Der Gefrierpunkt

Montag, 4. Dezember 2017

Die Interessen von führenden Ländern überschneiden sich nach und nach am gleichen Punkt - in der Arktis.

Vor einigen Jahren ging eine Nachricht um die Welt, die nicht nur die Phantasie der Geografen und Weltenbummler anregte, sondern auch Politiker, Geschäftsleute und Militärs nervös aufsehen ließ. 2007 wurde bekannt, dass das russische Unterwassermodul Mir-2 den Grund des Nordpolarmeeres erreicht und dort eine russische Flagge befestigt hat. Der damalige kanadische Außenminister nennte es „nur Show“, während in den USA lapidar verkündet wurde, dass eine Flagge nur eine schlichte Installation sei, ohne jegliche juristische Folgen. 

Dr. Gabriel Burho

Dr. Alexander Sosnowski

Wenn man sich indes an die mediale Show um die Mondlandung und das Aufstellen der US-Flagge auf dem Erdtrabanten erinnert, bekommt die Aussage allerdings eine humoristische Qualität: Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lange nicht das Gleiche. Hinter diesen Worten der Politiker verbarg sich ein völlig anderer Sinn - Russland hatte ein Signal gesendet, genau wie die USA einige Jahrzehnte zuvor und dieses Signal war in Washington und den Hauptstädten der anderen Anrainerstaaten, auch in Europa und der NATO, wohl verstanden worden.. 

Hinter der Installation der Flagge stand ein geografisch und auch politisch sehr wohl begründeter Anspruch der Russischen Föderation auf ca. 1,2 Quadratkilometer Schelf des Nordpolarmeeres.

Nicht nur die anderen Staaten des Arktischen Rates begannen sich um den möglichen Verlust, bzw. schlimmer, den russischen Zugewinn, enormer Vorkommen an verschiedenen Bodenschätzen zu sorgen.Deutschland hat sich bisher in dieser Frage noch nicht zu einer klaren Einschätzung durchringen können, scheint aber eine zwiespältige Position einzunehmen. So hat das Handelsblatt, mit Hinweis auf Wolfgang Ischinger - den Vorsitzenden der Münchner Sicherheitskonferenz - geschrieben, dass die Arktis zu dem Feld werden könnte, auf dem man die  wirtschaftlichen Interessen aller Beteiligten bündeln könnte. (http://www.handelsblatt.com/politik/international/russland-und-usa-der-kampf-um-die-arktis/20442350.html )

Dabei vergaß Ischinger durchaus nicht zu erwähnen, dass sich aufgrund des schmelzenden Eispanzers auch neue militärische Möglichkeiten ergeben - zuallererst für Russland. „Das verwandelt die Artis in ein neues militärisches Aufmarschgebiet.“ - sagte er direkt. (http://www.world-economy.eu/details/article/die-arktis-ein-aufmarschgebiet-fuer-territoriale-interessen/)

Die Frage ist nun, spiegelt das die offizielle Sichtweise Berlins wieder oder ist es nur die Meinung eines hochkarätigen Experten? Wahrscheinlich beides. Er spricht über Russland, um die anderen Teilnehmer dieser Militarisierung nicht nennen zu müssen - die USA, Kanada, Dänemark, Norwegen. Russland zur Hauptgefahr zu ernennen, ist heutzutage ganz einfach - neben den Sanktionen gegen Moskau, ist Russland, wenn man von den offiziellen Statements amerikanischer Politiker wie McCain ausgeht, die größte Gefahr für die NATO und die USA. Bisweilen kann man das Gefühl gewinnen, dass die Militärstrategen der NATO ein Aufatmen nur schwer verhehlen können, dass nicht mehr nur dieser unordentliche und komplexe Kampf gegen den Terror die Schlagzeilen beherrscht, sondern auch der gute alte Russe wieder als Gegner aufgetaucht ist. Schließlich hat man nie aufgehört in den Stabsübungen auch bei der Bundeswehr „Blauland“ gegen „Rotland“ zu verteidigen; getreu der Devise: „Der Feind ist rot und kommt aus dem Osten!“ Da kann ein hochrangiger Diplomat doch nicht allen ernstes die NATO-Partner oder EU-Mitglieder als die größte Gefahr ausmachen, also nennt er Russland. Dabei ist klar, dass er alle Beteiligten der „Arktisteilung“ meint. Natürlich ist auch Deutschland an einer direkten und groß-angelegten Beteiligung am Projekt der Erschließung des Nordpolarmeeres interessiert. (http://www.world-economy.eu/pro-contra/details/article/auf-dem-weg-zu-einem-echten-kalten-krieg//)

Aber was verbirgt sich hinter dem Thema der Militarisierung dieses Gebiets?

