Antisemitismus und die Praxis in der Kunst. Gastkommentar

Dienstag, 23. Januar 2018

Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière möchte in der nächsten Bundesregierung einen Antisemitismusbeauftragten einsetzen. Und er begründet dies mit der zunehmenden Gewalt gegen Juden in Deutschland

Jede antisemitisch motivierte Straftat sei schon eine zu viel und eine Schande für Deutschland, meint der Innenminister, und ein unabhängiger Expertenkreis „Antisemitismus“ der Bundesregierung hat im April 2017 die gleiche Forderung geäußert. Dieses Gremium hat in seinem Bericht festgestellt, dass Internet und soziale Medien zu zentralen Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und antisemitischer Hetze geworden sind.

Von Prof. Dr. h.c. Bernd Weikl

Thomas de Maizière fordert auch ein härteres Vorgehen gegen Demonstranten, die Israel-Fahnen verbrennen. Es sei das symbolische Vernichten des Existenzrechts eines Landes. „Hier sollte wenn möglich polizeilich eingegriffen werden", äußerte sich der Innenminister. Bei Kundgebungen gegen Israel wurden Flaggen mit einem Davidstern verbrannt und Parolen wie "Kindermörder Israel" und "Tod Israel" skandiert. Nach derzeitiger Rechtslage kann jedoch gegen Fahnenverbrennungen nicht ohne weiteres vorgegangen werden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte sich daher für Gesetzesänderungen ausgesprochen, um antisemitische Kundgebungen von vornherein untersagen oder im Verlauf schnell auflösen zu können. Der Staat müsse mit allen Mitteln des Rechtsstaats dagegen einschreiten, meint der Innenminister am 17. Dezember 2017 in ZEIT ONLINE.

Mit allen Mitteln des Rechts?

„Mehr Bildung!“ Das haben sich alle politischen Parteien im Bundestag auf die Fahnen geschrieben und meinen damit das Studium von Algorithmen und damit der Digitalisierung aller Lebensbereiche. Von emotionaler, eben psychischer Bildung ist nie die Rede. Geht es um Integration von Asylbewerbern, die nicht selten ihre Judenfeindschaft fälschlicherweise aus ihrer Religion beziehen, so sollen jene neben Deutschkenntnissen auch unsere Kultur kennenlernen. Theaterbesuche bieten sich an. Viele der Flüchtlinge stammen aus Ländern in denen es weder Oper noch Schauspiel gibt und in denen Frauen – oft spärlich bekleidete oder nackte – öffentlich auf Bühnen gezeigt, völlig verboten sind. 

Der staatliche Auftrag zur emotionalen Bildung 

Bezüglich der Theater wird z. B. in der bayerischen Verfassung in Artikel 131,1-3 gefordert: „Bildung soll (...) auch Herz und Charakter erreichen und die Ehrfurcht vor der Würde des Menschen (...) Im Freistaat Sachsen wird es in Absatz 2.3 inhaltlich ebenso formuliert: „(...) Die musische, kulturelle Bildung ist ganzheitlich und hat daher erheblichen Einfluss auf das soziale Verhalten, auf die soziale Kompetenz, auf die Entwicklung demokratischer Haltungen und Strukturen.“ 

In seinen Schriften zur "Ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts" schreibt Schiller 1802: "Die Schaubühne ist mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staates eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele." Und in „Die Braut von Messina oder Die feindlichen Brüder, über den Gebrauch des Chores“, hat sich Schiller erneut dazu geäußert: „(...) Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuss verschafft“. Man bedenke: So modern äußert sich Schiller schon damals und wird heute durch wissenschaftliche Ergebnisse bestätigt.

Musiklernen. Pädagogische Auswirkungen neurobiologischer Grundlagenforschung. In: Scheidegger, Josef / Eiholzer, Hubert (Hrsg.): Persönlichkeitsentfaltung durch Musikerziehung. Aarau, 1997 S. 97–109. Miller, B. (2001): Gehirn, Sitz der Persönlichkeit, In: Spiegel online, 09. Mai 2001. Altenmüller, Eckart (2002): Musik im Kopf; in Gehirn & Geist, Nr. 1, S. 18-25 

Das erwünschte Ergebnis „bei höchstem Genuss“ führt zur  Ausschüttung von Glückshormonen in unseren „Grauen Zellen“. Das freudige Erlebnis unterstützt bei Rezipienten die im staatlichen Bildungsauftrag deutlich beschriebene und daher unbedingt erwünschte Persönlichkeitsentwicklung. 

