HAUS RISSEN - seit 1954 überparteilich und unabhängig

Donnerstag, 18. Januar 2018

Dr. Philipp-Christian Wachs: „Wir genießen die Freiheit, dass wir unsere Themen selbst auswählen können.“

Dr. Philipp-Christian Wachs, Direktor des Instituts, im Gespräch mit World Economy

WE: Haus Rissen, ist etwas ganz besonderes. Sie arbeiten gleichzeitig für zwei unterschiedliche Gruppen. Einerseits sind Sie viel im Militärbereich unterwegs, andererseits sind Sie in den Schulen sehr vertreten - ein ganz anderes Gebiet. Wie kam es dazu? 

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Das sind zwei Teile unserer Tradition, die wir seit 64 Jahren haben. Das Haus wurde 1954 gegründet mit dem Auftrag, Jugend für Demokratie und Marktwirtschaft zu gewinnen und die Völkerverständigung zu fördern. Daraus hat unser Hausgründer zwei Dinge gemacht. Zum einen hat er die jungen Menschen mit den jungen Streitkräften identifiziert und daraus entstand unsere Rolle als einer der größten und ältesten Bildungspartner der Bundeswehr. Der zweite Teil ist, dass wir bis in die 80er Jahre Lehrerfortbildung betrieben haben. Als ich das Haus vor zehn Jahren übernahm, haben wir den Anspruch der Satzung in Bezug auf die Jugend neu und wörtlich genommen. Da haben wir gesagt, dass geopolitisches Wissen mit aller Schnittstellen-Kompetenz und dem, was uns jeden Tag umgibt, in die Schulen transportiert werden muss. Deswegen haben wir gesagt, wir bieten gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Kurse für Schüler an. Das ist neu, weil es diese Form von Fächern und Themenkombinationen in Deutschland nicht gibt. Sie können auch jetzt gerade im Haus sehen, dass etwa 100 Schüler in Geopolitik unterrichtet werden. Wir unterrichten mittlerweile knapp die Hälfte der Hamburger Schulen in der Oberstufe zu allen Gesellschafts-, Wirtschafts- und Politikfragen. 

WE: Welche Themen unterrichten Sie konkret?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Die Themenpalette reicht von wirtschaftlicher Grundausbildung, wie zum Beispiel dem Umgang mit Geld, bis hin zu Fragen zur Sicherheit und Frieden in Europa. Dort geht es um geopolitische Einflusssphären und zu lernen, wie bestimmte Staaten denken. Wie wird in Syrien und im Nahen Osten gedacht, wie wird in Deutschland gedacht, wie im Baltikum? Was denken die Engländer über den Brexit, was denken die Franzosen über Präsident Macron? Da liefern wir im Grunde eine interdisziplinäre Sicht der Dinge und erläutern den Schulen - in Ergänzung zu dem, was die Lehrer vermitteln - wie das tägliche geopolitische Leben aussieht, das die Jugendlichen umgibt. 

Und man muss dazu sagen, dass unsere Themenkompetenz im Haus die Kompetenz der Lehrer in den Schulen bestens ergänzt. Auch ein sehr guter Erdkunde-Lehrer wird einem Schüler, der syrische Wurzeln hat, nicht viel neues über den Nahen und Mittleren Osten erklären können. Wir können das mit unserer Expertise schon. Und können es in Ergänzung zu den Schulen mit interaktiven Formaten wie Planspielen, Rollenspielen, Debattierkursen und anderen Formaten umsetzen. Bei uns ist mehr Farbe im Unterricht, um es so auszudrücken. Deswegen sind wir für Jugendliche attraktiv.

Ein weiterer wichtiger Punkt: wir sind seit 1954 überparteilich und unabhängig. Die Überparteilichkeit und die weltanschauliche Neutralität sind unser wichtigster Glaubwürdigkeitsvorsprung. Nicht nur bei den Streitkräften, sondern auch und gerade bei Schulen. Sie können sich vorstellen, dass Geopolitik in Schulen etwas ist, das viele Lehrer nicht mit der Kneifzange anfassen, Bei uns mit unserer weltanschaulichen Neutralität erhalten die Jugendlichen Orientierungswissen und können sich zum Thema selber eine Meinung bilden. Wir geben keine Meinung vor, aber ermöglichen und ermutigen sie dazu, dass die Jugendlichen sich selbst eine Meinung zum Thema bilden können. Die Lage im Nahen und Mittleren Osten kann genauso dazu gehören, wie die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland oder die Grundprinzipien der sozialen Marktwirtschaft. 

