Bergkarabach wird zur Wechselmünze zwischen verschiedenen nationalen Interessen

Dienstag, 14. März 2017

Türkei, Aserbaidschan und Armenien haben großes Interesse an der baldigen Lösung der Karabach-Frage. Führende Kaukasus-Experten bezweifeln, dass das möglich ist

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In den letzten Tagen wird in Europa die Türkische Republik sehr oft erwähnt. Eine führende Rolle im Syrienkrieg, Kampf gegen die Kurden, jetzt auch die untersagten Auftritte von türkischen Politikern in mehreren EU-Ländern. Dass aber gerade die Türkei eine führende Rolle bei der Karabachfrage spielen könnte, wird in Europa oft herunter gespielt oder gar komplett verschwiegen. Darüber haben wir mit zwei führenden Kaukasus-Experten - Dr. Wolfgang John und David Schahnazaryan, Kaukasus und Sicherheitsexperte, Leiter des Zentrums für Politikforschung „Verständigung“ (Soglasie)gesprochen.

WE: Aserbaidschan kooperiert sehr eng mit der Türkei - einem NATO-Mitglied. Kann das zu einem weiteren Stabilitätsfaktor im Kaukasus werden oder eher umgekehrt?

Wolfgang John:

Im Allgemeinen wird in Europa die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Aserbaidschan überschätzt. Man kann sich an den Ausspruch von Heyder Aliyev, dem ehemaligen aserbaidschanischen Präsidenten, erinnern, der immer von zwei Staaten und einem Volk gesprochen hat. Das war sein Wunschtraum. Absolut legitim und verständlich und diesem Wunsch sind in den 90er Jahren viele gefolgt. In Aserbaidschan gab es damals eine starke pro-türkische Bewegung. Aber Tatsache ist doch, dass sich Aserbaidschan ganz erheblich von der Türkei unterscheidet. Es ist Europa kulturell viel näher als die Osttürkei. Baku ist eine kosmopolitische Stadt, die viel weniger vom Islam als viel mehr von europäischen Werten geprägt ist. Das hat mit der historischen Entwicklung des Landes zu tun. Es ist bekannt, dass es eine lange Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg sogar eine größere deutsche Minderheit in Aserbaidschan gegeben hat. 

Es gab auch enge Beziehungen mit Deutschland, auch im Zusammenhang mit der Ölerschließung. Insofern glaube ich auf keinen Fall, dass Aserbaidschan Teil der Türkei werden will. Darüber sind sich die Aserbaidschaner hundertprozentig klar. Es gibt dort sogar eine beachtliche christliche Tradition, das ist interessant und wenig bekannt. Und es ist durchaus nicht nur eine armenische christliche Tradition, sondern auch die albanische. Man findet überall im Lande Kirchen. Die Aserbaidschaner sagen ganz deutlich: der Islam ist für uns eigentlich eine fremde Religion, die von den Arabern ins Land gebracht worden ist. Deshalb hat sich in Aserbaidschan ein sehr moderater Islam entwickelt, der in der alltäglichen Praxis nicht zwischen der Welt des Friedens und der Welt des Krieges, der Welt der Gläubigen und der Ungläubigen teilt, wie das im klassischen Islam üblich ist. Deshalb möchte sich Aserbaidschan Beziehungen zu den unterschiedlichsten Ländern offen halten. Russland - sicherlich mit Blick auf die gemeinsame Vergangenheit. Ebenfalls sehr entwickelt sind die Beziehungen zu Israel - es gibt in Aserbaidschan eine starke  jüdische Minderheit, vor allem die Bergjuden im Norden. Da gibt es schon seit Jahrhunderten gute nachbarschaftliche, freundschaftliche Beziehungen zwischen Juden und Muslimen, was heute leider in anderen Teilen der Welt nicht so oft der Fall ist. Diese Besonderheiten des Landes möchte man erhalten. Moskau, Tel-Aviv und Jerusalem, Berlin, London, Washington - das will man sich alles offen halten und mit den Ländern gut zusammenarbeiten. Auch, wenn es mal Konflikte gibt, eine einseitige Konzentration auf die Türkei will da niemand. Hierbei spielt auch das Verhältnis zu den Kurden eine gewisse Rolle. In Aserbaidschan ist es sehr positiv. In der Exklave Nachicevan gibt es eine große kurdische Minderheit, auch in anderen Landesteilen. Die Feindseligkeit, die man heute vor allem in der Osttürkei zwischen Kurden und Türken erlebt, ist in Aserbaidschan praktisch nicht vorhanden. Alles in allem kann man sagen, dass von den türkisch-aserbaidschanischen Beziehungen im Moment keine besonderen Risiken ausgehen, sondern sie eher helfen, die Region weiter zu stabilisieren. Gegenwärtig ist mit Blick auf die inzwischen etwas entspannteren russisch-türkischen Beziehungen auch nicht zu erwarten, dass die Türkei sich militärisch in den Konflikt um das zu Aserbaidschan gehörende, heute jedoch von Armeniern besiedelte Bergkarabach einmischt.

WE: Welche Rolle spielt die Türkei im Kaukasus? Auch in der Arzach-Frage, der Frage um Bergkarabach?

David Schahnasaryan:

Die Türkei hat immer die Positionen Aserbaidschans unterstützt - immer und in allen Punkten. Es gab Momente, in den Jahren 1994-95, da vertrat die Türkei sogar einen härteren Standpunkt als der Aserbaidschan. Das ist auch bis heute so geblieben. Es gibt allen Grund anzunehmen, dass es zwischen Moskau und Ankara zumindest eine Absprache über das Problem um den Bergkarabach gibt. Der Türkische Außenminister Cavusoglu hat das im September letzen Jahres mehrmals angesprochen. Er meinte, Russland würde einen eigenen Plan für die Beilegung des Konflikts haben. Die Türkei würde den russischen Plan sehr unterstützen, meinte er weiter, weil dieser dem Aspekt der territorialen Integrität Aserbaidschans besondere Beachtung schenkt.

WE: Herr Dr. John, Herr Schahnasaryan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Redaktion & Übersetzung I.Tkachenko

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