Die Freiheit der Kunst nach Art. 5.3. GG gegen den Bildungsauftrag

Am 24. November 2014 und am 17. Februar 2015 heißt es im Schreiben der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft: „Kunst ist einer staatlichen Stil- oder Niveaukontrolle nicht zugänglich; die Anstößigkeit einer Darstellung nimmt ihr nicht die Eigenschaft als Kunstwerk (zu vgl. BVerfG, Beschluss vom 07. März 1990, I BvR 266|86, I BvR 913187, zitiert nach juris).

Für die Vergasung von Juden an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf am 04. Mai 2013, die dortigen Hakenkreuze und alle weiteren auf unseren Bühnen war damit der Weg frei.

Bayreuth unter dem Hakenkreuz 

Seit Jahrzehnten wird dort in diversen Regiekonzepten mit nationalsozialistischen Hinweisen bei der Umsetzung von Wagners Musikdramatik auf dessen Antisemitismus hingewiesen. Wurde vor Jahrzehnten vom Publikum noch dagegen protestiert, so wird beispielsweise der Regisseur Barry Kosky wegen seiner Vernichtung von Richard Wagner und seiner Oper, „Die Meistersinger von Nürnberg“  am 25. Juli 2017 in  Bayreuth frenetisch gefeiert. Er verkleidet den Stadtschreiber Beckmesser als jüdischen Dirigenten Hermann Levi (1839-1900), der dann auch während des langen Abends ständig von einer anderen Figur – die Wagner darstellen soll – über die Bühne laufen muss und dabei gemobbt wird. Das Bühnenbild überragt eine riesige jüdische Fratze. In WELT N24 am 10. August 2017

Das staatlich hoch subventionierte Schauspiel

Jan Küveler berichtet am 09. April 2016  in der WELT: „Am Münchner Residenztheater inszenierte Frank Castorf »Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk« von Frank Jaroslav Hasek. Wir lesen zur Aufführung: »...Bibiana Beglau...kippt Cola in einen Kanarienvogelkäfig und ruft : Ficki ficki ficki. Papa, Mama, Dutidutzi. Alle sind doof. Angela ist doof (...) Es geht um Sex mit Tieren. Der Mensch ist schlecht?...Blut und Sperma (...) Eine ausufernde Romanvorlage, möglichst aus der Feder von Verrückten, Säufern, Antisemiten (oder auch von verrückten saufenden Antisemiten)?“  

Und wie denkt der Regisseur Castorf darüber? „ich spucke auf alles, was mich umgibt, das habe ich in der DDR gelernt, und ich werde es auch nicht mehr ändern!“, formuliert er sein Credo und setzt – immerhin Berliner Kulturpreisträger 2016 – hinzu: „Ich kann im Theater machen, was ich will. Mir gefällt nicht, dass sich das Theater unserer Tage immer mehr nach Zuschauern, Kritikern, Kulturpolitikern richtet.“ Und in der Süddeutschen Zeitung vom 30. April / 1. Mai 2016. Dort äußert sich Castorf erneut: „ (...) Mich interessiert kein Bürgermeister und Kulturstaatssekretär (...) Ich habe immer gemacht, was mir gefällt...Mich interessiert unsere Gesellschaft heute überhaupt nicht (...)“. 

Die sehr fragliche Praxis in den Künsten ist ein Spiegel der Verrohung in der Gesellschaft. Das zeigt sich auch im anwachsenden Antisemitismus.

Welchen Eindruck von unserer Kultur erhalten Asylanten, in deren Heimat es oft gar keine Theater gibt oder auch aus religiösen Gründen Theaterbesuche nicht möglich sind? Haben sich unsere Politiker und die Theaterdirektionen nebst Regieteams schon einmal Gedanken darüber gemacht? Brauchen wir einen für Antisemitismus Bevollmächtigten? Oder sollten sich nicht besser Kultusminister, Damen und Herren Politiker mit dem Bildungsauftrag beschäftigen und mithelfen die weitere Verrohung unserer Gesellschaft wenigstens einzuschränken oder gar zu verhindern?

 

Info: Prof. Dr. h.c. Bernd Weikl wurde in Wien geboren. Als internationaler Opernsänger ist er über Jahrzehnte an allen großen Opernhäusern in Europa, Amerika und in Asien aufgetreten. Weikl ist Hamburger, Bayerischer und Österreichischer Kammersänger, sowie Ehrenmitglied der Staatsoper Wien. 

(Orthographie und Interpunktion des Autors wurden beibehalten)

Bilder: @ Bernd Weikl @depositphotos

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