Gastkommentar: Weder Revolutionen noch Evolutionen sind Garanten für Frieden

Sonntag, 9. Juli 2017

Revolution oder Evolution - das Resultat ist entscheidend

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Ich möchte dem, was Dmitry Vydrin über Revolutionen schreibt, zwar nicht widersprechen, aber ich glaube, er hat das Problem nur von einer bestimmten Seite beschrieben.

мщт Ulrich F. Gerhard

Revolution oder Evolution, beides sind Vorgänge der Veränderung sogenannter gesellschaftlicher Verhältnisse. Dabei ist Evolution auch nicht unbedingt das friedliche Gegenstück zur Revolution, sondern lediglich die zeitlich verlangsamte Variante von ihr. Auch bei ihr kommt es zu unzähligen Konflikten, Problemen, Verwerfungen und Ungereimtheiten.Natürlich sind Zerstörungen, seien sie materiell, geistig oder seelisch, nie etwas Gutes, Fruchtbringendes und Weiterführendes. Und ob Zerstörungen zur Grundlage von etwas Neuem taugen, hat sich bisher auch noch nicht erwiesen. Alles Gewesene ist immer auch ein Teil der Gegenwart und der Zukunft. Das Gebäude mag zerstört sein, die Mauern eingefallen, die Steine abgetragen, aber das neue Gebäude wird auch wieder aus Steinen gebaut. 

Der alte Slogan der linken westlichen Salonrevolutionäre von 1968 "Macht kaputt, was Euch kaputtmacht", war nur deshalb erfolgreich, weil sie damit einen langen Marsch durch die Institutionen antreten konnten. Die Verehrung von Mao, Castro, Lenin, das wurde quasi zum Lebens- und Daseinsberechtigungskult einer Jugend, der man ihre Vergangenheit genommen hatte. Die gestörte Beziehung zu ihren Eltern forderte eine veränderte Weltsicht, eine andere Lebensweise und führte dennoch nicht zur Ablösung des so verachteten bürgerlichen Lebens. Im Gegenteil, man verstand es nur zu gut, diejeinigen Kräfte für sich einzuspannen, die auf der Seite des gehaßten Kapitals standen.So ergab sich das Wendewunder einer linken Evolution, welche die einst von Lenin gepriesene Weltrevolution, die ja eine komplette Zerstörung erfordert hätte, nun dem weltweit tätigen Kapital zum Geschenk machte. Heute sitzen große Teile dieser linken Pseudorevolutionäre von 1968 auf dem Schoß milliardenschwerer Geldgeber, die ihrerseits erkannt haben, daß man mit einem revolutionär umgestalteten und nun offiziell auch politisch korrekten Neumenschen tatsächlich so etwas wie eine Weltrevolution zustandebringen kann. Aus Kommunismus wurde so ganz nebenbei Konsumismus, mehr war garnicht nötig. Noch vorhandene Reste an traditioneller Gesinnung vernichteten die als "Dekonstruktivisten" bezeichneten Sozialingenieure des gender mainstreaming.

Fazit: Diese innerstaatliche (R)evolution war - abgesehen von den Taten einer "RAF" - unblutig, sie verlief nach dem "Pawlowschen Reflex" und sie brachte genau den Menschen hervor, den man sonst mit Gewalt hätte zwingen müssen, seinen Verstand, seine Kultur und seine Werte zu verlieren. Der Kommerz bewirkte dies ganz von allein. Wer materiell belohnt wird, gibt es auf, ein Revolutionär sein.

