„Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Teil II

Freitag, 28. April 2017

Fand der Dschihad des letzten Jahrhunderts im Nahen Osten, Afghanistan oder Tschetschenien, also den Heimatländern der Kämpfer statt, wird er nun immer mehr in die Heimatländer der „Feinde“ getragen

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Dabei spielen auch Frauen im zunehmenden Maß, vor allem was Anschläge in der Russischen Föderation angeht, eine zentrale Rolle. An den meisten Anschlägen, die Ende des letzten, Anfang dieses Jahrhunderts begangen wurden - Flugzeugexplosionen, Anschläge auf die Moskauer Metro, die Geiselnahme im „Nordost“-Theater - waren teils sehr junge Frauen beteiligt.

Dr. Gabriel Burho, Politologe, Autor bei World Economy

Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Journalist

„Schwarze Witwen“, deren Ehemänner im Laufe der Kämpfe im Kaukasus umgekommen waren.Viele Zeugen berichten, dass diese Frauen vor dem Tod ihrer Männer weder fanatische Islamistinnen noch besonders religiös gewesen sein. Dennoch ist es ihren „Mentoren“ offensichtlich gelungen, sie auf deren Ideologie einzuschwören. Die Rache für den Tod des geliebten Mannes oder der Wunsch seinem Tod Sinn zu verleihen, mögen hier eine wichtige Rolle gespielt haben. Ein eindrückliches Beispiel für die Funktionsweise der Hydra und eine deutliche Botschaft in beiden Kommunikationssträngen. Auf der Ebene der primären Kommunikation: Ihr müsst den Tod eines geliebten Menschen nicht tatenlos ertragen! Auf der Ebene der sekundären Kommunikation: Jeder unserer Kämpfer den ihr tötet, produziert weitere, die gegen Euch kämpfen!

Die Dschihadistische Hydra

Die Attentäter in Europa waren ganz anders. Junge, ultra-religiöse Männer, nehmen wir die Anschläge von Madrid. Die Explosionen fanden 911 Tage nach der Katastrophe von 9/11 statt. Die Organisatoren haben sich die Symbolik zunutze gemacht - in diesem Fall: Zahlen und Daten. Übrigens fand der Terroranschlag in London am 22. März statt - genau ein Jahr nach den Explosionen in Brüssel. Hier wird die geschickte Nutzung von Symbolen deutlich. Es handelt sich um psychologische Kriegsführung. Den potentiellen Unterstützern wird die Macht der Organisation vor Augen geführt und die angegriffenen Gesellschaften werden an die blutige Vergangenheit und damit die eigene Verwundbarkeit erinnert.

Es entsteht ein unterbewusstes Gefühl von Unruhe, Zukunftsängste kommen auf. Bei besonders Empfindsamen können solche Übereinstimmungen von Daten und Zahlen Depressionen und Paranoia hervorrufen oder gar Verfolgungswahn, Klaustrophobie und soziale Ängste auslösen. Der Teufelskreis aus Gruppenbildung und Ausgrenzung beginnt. Der heutige „durchschnittliche“ Terrorist (der Ausführende, seine Auftraggeber werden bei einer anderen Untersuchung das Thema sein) ist ein relativ junger Mann, der sich dem radikalen Islam verschrieben hat. Für ihn ist die Ausübung eines Terroranschlags - eine Wohltat, die er zu Ehren des Propheten ausführt. Dies meist ohne eine tiefgehende Beschäftigung mit den theologischen Grundlagen seiner Annahmen. Er ist sich sicher, dass er, wenn er Ungläubige tötet, sofort ins Paradies kommt. 

Ein bekannter Berliner Psychiater, der oft mit Tätern gesprochen hat, die für ihre Terrorplanung in Deutschland verurteilt wurden, erzählte von einem interessanten Fall. Während des Gesprächs sagte der gefangene Terrorist, dass man, wenn man zu einem Terroranschlag aufbricht, unbedingt einen Löffel und eine Gabel dabei haben sollte. Auf die Frage: „Warum?“ antwortete er: „Wie denn sonst? Ich werde nach der Explosion ins Paradies kommen und dort wird ein Tisch mit unglaublichen Delikatessen gedeckt sein…“  Dabei hatte dieser Patient, nach den Worten des Psychiaters, einen durchaus hohen persönlichen Intelligenzquotienten. 

