Na, Chochly, seid ihr etwa sauer?

Donnerstag, 17. August 2017

Wie sich nun herausstellt, war das Wort „Žid“ in der Ukraine schon immer nur positiv besetzt. Fast wie ein Lob…

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Es war der hinterlistige russische Einfluss, der es in eine Beleidigung verwandelt hat, meinen Wissenschaftler von der Lesya Ukrainka East European National University. 

(https://konkurent.in.ua/news/luck/17348/ci-mozhna-v-ukrayini-yevreyiv-nazivati-zhidami-.html)

Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Chefredakteur World Economy

Diese unsäglichen Behauptungen stellte erst vor kurzem Jurij Gromik vor, der Dekan der philologischen und journalistischen Fakultät. 

Das Wort „Žid" war ursprünglich ein durch und durch nettes, so die ukrainischen Wissenschaftler. 

Übersetzt aus dem Altjüdischen bedeute es „Der Erwählte“. Darüber hinaus hat man die Juden in der Ukraine immer sehr gemocht und nie beleidigt.

An dieser Stelle eine kurze Erklärung. Wie im Deutschen „Jidden“ so hat auch das Wort „Žid“ im slawischen Sprachraum einen sehr beleidigenden und erniedrigenden Klang. Das hat damit zu tun, dass sowohl in der russischen als auch in der ukrainischen Sprache das Judentum und die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk mit dem Wort „Ewrej“ (Jude) bezeichnet werden. Und das auch ohne jeglichen Bezug zur Religion. Ein Jude - ist ein Mensch, der in einer jüdischen Familie geboren wurde und damit zum jüdischen Volk gehört. Seine religiösen Ansichten spielen dabei nicht die geringste Rolle. So wird der Begriff „Jude“ auch heute noch in der Ukraine, aber auch im restlichen Postsowjetischem Raum gedeutet.

Žid dagegen, ist ein beleidigendes, erniedrigendes, vernichtendes Wort, das ausschließlich im antisemitischen Kontext benutzt wird. Niemals in der neueren und neuesten jüdischen Geschichte der letzten mindestens 300 Jahre war das Wort „Žid" unter Ukrainern positiv besetzt. 

Die „Entdeckungen“ der ukrainischen Wissenschaftler und deren hilfloser Versuch den negativen Klang dieses Wortes einem angeblichen russischen Einfluss zuzuschreiben, entbehren jeglicher historischer oder faktischer Grundlage. Anders, als einen Versuch den ukrainischen Antisemitismus zu retuschieren, können diese pseudowissenschaftlichen „Erkenntnisse“ nicht gewertet werden. 

Der Kobsar über den „Žid“

Ein altes chinesisches Sprichwort besagt, dass man keine schwarze Katze in einem dunklen Zimmer suchen sollte. Vor allem, wenn die Katze gar nicht drin ist. Der Antisemitismus und die abwertende Verwendung des Wortes „Žid" sind nicht nur eine ukrainische „Tradition“, sondern sie gehören zum kulturell-nationalen Alltag und auch zur ukrainischen Folklore.

Огонь i свiтить на всю хату,

В кутку собакою дрижить

Проклятий жид; конфедерати

Кричать до титаря: "Хоч жить?

Скажи, де грошi?“

Той мовчить.

Übersetzung:

(Ein Feuer erleuchtet das ganze Haus. 

In der Ecke zittert wie ein Hund 

der verfluchte Žid - Man brüllt ihm zu: 

„Willst du Leben? Sag’ wo das Geld ist?“

Er schweigt.)

Das ist nur eine Strophe aus dem Gedicht „Gajdamak“ aus der Feder des großen ukrainischen Schriftstellers und Dichters Taras Schewtschenko, genannt Kobsar, geschrieben im Jahr 1838. Es gibt von ihm kaum ein Werk, das ohne das Wort „Žid" auskommt.

Von Schewtschenko zu der rechtsradikalen Partei „Swoboda“

Anscheinend werden Wissenschaftler in der Ukraine dazu benutzt diese ganze antisemitische Partie zu rechtfertigen, die mit der Verherrlichung von Stepan Bandera ihren Anfang genommen hat. Immerhin war die von ihm angeführte OUN  (rechtsnationalistische freiwillige ukrainische Armee aus den Zeiten des II WK) für das Auslöschen von tausenden jüdischen Leben verantwortlich. Erst vor kurzem wurde mal eben eine Geschichte aus dem Hut gezaubert, nach der Roman Schuchewitsch, einer von Banderas Kameraden, ein jüdisches Mädchen gerettet haben soll. 

Vor etwa 20 Jahren erklärte mir Wolf-Rüdiger Hess, der Sohn des Nazi Nr. 3 Rudolf Hess, dass sein Vater nichts mit Wannseekonferenz und der „Endlösung der Judenfrage“ zu tun haben konnte. Immerhin, hatte er die Familie von Thomas Mann vor dem Konzentrationslager bewahrt, so Wolf-Rüdiger Hess.

Ja, kann sein, dass sechs Menschen von ihm gerettet wurden. Aber sechs Millionen andere wurden in die Öfen der Konzentrationslager geschickt. 

Auch der heutige ukrainische Nationalismus und Antisemitismus kamen nicht erst gestern auf die Welt und keine Bemühungen von Pseudowissenschaftlern werden je darüber hinwegtäuschen können. Die sogenannten Experten lassen sich sogar zu der Aussage hinreißen, dass „Židi“ in der Ukraine dermaßen gemocht würden, dass es völlig in Ordnung wäre, Ukrainer als „Chochly“ zu bezeichnen.

In den Weiten des Internets lässt sich mit Leichtigkeit ein Auszug aus der Rede des Ideologen und Parteiführers der rechtsradikalen, antisemitischen Partei „Swoboda“, Oleh Tjagnibok, finden:

„…Die stinkenden Židi und Moskowiten hätten schon längst an der Wurzel gepackt und aus unserer ukrainischen Erde entfernt werden sollen…“

(Zeitung „Kiewskij Vestnik“, vom 26.06.2007)

In Deutschland schweigen Menschenrechtler, Liberale, Christen und all die sonst so lautstarken Beschützer der Demokratie, als würden sie den nationalistischen und antisemitischen Hexensabbat in der Ukraine gar nicht sehen können und wollen.

Mir bleibt deshalb nichts anderes übrig, als ganz positiv besetzt zu fragen:

„Na, Chochly, wie gehts denn so? Seid ihr etwa sauer?“

Info:

Žid, Židi - eine beleidigende, erniedrigende Bezeichnung für Juden im slawischen Sprachraum.

Chochol, Chochly - eine beleidigende, erniedrigende Bezeichnung für Ukrainer im slawischen Sprachraum

Die Redaktion von World Economy verurteilt ausdrücklich jegliche Form von Diskriminierung, Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie.

Die oben im Text angeführten Beispiele sollen die Unsäglichkeit einer solchen Alltagsdiskriminierung aufzeigen und geben in keiner Form die Meinung oder den üblichen Wortschatz der Autoren wieder.

Bilder: @depositphotos @wikimedia

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