Blicken wir nun auf Venezuela, ein Land, das man gern im "Hinterhof der USA" liegend zu nennen pflegt.In diesem Hinterhof gibt es Öl en masse, es gibt auch genügend Arbeitskraft, es wächst dort fast alles, was ein Volk zur Ernährung braucht. Woran mangelt es also?Es liegt immer an der richtigen Führung, ob ein Land gedeiht. Hugo Chavez war ein guter Anfang, aber er bekam Schwierigkeiten. Ob sein Nachfolger Nicolas Maduro den schwierigen Weg meistern wird, ist eine offene Frage. Das ewige Herunterleiern von Revolutionsparolen, was man hört und sieht, wird nicht weiterhelfen. Auch Simon Bolivar war kein Wunderheiler. Vydrin hat es ja angedeutet. Venezuela ist ein Teil Südamerikas, der nördlichste Teil sozusagen. Der offizielle Werbeslogan heißt "Nuestro norte es el sur" - unser Norden ist der Süden. Damit soll auf die Umkehrung des Nord-Süd-Konflikts hingewiesen werden, denn dort, wo Norden ist, wird Stärke, Einfluß und Macht verortet. Aber die Ausbeutung der Südländer durch die Nordstaaten dieser Erde geht ja weiter. Der Kolonialismus hat sich nur ein anderes Kleid zugelegt. Eine klügere Exportpolitik mit seinem Öl und überhaupt eine andere Wirtschaftspolitik hätte Venezuela nachhaltige Erfolge bescheren können, denn das hereinkommende Geld kann man sehr wohl in den Aufbau einer funktionierenden Volkswirtschaft stecken. Wenn aber Ideologen statt Praktikern und Pragmatikern das Ruder führen, dann wird nichts daraus. Man kann ja gern auch andere gesellschaftliche Verhältnisse schaffen ("Sozialismus"), wie Evo Morales es in Bolivien getan hat, man kann unabhängig werden von den international tätigen Geldsystemen und Konzernen. Dies aber wurde in Venezuela versäumt oder aber der Druck der Gegenseite ("Opposition") war zu groß. Was Naomi Klein ("Die Schockstrategie"), John Perkins ("Bekenntnisse eines Economic Hitman"), Jean Ziegler ("Das Imperium der Schande"), Tariq Ali ("Die Achse der Hoffnung") und andere beschreiben, sollte unbedingt berücksichtigt werden, wenn man über den Sinn und Unsinn von (R)evolutionen schreibt und man Veränderungen zum Guten erreichen will. Wesentlich scheint mir zu sein, daß Revolutionen - und da hat Vydrin vollkommen recht - eben nicht in erster Linie oder überhaupt auf der Straße stattfinden dürfen, sondern in den Köpfen derjenigen, die politische Verantwortung tragen wollen und auch tragen können. Dazu gehören bestimmte Fähigkeiten wie Weitblick, historische Bildung, Idealismus, charkterliche Stärke und Unabhängigkeit von den Massen und den Medien für die Massen. Aufgewiegelte Massen glauben jeden Schwachsinn. Der nächste Tag aber zeigt, ob eine Regierung handelt oder nicht. Ideologien wie Kommunismus, Konsumismus, Globalismus, Neoliberalismus, Islamismus usw. braucht man nicht dazu. Dennoch kommen sie weiterhin zum Einsatz. Und ob die angezettelten Umstürze, Putsche, Farben- und facebook-Revolutionen usw. zu evolutionären politischen Entwicklungen führen, um den Völkern Zeit zu geben, oder gar zu einer echten Demokratie, das ist die große Frage.

Und auch mit Milliarden-Dollar-Spritzen wird der Patient "Volk" nicht zu heilen sein, wenn Krankheit, Schwäche und Fehlgeleitetheit schon zu lange an ihm fraßen. Übrigens war auch die französische Revolution kein Glanzstück von Volksbefreiung oder der Herstellung von Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Allein ihre Durchführung taugte dazu nicht. Was nach ihr kam und was heute ist, zeigt, daß man mit drei Worten eben keine neue Welt aufbauen, sondern höchstens eine politische Verwaltung und Steuerung ändern kann. Die Glorifizierung dieses Ereignisses aus dem 18.Jht. in der zeitgeistigen Geschichtspublikation vermittelt uns ein falsches Bild. Überhaupt ist es keine Frage von politischen Systemen, ob ein Volk mit seiner Regierung glücklich ist und auch keine Frage, ob die vorangegangene Revolution auch erfolgreich und gut war, sondern es ist eine Frage des aufrichtigen Verhältnisses, das die Regierenden zu ihrem Volk haben. Es ist wie in einer Familie, der Keimzelle jedes Volkes: Wenn da keine Liebe, Verbundenheit und  Verantwortung im Spiel ist, sondern Machtrausch und Luxusleben, Wichtigtuerei und Oberflächlichkeit die bestimmenden Elemente einer Regierung sind, dann ist das Spiel von vornherein verloren.Insofern führen auch sogenannte Regimewechsel, die in den letzten Jahren Mode geworden sind, meist nicht zu den gewünschten Verhältnissen, im Gegenteil.

Weder Revolutionen noch Evolutionen sind Garanten für Frieden, materiellen (und ideellen !) Wohlstand und die Dauerhaftigkeit eines Systems, sie sind lediglich Methoden des Wechsels, wenn das Land an einem Punkt angekommen ist, wo es so nicht mehr weitergehen kann. Das können wir auch auf Europa übertragen.

(Orthographie und Interpunktion des Autors wurden beibehalten)

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