Gewalt auf dem Vormarsch

Freitag, 21. Juli 2017

Gewalt wird immer mehr zur Routine und gehört schon fast wie das morgendliche Zähneputzen zum Alltag. Terroristen sprengen Flugzeuge in die Luft, Antiglobalisten verwüsten die Hamburger Innenstadt, „Rechte“ zünden Flüchtlingsheime an.

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6000 Jahre, mehr als 14.000 Kriege und über 3 Milliarden Opfer. So könnte man die Geschichte der Menschheit, zumindest seit der Entstehung der frühen Hochkulturen, in Zahlen zusammenfassen. Zugegeben, eine sehr einseitige und düstere Zusammenfassung, aber eben doch eine richtige. Dabei weisen Primatenforscher darauf hin, dass Gewalt scheinbar keine „Erfindung“ des modernen Menschen sei, sondern auch bei unseren nahen Verwandten im Tierreich vorkommt. 

Dr. Gabriel Burho, Politologe, Autor bei World Economy

Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Journalist

Schimpansen gehen ebenfalls auf Feldzüge und führen Kriege. 

„Wenn sie Messer und Gewehre hätten – sie würden sie benutzen“, - sagt beispielsweise die bekannte Anthropologin Jane Goodall. Sogar frühe Formen der Religiosität scheinen bei den Primaten vorzukommen. Goodall verweist allerdings darauf, dass es wohl keine religiösen Konflikte gäbe, da solcherart ideologische Streitigkeiten ohne eine entwickelte Sprache kaum auftreten können. Ist es also nicht unsere grundsätzliche Fähigkeit bzw. Neigung zu Gewalt, die uns von den Tieren unterscheidet, sondern die Fähigkeit diese Gewalt ideologisch aufzuladen und zu unterfüttern? 

Der aktuelle Verfassungsschutzbericht stellt fest, dass die „Zahl der gewaltorientierten Extremisten in Deutschland im vergangenen Jahr deutlich angestiegen“ sei. Dabei sind es vor allem ideologisch motivierte Gewalttaten, bei denen eine starke Zunahme zu verzeichnen ist. Innerhalb der islamistischen Szene - hin zum dschihadistischen Salafismus, aber auch innerhalb der links- und rechtsextremen Szenen. Ersteres ist in diesem Jahr mit 28.500 gewaltbereiten Personen auf dem höchsten Stand seit 2012 und letzteres seit 2015 konstant steigend. So beunruhigend diese Feststellungen sind, so sehr gilt das alte Sprichwort, dass man lediglich den Statistiken glauben könne, die man selbst gefälscht habe. Straftaten sind nicht immer gleich Straftaten. So fließen etwa Verstöße gegen das Versammlungsgesetz (also das gegenseitige Stören von genehmigten Demonstration von Rechts und Links) ebenso in die Statistik ein wie Hausfriedensbruch (bspw. beim hissen von Fahnen und Plakaten an besetzten Häusern). Selbstverständlich handelt es sich hier um Straftaten, allerdings durchaus von anderer Qualität als beispielsweise ein Terroranschlag. Dabei soll es hier nicht um eine Relativierung gehen, sondern lediglich verdeutlicht werden, dass im politisch-ideologischen Bereich schnell eine Vielzahl von Straftaten entstehen kann, wenn die bestehende politische Ordnung sich qua Gesetz gegen Gruppen verteidigt, die sie beseitigen wollen. Für den einzelnen Bürger dürfte es indes als bedrohlicher erachtet werden, wenn die Gewalt über das Symbolische hinausgeht und sich gegen Sachen und Menschen richtet. 

Im Nachgang der G20 Proteste ist die Diskussion über bessere und schlechtere Gewalt sowie die Ursachen derselben im vollen Gange. 

Ebenso wie es keine international bindende Definition für Terroristen gibt – der Terrorist des Einen ist der Freiheitskämpfer des Anderen – ist es auch schwierig trennscharf zwischen Aktivisten (Gewalt für einen „guten“ Zweck) und Randalierern (Gewalt als Selbstzweck) zu unterscheiden. Die jeweilige politische Affiliation trifft hier die Vorentscheidung. Es ist die Aufgabe des Staates jede Gewalt – ohne Ansicht der politischen oder religiösen Weltanschauung -  gegen die Menschen unter seinem Schutz sowie deren Eigentum zu bekämpfen. Dabei muss die Gesellschaft - und das sind nicht nur die Handelnden in der Regierung – darauf drängen, dass der Konfliktaustrag einerseits ermöglicht wird, andererseits aber gemäß den geltenden Spielregeln verläuft.