Die Methoden der Terroristen werden immer einfallsreicher.

Die verängstige Bevölkerung, aufgeheizt durch zahlreiche Kaffeesatzleserei von „Experten“ fragt sich: Was, in aller Welt, können die sich denn noch einfallen lassen? 

Flugzeuge gesteuert in Wohnhäuser, ein Lastwagen in eine Menschenmenge, ein Mörder mit einer Axt, Explosionen in Zügen - das hat es alles schon gegeben. Die Methoden der Terroristen werden immer einfallsreicher, aber auch die Geheimdienste und die Sicherheitsstrukturen halten Schritt. Es werden neue Abteilungen geschaffen, verschiedene Situationen durchgespielt und adäquate Gegenmaßnahmen geübt. 

Die rasante Entwicklung neuer Technologien und Kommunikationswege zwingt uns aber einige neue Arten des Terrors in Betracht zu ziehen. Einerseits, wollen wir als Autoren den Ideologen natürlich keine Tipps geben, aber andererseits: wer gewarnt ist, ist gewappnet. 

Geht man davon aus, dass die Terroristen den größtmöglichen Effekt erreichen wollen, in dem sie bei der Bevölkerung eine Massenpanik auslösen, dann muss man wohl an Plätzen mit großen Menschenansammlungen suchen. Bahnhöfe, Flughäfen waren schon Ziele von Terroranschlägen, allerdings sollte man anmerken, dass alle diese Ziele eines gemeinsam haben - sie sind alle relativ gut von außen gesichert. Die Zufahrten sind mit Sicherheitskameras versehen, dicke Wände, das Dach, Wachleute in den Flughafengebäuden - das alles schränkt die Möglichkeiten eines Terroranschlags mit vielen Opfern ein.

Es geht jetzt also um Objekte, die wenigstens von einer Seite nicht gesichert sind.Genauer: Objekte, die kein Dach haben. Das sind, beispielsweise, Fussballstadien, Straßenfeste, Straßenumzüge (wie die Loveparade etc.). Theoretisch ist der Luftraum eines Landes natürlich auch geschützt - durch seine Streitkräfte. Allerdings nur theoretisch, denn, seit es Drohnen gibt, die „unterhalb des Radar-Auges“ der Luftabwehr fliegen, ist der Himmel über uns gefährlich geworden. Eine Drohne kann schon ab 200-300 Euro problemlos im Laden oder Internet erworben werden. Und in den Händen eines fanatischen Terroristen wird sie schnell zu einer gefährlichen Waffe. 

Eine kleine Menge an „Plastid“- Sprengstoff, zusammen mit Nägeln und kleinen Metallkugeln in ein Röhrchen gepackt und an der Drohne befestigt - verwandelt sich in ein gefährliches Schrapnell-Geschoss. Der Terrorist muss keine Sicherheitsschleuse passieren, um die Bombe ans Ziel zu bringen. Er kann sie aus einer gewissen Entfernung in ein Stadion lenken. Nach einer, zwei Minuten erreicht die ferngesteuerte Drohne ihr Ziel, überfliegt die Außenwände, steuert auf die Tribüne zu… 

Es folgen eine Explosion, dutzende Tote, Verletzte. Den Rest erledigt die Massenpanik. Tausende Menschen werden zu den Ausgängen stürmen. Es könnte vierstellige Opferzahlen geben. Zynisch, aber gut und günstig für den Terror. Und der Terrorist hat sogar gute Chancen zu überleben und unerkannt zu fliehen. 