Nichts, außer den wirtschaftlichen Interessen. Aufgrund der klimatischen Bedingungen ist die Arktis, unter den gegebenen technischen Möglichkeiten, auch auf absehbare Zeit für Menschen unbewohnbar. Jedenfalls solange das Eis nicht geschmolzen ist. Während es aber schmilzt, werden nach Meinung der Wissenschaftler Flächen frei, die nicht weniger lukrative Fördergebiete für Öl, Gas und Metalle beherbergen als es im Nahen und Mittleren Osten der Fall ist. Natürlich sind vor allem die USA, die sich heute in einem weltweiten Kampf um die Monopolstellung auf dem Öl- und Gasmarkt befinden und die Sicherung der Rohstoffquellen zu einem offiziellen Ziel der US-Außen- und Sicherheitspolitik erhoben haben, daran interessiert keine Konkurrenten an die Rohstoffvorkommen zu lassen. Und, so paradox das auch klingt, die Hauptkonkurrenten sind die eigenen oben aufgeführten Partner und nicht in erster Linie Russland. In Washington ist klar, dass, wenn man Russland komplett aus Europa verdrängt, es dadurch nicht nur nicht verlieren, sondern möglicherweise sogar noch gewinnen könnte. Während die USA Milliarden in die Erschließung der Arktis investieren müssten, könnte Moskau sich komplett auf den Osten und auf Asien konzentrieren und die eigene Vormachtstellung bei der Öl- und Gasversorgung auf dem nicht europäischen Teil von Eurasien ausbauen. Wirtschaftlich gesehen, ist das günstiger als die Arktis zu erschließen. Der Gewinn wird dabei entsprechend der wachsenden Verkäufe sehr viel höher ausfallen. 

Da die USA im Osten weniger Chancen für eine erfolgreiche Expansion haben als Russland, versucht man mindestens die Arktis für sich zu gewinnen. 

Es ist kein Zufall, dass die USA für ihre Bürger kürzlich eine Beteiligung an russischen Energieprojekten gesetzlich ausgeschlossen haben. Unter anderem ist auch die Unterstützung im dem Bereich der Ölförderung verboten. Aber die „erzwungenen Freunde“ aus EU und NATO sind für die USA auch Konkurrenten und das Weisse Haus würde sie gerne ebenfalls gnadenlos aus der Arktis vertreiben. Keine Freundschaften da, wo die Wirtschaftsinteressen liegen - so das Motto aus Washington. Deutschland könnte sich durchaus unter den Verlierern wiederfinden.Es ist vorstellbar, dass man sich in Berlin der Situation bewusst ist und krampfhaft versucht in die Riege der Weltführer zu kommen, um die eigenen Gewinne zu sichern. Nicht mal um den USA zu gefallen, kann Deutschland es sich leisten die wirtschaftliche Partnerschaft mit Russland aufzugeben. Andererseits, darf man den Großen Bruder und die Nachbarn nicht verärgern, also benennt man Russland als die Hauptgefahr. Nebenbei erhöht man aber die Größe der Gaseinkäufe und gibt das „OK“ für den Bau der Nordstream 2. Das Ergebnis ist eine Diplomatie der zwei Gesichter. Das ist an sich kein illegitimer Gedanke. Bereits Winston Churchill werden die Worte zugeschrieben „Staaten haben keine Freunde, Staaten haben Interessen.“ Der US-Präsident Trump hat diesen Satz auf jeden Fall verinnerlicht und damit auch den kleinen Bruder EU gezwungen langsam erwachsen zu werden. Dass diese Botschaft auch in Deutschland angekommen ist, zeigen einige Kommentare von Kanzlerin Merkel im letzten Jahr. Nun kann man darüber jammern, dass die Zeit vorbei ist, in der man in dem Bereich Verteidigung sparen und in der Außenpolitik weitgehend den USA nachlaufen konnte, oder man versteht diese Krise der atlantischen Beziehungen als Chance für Deutschland und Europa in sich zu gehen und über eigene Interessen nachzudenken. Auch wenn das einigen alten Kalten Kriegern nicht gefällt, ist die Zeit der bipolaren Konfrontation und des „wer-nicht-für-uns-ist-ist-gegen-uns“ vorbei. Das erfordert vielleicht ein Umdenken und die Akzeptanz dafür, dass auch Russland, genau wie die USA, eine auf die eigenen Interessen fokussierte Politik fährt. Vor diesem Hintergrund können Deutschland und die EU mitspielen, ihre Interessen formulieren und Geschäftspartner werden, oder sie können weiter ein verlängerter Arm der US-Interessen sein. Dass die Sicherung von Rohstoffquellen gerade für ein Industrieland wie Deutschland von zentraler Bedeutung für die zukünftige Entwicklung ist, dürfte wohl nicht in Frage stehen. Vor diesem Hintergrund bietet sich der Gedanke über eurasische Kooperationen (eben nicht nur bei Gas) verstärkt an – und dies nicht nur, wenn man die potentiellen zusätzlichen Rohstoffquellen betrachtet, die der Russischen Föderation in der Arktis zufallen werden. 

Bilder: @depositphotos 

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