konfliktes war bereits die Rückeroberung der großen sunnitischen Städte des Landes vom IS in weiten Teilen der Kampfkraft der schiitischen Milizen zu verdanken. 

Diese wiederum sehen die Kämpfe als Chance einer Revanche für bisherige Unterdrückungen seitens der Sunniten und verhalten sich nach der „Befreiung“ eher als Besatzungsmacht. Der Samen für einen erneuten konfessionellen Konflikt im Irak kann also schnell gepflanzt werden, wenn die Besatzung durch den IS als weniger repressiv verstanden werden sollte als die „Befreiung“ durch schiitische Kräfte.

In Syrien wurde der Islamische Staat vor allem von der Koalition aus Regierungstruppen und russischer Einheiten und den Kämpfern der kurdischen Volksverteidigungsmilizen besiegt. Allerdings stehen sich auch die syrischen Kurden, die im Rahmen des Bürgerkrieges ein eigenes (international nicht anerkanntes) Autonomiegebiet, Rojava, im Norden Syriens ausgerufen haben und die Regierung Assad feindlich gegenüber. Auch in der Türkei wird ein ausgreifen kurdischer Autonomie als größere Bedrohung als der Islamische Staat wahrgenommen. Gleichzeitig unterstützt der NATO-Partner USA die syrischen Kurden mit Waffen und Ausbildern, während die „moderate“ syrische Opposition, auf die vor allem die europäischen Staaten inklusive Deutschland gesetzt hatten, faktisch kaum noch Kampfkraft in Syrien aufweisen kann. Damit bleiben aktuell die folgenden Fraktionen: Assad (mit russischer und iranischer Unterstützung), die Kurden (der Alptraum des NATO-Partners Türkei) und verschiedene mit al-Qaida verbündete islamistische Milizen.

Betrachtet man die Anschläge in Europa fällt schnell auf, dass die Täter eben nicht von Syrien oder dem Irak ausgesandte Kämpfer waren, sondern zumeist lange vorher in den jeweiligen Ländern lebten oder sogar dort aufgewachsen sind. 

Es handelt sich hier also um den so gerannten homegrown Terrorismus der auf einer bottom up Mobilisation beruht. 

Die potentiell dafür angehbaren Gruppen, vornehmlich junge Muslime und Konvertiten, sind auch die eigentlichen Adressaten der dschihadistisch-terroristischen Kommunikationsstrategie. Bereits 2015 hatte der Islamische Staat erkannt, dass ein einzelner Kämpfer, der sich aus Europa auf den Weg nach Syrien macht, vor Ort keinen taktischen Unterschied macht. Derselbe Kämpfer könnte aber, bei einem Anschlag in Europa, durchaus einen strategischen Unterschied bewirken. Entsprechend forderte der, inzwischen getötete, IS-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani das europäische Unterstützerumfeld im September 2015 (fast ein Jahr vor dem Anschlag in Nizza) in einer Audiobotschaft auf: „Tötet sie, wie ihr wollt: Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit einem Messer, überfahrt sie mit einem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie!“ 

Dabei muss man die Anschläge als Franchise System verstehen. Die wenigsten Taten sind wohl direkt von der IS Zentrale geplant worden. Vielmehr wurden sie nach der Tat – oder zumindest erst bei konkreten Plänen der lokalen (europäischen) Zellen – von der IS Führung sanktioniert. 

Neure Untersuchung zur Radikalisierung zeigen dabei, dass diese häufig in erster Linie virtuell, also über der Internet und soziale Medien, erfolgt. Dabei ist weder der Kontakt zu einer Moscheegemeinde, noch zu Hasspredigern notwendig. Für Sicherheitsdienste sind derart Radikalisierte eigentlich erst zu erkennen, wenn sie beginnen Gruppen zu bilden bzw. sich Waffen zu beschaffen – Küchenmesser und Äxte sind dabei in jedem Baumarkt zu finden. Das IS-Kalifat bietet vor diesem Hintergrund lediglich eine Projektionsfläche für die religiöse Radikalisierung, die wiederum zu einem großen Anteil den Ausdruck einer persönlichen Radikalisierung darstellt. Der militärische Niedergang des IS wird entsprechend keinen mitigierenden Einfluss auf die Anzahl der Anschläge und Angriffe in Deutschland und Europa haben. Im Gegenteil ist es denkbar, dass Kämpfer aus dem ehemaligen Kalifatsgebiet zurückkehren und in den Zirkeln unzufriedener und gewaltbereiter Jugendlicher zu Idolen und Vorbildern werden und damit eine Radikalisierung noch weiter befördern. 

Entsprechend den obigen Ausführungen zum Franchise System bedarf es also nicht des IS um Anschläge in Europa zu planen und durchzuführen. Lediglich für die Einbindung in ein größeres Ganzes wird eine global agierende Gruppe benötigt. 

Die Probleme im Nahen Osten werden so schnell nicht verschwinden. 

Der Stellvertreterkrieg zwischen Saudi Arabien und Iran wird andauern, der sunnitsch-schiitische Konflikt wurde durch den radikalen Sunnismus des Islamischen Staates derart verschärft, dass an eine friedliche Aussöhnung kaum zu denken ist und, wie im Irak bereits beobachtbar, werden nach dem Wegfall der militärischen Bedrohung durch den IS Verteilungskämpfe in der ganzen Region entlang religiöser, konfessioneller und ethnischer Bruchkanten erneut und verschärft aufbrechen. Diese bilden dann auch eine Grundlage für die Mobilisierung junger Muslime und Konvertiten sowie eine Projektionsfläche für individuelle Gewalt- und Ermächtigungsphantasien von radikal Gesinnten in Europa.

Inanas Tanz wird nicht so schnell enden. Die Musik spielt weiter... 

Bilder: @depositphotos

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