Einer der Autoren stieß in den sozialen Netzwerken eine interessante Diskussion an, als er etwas provokativ die Frage stellte, was wohl in Hamburg passiert wäre, wenn nicht die Antiglobalisten sondern Rechtsradikale Brände gelegt, Eigentum zerstört und die Polizei angegriffen hätten? Eine vorgeschlagene Antwort war: „In diesem Fall hätten die Unruhen das ganze Land erfasst und zu einem Bürgerkrieg geführt“. Diese Antwort führte zu einer lebhaften Diskussion zwischen den Vertretern verschiedener politischer Spektren. So verlangte ein Leser, der der Partei „Die Grünen“ nahe steht, die Unterhaltung sofort zu beenden, da „die Polizei gerade aus letzter Kraft gegen diese miesen Typen kämpft“ und man „dafür beten muss, dass der Staat alles schnell wieder unter Kontrolle bringt.“ Es folgte sofort eine Antwort von „links“, dass die Proteste und auch die Gewalt ihren Ursprung in den Hartz IV Gesetzen haben und, dass „bürgerlicher Frieden unmöglich ist, wenn alle Prinzipien der Sozialen Gerechtigkeit von den Machthabern über Bord geworfen werden.“ Interessant, dass der „Grüne“ Diskutant zu einer sofortigen Beendigung der Gewalt durch die staatlichen Strukturen aufrief und sich vehement gegen einen möglichen Umsturz in Deutschland aussprach. Aber auf die Frage hin, warum die Verteidiger der staatlichen Ordnung seinerzeit die Straßenkämpfe auf dem Majdan unterstützt haben - die übrigens zu einem politischen Umsturz geführt haben - folgte von ihm keine Antwort mehr. Diese eher amüsante Diskussion zeigt jedoch ganz deutlich: das Verhältnis zur Gewalt hängt davon ab auf welcher Seite der jeweilige Diskutant steht. 

Damit sind wir auch wieder bei der historischen Betrachtung der Gewalt. Heraklit, der mit seinem Satz „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König; die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, einen zu Sklaven, die anderen zu Freien“ häufig falsch verstanden worden ist - meinte nämlich genau das. Für Heraklit ist Krieg mehr als der Kampf zwischen Menschen. Er versteht darunter das Ringen der Polaritäten, die er als Grundlage allen menschlichen Erfahrens und des Lebens selbst versteht. Aus diesen Polen, aus Synthese und Antithese entsteht gesellschaftliche Ordnung und Fortschritt. Dabei scheint heute den meisten Menschen, dass der Krieg bzw. die Gewalt ganz allgemein auf dem Vormarsch sind. In der Tat sah das vergangene Jahrhundert mit den beiden Weltkriegen und der entfesselten Zerstörungskraft neuer Waffen mehr Schrecken als in den Kriegen zuvor. Die technischen Fähigkeiten scheinen der ethischen Entwicklung der Menschen davon galoppiert zu sein, was auch Albert Einstein zu seinem berühmten Zitat veranlasste „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.“ 

Doch es gibt auch andere Stimmen: Steven Pinker, Professor für Psychologie an der US Elite-Universität Harvard, vertritt die gegenteilige These, dass die Menschheit sich global in einem Zivilisierungsprozess befände und Gewalt als Mittel der Konfliktaustragung global gesehen in den Hintergrund trete. Dabei geben ihm die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation recht: während sich die jährliche Mordquote im Jahr 2000 bei 8,8 je 100.000 Menschen befand, lag sie, Schätzungen zufolge, im Mittelalter im zweistelligen und in vor-staatlichen Gesellschaften im dreistelligen Bereich. Thomas Hobbes scheint also mit seiner These recht zu behalten: „Während der Zeit, in der die Menschen ohne eine gemeinsame Macht leben, die sie alle in Ehrfurcht hält, befinden sie sich in jenem Zustand, den man Krieg nennt.“ Dem allgemeinen Rückgang der Gewalt durch ein Fortschreiten der Zivilisation steht allerdings eine andere Wahrnehmung durch globalisierte Medien gegenüber. Zudem haben die letzten Jahre gezeigt, dass auch Staaten lange nicht so stabil sind, wie die Nachkriegsordnung des letzten Jahrhunderts sie verstanden hatte. Zudem sind sie längst nicht mehr die einzigen Akteure auf der Bühne der internationalen Politik. Der Zusammenbruch staatlicher Ordnung und Strukturen hat in vielen Ländern zu einem katastrophalen Zivilisationsverlust geführt und damit Gewalt sowie alternativen Ordnungssystemen (bspw. Religion – auch in ihrer radikalsten Auslegung) die Tore wieder weit geöffnet. Eingangs wurde erwähnt, dass Intelligenz und Sprache möglicherweise die Merkmale seien, die den Menschen vom Tier unterscheiden.Zum Guten wie zum Schlechten. Einerseits führen sie zu mehr ideologisierter Gewalt und zu Gräben zwischen Menschen und Ideologien/Religion, aber andererseits können es auch eben diese Fähigkeiten sein, die die Gräben zu überbrücken helfen. 

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