Terrorgefahr lauert um die Ecke

Mittwoch, 5. April 2017

Besteht die Gefahr, dass Terroristen an Massenvernichtungswaffen kommen könnten? Oder eine schmutzige Bombe bauen?

@depositphotos

Prof. Götz Neuneck, Stellv. Wissenschaftlicher Direktor des IFSH (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg) im Gespräch mit World Economy

Götz Neuneck:

Diese Diskussion ist schon relativ alt. Sie ist nach 9/11 intensiv geführt worden. Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Wenn es um Massenvernichtungswaffen geht, dann geht es für gewöhnlich um biologische, chemische oder nukleare Waffen. Das sind festgelegte Kategorien. Es hat auch schon Anschläge gegeben bei denen Chemiewaffen eingesetzt worden sind, auch biologische Waffen, durch die Aum-Sekte, zum Beispiel. Das hat aber nicht gut geklappt. Man braucht ein spezielles Wissen und man braucht eine bestimmte Methode der Ausbreitung. Ausschließen kann man einen Anschlag nicht, weil bestimmte Materialen teilweise allgemein verfügbar sind, und für bestimmte medizinische oder industrielle Zwecke verwendet werden oder weil man im Laufe der Zeit Informationen erhalten hat, wie man so etwas herstellen kann. Die Frage ist, ob es einem nützt, ob es in das Portfolio der Terroristen passt. Da sind Massenvernichtungswaffen für gewöhnlich nicht besonders passend. Zum einen kann man ihre Wirkung nicht genau beeinflussen und zum anderen sind sie nicht ganz so spektakulär wie Schießereien und Sprengstoffanschläge. Das Risiko, dass es nicht funktioniert ist auch sehr hoch. Trotzdem sollte man es natürlich nicht ausschließen, weil es - vor allen Dingen in den industrialisierten Gesellschaften - Materialien gibt, die dafür verwendet werden können. Die Frage nach einer „schmutzigen Bombe“ wurde auch oft diskutiert. Im Wesentlichen geht es beim Nuklearterrorismus um die verschiedenen Möglichkeiten, die vorhanden sind, einfach aufgrund der vorhandenen radioaktiven Materialien. Eine Nuklearwaffe selbst herzustellen, ist für eine Gruppe schwierig. Es bedarf sehr viel Koordination und sehr viel Input. Es bedarf vor allen Dingen waffenfähigen Materials und daran muss man erstmal kommen. Selber herstellen kann man das nicht. Man muss es irgendwo stehlen oder auf dem Schwarzmarkt kaufen. Es hat natürlich schon Versuche gegeben so etwas aufzudecken. Bisher ist man da nicht sehr erfolgreich, aber das Risiko ist schon da. Genau so, wie das Risiko da ist, dass man durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kommt oder durch einen Unfall, oder eben durch einen Terroranschlag. Bisher war dieses Risiko sehr gering. Trotzdem kann man das nicht ausschließen und es wird eine Gefahr bleiben, solange diese Materialien nicht sicher sind, sicher aufbewahrt werden und es skrupellose Menschen gibt, die in der Lage sind so etwas tatsächlich einzusetzen. 

WE: Sagen wir, die Terroristen gelangen an einiges Material aus dem medizinischen Bereich, packen es einfach in einen Sprengstoffkoffer und sprengen diesen irgendwo auf einem Hauptbahnhof. Ist das schon eine schmutzige Bombe?

Götz Neuneck:

Man muss erst mal unterscheiden. Da gibt es den Nuklearsprengsatz, der eine riesige Zerstörungskraft hat, im Besitz vom Militär ist und eigentlich extrem gut bewacht wird. Eine Schmutzige Bombe ist etwas anderes. Da mischt man einfach radioaktives Material in einem Sprengkopf mit einem konventionellen Sprengstoff und verteilt dieses Material. Es gibt also keine Kettenreaktion, keine Spaltung, keine große Explosion mit Pilzwolke, sondern das Verteilen von radioaktiven Substanzen. Erst mal sieht man das natürlich nicht, man sieht nur eine Explosion. Ich persönlich neige nicht dazu Tipps zu geben, wie so etwas aussieht. Man hat auch bisher schmutzige Bomben eher nicht eingesetzt, obwohl die Anzahl der Materialien, die in der Medizin und der Industrie vorhanden sind, nicht gerade gering ist. Aber auch das verwendete radioaktive Material muss man genau präparieren, man muss wissen, welchen Grad an Radioaktivität das hat et cetera. Es würde tatsächlich bedeuten, dass, wenn so etwas passiert, zunächst niemand ums Leben kommen würde, es sei denn durch die Explosion selbst. Aber es würde natürlich ein bestimmtes Gebiet radioaktiv verseucht werden.

