Der Erste Weltkrieg wird in der heutigen Zeit im globalen Maßstab fortgesetzt

Samstag, 13. Januar 2018

Willy Wimmer: ''Wir leben heute auch in einer Zeit, in der die Geschichte nach den Zweckmäßigkeiten von heute interpretiert wird''

Willy Wimmer, Staatssekretär a.D., am Telefon im Gespräch mit Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Chefredakteur World Economy

WE: Herr Wimmer, Sie haben einen sehr interessanten Artikel geschrieben, in dem es darum geht, dass es vor 100 Jahren zwei Kontrahenten auf der Welt gab: den amerikanischen Schützling Trotzki und auf der anderen Seite Lenin, der angeblich von den Deutschen unterstützt wurde.

Willy Wimmer:

Wenn man Lenin beurteilen will, muss man sich nicht nur die berühmte Zugreise aus der Schweiz nach Sassnitz vor Augen führen, sondern sich auch fragen, wer ihn überhaupt in die Schweiz gebracht und während der ganzen Zeit finanziert hat. Das sind Fragen, die sich auch bei Trotzki ergeben. Wer hat ihn nach Amerika gebracht? Wer hat ihn während des USA-Aufenthalts finanziert und ihm das Geld gegeben, mit dem er nach Russland zurück fahren konnte? Das sind alles Fragen, die jetzt deshalb eine Rolle spielen, jedenfalls aus meiner Sicht, weil wir wieder in einer massiven Umbruchszeit leben. Wir schauen auf Lenin und Trotzki im Zusammenhang mit einer weltpolitischen Entwicklung, die unser Leben bestimmt hat und meinen, das wäre ein singulärer Vorgang, aber wir vergessen vielleicht, dass dahinter Muster stehen, die - wie wir derzeit am Iran sehen - bis in die heutige Zeit und bis in den heutigen Tag umgesetzt werden. Muster, die verlängert werden.

WE: Aber wie ist das zu verstehen? Immerhin ist die Geschichte von Trotzki direkt mit der von Josef Stalin verbunden. Er hat Trotzki ins Exil geschickt, ihm die Staatsangehörigkeit entzogen, aber sie vermuten ein Spiel der Amerikaner dahinter?

Willy Wimmer:

Die Stalin-Zeit meine ich mit meiner Anmerkung nicht. Ich gehe auf die Zeit ein, in der das russische Zarenreich erkennbar zusammen zu brechen drohte und da haben interessante Kräfte aus den USA, aus Großbritannien, aus Deutschland auf das Russische Reich eingewirkt, um ihre jeweiligen Ziele durchzusetzen. Das war von der Seite des Kaiserlichen Deutschlands, sicherlich, den Krieg möglichst bald zu beenden, um sich gegenüber den Westmächten erfolgreich verteidigen zu können. Auf der Seite britischer und amerikanischer Kreise war es offensichtlich der Versuch das künftige Russland unter Kontrolle zu bekommen, etwas, das wir heute auch erleben und das, zum Beispiel, mit dem Namen „Yukos“ verbunden ist. Das ist der Versuch in den Besitz und die Kontrolle der gigantischen, russischen Bodenschätze zu kommen. Das sind alles Dinge, die wir heute aktuell sehen, die aber ihre Ursache in einer Zeit haben, die weit zurück liegt.

WE: Nochmal zurück zu Trotzki. Ist es so zu verstehen, dass er zu der damaligen Zeit als eine Art angelsächsisches Projekt „gestartet“ wurde und im Dienste verschiedener Konglomerate stand? Wer waren seine Finanziers - Rothschild, Rockefeller?