WE: Aber Ihre Mitarbeiter gehören selbst durchaus den verschiedenen Parteien an?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Das ist richtig. Bei uns sind fast alle weltanschaulichen Richtungen vertreten, aber jeder von uns nimmt die Überparteilichkeit und Neutralität des Instituts sehr ernst. Selbst bei Themen wo eine weltanschauliche Färbung normal wäre, wird bei uns strikt weltanschaulich neutral unterrichtet.

WE: Muss dieser Unterricht von den Schülern bezahlt werden?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Die Schüler selbst müssen nur einen symbolischen Betrag beitragen. Die Schulen müssen den halben Seminarpreis bezahlen. Und den restlichen Betrag sammeln wir über dritte Quellen, wie Spender, große Stiftungen und andere Möglichkeiten.

WE: Wechseln wir nun von der Jugend, zu einem anderen Themenkomplex. Sie arbeiten sehr viel mit der Bundeswehr zusammen. So haben Sie die Entwicklungen in der Ukraine noch vor dem Ausbruch der Geschehnisse 2014 beobachtet. Nach welchen Kriterien suchen Sie die Themen aus? Werden Sie in irgendeinem Maße von den Geldgebern bestimmt, wählen Sie sie selbst aus?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Wir genießen die Freiheit, dass wir unsere Themen selbst auswählen können. Im Grunde beobachten wir mit unserem Sachverstand, unserem Themenradar, welche Themen heute, morgen und auch übermorgen aufkommen könnten. Und wir hören unseren Kunden zu. Wir hören Schulen genauso zu, wie den Streitkräften, die bestimmte Themeninteressen haben. Aufgrund unserer Kompetenz haben wir einen Blick darauf, welche Teile der Streitkräfte für welche Missionen in Frage kommen könnten. Bei einem Kommandeur, der seine Truppen nach Afghanistan oder Mali schickt, können wir ahnen, was er wissen wollen könnte. Das schlagen wir ihm vor, meist hat er noch andere Themenbedürfnisse, die wir dann auch decken. Wir arbeiten als thematischer Maßschneider, wenn Sie so wollen. 

WE: Das heißt, Sie können nicht nur die Themen, sondern auch die Inhalte bestimmen?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Wir können die Themen selbst wählen und wir legen die Inhalte - in Abstimmung mit unseren Kunden - selbst fest. Klar ist aber auch, wenn man beispielsweise eine deutsche Bundeswehreinheit auf den Einsatz im Baltikum vorbereitet, dann ist relativ klar, dass die Rolle Russlands, Polens und Deutschlands für die lokale Geschichte wichtig ist. Gerade die Lage und Position Russlands und vieles, was damit zusammen hängt, ist ein Thema, das die Soldaten betrifft. Die Themen werden also nicht aus der Luft gegriffen sondern aus unserem geopolitischen Verständnis vorgeschlagen. Der Auftraggeber folgt entweder unseren Empfehlungen oder er hat eigene Vorstellungen, was er selbst gerne hätte.

WE: Wie gehen Sie mit gewissen radikalen Tendenzen um, die bei einigen Themen zum Vorschein kommen können? Da geht es teilweise um den rechten oder linken Radikalismus, Antisemitismus. Das sind schwierige Themen, wie gehen Sie damit um?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Das sind natürlich Themen, die uns beschäftigen und die wir auch haben kommen sehen. Rechtsradikalismus und Populismen aller Art - so nennen wir das. Populismen gibt es von links und von rechts - wir analysieren mit den Schülern und genauso mit den Soldaten, welchen Argumentationsmustern das folgt. Wo kommen die Bilder her, die Populisten im Kopf haben, mit welchen Begriffen arbeiten sie? Wir versuchen, unseren Zuhörern argumentatives Rüstzeug zu geben, um sich mit Populismen von links und rechts auseinanderzusetzen. Meistens hilft es schon, an Begrifflichkeiten zu arbeiten, um sich mit Populismen auseinander setzen zu können. Wir geben damit keine Richtung vor, aber als gute Demokraten vermitteln wir das Rüstzeug, um sich aktiv damit auseinanderzusetzen. Wir halten nichts davon, Populisten und Populismen von vornherein abzuqualifizieren, sondern man muss sich aktiv und argumentativ damit auseinandersetzen. Das ist unser wichtigstes Prinzip.

WE: Haben auch solche Themen bei Ihnen einen Platz, die in einigen Bevölkerungsschichten recht verbreitet sind, aber gemeinhin als Verschwörungstheorien bezeichnet werden?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Wir adressieren diese Themen, weil sie auch an uns heran getragen werden. Wenn wir mit Verschwörungstheorien jeglicher Art konfrontiert werden, die von populistischer Seiner häufiger kommen, dann versuchen wir, diese Argumentationsmuster zu zerlegen und auch zu widerlegen. Ich habe mich schon selbst an vielen verschiedenen Stellen in öffentlichen Diskussionen mit Reichsbürgern und anderen Populisten auseinander gesetzt - das muss man tun. Das ist für mich Kommunikation 1.0. Ich habe viele Mitbewerber, die sich zu fein sind, solche Diskussionen zu führen - wir sind es nicht. Und wir adressieren auch bei eigenen Abendveranstaltungen das Phänomen der Neuen Rechten der Populisten und gehen ganz aktiv an diese Themen heran, weil wir mit unserer Überparteilichkeit und unserer Neutralität auch glaubwürdig dafür sind. 