 Das wäre ein großes Problem, weil die Menschen da nicht mehr hin gehen würden. Man hat das simuliert, es gibt diverse Modelle, die das durch gespielt haben. Auszuschließen ist es eben auch hier nicht, solange dieses Material verfügbar oder verkaufbar ist.

WE: Vor Kurzem wurden in Deutschland fünf Atomkraftwerke evakuiert, weil angeblich ein Flugzeug ohne Erkennungszeichen in den deutschen Luftraum eingedrungen ist. Das zeigt, dass man die Problematik in Deutschland durchaus ernst nimmt. Ist es wirklich möglich, dass ein kleines Flugzeug ernsthafte Schäden an einem Atomkraftwerk verursachen kann?

Götz Neuneck:

Das ist in der Tat die dritte Möglichkeit eines nuklearen Terrorismus. Nuklearexplosion - Atomwaffe, Schmutzige Bombe und die dritte Möglichkeit - ein direkter Angriff auf eine Anlage, zum Beispiel ein Atomkraftwerk, in der die Radioaktivität kontrolliert behandelt wird. Auch das ist diskutiert und untersucht worden. Im Wesentlichen hängt alles davon ab, ob das Flugzeug letztlich die Betonhülle - das Containment - durchdringen kann oder nicht. Es ist möglich und so lange es möglich ist, ist das Risiko groß. Nicht, weil die Eintrittswahrscheinlichkeit groß ist - die ist vermutlich relativ gering. Aber die Wahrscheinlichkeit ist da, dass jemand auf diese Idee kommt und es tatsächlich mal schafft. Daher ist es besser und sicherer, wenn man so eine Warnung hat, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen und das Kraftwerk abzustellen. Es ist letztlich eine Frage der Berechnung, der physikalischen Überlegung, dass ein Gegenstand - in diesem Fall ein Flugzeug, das sehr leicht ist - meines Erachtens nicht dazu in der Lage ist.

 Das muss man sich aber schon sehr genau ansehen und das wird für gewöhnlich nicht in der Öffentlichkeit gemacht. Es müsste ein größeres Flugzeug sein. Aber auch da hängt es von Bautyp ab, davon wo es aufprallt. Aber ich will da, wie gesagt, keine Tipps geben. Ausschließen kann man es nie. Angesichts gewaltbereiter Täter gibt es immer das Risiko, dass jemand tatsächlich auf so eine irrsinnige Idee kommt. Deswegen hat die Obama-Administration, beispielsweise, Sicherheitsgipfel abgehalten, um das Material zu sichern, die Sicherheitsstandards zu erhöhen und das als möglichen Eventualfall einzubeziehen, zu analysieren und auch, um Gegenmaßnahmen zu diskutieren. 

WE: Die größten Nuklearmächte - Russland und die USA - driften immer weiter auseinander. Was sollte aber grundsätzlich unternommen werden, um die Gefahr zu minimieren? Könnten beide Länder gemeinsam mehr erreichen, sollten sie zusammenarbeiten?

Götz Neuneck:

Man sieht an Fukushima, dass eine Nuklearkatastrophe ein Land zutiefst beeinflussen kann und dass ein schwerer Zwischenfall, eigentlich auch national, nicht alleine zu tragen ist. Sie sehen allein nach der Ausbreitung der Radioaktivität im Meer, hat es in Japan, den USA und Europa Diskussionen gegeben. Die Länder müssen auf diesem Sektor zusammen arbeiten. Die nukleare Sicherheit ist wesentlich und eigentlich funktioniert das besser, wenn man miteinander kooperiert. Unglücklicherweise, sind die Beziehungen zwischen den USA und Russland, auf Grund einiger Verspannungen in der Vergangenheit - wie der Ukrainekrise - unkooperativ. Russland hat den Vertrag über das Plutonium-Management mit den USA gekündigt. Das sind alles keine guten Zeichen. Sie könnten viel mehr machen. Gemeinsame Übungen, Expertenkommissionen, Frühwarnung, mehr Bewusstsein in der Bevölkerung oder den Operateuren schaffen, größere IAEA-Programme, so dass wir Standards haben, solche Eventualfälle mal üben. Cyberangriffe auf Atomkraftwerke - wichtiges Thema. All das könnte man gemeinsam viel besser machen als alleine, aber oft gibt es politische Barrieren, die das nicht zulassen. Ich kann nur hoffen, dass die Präsidenten Putin und Trump sich bei ihrem ersten - hoffentlich schnell statt findendem Treffen - auf irgendwelche zentralen Fragen einigen, wo sie auch gemeinsame Interessen haben. Und die nukleare Gefahr sollte zum gemeinsamen Interesse zwingen. 

WE: Herr Professor Neuneck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

Bilder: @depositphotos 

Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. 

Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3
(1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“