Willy Wimmer:

Das sind natürlich Familien, die in der damaligen Zeit eine auch global überragende Rolle gespielt haben. Wir müssen ja sehen, dass selbst unter Stalin das amerikanische Unternehmen Standard Oil nicht verstaatlicht worden ist. Das heisst, es gibt hier Zusammenhänge zwischen großen amerikanischen Unternehmen, noch größeren amerikanischen und britischen Familien und der Entwicklung eines ganzen Landes. Das ist natürlich zunächst einmal eine Frage für die Historiker. Aber wir leben heute auch in einer Zeit, in der die Geschichte nach den Zweckmäßigkeiten von heute interpretiert wird. Deswegen ist es bestimmt unsere vornehmste Aufgabe dafür zu sorgen, dass wir über historische Zusammenhänge, möglichst ungehindert, etwas in Erfahrung bringen können. Das ist in vielen Ländern dieser Erde leider nicht mehr möglich.

WE: Kann man von dem Projekt „Trotzki“ eine gerade Linie bis in die heutige Zeit ziehen, beispielsweise bis zum Projekt „Ukraine“?

Willy Wimmer:

Wenn wir die Äußerungen des ehemaligen Stratfor-Chefs George Friedman aus den Jahren 2014-15 sehen, dann brauchen wir nichts mehr zu interpretieren und haben eine interessante amerikanische Quelle. Es gibt aber viele interessante Quellen, nicht nur amerikanische oder britische, sondern auch russische, deutsche, italienische und französische sowieso. Wenn wir diese Quellen sehen, dann ist es eine strategische Linie, die offensichtlich mit der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts von Amerika aus gegenüber dem euro-asiatischen Kontinent durchgezogen wird und zwar aus durchaus verständlichen Gründen. Amerika ist eine Insel, ob es das nun will oder nicht. Aber diese Insel will keine Insel sein und will die Gegenküsten unter Kontrolle behalten oder sie unter Kontrolle bekommen. Das ist eine strategische Überlegung, die von Jahreszeiten und Jahreszahlen völlig unabhängig ist. Dazu kommt, dass die Grundlage der amerikanischen Industrie die Nutzung künftiger Bodenschätze gewesen ist - Erdgas und Erdöl, insbesondere aber Erdöl in den Jahren zu Beginn des 20 Jahrhunderts. Und da drohte Russland an den Amerikanern vorbei zu ziehen. Die russische Erdölindustrie war damals so leistungsfähig, dass es möglich zu sein schien. Und es geht hier natürlich nicht nur darum eine strategische Lage auszunutzen und keine Insel zu werden, sondern es geht darum, für die eigene Ökonomie auf Dauer eine globale Ausdehnungsmöglichkeit zu haben, die von den anderen nicht in Frage gestellt werden soll.

WE: Warum standen dann die USA und die Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs auf der selben Seite?

Willy Wimmer:

Das war ein Spiel über die Bande, wie man das unter sportlichen Gesichtspunkten sagt. Man hat eine Situation geschaffen, in der sich Deutschland gegen den Rest der Welt stellte. Und Deutschland drohte den Vereinigten Staaten den Zugang zu Europa zu verweigern und alle anderen europäischen Staaten unter die eigene Kuratel zu bekommen. Das war eine Situation, die man nur mit der damaligen Sowjetunion verhindern konnte. Und das haben die Vereinigten Staaten getan. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Zünder der Bomben, die auf London und auf Großbritannien gefallen sind, amerikanisch waren. Das heisst, die deutsche Rüstungsindustrie können sie sich ohne die Zusammenarbeit mit den USA überhaupt nicht vorstellen. Und den Krieg in seiner Kriegsführung, können sie sich ohne die amerikanische Kooperation auch nicht vorstellen. Standard Oil und andere haben noch während des Zweiten Weltkrieges alle Möglichkeiten genutzt, um mit dem Dritten Reich zu kooperieren. Das zeigt jedenfalls die historische Forschung. Das macht natürlich deutlich, mit was wir es hier zu tun haben. Das, was man glaubt zu sehen, ist nur im seltensten Fall das was wirklich passiert ist.

WE: Kann man das so zusammen fassen, dass der Erste Weltkrieg noch gar nicht beendet ist?

Willy Wimmer:

Der Erste Weltkrieg wird in der heutigen Zeit im globalen Maßstab fortgesetzt. Ja.

WE: Herr Wimmer, wir danken Ihnen für dieses sehr interessante Gespräch.

Bilder: @depositphotos

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Willy Wimmer am Telefon