Man sollte eine Vierer-Achse schaffen: Paris-Rom-Berlin-Moskau

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Interview mit Vittorio Torrembini, dem Vize-Präsidenten der Assoziation Italienischer Unternehmer in Russland (GIM-UNIMPRESA) über die EU-Sanktionen gegen Russland und die Rolle Italiens in diesem Konflikt

WE: Haben die Sanktionen, die von der EU gegen die Russische Föderation verhängt wurden, Ihr Ziel erreicht?

Vittorio Torrembini:

Ich meine, dass damit gerade teilweise die Probleme gelöst wurden, die Russland gehabt hat. Russland, das vorher nie auch nur daran gedacht hatte die regionale Produktion zu steigern oder gar zu entwickeln, hat sich bewegt und zwar nach vorn. Dagegen haben die Sanktionen den Wirtschaften so einiger europäischer Länder sehr gut geschadet. Allen voran Deutschlands, aber auch Italiens, Frankreichs und auch anderer. Das ist mein Eindruck. 

WE: Wenn wir von Italien sprechen, wie sehen dann die Verluste aus? Geht es nur um Geld oder gingen auch Arbeitsplätze verloren?

Vittorio Torrembini:

Es geht um sehr viel Geld. In Italien haben wir etwa 40% der heutigen Exporte verloren, unsere Exporteinnahmen sind von zehn auf sechs Milliarden geschrumpft. Also haben wir genau vier Milliarden bei den Exporten verloren. Das kostet natürlich auch Arbeitsplätze. Ich kann da keine genauen Zahlen nennen, aber sie können sich vorstellen, dass Verluste von vier Milliarden bei den Exporten nicht spurlos am Arbeitsmarkt vorbei gehen können. Das sind etwa 100-150 Tausend verlorene Arbeitsplätze in Italien. Darüber hinaus haben wir uns der Möglichkeit beraubt neue Betätigungsfelder zu erschließen. Das wird in Deutschland vermutlich anders sein, aber gerade Italien hat die Möglichkeit verpasst neue Investitionen zu tätigen. Wir haben früher viel in Russland investiert, aber in den letzten drei Jahren ist die Tendenz eher fallend. 

WE: Könnte Italien sich in der Frage nicht vielleicht mit Deutschland zusammen schließen? Es gab doch früher durchaus die Achse Rom-Berlin-Moskau. Jetzt hört man aber gar nichts mehr darüber.

Vittorio Torrembini:

Leider wurde dieses Dreieck nicht wieder hergestellt. Ich halte das allerdings für die vielversprechendste Perspektive. Man sollte sogar ein Quadrat daraus machen: Paris-Rom-Berlin-Moskau. Wenn wir diese Kontakte wieder herstellten, dann bin ich mir sicher, dass es in der Wirtschaft wieder bergauf gehen wird. Aber auch vom politischen Standpunkt aus. Und wenn die Amerikaner mitkriegen, dass wir dabei sind, dieses Viereck wieder herzustellen, dann würden sie ihre Position auch etwas überdenken müssen. 

WE: Italien gehört zu den Ländern, die am meisten von der Migrationskrise getroffen wurden. Ist eine Lösung dieses Problems in Sicht? Wie steht man dazu in Italien?

Vittorio Torrembini:

Das ist ein großes Problem für ganz Europa und ein riesiges für Italien. Fakt ist, dass in letzter Zeit praktisch alle aufgenommen werden. Deutschland hat fast alle Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Ein Großteil dieser Menschen gehört zur Mittelschicht, zu den „Qualifizierten“. 

Italien dagegen nahm Flüchtlinge aus Afrika auf, die ein ganz anderes Qualifizierungs- und Bildungsniveau mitbringen. Für Italien ist es daher eine brennende soziale Frage, noch brennender als es in Deutschland der Fall ist. 

Die Flüchtlingsfrage ist für ganz Europa eine sehr große Herausforderung, die schon längst hätte angegangen werden müssen. Das ist leider nicht passiert, weil alle gedacht haben, dass die Flüchtlinge einfach in Italien bleiben würden. Das war falsch.

So wird diese Frage nun ganz Europa beschäftigen müssen. 

Bilder: @depositphotos 

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