WE: In Ihrer Vita ist zu lesen, dass Sie selbst ein Offizier sind und in einer Eliteeinheit gedient haben. Wie würden Sie die Situation einschätzen, wenn Sie sie von der Warte eines Schülers in Ihrem Hause betrachten müssten?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Ich glaube, ich wäre dankbar, dass man jenseits reiner Fächerstrukturen Wechselwirkungen betrachtet. Es ist in Deutschland so, dass es kein Schulfach „Wirtschaft“ gibt. Und was wir hier „Geopolitik“ nennen, wird über mehrere Klassenstufen und in verschiedenen Fächern unterrichtet. Das interdisziplinäre Zusammenblenden der Dinge, darauf kommt es ja eigentlich an. Und das hätte ich damals in der Schule gerne erlebt. Auch wenn ich guten Unterricht hatte, so ist die Welt doch heute komplexer als damals und ich hätte schon damals gern bereits zusammengeblendetes Wissen erlebt. Und: natürlich ist es so, dass wenn man selbst Stabsoffizier der Reserve ist, dann versteht man die Bedürfnisse der Truppe etwas besser. Und deswegen können wir mit unseren Formaten und unseren Themen auch sehr dicht an den Bedürfnissen der Truppe arbeiten.

WE: Nun nehmen an den Veranstaltungen in Ihrem Haus auch höhere Ränge teil. Können sie auch etwas neues für sich mitnehmen aus dem Unterricht oder müssen sie einfach ihre Truppen begleiten?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Sie sind meistens sehr gute und aktive Teilhaber. Wir haben bis hin zum Generalskreis von Großverbänden Seminargruppen, die sehr offen und auch sehr kontrovers mit uns diskutieren, weil sie den Raum schätzen, in dem man das auch jenseits von Hierarchien tun kann. Sowohl das Multinationale Korps Nord-Ost in Stettin mit seinem Generalskreis - der polnisch, deutsch, dänisch ist - hat hier drei Tage getagt, als auch das Erste Deutsch-Niederländische Korps aus Münster mit einem Generalskreis, der aus reinen Westmächten bestand - Frankreich, Schweden, Holland, Deutschland, Belgien. 

WE: Wie schätzen Sie als Leiter des Haus Rissen die sicherheitspolitische Lage in Europa, in der Welt ein? Welche Gefahren stehen heute nach Ihrer Meinung als erste auf der Tagesordnung?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Das sind mehrere Themen. Intuitiv würde ich sagen: das erste Thema ist, dass Europa sich darüber klar werden muss, welche Rolle und welche Interessen Russland hat. Ich glaube, für uns ist die Frage, was Russland in Europa tun wird, noch offen. Da müssen wir aufmerksam sein und es vermeiden, Russland ohne Not zu brüskieren.  

Das zweite Thema ist die Rolle Koreas im Fernen Osten - vor allen Dingen Nordkoreas Rolle als Atommacht. Und das Interessen-Dreieck China-Japan-Amerika und Nordkorea. Das ist eine Krise, bei der wir noch nicht in letzter Konsequenz absehen können, was daraus entstehen wird. 

Und das dritte große Thema: Das Pulverfass Mittlerer Osten. Ich glaube, der Nahe und Mittlere Osten bleiben ein Schauplatz von Stellvertreterkriegen, wo Saudi Arabien, Iran, die USA, Russland und andere mit ihren Kohorten rund um Israel irgendetwas tun. Auch das bleibt ein gefährlicher Raum, den ich sehe.

WE: Kann Deutschland dabei eine Mittlerrolle übernehmen?

Dr. Philipp-Christian Wachs:

Deutschland hat sich als Mittler in Richtung Iran durchaus erfolgreich präsentiert. Genauso wie in Europa kann und muss Deutschland da eine wichtige Mittlerrolle übernehmen. Gerade auch aufgrund der historischen Verpflichtung zu Israel. Im Fernen Osten sehe ich das nicht, weil Deutschland da kein Gewicht auf der geopolitischen Wage hat. In Europa schon, im Nahen und Mittleren Osten auch. 

WE: Herr Dr. Wachs, wir danken Ihnen für dieses interessante Gespräch.

Bilder: Haus Rissen

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