Auf dem Weg zu einem echten kalten Krieg?

Freitag, 3. November 2017

Arktis: ein heisser Krieg in der Kälte wird unwahrscheinlich. Eine offene Konfrontation aber, ist mehr als unwahrscheinlich.

Das Klima ändert sich, die Menschen nicht. Nicht nur, dass das Abschmelzen großer arktischer Gletscher neue Rohstofflager freilegt, auch neue Routen für den Schiffsverkehr werden möglich und schaffen in der Region, ihren Anrainern und allen Exportnationen, die auf den Seeweg angewiesen sind (so auch Deutschland) neue wirtschaftliche Möglichkeiten. 

Von Dr. Gabriel Burho

Zu letzterer Kategorie zählt die Nordwest-Passage, eine kürzere Seeroute von Europa nach Asien, bei deren Suche viele Forscher des 19. Jahrhunderts ihr Leben verloren. Am prominentesten dürfte hier die Franklin Expedition sein, deren Crew mit 129 Teilnehmern 1845 verloren ging, als die beiden Expeditionsschiffe HMS Terror und HMS Erebus im Packeis einfroren. War zu Zeiten Franklins das Vereinigte Königreich die unangefochtene Seemacht, sind heute deutlich mehr Teilnehmer im Spiel um Schätze der Nordpolregion im Rennen. 

Der Ausbeutung der Rohstoffe stehen bisher die extremen klimatischen Bedingungen der Arktis entgegen. Die Exploration natürlicher Rohstoffe sowie deren Abbau sind mit dem heutigen Stand der Technik lediglich im Bereich des Festlandes sowie im küstennahen Bereich möglich. Mittelfristig liegt der größte Nutzen der Region indes in den angesprochenen neuen Seewegen begründet und es ist davon auszugehen, dass der Schiffsverkehrs in der Region deutlich zunehmen wird. Auch wenn die betroffenen Gewässer aktuell noch mehr als neun Monate im Jahr gefroren sind, ist eine deutliche Verkürzung der aktuell 7000 Seemeilen langen Route nach Asien, die zudem den kostenpflichtigen Panamakanal beinhaltet, für alle Exportländer und internationalen Unternehmen höchst interessant. Bereits in den nächsten 20-30 Jahren könnte, Forschern zufolge, der arktische Ozean ganzjährig eisfrei sein. Auch wenn die infrastrukturellen Bedingungen der Region bisher noch nicht auf dieses gesteigerte Verkehrsaufkommen ausgelegt sind. Dennoch scheint bei allen Anrainern die Erkenntnis zu wachsen, dass nun die Zeit gekommen ist den eigenen Claim für die Zukunft abzustecken. Dabei sind die Interessen auch innerhalb der NATO-Partner durchaus divergierend. Während Kanada betont, dass die Nordwest-Passage zu ihrem Seegebiet zählt, betonen vor allem die USA und die EU, dass es sich dabei um eine internationale Seestraße handle, die allen gehöre.

Die ungeklärten Grenzverläufe helfen dabei nicht die Situation zu entspannen.