Cyber Terrorismus

Abdel Bari Atwans Buch „Das digitale Kalifat“ ist vor kurzem auf Deutsch erschienen und beschreibt eindrücklich die Professionalität, mit der der Islamische Staat das Internet als Propagandamittel und Waffe einsetzt. Der Hackerangriff auf die E-mail-Postfächer der US-Demokraten wird wie ein Spielzeugangriff aussehen, wenn die Möglichkeit besteht, dass Terroristen die modernen, computergesteuerten Atomkraftwerke angreifen könnten. 

Selbst angesichts der Tatsache, dass das Digitalnetz der Atomkraftwerke eine Innen- und Außenkontur hat, die physisch und digital nicht miteinander verbunden sind, bleibt diese Möglichkeit theoretisch wahrscheinlich, meinen die Experten für Cyber-Sicherheit. Man erinnere sich nur an den berühmten „Trojaner“, der das iranische Atomprogramm faktisch um einige Jahre zurück geworfen hat, indem er mehrere Zentrifugen zerstörte. Der so genannte „Menschliche Faktor“ macht es möglich. Selbst, wenn das innere Netz isoliert ist, dann braucht man nur einen passenden Menschen zu finden und anzuwerben, der Zugang hat und die Idee des weltweiten Dschihads unterstützt oder einfach sehr geldgierig ist.

Ein Computervirus ist auf einem winzigen Träger platzierbar und kann sich sogar unter der Zunge verstecken lassen - wie es die Häftlinge im Gefängnis oft machen. Innerhalb von Sekunden kann es das innere Netzwerk infiltrieren. Er muss nicht kompliziert kodiert sein, es reicht ein Miniprogramm, das in einer Befehlszeile die Eins gegen eine Null austauscht. Was kann dann passieren? 

Es kann die Versenkung oder Anhebung der Grafitstäbe tragisch verändern. Ein solcher Fehler, ausgelöst durch menschliches Versagen und nicht durch einen Virus, führte zu der Katastrophe von Tschernobyl. Ein plötzlich explodierender Reaktor, beispielsweise in Frankreich, wird das gesamte europäische Gebiet mit einer nuklearen Wolke bedecken, bis hin zur polnischen Außengrenze. Die Explosion und die nukleare Verseuchung sind aber nicht alles, was passieren kann. Es werden hunderttausende Menschen in Bewegung kommen, die auf der Suche nach Rettung aus Europa fliehen werden.

 Nun wird Europa nach Afrika flüchten und Hunger und Dürre dem radioaktiven Regen vorziehen. Die Ziele der Terroristen werden erreicht sein und, in dem auf den Anschlag folgenden Chaos, werden sie auch bei Ihrem Dschihad einen leichten Sieg davon tragen. Zugegeben, diese Szenarien klingen eher nach einem neuen Film von Roland Emmerich, aber eine gewisse Wachsamkeit ist notwendig. Funktionierte die nukleare Abschreckung dadurch, dass sowohl die NATO als auch der Warschauer Pakt rationale Akteure waren, die nicht bereit waren alles für ihre jeweilige Ideologie zu opfern, sieht es bei fanatischen Dschihadisten anders aus. Ein wichtiger Kern der IS-Ideologie ist der Bezug auf die islamische Apokalyptik. In vielen Publikationen des IS wurde betont, dass ein Sieg erst nach der totalen Niederlage der Muslime und des Kalifats erfolgen werde. Wenn Gott der einzige Richter ist, wird keine Tat undenkbar.

Jenseits dieser Horrorszenarien muss jedoch eines betont werden: auch ein Sieg über den Islamischen Staat wird dem dschihadistischen Terror kein Ende setzen – ggf. wird dieser zunächst sogar zunehmen. Bei aller Vorsicht der Sicherheitsbehörden werden nicht alle Taten verhindert werden können. Terrorismus ist ein Lebensrisiko geworden. Keines allerdings, das die Existenz unseres Staates, aber dafür unsere Lebensweise bedroht. Dann nämlich wenn wir uns auf dem Teufelskreis einlassen. Dann werden die Terroristen gewinnen.

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