Gemäß dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen von 1982 wurde den Anrainerstaaten mit ozeanischer Küste ein Kontrollrecht auf eine Seefläche von 370km jenseits ihrer Küste zugesprochen. Die territorialen Ansprüche Norwegens, Dänemarks (über Grönland), Russlands, der USA und Kanadas liegen darin begründet. Gleichzeitig ist ein Gebiet von 300Km Radius um den geografischen Nordpol nicht im Besitz eines einzelnen Staates. Allerdings haben bisher Russland (1997), Kanada (2003) und Dänemark (2004) eine Ausweitung ihrer Kontrollzone beantragt. Vor allem in Kanada und Russland mehren sich auch die Stimmen die eine neue Regelung, bekannt als „Sektorenlösung“ vorschlagen, gemäß der, die Arktis in Winkel (ausgehend vom Nordpol bis zu den westlichsten und östlichsten Punkten der Nordküsten der Anrainerstaaten) eingeteilt und die Stücke den entsprechenden Anrainerstaaten zugeschlagen würden. Die großen Gewinner einer solchen Lösung wären auch Russland (1,2 Millionen Quadratkilometern) und Kanada. Vor allem auf dem Gebiet, das dann der Russischen Föderation zugeschlagen werden müsste, liegt der Bärenanteil der Gaslagerstätten (geschätzt 26% der globalen Gasreserven) sowie beträchtliche Lagerstätten an arktischen Metallen wie Gold, Silber, Erz, Nickel sowie große Kohlenflöze.Bis zu einer Entscheidung, sollte diese jemals getroffen werden, geben sich die betroffenen Staaten alle Mühe ihre Interessen und ihren Anspruch zu demonstrieren. Die reicht von militärischen Manövern bis hin zu medialen Kampagnen. In der letzten Kategorie dürfte Russland bisher den größten Coup gelandet haben, als ein russisches U-Boot 2007 eine russische Flagge in 4261 Metern Tiefe unter dem Nordpol hisste und neben der politischen Machtdemonstration auch ein neues Kapitel der arktischen Tiefseeforschung einleitete. 

"Es ist wie das Hissen der Flagge auf dem Mond", sagte Sergej Baljasnikow, der Sprecher des zuständigen Instituts für Arktis- und Antarktisforschung. "Erstmals in der Geschichte erreichen Menschen den Meeresboden unter dem Nordpol." Das dänische Außenministerium reagierte prompt: „Das nehmen wir sehr gelassen und mit Humor. Für die juristische Durchsetzung völkerrechtlicher Ansprüche hat das nicht die geringste Bedeutung.“ Während der dänische Wissenschaftsminister von einer „Provokation“ sprach. Ganz offensichtlich sind hier durchaus nationale Interessen betroffen. Die offensichtliche Parallele zur amerikanischen Flagge auf dem Mond wurde indes nicht thematisiert.

Dabei geht dass Interesse an der Region weit über die Anrainerstaaten hinaus.

Dies zeigt die Erweiterung des Arktischen Rates 2013. Seitdem gehören unter anderem China, Indien, Japan und Südkorea und auch Deutschland als Beobachter dazu und machen deutlich, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Arktis deutlich über deren Situation als Rohstofflagerstätte hinausgeht. Während Deutschland immer wieder den Schutz der Arktis und eine nachhaltige Entwicklung der Region betont, sprechen die „Leitlinien zur deutschen Außenpolitik“ des Auswärtigen Amtes eine deutlichere Sprache und betonen das "große ökonomische Potential" der Region und die sich bietenden Perspektiven für die deutsche und europäische Wirtschaft.

Entsprechend des großen Interesses kommt es auch immer wieder zu martialischen Gesten und Säbelrasseln, vor allem zwischen Russland und der NATO. Dennoch scheint eine militärische Eskalation im hohen Norden in erster Linie ein mediales und politisches Schreckgespenst zu sein, das politischen Druck schaffen, innenpolitisch Stärke zeigen und wirtschaftliche Kompromisse notwendig machen soll. Da die Mehrheit der natürlichen Rohstoffe auf eindeutig russischem Gebiet liegt, geht es also in erster Linie darum wie und mit wem Russland den zu erwartenden Reichtum teilen wird und welche internationalen Partner bei der Erschließung der Region herangezogen werden. Dass dies geschieht, belegen erste Kooperationen von Gazprom und Rosneft mit Statoil, Total und BP.

Ein heißer Krieg in der Kälte wird damit unwahrscheinlich, insbesondere ein Stellvertreterkrieg nach syrischem oder dem ukrainischem Beispiel – es gibt schlichtweg keine Bauern auf dem dünn besiedelten Schachfeld. Eine offene Konfrontation aber ist mehr als unwahrscheinlich.

Quellen:  

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/in-4261-metern-tiefe-russen-setzen-fahne-am-nordpol-a-497827.html

https://www.srf.ch

http://www.zeit.de/online/2007/32/russland-nordpol

Bilder: @depositphotos 

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